{"id":14730,"date":"2012-03-10T08:30:00","date_gmt":"2012-03-10T08:30:00","guid":{"rendered":".\/?p=14730"},"modified":"2012-03-10T08:30:00","modified_gmt":"2012-03-10T08:30:00","slug":"14730","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/03\/14730\/","title":{"rendered":"Die DDR als Faustpfand"},"content":{"rendered":"<p>  60 Jahre &#8222;Stalin-Note&#8220;<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Konrad Adenauer, der erste Kanzler der jungen Bundesrepublik, sa&#223;   gerade im Hotel Dreesen in Bad Godesberg und speiste im malerischen   Ambiente des Rheinlandes mit den drei Hohen Kommissaren der   Westalliierten, als ihm die Nachricht von einer diplomatischen Note   Stalins &#252;berbracht wurde. (Vgl.: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=C9ATmwPHZjs\">Darstellung   der Ereignisse durch Wilhelm Grewe, Diplomat der BRD<\/a>, Stand   08.03.2012.) Damit &#228;ndere sich nichts, war seine lapidare Bemerkung   bevor er das Papier den drei Repr&#228;sentanten Frankreichs, Gro&#223;britanniens   und der USA zuschob. Auch sie waren sich &#252;berraschend schnell einig. Was   Stalin da vorschlug war blo&#223;e Propaganda und so m&#252;sse man die Sache auch   in der &#214;ffentlichkeit darstellen. Der Generalsekret&#228;r der KPdSU versuche   nichts Anderes als die Einbindung des frisch gebackenen westdeutschen   Staates zu unterminieren &#8211; das werde man nicht zulassen!<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Steve K&#252;hne, Dresden<\/i><\/h4>\n<p>  Eigenartig: Das was der erste Mann der UdSSR da anbot war nichts weniger   als die Vereinigung der zwei deutschen Teil- zu einem souver&#228;nen   Gesamtstaat, also genau das was die westlichen drei Siegerm&#228;chte des   Zweiten Weltkriegs immer gefordert hatten. Doch verd&#228;chtig schnell war   man sich in den diplomatischen Korps und Regierungen der Westm&#228;chte   darin einig, dass dieser Vorsto&#223; Stalins nur eine Falle sein k&#246;nne.<\/p>\n<h4>  Was schlug Stalin vor?<\/h4>\n<p>  Die erste &#8222;Stalin-Note&#8220; vom 10.M&#228;rz 1952 formulierte das Ziel der   Wiederherstellung der Einheit Deutschlands als ein &#8222;[&#8230;] unabh&#228;ngiger,   demokratischer, friedliebender Staat [&#8230;].&#8220; (Bundesministerium f&#252;r   gesamtdeutsche Fragen [Hrsg.]: &#8222;Die Bem&#252;hungen der Bundesrepublik um   Wiederherstellung der Einheit Deutschlands durch gesamtdeutsche Wahlen.   Teil 1&#8220;, Bonn: 1958, S. 85ff.) Voraussetzung sei der Abzug aller   Besatzungsstreitkr&#228;fte. Der neue deutsche Staat solle seinen B&#252;rgerInnen   alle Grundfreiheiten gew&#228;hren, [&#8230;] einschlie&#223;lich der Offiziere und   Generale, allen ehemaligen Nazis [&#8230;]&#8220;, ausgenommen jenen, die   rechtskr&#228;ftig verurteilt wurden.(ebd.) Nur drei Bedingungen kn&#252;pfte   Stalin an sein Angebot: In dem zu bildenden deutschen Staat m&#252;sste die   Existenz demokratie- und friedensfeindlicher Gruppen verunm&#246;glicht sein   (ebd.), die in der Potsdamer Konferenz durch die Siegerm&#228;chte   festgelegte Oder-Nei&#223;e-Grenz m&#252;sse unangetastet bleiben (ebd.) und &#8211; und   diese Forderung war f&#252;r die drei westlichen Siegerm&#228;chte der Stein des   Ansto&#223;es &#8211; Deutschland d&#252;rfe sich an keiner Koalition beteiligen, die   gegen einen der Staaten gerichtet sei, die am Krieg gegen Deutschland   teilgenommen hat. (ebd.)<\/p>\n<p>  Es ist wohl am ehesten dieser Punkt, der die Westm&#228;chte auf die   Hinterbeine trieb. Im M&#228;rz 1952 war die BRD bereits mehr als ein nur ein   neugegr&#252;ndeter Staat, der auf den Tr&#252;mmern des Dritten Reichs entstanden   war. Sie mauserte sich schon wenige Jahre nach Ende des Krieges wieder   zu einer &#246;konomisch bedeutenden Macht auf dem europ&#228;ischen Festland. Der   Weststaat, durch ein milliardenschweres Wiederaufbauprogramm, den   &#8222;Marshall-Plan&#8220;, geh&#228;tschelt, gef&#246;rdert durch den faktischen Abbruch der   &#8222;Entnazifizierung&#8220;, die gerade die wirtschaftlichen Eliten bedroht   h&#228;tte, sollte als &#8222;Bollwerk gegen den Ostblock&#8220; in die westliche   Hemisph&#228;re integriert werden. Die &#8222;Europ&#228;ische Verteidigungsgemeinschaft   EVG&#8220; und der &#8222;Deutschlandvertrag&#8220;, der die Wiederbewaffnung erm&#246;glichen   waren erste entscheidende Schritte auf diesem Weg. Genau diese sahen die   Westm&#228;chte und Adenauer nun bedroht. So legten sie sich eine   entsprechende Bewertung der &#8222;Stalin-Noten&#8220; zurecht: &#8222;Man wollte in lange   Verhandlungen kommen, damit w&#228;hrend dieser Zeit die Beratungen &#252;ber die   Europ&#228;ische Verteidigungsgemeinschaft, die sowieso schwierig waren, ins   Stocken gerieten&#8220;, hielt Adenauer in seinen Erinnerungen fest.   (&#2;Adenauer, Konrad: &#8222;Erinnerungen. Band 2&#8220;, Stuttgart: 1968, S. 70.)   Lief dies noch auf die Darstellung weitere Westintegration oder   Verhandlungen mit Moskau hinaus und entbehrte so nicht jeder Grundlage,   war der Rest nur noch reine Propaganda: Die Kreml-F&#252;hrung wolle durch   eine Verhinderung der (west-)europ&#228;ischen Integration den eigenen   Machtbereich ausweiten. (&#2;Vgl.: Ebd.: S. 70f.) Au&#223;erdem &#8211; so die   Darstellung der b&#252;rgerlichen Geschichtsschreibung bis heute &#8211; sei die   Note nichts anderes als ein geschickter Propagandacoup, mit dem Ziel dem   Westen die Schuld an der deutschen Teilung zuzuschieben. (&#2;Vgl.: Birke,   Adolf M.: &#8222;Nation ohne Haus. Deutschland 1945-1961&#8220;, Berlin: 1989, S.   312.)<\/p>\n<h4>  Wirklich nur Propaganda?<\/h4>\n<p>  Will man die tats&#228;chlichen Absichten der &#8222;Stalin-Noten&#8220; verstehen, dann   muss man die Rolle der in der UdSSR herrschenden b&#252;rokratischen   F&#252;hrungsschicht verstehen. Stalins Machtergreifung ging einher mit einer   Abkehr von den grundliegenden Prinzipien der Politik der Bolschewiki   unter Lenin und Trotzki vor und nach der Oktoberrevolution 1917. Statt   sich am sozialistischen Gleichheitsideal zu orientieren, lag das   Interesse der undemokratisch herrschenden Sowjet-B&#252;rokratie vor allem in   der Erhaltung der eigenen sozialen und politischen Position. Tausende   Morde an &#252;berzeugten Revolution&#228;ren in der UdSSR und weltweit waren die   unweigerliche Folge. Die eigene Macht musste gesch&#252;tzt werden, egal zu   welchem Preis. Dies f&#252;hrte nicht nur zu Terror gegen jede Opposition im   Innern, sondern auch zum Kampf gegen wirklich sozialistische   Revolutionen in anderen L&#228;ndern. Das Beispiel Spanien 1936 und 1937   zeigt dies exemplarisch. Dort beteiligte sich die unter Kontrolle aus   Moskau stehende KP an der Niederschlagung einer Revolution.<\/p>\n<p>  Nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg und der Teilung Europas in einen von   kapitalistischen Westm&#228;chten und Stalinismus besetzten Teil. Stellte   sich die Frage des weiteren Vorgehens. Deutschland sollte u.a. durch die   Abtrennung &#214;sterreichs dauerhaft geschw&#228;cht werden und zwischen Ost und   West eine Pufferzone aus abh&#228;ngigen Staaten entstehen. (&#2;Vgl.: Laufer,   Jochen (2004): Der Friedensvertrag mit Deutschland als Problem der   sozialistischen Au&#223;enpolitik&#8220;, in: &#8222;Vierteljahreshefte f&#252;r   Zeitgeschichte&#8220; (1\/2004), M&#252;nchen, Oldenbourg, 2004, S. 99-118, S. 101f.<\/p>\n<p>  ) Eine unabh&#228;ngige sozialistisch-demokratische Entwicklung wollte die   UdSSR nirgends dulden, sie h&#228;tte den eigenen Machtanspruch gef&#228;hrdet.   Diese &#220;berlegungen brachten den Aufbau von Vasallenstaaten in Ost- und   Mitteleuropa mit sich und machte die stalinistische F&#252;hrung zu einem   Komplizen der Westm&#228;chte beim Wiederaufbau des Kapitalismus in   Westeuropa. (&#2;Vgl.: Bechert, Robert: &#8222;Die gescheiterte Revolution. DDR   89-90&#8220;, K&#246;ln: 1999, S. 22f.)<\/p>\n<p>  In dieser Konzeption kam der Aufbau eines nicht-kapitalistischen   &#8222;Oststaates&#8220; nicht vor. Selbst als nach der Gr&#252;ndung der BRD am 23.05.   und der der DDR am 07.10.1949 formal eine andere Situation entstanden   war, notierte Otto Grotewohl, DDR-Regierungschef von Moskaus Gnaden, in   seinen Kalender: &#8222;Provisorium f&#252;r l&#228;ngstens ein Jahr.&#8220; Das   Sicherheitsbed&#252;rfnis der Kreml-Oligarchie lie&#223; eine   nicht-kapitalistische DDR nicht als unbedingt notwendig erscheinen. Wenn   man im Austausch f&#252;r die Neutralisierung Deutschlands die DDR hingeben   musste &#8211; so waren Stalin und Konsorten dazu gern bereit. Die DDR war ein   Faustpfand, nicht mehr.<\/p>\n<p>  Schon seit einigen Jahren spielte man in Moskau entsprechende   Sandkastenspiele: (Vgl.: Ebd.: S. 99) Grund&#252;berlegung war die Frage, was   k&#246;nne man dem Westen anbieten, damit dieser dazu bereit sei die   Westintegration der BRD aufzugeben und einer Vereinigung und   Neutralisierung Deutschlands zuzustimmen. Bei dem Versuch vom M&#228;rz 1952   ging Stalin auf diesem Weg verdammt weit. Nicht nur, dass er die   Existenz deutscher Streitkr&#228;fte und R&#252;stungsunternehmen als indiskutabel   ausgab, er bot auch allen(!) Deutschen, explizit auch den Nazis, die   Bildung einer &#8222;Volksfront f&#252;r die Vereinigung Deutschlands&#8220; an. Nach der   Abkehr von der antifaschistischen Einheitsfront aus   Arbeiterorganisationen vor dem Krieg und der Propagierung der   antifaschistischen Volksfront aus Arbeiterorganisationen und   b&#252;rgerlichen Gruppierungen, war dies ein weiterer Schritt nach rechts.   Durchaus kein prinzipieller. Prinzipien waren ein Luxus, den sich die   Moskauer B&#252;rokraten im Kampf um die Erhaltung ihrer Macht nicht leisten   konnten. Aber doch ein deutlicher Rechtsruck in der nationalen Frage   Deutschlands.<\/p>\n<h4>  Die Stalin-Noten und Deutschland<\/h4>\n<p>  Die Frage des Umgangs mit der Offerte Stalins war in Deutschland von   Anfang an nicht unumstritten. Seit der ersten Ver&#246;ffentlichung der   Stalin-Note in der &#8222;T&#228;glichen Rundschau&#8220; vom 12.M&#228;rz diskutierte man die   Frage beinahe unentwegt. Selbst in der CDU war man zun&#228;chst gespalten   (&#2;Vgl.: Birke: S. 312). Erst Adenauers vehementer Einsatz brachte die   eigene Partei wieder auf Linie. Adenauer kannte nur die Politik der   Westintegration um jeden Preis. Sein Ziel war der Aufbau der BRD zu   einem der bedeutendsten kapitalistischen Staaten der Welt. Damit   vollstreckte er den Willen der deutschen Kapitalisten und zugleich,   durch die Wiederbewaffnung, den Willen der Westalliierten.<\/p>\n<p>  Kurt Schumacher, der erste Vorsitzende der Nachkriegs-SPD, quittierte   diese Politik im Bonner Bundestag gar mit dem Zwischenruf: &#8222;Sie sind der   Kanzler der Alliierten&#8220;, w&#228;hrend einer Rede Adenauers, was Schumacher   den Ausschluss von mehreren Sitzungen einbrachte. Schumachers   Sozialismusvorstellungen waren im Wesentlichen die von einer Wirtschaft   mit hohem Staatsanteil. Darauf verpflichtete er seine Partei.<\/p>\n<p>  Der gesundheitlich schwer gezeichnete Kurt Schumacher, der im ersten   Weltkrieg seinen rechten Arm und als Folge dreizehnj&#228;hriger KZ-Haft sein   linkes Bein verlor, war es denn auch, der in einem Brief an Adenauer   diesen dazu aufforderte, nichts unversucht zu lassen, um die   M&#246;glichkeiten der &#8222;Stalin-Note&#8220; auszuloten (Vgl.: Adenauer: S. 84f.).   Auch die deutsche &#214;ffentlichkeit verband mit dem Angebot Stalins gro&#223;e   Hoffnungen.<\/p>\n<h4>  Imperialismus und Stalinismus<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend der westliche Imperialismus einen westdeutschen Staat als festen   Bestandteil der westlichen Milit&#228;rgemeinschaft anstrebte und ihn gegen   den Ostblock in Stellung zu bringen gedachte. Wurde Stalins Verrat am   Sozialismus im M&#228;rz 1952 einmal mehr deutlich. Trotz der &#252;berw&#228;ltigenden   Stimmungen f&#252;r eine sozialistische Umgestaltung in ganz Europa, wollte   Stalin einen vereinten b&#252;rgerlich-demokratischen Staat. Sozialismus &#8211;   Fehlanzeige.<\/p>\n<p>  Eine wirklich unabh&#228;ngige, demokratische Entwicklung Europas h&#228;tte eine   war weder unter der einen, noch unter der anderen Fahne m&#246;glich. Diese   w&#228;re nur dann erreichbar gewesen, wenn sich die Europ&#228;erInnen gemeinsam   erhoben h&#228;tten, um den Kapitalismus endg&#252;ltig zu st&#252;rzen und den   Stalinismus durch sozialistische Demokratien zu ersetzen. Ans&#228;tze daf&#252;r   gab es zur Gen&#252;ge: Fabrikkomitees in Deutschland, Aufst&#228;nde in   Griechenland sind nur einige Beispiele daf&#252;r. Doch daran hatten weder   Stalin, noch der westliche Kapitalismus ein Interesse.<\/p>\n<p>  Die Westm&#228;chte erledigten Stalins Angebot einfach mit einem sich ewig   hinschleppenden Notenaustausch, der auch weitere &#8222;Stalin-Noten&#8220; nach   sich zog. Die Vertr&#228;ge zur Westintegration wurden dennoch   unterschrieben. Stalin musste begreifen, dass seine einstigen   Verb&#252;ndeten nur noch wenig von ihm hielten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      60 Jahre &#8222;Stalin-Note&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14730"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14730"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14730\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14730"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14730"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14730"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}