{"id":14703,"date":"2012-02-29T16:00:00","date_gmt":"2012-02-29T15:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14703"},"modified":"2012-05-15T14:42:47","modified_gmt":"2012-05-15T12:42:47","slug":"14703","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/02\/14703\/","title":{"rendered":"Marshall-Plan f&#252;r Griechenland?"},"content":{"rendered":"<p>  DIE LINKE und die Euro-Krise<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  DIE LINKE hat am 27. Februar als einzige im Bundestag vertretene Partei   das neue Griechenland-Rettungspaket abgelehnt. Alle anderen Parteien   bef&#252;rworten weitere Milliardenhilfen der EU, die fast ausschlie&#223;lich an   die Gl&#228;ubigerbanken und das von der EU kontrollierte Sperrkonto flie&#223;en,   w&#228;hrend die Bev&#246;lkerung in Griechenland dadurch ins Elend gest&#252;rzt wird.   Fast jeder wei&#223; inzwischen, dass diese Ma&#223;nahmen den Kollaps der   Eurozone nur heraus z&#246;gern k&#246;nnen. Sogar Sch&#228;uble k&#252;ndigt bereits   weitere Rettungspakete an, die vor allem die Kettenreaktion nach einer   offiziellen Zahlungsunf&#228;higkeit Griechenlands eind&#228;mmen sollen. Oskar   Lafontaine erkl&#228;rt, &#8222;dass die EU auseinanderbrechen wird, wenn es so   weiter geht&#8220;. Die Frage ist, welche Alternativen die LINKE f&#252;r diese   Sackgasse der EU vorschl&#228;gt.<\/p>\n<h4>  <i>von Heino Berg, G&#246;ttingen<\/i><\/h4>\n<p>  In einer Erkl&#228;rung der Linksfraktion vom 15.2., die als Flugblatt auf   der Frankfurter Aktionskonferenz verteilt wurde, hei&#223;t es unter dem   Titel &#8222;Nein zum Griechenlandpaket!&#8220;: &#8222;Die Krise der EU ist die Folge   neoliberaler Politik&#8220;. Dagegen verlangt DIE LINKE 1. eine &#8222;Deutschland-   und EU-weite Verm&#246;gensabgabe&#8220;, &#8222;eine Million&#228;rssteuer&#8220; und die   &#8222;&#220;berf&#252;hrung privater Gro&#223;banken in die &#246;ffentliche Hand,&#8220; 2. eine   &#8222;Finanztransaktionssteuer&#8220; und &#8222;direkte EZB-Kredite&#8220; an Griechenland, 3.   &#8222;Konjunkturprogramme&#8220;, wobei die &#8222;Verwendung dieser Rettungsgelder durch   Europa kontrolliert werden soll&#8220; und 4. Die &#8222;Senkung des griechischen   Milit&#228;rhaushalts&#8220;.<\/p>\n<h4>  Bedeutung des Marshall-Plans<\/h4>\n<p>  Gregor Gysi hat in der Bundestagsdebatte vom 27. Februar einen   &#8222;Marshall-Plan&#8220; f&#252;r Griechenland gefordert, welcher die Wirtschaft   ankurbeln soll, anstatt sie &#228;hnlich wie Heinrich Br&#252;ning vor dem Zweiten   Weltkrieg durch Sparprogramme zu erdrosseln.<\/p>\n<p>  Die Bezugnahme von Gysi auf den &#8211; nach dem US-Au&#223;enminister (1947-49)   George C. Marshall benannten &#8211; Wiederaufbauplan der Siegerm&#228;chte des   Zweiten Weltkrieges erweckt den Eindruck, als k&#246;nne die aktuelle Krise   mit &#228;hnlichen Mitteln und auf der Grundlage von kapitalistischen   Eigentumsverh&#228;ltnissen &#252;berwunden werden. Doch der Aufschwung der   Nachkriegszeit folgte auf eine historisch beispiellose Zerst&#246;rung von   Produktivkr&#228;ften. Der damalige Boom basierte auf einer einmaligen   &#246;konomisch-politischen Konstellation. Nach der Vernichtungsorgie des   Krieges und aufgrund von Hungerl&#246;hnen konnte in Europa, aber auch in   Japan die Produktion wieder profitabel in Gang gesetzt werden.   Gleichzeitig zwang die Systemkonkurrenz zum Ostblock die Kapitalisten zu   Zugest&#228;ndnissen, die seinerzeit die Kaufkraft f&#246;rderten. Zus&#228;tzlich   konnte der Welthandel durch die Vormachtstellung der USA (die den Dollar   als Leitw&#228;hrung etablierten und damit ihre Schulden auf den Rest der   Welt abw&#228;lzen konnten) wieder in Schwung gebracht werden.<\/p>\n<h4>  Damals und heute<\/h4>\n<p>  Auf Basis des Marshall-Plans leisteten die USA damals Hilfen in H&#246;he von   auf heute umgerechnet weniger als hundert Milliarden US-Dollar. Diese   Hilfen waren nur &#8222;Schmiermittel&#8220;, die den Aufschwung weiter ankurbelten   &#8211; aber nicht die eigentliche Quelle der Nachkriegserholung.<\/p>\n<p>  Heute hingegen befindet sich der Kapitalismus in der tiefsten Krise seit   den drei&#223;iger Jahren. Es fehlt an kaufkr&#228;ftiger Nachfrage f&#252;r die   weltweite &#220;berproduktion von hochmodernen Anlagen. Was als Unterst&#252;tzung   f&#252;r den Neuaufbau eines zerbombten Europas n&#252;tzlich sein konnte, taugt   nicht als Antwort auf die Frage, wie brachliegende Produktionsmittel und   Arbeitskr&#228;fte heutzutage ausgelastet werden k&#246;nnen. Ausgerechnet die   zentrale Perspektive f&#252;r dieses Schl&#252;sselproblem, n&#228;mlich die Forderung   nach drastischer Arbeitszeitverk&#252;rzungen bei vollem Lohn- und   Personalausgleich, fehlt im Forderungskatalog der LINKEN zur Euro- und   EU-Krise.<\/p>\n<h4>  Umverteilungs- und Steuerforderungen<\/h4>\n<p>  Die von der LINKEN versprochene Ankurbelung der Wirtschaft in S&#252;deuropa   durch Lohnzuw&#228;chse und eine St&#228;rkung des &#246;ffentlichen Sektors ist sicher   w&#252;nschenswert, aber heute unvereinbarer denn je mit dem Privateigentum   an den Produktionsmitteln. Nat&#252;rlich ist es notwendig, die L&#246;hne zu   erh&#246;hen und das Finanz- und Gro&#223;kapital endlich f&#252;r die Zahlung der   Krisenkosten heranzuziehen. Die von der EU-Kommission verordneten   Massenentlassungen, Rentenk&#252;rzungen und Lohnsenkungen beschleunigen nur   die Krisenspirale, die Griechenland ebenso wie Spanien, Portugal, Irland   oder Osteuropa in den Abgrund rei&#223;en. Dieser Mechanismus ist so evident,   dass ihn auch viele b&#252;rgerliche &#214;konomen und Politiker nicht mehr   bestreiten k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Allerdings w&#252;rde der Verzicht auf diese brutalen K&#252;rzungen nichts an den   Konkurrenznachteilen &#228;ndern, denen die griechische Wirtschaft auf dem   europ&#228;ischen Binnenmarkt ausgesetzt ist.<\/p>\n<p>  Au&#223;erdem hatte bereits die blo&#223;e Ank&#252;ndigung von Trippelschritten f&#252;r   eine Minimal-Besteuerung der Reichen in Griechenland massive   Kapitalflucht und Fabrikschlie&#223;ungen zur Folge. 69 Milliarden Euro   sollen seit 2009 von griechischen Konten abgezogen worden sein. Wer   &#8222;Million&#228;rsteuern&#8220; oder &#8222;Verm&#246;gensabgaben&#8220; als Alternative zum   Sozialabbau durch die europaweite Schuldenbremse fordert, muss auch zur   Enteignung derjenigen Fabrikbesitzer bereit sein, die ihr Kapital schon   bei der Ver&#246;ffentlichung der bisherigen Steuerschulden ins Ausland   transferieren. Solche Transaktionen k&#246;nnen nur verhindert werden, wenn   die Banken nicht nur in Gemeineigentum &#252;berf&#252;hrt, sondern auch der   Kontrolle durch die arbeitende Bev&#246;lkerung (incl. der Bankangestellten   und ihrer Gewerkschaften) unterworfen werden.<\/p>\n<h4>  Direkte EZB-Kredite<\/h4>\n<p>  Die von der LINKEN geforderten Ma&#223;nahmen greifen zu kurz , wenn sie auf   halben Wege stehen bleiben. Halbheiten sind in prinzipiellen Fragen   leider nicht &#8222;besser als nichts&#8220;, sondern k&#246;nnen das Gegenteil ihres   Anspruchs bewirken. Weil argumentative L&#252;cken sofort f&#252;r reaktion&#228;re   Kampagnen genutzt werden k&#246;nnen. Wenn DIE LINKE zum Beispiel   &#8222;Rettungsgelder&#8220; f&#252;r Griechenland fordert, deren Verwendung durch   &#8222;Europa&#8220; kontrolliert werden soll, stellt sich doch sofort die Frage:   Welche Institutionen sind zu diesen Kontrollen erm&#228;chtigt? Die   EU-Kommission, die bereits jetzt die (parlamentarische) Demokratie in   Griechenland au&#223;er Kraft gesetzt hat und mit Sperrkonten die Hand auf   den griechischen Haushalt gelegt hat? &#8222;Direkte EZB-Kredite&#8220; an die   hochverschuldeten L&#228;nder greifen zwar die berechtigte Kritik an den   Spekulanten auf, die die lukrativen Zinsdifferenzen zwischen den   Krediten der Zentralbanken und ihrer Weitergabe durch Privatbanken   ausschlachten. Aber die europ&#228;ische Zentralbank ist Teil der verhassten   EU- und IWF-Troika &#8211; und keineswegs eine Institution, der die arbeitende   Mehrheit Europas ihre Steuergelder oder gar ihr politisches Schicksal   anvertrauen k&#246;nnte!<\/p>\n<h4>  Rettung der Eurozone?<\/h4>\n<p>  Wer das Spardiktat einer durch keine gew&#228;hlten Abgeordneten   legitimierten EU-Kommission und der hinter ihnen stehenden   (Finanz)konzerne angreift, darf dagegen nicht auf die R&#252;ckkehr zur   scheinbaren &#8222;Souver&#228;nit&#228;t&#8220; der b&#252;rgerlichen Nationalstaaten setzen. Auch   der Austritt bzw. der Rauswurf hochverschuldeter Staaten aus der   Eurozone ist keine L&#246;sung f&#252;r die Krise, weil die R&#252;ckkehr zu den   fr&#252;heren W&#228;hrungen zwar Abwertungen erlauben und den Konkurrenzdruck aus   Deutschland mildern, die erdr&#252;ckende Schuldenlast in Euro aber f&#252;r diese   L&#228;nder sogar noch unbezahlbarer machen w&#252;rde. Auf der Basis von   kapitalistischen Eigentumsverh&#228;ltnissen hat die arbeitende Mehrheit   dieser L&#228;nder weder innerhalb noch au&#223;erhalb der Euro-Zone eine Zukunft.   Wir wenden uns in der Krise der EU und der Euro-Zone gegen jeden   Nationalismus &#8211; aber das bedeutet nicht, dass wir die bestehende EU und   ihre Institutionen &#8222;retten&#8220; oder verteidigen sollten! Wenn die   b&#252;rgerlichen Parteien in Deutschland von &#8222;unserem&#8220; Interesse am Erhalt   der Eurozone sprechen, dann meinen sie damit die Exportinteressen des   hiesigen Kapitals &#8211; und keineswegs die der Lohnabh&#228;ngigen in   Deutschland, die f&#252;r die Konkurrenzvorteile des deutschen Kapitals in   S&#252;deuropa mit Dumpingl&#246;hnen bezahlen m&#252;ssen. DIE LINKE bezeichnet die EU   in ihrem Erfurter Programm als &#8222;Europa der Banken und Konzerne&#8220;. Dieses   Europa und seine W&#228;hrung wollen wir keineswegs &#8222;retten&#8220;, sondern als   sozialistische Staatengemeinschaft &#8222;neu gr&#252;nden&#8220;.<\/p>\n<h4>  Schuldenstreichung<\/h4>\n<p>  Das Krisenprogramm der LINKEN enth&#228;lt keine Forderung zur zentralen   Schuldenfrage. Wenn die Auslandsschulden Griechenlands aber nicht durch   die dortige Bev&#246;lkerung verursacht wurden und ihre Bedienung ohne   R&#252;cksicht auf die Wirtschaftskraft des betroffenen Landes nur dem   Finanzkapital nutzt &#8211; warum verlangt DIE LINKE dann nicht die   vollst&#228;ndige Streichung der Staatsschulden gegen&#252;ber diesen Gl&#228;ubigern?   Soweit Kleinanleger oder Lohnabh&#228;ngige (z.B. &#252;ber Rentenfonds) davon   betroffen sind, w&#252;rde ein winziger Bruchteil der beschlossenen   Rettungsmilliarden f&#252;r ihre Entsch&#228;digung ausreichen. Verm&#246;gens- und   Transaktionssteuern sind zur Milderung der sozialen Krisenfolgen   notwendig &#8211; keineswegs aber zur Bedienung staatlicher Schuldentitel   gegen&#252;ber Hedgefonds und anderen Spekulanten.<\/p>\n<h4>  Europaweite Generalstreiks<\/h4>\n<p>  Die Antwort der LINKEN auf den &#8222;Krieg der Bank gegen die V&#246;lker   Europas&#8220;, wie Oskar Lafontaine die Milliardenpakete zur Rettung der   zerfallenden Europazone bezeichnet hat, ist zu Recht ein klares Nein.   Dies unterscheidet DIE LINKE fundamental von allen anderen Parteien in   Deutschland, die sich genauso wie ihre Kollegen in Griechenland   (einschlie&#223;lich der PASOK) als Lakaien des Finanzkapitals geoutet und   durch ihre Unterwerfung unter den &#8222;Fiskalpakt&#8220; von Merkozy endg&#252;ltig von   ihren Traditionen als Arbeiterparteien verabschiedet haben. Ein blo&#223;es   Nein der europ&#228;ischen Linksparteien in den Parlamenten reicht aber nicht   aus, um dieses Diktat wirklich zu stoppen. Auch wiederholte, aber   befristete Generalstreiks in den unmittelbar betroffenen L&#228;ndern konnten   diesen R&#252;ckfall in die Barbarei fr&#252;herer Jahrhunderte nicht stoppen.<\/p>\n<p>  Der Kapitalismus hat in seiner historischen Krise nach der langen und   durch gigantische Verschuldungsprogramme k&#252;nstlich verl&#228;ngerten   Nachkriegsphase keinen Spielraum mehr f&#252;r substantielle Zugest&#228;ndnisse   an die Arbeiterbewegung. Deshalb k&#246;nnen die europ&#228;ischen Linksparteien   der System- und Machtfrage nicht mehr ausweichen. Notwendig sind in   Griechenland und in ganz Europa gemeinsame Mobilisierungsinitiativen der   Gewerkschaften und der Parteien bzw. Organisationen, die sich links von   der Sozialdemokratie aufgestellt haben und den Anspruch erheben, das   verwaiste Erbe der traditionellen Arbeiterparteien auf dem Kontinent   anzutreten. F&#252;r Streiks bis zur Erf&#252;llung der Forderungen und f&#252;r den   Sturz der Regierungen, die Europa dem Diktat der Finanzm&#228;rkte   unterordnen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      DIE LINKE und die Euro-Krise\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25,44],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14703"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14703"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14703\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}