{"id":14664,"date":"2012-02-05T00:00:00","date_gmt":"2012-02-04T23:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14664"},"modified":"2012-05-09T15:25:23","modified_gmt":"2012-05-09T13:25:23","slug":"14664","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/02\/14664\/","title":{"rendered":"100 Jahre &#8220;Brot und Rosen&#8221; Streik"},"content":{"rendered":"<p>  Im Januar 1912 traten tausende TextilarbeiterInnen in einen   unbefristeten Streik, um gegen Lohnk&#252;rzungen und f&#252;r ein besseres Leben   zu k&#228;mpfen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Lawrence war eine kleine Stadt im Staate Massachusetts, der Namensgeber   der Stadt war ein reicher und einflussreicher Industriekapitalist und   Kongressabgeordneter, der damals mit einigen anderen Kapitalisten   Textilfabriken errichtete. Es gab einen enormen Zustrom von MigrantInnen   in die ganze USA, in Lawrence war der Anteil an MigrantInnen am   h&#246;chsten. Sie kamen in die USA voller optimistischer Illusionen &#252;ber ein   besseres Leben, fl&#252;chteten vor Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit.   Doch das Leben in Lawrence sah nicht besser aus. Die Arbeitsbedingungen   und L&#246;hne in den Textilfabriken &#228;hnelten sklavischen Zust&#228;nden. Oftmals   musste die gesamte Familie arbeiten, um die Mieten der &#252;berteuerten aber   sehr schlechten Wohnungen &#252;berhaupt bezahlen zu k&#246;nnen. Kinder tauschten   bereits mit 13 oder 14 Jahren die Schulbank mit der Fabriksbank. <\/p>\n<p>  Frauen machten die H&#228;lfte der ArbeiterInnen aus, Schwangere arbeiteten   teilweise bis zur letzten Stunde vor der Entbindung in den Fabriken.   Oftmals wurden die Kinder in den Fabrikhallen geboren.<\/p>\n<p>  Die niedrigen L&#246;hne, durchschnittlich 12-15 Cent die Stunde, zwangen die   ArbeiterInnen 56 Stunden in der Woche zu arbeiten. Das Elend spitzte   sich mit einer neuen Gesetzgebung zu, als zum ersten Januar 1912 die   Wochenarbeitszeit auf 54 Stunden begrenzt wurde, allerdings ohne   Lohnausgleich. Das war eine heuchlerische Reaktion des Kongresses auf   das Elend der ArbeiterInnen. Da das Gesetz keinen Lohnausgleich   vorschrieb, konnten die Fabrikbesitzer die L&#246;hne entsprechend senken &#8211;   eine Lohnk&#252;rzung, die f&#252;r viele Arbeiterfamilien sofortige   Obdachlosigkeit bedeutet h&#228;tte. <\/p>\n<p>  Am 11. Januar wurden die ersten Wochenl&#246;hne nach der neuen Gesetzgebung   ausgezahlt. Verzweifelte Arbeiterinnen riefen ihre Kolleginnen zum   Streik auf und am ersten Tag schlo&#223;en sich 2000 ArbeiterInnen zum Streik   zusammen. Innerhalb der n&#228;chsten 3 Tage schlo&#223;en sich weitere 20.000   ArbeiterInnen dem Streik an und k&#228;mpften und bestreikten 12 Fabriken 9   Wochen lang f&#252;r bessere Arbeitsbedingungen und Lohnerh&#246;hungen<\/p>\n<h4>  <\/h4>\n<h4>  Streik und Gewerkschaften<\/h4>\n<\/p>\n<p>  F&#252;r die bekannteste und gr&#246;&#223;te Gewerkschaft, der American Federation of   Labour, waren die ungelernten TextilarbeiterInnen aus &#252;ber 25   Nationalit&#228;ten unm&#246;glich zu organisieren. Sie konzentrierten sich   ausschlie&#223;lich auf weisse, m&#228;nnliche und gelernte Arbeiter und   verpassten damit die M&#246;glichkeit, in dem bedeutenden Streik eine Rolle   zu spielen bzw. Millionen ungelernter MigrantInnen, einen bedeutenden   Teil der amerikanischen Arbeiterklasse, zu vertreten. Die Ausgangslage   des Streiks sah also so aus: ein Heer von ungelernten ArbeiterInnen aus   &#252;ber 25 verschiedenen Nationalit&#228;ten, v&#246;llig unerfahren in   Arbeitsk&#228;mpfen und noch nicht mal gewerkschaftlich organisiert, traten   im Januar 1912 in einen unbefristeten Streik. Gerade mal an die 1000   Streikende geh&#246;rten der IWW, Industrial Workers of the World, an und   bestimmten trotzdem den Verlauf des Streiks. <\/p>\n<\/p>\n<p>  Die IWW wurde 1905 von sozialistischen, anarchistischen und linken   GewerkschafterInnen als Opposition zur AFL gegr&#252;ndet. Die Wobblies, so   wurden sie genannt, denn die verschiedensten Akzente der Mitglieder   vermischten irgendwann das Ei- Dabbel Yuu-Dabbel Yuu, waren relativ   unbekannt unter den migrantischen ArbeiterInnen und unbeliebt bei den   AFLern. Doch der Streik in Lawrence zeigt, welche Bedeutung und Rolle   eine Gewerkschaft mit einer sozialistischen Ausrichtung spielen kann. <\/p>\n<\/p>\n<h4>  Nationalit&#228;ten aller Fabriken vereinigt euch!<\/h4>\n<\/p>\n<p>  Die Wobblies schickten Joseph Ettor und Arturo Giovanitti, zwei   kampferprobte Gewerkschafter, nach Lawrence. Anfangs standen die   Streikenden den Gewerkschaftern skeptisch gegen&#252;ber, nur eine Minderheit   war bei der IWW organisiert. Trotzdem schafften sie es mit ihren   Vorschl&#228;gen, den Streik zu organisieren. <\/p>\n<p>  Ein Streikkomittee aus 56 Streikenden wurde demokratisch gew&#228;hlt &#8211;   vertreten waren nicht nur die Belegschaften der 12 Fabriken, sondern   auch jeweils 4 VertreterInnen der 14 gr&#246;&#223;ten Nationalit&#228;ten. F&#252;r jedes   einzelne Komitteemitglied gab es ein Ersatzmitglied, bei   Verhaftungswellen sollte die Arbeitsf&#228;higkeit des Komittees garantiert   sein. Diverse Unterkomittees f&#252;r Finanzen, &#214;ffentlichkeitsarbeit etc.   wurden formiert. Das Streikkomittee schaffte es nicht nur, sich auf   t&#228;glicher Basis zu treffen, sie organisierten auch &#220;bersetzungen auf 25   Sprachen, denn die Treffen waren &#246;ffentlich zug&#228;nglich &#8211; absolute   Transparenz wurde damit geschaffen. <\/p>\n<p>  Die Forderungen waren: Lohnerh&#246;hungen um 15%, eine Wochenarbeitszeit von   54 Stunden, Verdopplung des Lohns bei &#220;berstunden und keine   Diskrimierung am Arbeitsplatz.<\/p>\n<\/p>\n<h4>  Solidarit&#228;t und Selbstorganisation ist die m&#228;chtigste Waffe&#8230;<\/h4>\n<\/p>\n<p>  Der 9 w&#246;chige Streik konnte nur so lange dauern, weil sich die   Streikenden selbst organisierten, f&#252;r Solidarit&#228;t in ihrem St&#228;dtchen und   national k&#228;mpften und diesen schlie&#223;lich auch erhielten. Die IWW besa&#223;   keine Streikkasse und sammelte daf&#252;r &#252;ber 74.000$. Sie schickten ihre   Mitglieder &#252;berall durchs Land, um &#252;ber den Streik zu berichten und eine   breitere &#214;ffentlichkeit zu informieren.<\/p>\n<p>  Ein belgischer B&#228;cker in der Stadt versorgte die Streikenden kostenlos   mit Brot. Suppenk&#252;chen und Versorgungszentren wurden eingerichtet. <\/p>\n<p>  Tausende Streikende beteiligten sich auf t&#228;glicher Basis an   Kundgebungen, Demonstrationen und Versammlungen. Kinderbetreuung wurde   organisiert, denn einen entscheidenden Anteil der Streikenden machten   Frauen aus und ihre Entlastung war deshalb besonders wichtig. <\/p>\n<\/p>\n<h4>  &#8230;gegen Streikbrecher und staatliche Repression&#8230;<\/h4>\n<\/p>\n<p>  Der Streik hatte l&#228;ngst die gesamte Stadt erfasst und versetzte die   Herrschenden in Angst und Schrecken. So sehr, dass der Governeur von   Massachusetts das Kriegsrecht in Lawrence ausrief und sich &#252;berregionale   Verst&#228;rkung aus Polizei, Miliz und Nationalgarde holte. Dies kostete den   Steuerzahlern 4000$ t&#228;glich, eine Summe, die die Lohnerh&#246;hungen   finanziert h&#228;tte. <\/p>\n<p>  &#214;ffentliche Versammlungen wurden kurzerhand verboten und massenhaft   Streikbrecher eingesetzt. Doch die gut organisierten Streikenden lie&#223;en   sich nicht einsch&#252;chtern. Die IWW ignorierte das Versammlungsverbot und   organisierte Free-Speech-Kundgebungen. Streikposten wurden mit tausenden   Streikenden tag t&#228;glich besetzt &#8211; als dezentrale Dauerkundgebungen,   Schutz vor Streikbrechern und dauerhafte Blockade der Fabrikstore.  Denn   der Kampf um die Betriebe ist der Kampf um die Profite, der   Achillesverse der Kapitalisten.<\/p>\n<p>  Je l&#228;nger der Streik dauerte, desto mehr spitzte sich die Repression zu.   Es gab Massenverhaftungen, brutale Angriffe der Polizei auf einzelne   ArbeiterInnen und Demonstrationen &#8211; schlie&#223;lich wurden auf friedliche   Versammlungen geschossen. Eine Streikerin und ein Junge kamen dabei ums   Leben, viele wurden verwundet.  Joseph Ettor und Arturo Giovanitti   wurden verhaftet und inhaftiert. Sie wurden sp&#228;ter wegen versuchten   Mordes angeklagt &#8211; was in einem Schauproze&#223; endete und  k&#228;mpferische   GewerkschafterInnen einsch&#252;chtern sollte.<\/p>\n<p>  Die IWW hatte mit ihrer Solidait&#228;tskampagne viel Aufmerksamkeit auf den   Streik gelenkt, viele linke &#196;rzte kamen nach Lawrence, um die   Verwundeten kostenlos zu versorgen. Da sich die Lage zugespitzt hatte,   wurden hunderte Kinder aus der Stadt gebracht. In anderen St&#228;dten hatten   sich Linke, Sozialisten und Solidarisierende gefunden, die die Kinder   der Streikenden bei sich aufnahmen und versorgten. Der erste Zug der   Kinder warf ein schockierendes Bild auf den Zustand der Arbeiterklasse &#8211;   die Kinder waren dem kalten Winter entsprechend kaum ausreichend warm   gekleidet und oftmals unterern&#228;hrt. Als der zweite Zug Lawrence nach New   York und Chicago verlassen sollte, wurden die Kinder samt ihrer M&#252;tter   brutal von der Polizei niedergepr&#252;gelt. Das war zuviel. Die Emp&#246;rung in   der &#214;ffentlichkeit war enorm und bedeutete der entscheidene Wendepunkt   im Kampf. <\/p>\n<p>  Die Herrschenden sahen sich angesichts der breiten Emp&#246;rung gezwungen,   auf die Forderungen einzugehen. Die American Woolen Company, die gr&#246;&#223;te   Textilfabrik, machte ein Angebot am ersten M&#228;rz &#8211; eine Lohnerh&#246;hung um   5%.  Die Streikversammlung lehnte das Angebot am selben Tag ab und 8   Tage sp&#228;ter wurde das n&#228;chste Angebot gemacht &#8211; eine Lohnerh&#246;hung von   15-21% und erstmalig Einf&#252;hrung von &#220;berstundenzuschl&#228;gen. Von diesem   Ausgang konnten &#252;ber 125.000 TextilarbeiterInnen aus 33 St&#228;dten   profitieren, der Lawrence Streik wurde am 14.M&#228;rz beendet. <\/p>\n<p>  W&#228;hrend des Schauproze&#223;es gegen Joseph Ettor und Arturo Giovanitti   organisierten die ArbeiterInnen in Lawrence einen eint&#228;gigen   Generalstreik und erzwangen so die Freilassung der beiden.<\/p>\n<\/p>\n<h4>  &#8230; denn sie k&#228;mpfen f&#252;r Brot und Rosen. <\/h4>\n<\/p>\n<p>  Der Streik ging in die Geschichte ein als der &#8220;Bread and Roses&#8221; (Brot   und Rosen) Streik. Dieser Slogan wurde zum Hauptslogan des Streiks und   dr&#252;ckt die Gewichtung und Bedeutung der Frauen, die am Streik beteiligt   waren, aus. Erstmals wurde die Forderung nach Brot und Rosen am 8.M&#228;rz   1908 in New York gerufen, als 15.000 Frauen f&#252;r &#246;konomische Sicherheit   (Brot) und ein besseres Leben (Rosen) demonstrierten. <\/p>\n<p>  Die IWW schaffte damals nicht nur migrantische und ungelernte Arbeiter   zu organisieren, sie integrierten Frauen in den Kampf und verstanden,   sie daf&#252;r von der Doppelbelastung zu befreien.<\/p>\n<p>  Sozialisten und Sozialistinnen heute k&#246;nnen mit Stolz auf diesen Kampf   von vor 100 Jahren schauen, denn dieser Kampf zeigt, was ein   sozialistisches Programm und das ungebrochene Vertrauen in die   Arbeiterklasse erreichen k&#246;nnen. Und gerade heute, in Zeiten der   tiefsten Weltwirtschaftskrise, einer systemischen Krise des Kapitalismus   und der niedrigschwelligen Organisation der Arbeiterklasse   international, zeigt uns dieser Kampf den Weg vorw&#228;rts!<\/p>\n<p>  Ray Stannard Baker, Journalist des &#8220;American Magazine&#8221;, der damals als   Beobachter nach Lawrence geschickt wurde, schrieb:<\/p>\n<p>  &#8220;Das war der erste Streik, den ich jemals sah, wo gesungen wurde. Ich   werde nicht so schnell den kuriosen Auftrieb der Stimmung vergessen, in   das das Sammelsurium der verschiedensten Nationalit&#228;ten auf den   Streikversammlungen in die universale Sprache des Gesangs pl&#246;tzlich   verfiel. Und sie sangen nicht nur auf den Versammlungen, sondern auch in   den Suppenk&#252;chen und auf den Stra&#223;en. Ich sah eine Gruppe von Frauen,   die an einem Versorgungszentrum Kartoffeln sch&#228;lten, wie sie pl&#246;tzlich   die Internationale anstimmten. Sie hatten eine ganze Reihe von Liedern   dieser Art &#8211; Das achtstunden Lied; Der Banner der Arbeiter; Arbeiter,   sollen die Meister uns befehlen?. Aber das beliebteste Lied war die   Internationale.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Im Januar 1912 traten tausende TextilarbeiterInnen in einen<br \/>\n      unbefristeten Streik, um gegen Lohnk&#252;rzungen und f&#252;r ein besseres Leben<br \/>\n      zu k&#228;mpfen.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32,90],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14664"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14664"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14664\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14664"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}