{"id":14660,"date":"2012-02-11T00:00:00","date_gmt":"2012-02-11T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14660"},"modified":"2012-11-09T15:23:11","modified_gmt":"2012-11-09T14:23:11","slug":"14660","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/02\/14660\/","title":{"rendered":"Steht \u00c4gypten vor einer zweiten Revolution?"},"content":{"rendered":"<p>  David Johnson, der f&#252;r das CWI k&#252;rzlich erneut &#196;gypten besuchte, &#252;ber   die Lage im Land ein Jahr nach dem Beginn der Revolution<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  &#8222;&#196;gypten gleicht einem Haus, in dem man die Tapeten ausgetauscht hat,   sonst aber alles gleich geblieben ist&#8220;, so ein revolution&#228;rer Aktivist   k&#252;rzlich &#252;ber die Prozesse im Land. Die Demonstration vom 25. Januar   2011 trat eine revolution&#228;re Bewegung los, die nur 18 Tage sp&#228;ter den   Sturz von Hosni Mubarak herbeif&#252;hrte. Es war die Spitze seines eigenen   Milit&#228;rs, die ihn zum R&#252;cktritt zwang. Der Oberste Rat der Streitkr&#228;fte   riss daraufhin die Macht an sich; das was stattfand, war de facto ein   Milit&#228;rputsch. Diese hatten die Gefahr erkannt, dass die ganze   herrschende Elite von der revolution&#228;ren Bewegung, vor allem von der   wachsenden Streikwelle, zu Fall gebracht worden w&#228;re, wenn der verhasste   Mubarak sich l&#228;nger an die Macht geklammert h&#228;tte.<\/p>\n<p>  Seitdem wurde das Land von revolution&#228;ren, aber auch   konterrevolution&#228;ren Entwicklungen ersch&#252;ttert, die manchmal sogar   gleichzeitig passierten. Es zeigt sich, wie schwach die &#228;gyptische   Kapitalistenklasse ist, die sich als unf&#228;hig erwies, f&#252;r Stabilit&#228;t zu   sorgen. Allerdings fehlt es auch an einer Massenpartei oder einer   starken revolution&#228;ren Organisation, die den Kapitalismus st&#252;rzen k&#246;nnte.<\/p>\n<h4>  Wirtschaftlicher Engpass<\/h4>\n<p>  K&#252;rzlich &#228;u&#223;erte Kamal El-Ganzouri, der vierte Ministerpr&#228;sident seit   dem Ende Mubaraks, unter Tr&#228;nen, dass der Zustand der Wirtschaft   &#8222;schlimmer sei, als sich irgendjemand vorstellen k&#246;nnte&#8220;. Das Wachstum   betrug 2011 nur 1,2 Prozent, nachdem es 2010 noch zu einem Anstieg von   f&#252;nf Prozent gekommen war. Die Arbeitslosigkeit erh&#246;hte sich von neun   auf zw&#246;lf Prozent. 40 Prozent der Bev&#246;lkerung m&#252;ssen mit weniger als   zwei Dollar am Tag &#252;ber die Runden kommen.<\/p>\n<p>  Der Tourismus, der zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beisteuert,   brach ein. 2011 kamen ein Drittel weniger Reiseg&#228;ste als im Vorjahr ins   Land. Ausl&#228;ndische Direktinvestitionen verringerten sich in den ersten   neun Monaten 2011 um 93 Prozent. Die internationale &#246;konomische Krise   hinterl&#228;sst auch in &#196;gypten ihre Spuren.<\/p>\n<p>  Der Oberste Milit&#228;rrat hat in den vergangenen Monaten deutlich an   Ansehen verloren. Zun&#228;chst erschienen die Streitkr&#228;fte vielen in einem   positiven Licht, weil sie offenbar vor einem Vorgehen wie in China 1989   auf dem &#8222;Platz des Himmlischen Friedens&#8220; zur&#252;ckschreckten und es auf dem   Tahrir-Platz in Kairo nicht zu einem &#228;hnlichen Massaker kommen lie&#223;en.   Doch schon bald d&#228;mmerte den meisten, dass den Spitzen des Milit&#228;rs   einzig daran gelegen war, ihre eigene Herrschaft zu festigen.<\/p>\n<h4>  Arbeitsk&#228;mpfe und Demonstrationen<\/h4>\n<p>  Seit dem Sturz von Mubarak wurden 150 neue Gewerkschaften gegr&#252;ndet, die   heute 1,6 Millionen Mitglieder z&#228;hlen. Diese formierten sich unabh&#228;ngig   vom alten Gewerkschaftsdachverband, der eng mit den alten Herrschenden   verstrickt ist. Zwar wurde im M&#228;rz ein Streikverbot gesetzlich   beschlossen &#8211; allerdings bis zur Festnahme von f&#252;nf Streikenden im Juli   nicht angewandt (obwohl es in der Zwischenzeit immer wieder zu   Arbeitsniederlegungen gekommen war). Die Streiks und Arbeiterproteste   wurden nicht nur organisiert, um h&#246;here L&#246;hne zu erk&#228;mpfen, sie   richteten sich oft auch gegen den Fortbestand der alten Seilschaften.<\/p>\n<p>  In den Sommermonaten rang sich die Regierung zu einigen Zugest&#228;ndnissen   durch: So wurde der Mindestlohn erh&#246;ht, Privatisierungen gestoppt und   mehr Bildungsausgaben angek&#252;ndigt.<\/p>\n<p>  W&#228;hrenddessen wuchs der Frust vieler AktivistInnen dar&#252;ber, dass   substanzielle politische Ver&#228;nderungen ausblieben. Vor diesem   Hintergrund wurde am 8. Juli der Tahrir-Platz erneut besetzt.<\/p>\n<h4>  Islamisten<\/h4>\n<p>  Viele Gruppen und Organisationen, einschlie&#223;lich islamistischer Kr&#228;fte,   verst&#228;ndigten sich auf eine neue gro&#223;e Freitagsdemonstration f&#252;r den 29.   Juli. Als sich jedoch herausstellte, dass die Islamisten massenhaft   mobilisierten und Busse aus dem ganzen Land nach Kairo fahren lie&#223;en,   entschieden sich viele Jugendliche und revolution&#228;re Gruppen, diese   Demonstration zu boykottieren.<\/p>\n<p>  Eine Million Menschen waren am 29. Juli in Kairo auf den Stra&#223;en. Viele   riefen den Namen des Vorsitzenden der Streitkr&#228;fte, Mohammed Tantawi.   Gleichzeitig kam es hinter den Kulissen immer wieder zu Konflikten   zwischen dem Obersten Milit&#228;rrat und der Muslimbruderschaft. Das   Milit&#228;r, das sich durch diese Entwicklungen gest&#228;rkt f&#252;hlte, lie&#223; im   August den Tahrir-Platz gewaltsam r&#228;umen.<\/p>\n<p>  Der Oberste Milit&#228;rrat verk&#252;ndete, dass nicht das neue, gew&#228;hlte   Parlament, sondern die Streitkr&#228;fte selber &#252;ber den Milit&#228;retat zu   entscheiden h&#228;tten. Zudem nahmen sie sich das Recht heraus, ein Komitee   zur Erarbeitung des Entwurfs f&#252;r eine neue Verfassung einzusetzen. Diese   Schritte sahen die Islamisten als Affront an. F&#252;r den 18. November   riefen deshalb sowohl die Muslimbruderschaft als auch die   ultrareaktion&#228;ren Salafisten zu einer gemeinsamen Demonstration auf. Das   markierte den ersten offenen Konflikt zwischen der F&#252;hrung dieser   islamistischen Organisationen und dem Milit&#228;rrat.<\/p>\n<h4>  Konfrontationen mit dem Staatsapparat<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend die Islamisten den Platz am gleichen Abend verlie&#223;en, besetzten   ihn AktivistInnen erneut und forderten ein Ende der Milit&#228;rherrschaft.   Bei der dann folgenden gewaltsamen R&#228;umung kamen 70 Menschen ums Leben,   Hunderte wurden verletzt. Auch beim Vorgehen des Staatsapparates gegen   DemonstrantInnen am 16. Dezember wurden 17 Regimekritiker umgebracht.<\/p>\n<p>  Zu den schockierenden Szenen geh&#246;rt das Bild von einer Frau, die am   Boden entlang geschleift und wiederholt von Sicherheitskr&#228;ften brutal   getreten wurde. Die Emp&#246;rung dar&#252;ber f&#252;hrte dazu, dass wenige Tage   sp&#228;ter 10.000 Frauen einen Protest durchf&#252;hrten &#8211; die bis dahin gr&#246;&#223;te   Frauendemonstration in der Geschichte &#196;gyptens.<\/p>\n<h4>  Wahlen<\/h4>\n<p>  Die Angriffe von oben waren die &#8222;Peitsche der Konterrevolution&#8220;, die   mehr und mehr AktivistInnen radikalisierte. Allerdings weitet sich die   Kluft zwischen diesen auf der einen Seite und der weniger aktiven   breiten Masse andererseits. Das zeigten auch die Wahlen im Winter.<\/p>\n<p>  Viele AktivistInnen favorisierten einen Wahlboykott und verwiesen auf   die Kontrolle des Milit&#228;rs &#252;ber den Ablauf der Wahlen. Andererseits   setzten Millionen nach Jahrzehnten der Diktatur Hoffnungen in die   Wahlen. Letztendlich beteiligten sich in der ersten Runde der Wahlen,   die ein Drittel des Landes, einschlie&#223;lich Kairo, abdeckte, 52 Prozent;   in den folgenden Runden ging die Beteiligung zur&#252;ck.<\/p>\n<p>  Die Partei der Muslimbr&#252;der erzielte bei den Wahlen 47 Prozent (235   Sitze), die Salafisten errangen mit 27 Prozent (120 Sitze) den zweiten   Platz. Die zwei gr&#246;&#223;ten liberale Bl&#246;cke kamen auf 68 Sitze, ein linker   Block gewann zehn Abgeordnetenmandate.<\/p>\n<p>  Diese Ergebnisse widerspiegeln nicht die wahren Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in   der Gesellschaft, die sich in den Wochen der revolution&#228;ren K&#228;mpfe und   der Streiks im Sommer und Herbst zeigten. W&#228;hrend es an einer   Massenpartei der Arbeiterklasse fehlte und diese nicht &#252;ber Nacht   entstehen konnte, haben andere Organisationen eine l&#228;ngere Geschichte.   Dazu geh&#246;rt auch die Muslimbruderschaft, die fr&#252;her als Opposition zu   Mubarak gesehen wurde (auch wenn sie erst am H&#246;hepunkt der   revolution&#228;ren Bewegung an Protesten teilnahm) und dank ihrer   Wohlt&#228;tigkeitseinrichtungen punkten konnte.<\/p>\n<p>  Die Partei der Muslimbruderschaft h&#228;lt nun nach Koalitionspartnern   Ausschau. Weil bei ihr viele Gesch&#228;ftsleute das Sagen haben, wundert es   nicht, dass sie vor allem auf die liberalen Kr&#228;fte orientieren. Da sie   weder den Kapitalismus in Frage stellen noch das Milit&#228;r ernsthaft   herausfordern wollen, werden gro&#223;e Schichten schon bald von ihnen   entt&#228;uscht werden. Ein Teil ihrer Jugend hat bereits mit den   Muslimbr&#252;dern gebrochen.<\/p>\n<h4>  Sozialistische Revolution<\/h4>\n<p>  Unter AktivistInnen werden die Stimmen lauter, die sich f&#252;r eine &#8222;zweite   Revolution&#8220; stark machen. Damit eine solche neue Stufe des   revolution&#228;ren Kampfes grundlegende Ver&#228;nderungen erzielt, m&#252;sste diese   die &#220;berf&#252;hrung der gro&#223;en Konzerne unter demokratischer Kontrolle und   Verwaltung durch die arbeitenden Massen durchsetzen. Dann k&#246;nnte die   Wirtschaft demokratisch geplant und der Reichtum des Landes endlich der   Bev&#246;lkerungsmehrheit zu Gute kommen.<\/p>\n<p>  Dringend geboten ist, dass Aktivist-Innen, gerade in den Betrieben und   innerhalb der neuen unabh&#228;ngigen Gewerkschaften, zusammen mit der Jugend   und den verarmten Massen Schritte hin zum Aufbau einer neuen   Arbeiterpartei ergreifen. Ein Erstarken der Arbeiterbewegung h&#228;tte zudem   das Potenzial, die Konflikte zwischen Muslimen und Kopten, aber auch   andere Spaltungslinien zu &#252;berwinden.<\/p>\n<p>  Es gilt auch, an die nach dem 25. Januar 2011 gebildeten   Nachbarschaftskomitees anzukn&#252;pfen. Zusammen mit gew&#228;hlten Komitees am   Arbeitsplatz k&#246;nnten diese, auf &#246;rtlicher, regionaler und nationaler   Ebene vernetzt, den Ausgangspunkt f&#252;r eine neue Form der Organisierung   von Wirtschaft und Gesellschaft darstellen.<\/p>\n<p>  Eine demokratisch gew&#228;hlte Konstituierende Versammlung k&#246;nnte eine neue   Verfassung beschlie&#223;en, die zum ersten Mal umfassende demokratische   Rechte f&#252;r die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, f&#252;r alle   ethnischen und religi&#246;sen Minderheiten sicherstellt.<\/p>\n<p>  N&#246;tig ist eine Regierung von Arbeiter-Innen und den verarmten Massen,   die f&#252;r ein sozialistisches &#196;gypten als Teil eines sozialistischen   Nordafrikas, eines sozialistischen Nahen Ostens und einer   sozialistischen Welt k&#228;mpft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      David Johnson, der f&#252;r das CWI k&#252;rzlich erneut &#196;gypten besuchte, &#252;ber<br \/>\n      die Lage im Land ein Jahr nach dem Beginn der Revolution\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[270,244],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14660"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14660"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14660\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}