{"id":14657,"date":"2012-02-13T00:00:00","date_gmt":"2012-02-13T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14657"},"modified":"2012-02-13T00:00:00","modified_gmt":"2012-02-13T00:00:00","slug":"14657","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/02\/14657\/","title":{"rendered":"Das braune Erbe"},"content":{"rendered":"<p>  Zu einer umfassenden Entnazifizierung ist es in der Bundesrepublik nie   gekommen<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Im Dezember 2010 stellte die Fraktion der LINKEN im Bundestag eine   Gro&#223;e Anfrage zum &#8222;Umgang mit der NS-Vergangenheit&#8220;. &#220;ber ein Jahr   feilte die Bundesregierung an ihrer Antwort, viel l&#228;nger als sonst   &#252;blich. Offensichtlich bem&#252;hte sie sich darum, die Aufarbeitung der   NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik als eine Erfolgsgeschichte zu   verkaufen. Dennoch lie&#223; sich in der Antwort nicht unterschlagen, dass es   in der Nachkriegszeit einen Bundeskanzler und 26 Bundesminister gab, die   vor 1945 Mitglieder der NSDAP oder anderer NS-Organisationen wie SA, SS   oder Gestapo waren. Unter ihnen Kurt-Georg Kiesinger, Horst Ehmke,   Walter Scheel, Friedrich Zimmermann und Hans-Dietrich Genscher. Im Jahr   1952 waren 34 Prozent aller Personen im h&#246;heren Dienst des Ausw&#228;rtigen   Amtes ehemalige NSDAP-Mitglieder.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Steve K&#252;hne, Dresden<\/i><\/h4>\n<p>  Manchmal sind es eigenartige Umst&#228;nde, die unangenehme Wahrheiten ans   Licht bringen. Etwa ein brennendes Wohnmobil, in dem zwei tote   Bankr&#228;uber gefunden werden, die sich schlie&#223;lich als die gesuchten   Nazi-Terroristen Uwe B&#246;hnhardt und Uwe Mundlos herausstellen. So   geschehen 2011. Oder aber ein scheinbar biederer Rechtsstreit wegen   Ruhest&#246;rung zwischen dem Direktor der Kieler Universit&#228;tsklinik, Helmuth   Reinwein, und den Justizbeh&#246;rden. Reinwein f&#252;hlte sich bei der   Bearbeitung einer Anzeige gegen trinkfeste Burschenschaftler schlecht   vertreten. Die Wut l&#246;ste seine Zunge und so posaunte er, im Bestreben   die Unf&#228;higkeit der deutschen Justiz zu beweisen, heraus, dass in   Flensburg mit Wissen der Beh&#246;rden ein gewisser Dr. Sawade, in   Wirklichkeit der steckbrieflich gesuchte Dr. Werner Heyde, Organisator   der Euthanasie, als Arzt praktizierte und immer dann Gutachten   verfasste, wenn NS-Opfer um Renten baten.<\/p>\n<p>  Beide F&#228;lle offenbarten die Verbindungen des Staates und der   b&#252;rgerlichen High-Society mit Nazis. Im ersten Fall ist es allen voran   der ehemalige Pr&#228;sident des Landesamtes f&#252;r Verfassungsschutz Th&#252;ringen,   Helmut Roewer, der f&#252;r diese Verflechtungen steht. Im zweiten Fall   konnte selbst der Landesregierung von Schleswig-Holstein Mitwisserschaft   und Verschleierung im Falle Heyde\/Sawade nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>  Es liegen 50 Jahre zwischen dem Fall Heyde\/Sawade und den Verstrickungen   zwischen &#8222;Nationalsozialistischem Untergrund&#8220; (NSU) und   Verfassungsschutz. Wie leicht w&#228;re es, sie als Einzelf&#228;lle darzustellen.   Doch sie offenbaren be&#228;ngstigende Kontinuit&#228;ten im Personal der   deutschen Eliten &#252;ber das Jahr 1945 hinaus. Eine Kontinuit&#228;t, die   erm&#246;glicht wurde durch den fehlenden gesellschaftlichen Bruch nach dem   Ende der Nazi-Tyrannei. Die belasteten Spitzen in Milit&#228;r, Gesundheit,   Justiz, Polizei und vor allem der Wirtschaft blieben in vielen F&#228;llen in   Amt und W&#252;rden, weil ihre Macht vor allem auf ihrem Verm&#246;gen, ihrem   Besitz beziehungsweise der Loyalit&#228;t gegen&#252;ber den kapitalistischen   Eigentumsverh&#228;ltnissen beruhte. F&#252;r die Westalliierten (USA,   Gro&#223;britannien, Frankreich) w&#228;re ein Eingriff in diese Verh&#228;ltnisse ein   Tabubruch gewesen, zu dem sie aus ganz eigenn&#252;tzigen Gr&#252;nden nicht   bereit waren.<\/p>\n<h4>  Kapital und Nazis<\/h4>\n<p>  Skrupel gegen&#252;ber einer Zusammenarbeit mit der NSDAP hatten Deutschlands   Eliten nicht. Ihre anf&#228;nglichen Einw&#228;nde waren rein taktischer Natur. Zu   &#8222;proletarisch&#8220; war ihnen die Nationalsozialistische Deutsche   Arbeiterpartei (NSDAP), vor allem deren Schl&#228;gertruppe, die   Sturmabteilung (SA). Selbsternannte &#8222;Sozialrevolution&#228;re&#8220; wie Otto und   Gregor Strasser, die von Verstaatlichungsma&#223;nahmen sprachen, wann immer   es gerade gut ankam, versetzten die Herren und Damen der feinen   Gesellschaft in Schrecken. Doch da war auch eine andere Seite der NSDAP,   ihr Hass auf die Arbeiterbewegung. Und da war sie wieder, die   Schnittmenge zwischen den Herrschenden in der Weimarer Republik und der   braunen Bande!<\/p>\n<p>  Es war Emil Kirdorf, der 1926 die Vereinigte Stahlwerke AG mit gegr&#252;ndet   hatte, der Adolf Hitler auf die Idee brachte, eine Brosch&#252;re einzig f&#252;r   seinesgleichen zu verfassen. Hitlers &#8222;Der Weg zum Wiederaufstieg&#8220;   erl&#228;uterte Weimars Industriekapit&#228;nen, wie wenig die NS-Spitze selbst   von ihren &#8222;sozialistischen&#8220; Ideen hielt. Der Bann war gebrochen! Eine   Schl&#228;gertruppe gegen die drohende Revolution, gegen SPD, KPD, SAP und   Gewerkschaften, die Installation einer Diktatur zur Zerst&#246;rung aller   Organisationen der Arbeiterbewegung, die Unterwerfung der gesamten   Bev&#246;lkerung unter die Kapitaleigner (wie 1934 im &#8222;Gesetz zur Ordnung der   nationalen Arbeit&#8220; festgeschrieben), die Aussicht auf einen neuen gro&#223;en   Krieg &#8211; daf&#252;r war man auch bereit, die wahnsinnige Rassenideologie in   Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p>  Sp&#228;testens ab November 1932 gaben sich Deutschlands Industrielle bei   Reichspr&#228;sident Paul von Hindenburg und seinem Umfeld die Klinke in die   Hand und forderten die Ernennung ihres Ziehsohns zum Reichskanzler.   Selbst einen ultimativ formulierten Brief verfassten sie und sandten ihn   dem greisen deutschen Staatsoberhaupt zu. Beeindruckt schob von   Hindenburg schlie&#223;lich seine dem Standesd&#252;nkel entsprungenen Bedenken,   Hitler k&#246;nne weder Messer noch Gabel halten, beiseite und ernannte ihn   zum Chef der Reichsregierung.<\/p>\n<p>  Die Kapitalisten der Weimarer Republik schlugen zwei Fliegen mit einer   Klappe: Sie hievten einen Gew&#228;hrsmann in das Amt des Reichskanzlers und   sie machten sich Hitler gef&#252;gig. Geradezu virtuos ging diesbez&#252;glich   Daimler-Benz vor. Der Autohersteller spendete derart viel Geld f&#252;r   Hitlers Kasse, dass dieser nach der &#220;bertragung der Macht an die   NS-Spitze seinem Adjutanten Rochus Misch mitteilte, er k&#246;nne keine   andere Automarke fahren, da diese die NSDAP in der &#8222;Kampfzeit&#8220; (bis zum   30. Januar 1933) so gro&#223;z&#252;gig unterst&#252;tzt habe. Klar, dass die   Auftragsb&#252;cher von Daimler-Benz immer voll waren.<\/p>\n<h4>  Hitlers Dank: Riesengewinne<\/h4>\n<p>  Um die Profitinteressen des deutschen Kapitals Anfang der drei&#223;iger   Jahre durchzusetzen, war eine Zerschlagung und Atomisierung der   Arbeiterbewegung n&#246;tig. Eine &#8222;normale&#8220; Milit&#228;rdiktatur h&#228;tte nicht   ausgereicht. Dazu bedurfte es eines Systems des Massenterrors, SA, SS,   Blockwarte in jeder Stra&#223;e, in jedem Wohnblock. In den Betrieben konnten   L&#246;hne gedr&#252;ckt und die R&#252;stungsproduktion gewaltig ausgeweitet werden.<\/p>\n<p>  Die deutsche Bourgeoisie teilte den von den Nazis gebackenen Kuchen   unter sich auf, die tschechische Industrie war bereits vor dem Anschluss   der &#8222;Rest-Tschechei&#8220; unter den deutschen Konzernbaronen vergeben. Der   Krieg erschloss neue Rohstoffquellen und Absatzm&#228;rkte. Ganze Feldz&#252;ge,   wie der &#220;berfall auf die UdSSR 1941, wurden den Kapitalisten auf den   Leib geschneidert. Krupp, AEG, Thyssen, HAPAG, Blohm &amp; Voss,   Daimler-Benz &#8211; sie verdienten sich an Panzern, Schiffen, Flugzeugmotoren   und Gesch&#252;tzen eine goldene Nase.<\/p>\n<p>  ZwangsarbeiterInnen aus ganz Europa mussten als billige Arbeitssklaven   schuften. Allein bei Krupp standen 50.000 ZwangsarbeiterInnen an der   Werkbank. Nicht zuletzt deren Einsatz verdankte Krupp eine   Vervierfachung des Firmenverm&#246;gens bis 1943.<\/p>\n<p>  Die &#220;bergabe der Macht an die Faschisten brachte es aber auch mit sich,   dass die deutschen Kapitalisten 1945 mit in den &#8222;Untergang&#8220; gef&#252;hrt und   f&#252;r lange Zeit geschw&#228;cht wurden. Wenn es nach ihnen gegangen w&#228;re,   h&#228;tte man ab 1943 &#8211; als sich die Niederlage im Zweiten Weltkrieg immer   st&#228;rker abzeichnete &#8211; umgeschwenkt. Genau das lie&#223; sich mit Hitler und   Joseph Goebbels jedoch nicht machen.<\/p>\n<h4>  Nach 1945: Weiter wie bisher?<\/h4>\n<p>  Im Angesicht der Niederlage flohen im Fr&#252;hjahr 1945 die Gro&#223;unternehmer   aus der sp&#228;teren Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) vor der herannahenden   Roten Armee. In einem Karstadt-Lieferwagen verlie&#223; damals auch Hermann   Josef Abs Berlin. W&#228;hrend sein enger Bekannter Hitler selbst Kinder in   einen sinnlosen Kampf gegen die Rote Armee schickte, sicherte Abs die   Firmenpapiere der Deutschen Bank, in deren Vorstand er sa&#223;. Ebenso hatte   er 1941 im Aufsichtsrat der Kontinentale &#214;l AG Platz genommen, sie   sollte die Ausbeutung der &#214;lvorkommen in den von der deutschen Wehrmacht   besetzten Gebieten organisieren. Auch im Skandalunternehmen I.G. Farben,   welches in letzter Instanz f&#252;r die Produktion von Zyklon B und die   Belieferung der Vernichtungslager mit dem zur massenweisen Vergasung von   J&#252;dinnen und Juden eingesetzten Sch&#228;dlingsbek&#228;mpfungsmittel zust&#228;ndig   war, sa&#223; Herman Josef Abs.<\/p>\n<p>  Zielsicher suchte Abs im April 1945 sein Heil bei den Westalliierten.   Selbst das auf der Potsdamer Konferenz auch von jenen abgegebene   Bekenntnis zu Demontage, Denazifizierung, Demilitarisierung,   Demokratisierung und Dekartellisierung Deutschlands machte ihm wenig   Sorgen. Gewiss, man warf ihn aus dem Vorstand der Deutschen Bank und   sperrte ihn f&#252;r ganze drei Monate ein. Aber angeklagt wurde er nie.<\/p>\n<p>  Die im &#8222;Dritten Reich&#8220; gekn&#252;pften Gesch&#228;ftsbeziehungen halfen Abs wieder   auf die Beine. Er stand der Kreditanstalt f&#252;r Wiederaufbau vor und   avancierte bald zu Konrad Adenauers Finanzberater. Als solcher half er   dem ersten Bundeskanzler (1949 bis 1963), sich von einer unsch&#246;nen   Pflicht zu befreien: CDU-Adenauer sandte Abs nach London, dort   verhandelte dieser &#252;ber die Zahlung der deutschen Auslandsschulden, zu   denen auch Entsch&#228;digungsforderungen von NS-Opfern z&#228;hlten. Der T&#228;ter   von einst erreichte in London eine Aussetzung der deutschen Zahlungen,   auch an Opfer des Nazi-Terrors.<\/p>\n<p>  Abs kam der Umstand zugute, dass die Beschl&#252;sse der Potsdamer Konferenz   der Politik Gro&#223;britanniens und vor allem der USA schon wenige Jahre   nach Ende des Krieges zuwiderliefen. Sah man Deutschland noch 1945 als   zuk&#252;nftigen Konkurrenten, den es dauerhaft zu schw&#228;chen galt, war   inzwischen der Konflikt mit dem stalinistischen Ostblock und die Furcht   vor sozialistischen Umgestaltungsversuchen im westlichen Europa derart   ausgepr&#228;gt, dass man den westlichen Teil Deutschlands f&#252;r sich nutzbar   und das Know-how der antikommunistisch eingestellten Eliten den eigenen   Interessen dienlich machen wollte.<\/p>\n<h4>  &#8222;Antifa-Komitees&#8220; in Betrieben und Stadtteilen<\/h4>\n<p>  Die Furcht der Allierten vor einer sozialistischen Umw&#228;lzung in   Deutschland war alles andere als grundlos. Die Arbeiterklasse erwies   sich zwar als zu geschw&#228;cht, um den Faschismus von innen heraus zu   schlagen. Es existierten jedoch etliche Widerstandsgruppen. Diese traten   gemeinsam mit vielen fr&#252;heren Mitgliedern von SPD, KPD, SAP,   Gewerkschaften in Aktion, als das NS-Regime zusammenbrach.<\/p>\n<p>  Spontan gebildete Betriebsr&#228;te oder Betriebsaussch&#252;sse &#252;bernahmen im   Fr&#252;hsommer 1945 in vielen F&#228;llen die Leitung der Fabriken. Das ging Hand   in Hand mit der Bildung von &#8222;Antifa-Komitees&#8220; beziehungsweise   &#8222;Volkskomitees&#8220; in den Stadtteilen. Neben der Versorgung der Bev&#246;lkerung   ging es in erster Linie darum, versprengten Nazieinheiten das Handwerk   zu legen. In den folgenden Monaten und Jahren drehte sich ein   betr&#228;chtlicher Teil der betrieblichen K&#228;mpfe um die ausbleibende   Entnazifizierung. Dies war h&#228;ufig von der Forderung nach Enteignung der   Unternehmen begleitet. Wie radikal die Stimmung war, zeigte sich   beispielsweise in der hessischen Volksabstimmung im Dezember 1946, als   72 Prozent f&#252;r die Verstaatlichung der Schl&#252;sselindustrien votierten.   Daraufhin lie&#223;en die Allierten alle weiteren geplanten Volksabstimmungen   verbieten!<\/p>\n<h4>  Entnazifizierung? Fehlanzeige!<\/h4>\n<p>  Etliche Manager und Gro&#223;unternehmer, die den Nazis gern geholfen hatten,   entgingen unter den Westalliierten jeder Konsequenz f&#252;r ihr Handeln im   &#8222;Dritten Reich&#8220;. Keiner stand vor dem N&#252;rnberger   Kriegsverbrechertribunal.<\/p>\n<p>  Auch Abs&#8216; Duzfreund Hans-G&#252;nther Sohl entging einer Strafe. Als   Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke AG und   Wehrwirtschaftsf&#252;hrer in der Eisenindustrie war er in die F&#252;hrung des   Krieges eingeweiht, verantwortete den Einsatz von ZwangsarbeiterInnen   und KZ-H&#228;ftlingen in der R&#252;stungsindustrie. Dennoch waren 18 Monate   Internierung das Schlimmste, was ihm geschah.<\/p>\n<p>  Als wollten sie selbst ihre &#8222;Denazifizierungspolitik&#8220; ad absurdum   f&#252;hren, beauftragten die US-amerikanischen Besatzungsbeh&#246;rden Sohl mit   der &#8222;Dekartellisierung&#8220;, also Zerst&#252;ckelung, der Vereinigten Stahlwerke   AG &#8211; damit sollte ein Wiederaufstieg der deutschen Konkurrenz auf dem   Weltmarkt erschwert werden. Freilich blieben die verkleinerten   Stahlbetriebe in privater Hand und in die Aufsichtsr&#228;te und Vorst&#228;nde   setzte Sohl alte Kollegen, ebenso belastet wie er selbst.<\/p>\n<p>  Sohl selbst &#252;bernahm den Vorstandsvorsitz der Thyssen AG, die den   Rechtsnachfolger der Vereinigten Stahlwerke AG darstellte. Bis 1976   kletterte er die Leiter noch weiter hinauf. In diesem Jahr wurde der   erkl&#228;rte Gegner der Mitbestimmung Chef des Bundesverbandes der Deutschen   Industrie (BDI).<\/p>\n<p>  Selbst, wenn es hier und da Haftstrafen f&#252;r NS-belastete Unternehmer   gab, waren diese sp&#228;testens Anfang der f&#252;nfziger Jahre wieder frei.   Schon acht Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur sa&#223;en 39 Prozent der   Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder der 50 gr&#246;&#223;ten deutschen   Unternehmen aus dem Jahre 1942 wieder in Firmenleitungen.<\/p>\n<h4>  Bundeswehr: Alte Soldaten in neuen Uniformen<\/h4>\n<p>  Die Wehrmachtsf&#252;hrung war einer jener Elitezirkel, der ganz besonders   schwer belastet aus der NS-Zeit herauskam. Sie plante die   Vernichtungsfeldz&#252;ge gegen Polen und die UdSSR und half bei der   Durchf&#252;hrung des Holocaust. Doch selbst diese simplen Wahrheiten hielten   die Westalliierten nicht davon ab, die F&#252;hrung der Wehrmacht davonkommen   zu lassen.<\/p>\n<p>  Der Grund auch hier: Man wollte die F&#228;higkeiten der Wehrmachtsf&#252;hrung in   der Auseinandersetzung mit dem Ostblock nutzbar machen. Als sich die   Beziehungen zwischen den Westm&#228;chten und der Sowjetunion   verschlechterten, entschlossen sich die USA und Gro&#223;britannien, eine bis   dahin ausgeschlossene deutsche Wiederbewaffnung zuzulassen &#8211; w&#228;hrend   Hunderttausende unter dem Motto &#8222;Ohne mich&#8220; gegen die drohende   Remilitarisierung demonstrierten.<\/p>\n<p>  Nicht weniger als 40 Wehrmachtsgener&#228;le und 10.000 Wehrmachtsoffiziere   wurden in die Reihen der Bundeswehr aufgenommen. Zahlreiche waren   belastet, bei den Wenigsten wurden &#252;berhaupt Bem&#252;hungen unternommen, die   Vorw&#252;rfe wegen NS- und Kriegsverbrechen zu untersuchen. Der alte Geist   zog in die Truppe ein und bald zahlreiche Skandale nach sich.<\/p>\n<p>  So lie&#223; die Bundesregierung Gutachten &#252;ber den Zustand der neuen   Bundeswehr sehr gern General a.D. Erich von Manstein anfertigen. Der   Panzergeneral aus Hitlers Wehrmacht hatte nach dem &#220;berfall auf die   Sowjetunion unter anderem mehrere tausend gebrauchter Uhren f&#252;r seine   Soldaten bestellt. Diese waren nachweislich ermordeten J&#252;dinnen und   Juden abgenommen worden. Ebenso plante er gemeinsam mit den   Einsatzgruppen der SS die Ermordung von KommunistInnen in den besetzten   Gebieten. Soldaten, die dagegen protestiert hatten, lie&#223; er &#252;ber einen   Tagesbefehl am 20. November 1941 schlicht wissen: &#8222;F&#252;r die Notwendigkeit   der harten S&#252;hne am Judentum, dem geistigen Tr&#228;ger des bolschewistischen   Terrors, muss der Soldat Verst&#228;ndnis aufbringen.&#8220;<\/p>\n<p>  Zahlreiche Bundeswehr-Kasernen wurden nach &#252;berzeugten Nazis benannt,   wie die Dietl-Kaserne in F&#252;ssen. Der General der Gebirgsj&#228;ger, Eduard   Dietl, war bekennender Antisemit.<\/p>\n<h4>  Verfassungsschutz und BND: Alte Ziele, altes Personal<\/h4>\n<p>  Reinhard Gehlen war Chef von Hitlers Ostspionage. Gehlen marschierte an   vorderster Front mit, als die Sowjetunion 1941 &#252;berfallen wurde. Er   wertete alles aus: Briefe von SoldatInnen, Zeitungsartikel, abgefangene   Funkspr&#252;che. Sein Wissen &#252;ber die Sowjetunion war fundiert und modern   recherchiert. Im Sommer 1945 wurde er verhaftet und in die USA   ausgeflogen. Dort machte er sich schnell beliebt, hatte er doch derart   viel brisantes Material &#252;ber die UdSSR noch vor Kriegsende beiseite   geschafft, dass er seine F&#228;higkeiten im Spionagegesch&#228;ft gut unter   Beweis stellen konnte. Im Juli 1946 wurde Gehlen vom Nachrichtendienst   der US-Armee beauftragt, Informationen &#252;ber die UdSSR zu sammeln. Rasch   entstand eine Beh&#246;rde, angef&#252;llt mit allerlei ehemaligen und teilweise   noch immer &#252;berzeugten Nazis.<\/p>\n<p>  Auch die Bundesregierung, die seit ihrem Bestehen 1949 enge Kontakte zur   &#8222;Organisation Gehlen&#8220; pflegte, st&#246;rte sich an der Personalauswahl wenig.   Gut sieben Jahre sp&#228;ter entstand aus der von Altnazis durchsetzten   &#8222;Organisation Gehlen&#8220; der Bundesnachrichtendienst (BND), der   Auslandsgeheimdienst der BRD. Der CIA sch&#228;tzte den Anteil ehemaliger   NSDAP-Mitglieder im BND auf 28 Prozent.<\/p>\n<p>  Doch der Verfassungsschutz war keineswegs besser! Karl-Heinz Siemens   leistete ihm &#252;ber Jahre hervorragende Dienste. Er schleuste sich in die   Leitung der westdeutschen &#8222;Freien Deutschen Jugend&#8220; (FDJ) ein und hatte   gro&#223;en Anteil an ihrem Verbot 1951. Er wurde gelobt und ausgezeichnet.   Es gab nur einen kleinen Sch&#246;nheitsfehler. Siemens war im &#8222;Dritten   Reich&#8220; Mitglied der &#8222;Leibstandarte-SS Adolf Hitler&#8220;. Nun k&#228;mpfte er eben   im Namen des Verfassungsschutzes gegen den &#8222;Linksextremismus&#8220;.<\/p>\n<h4>  CDU und FDP: Auffangbecken f&#252;r Altnazis<\/h4>\n<p>  Geradezu ein Paradebeispiel f&#252;r die personellen Kontinuit&#228;ten zwischen   BRD und &#8222;Drittem Reich&#8220; lieferte Hans Globke. Unter Adenauer war er   CDU-Kanzleramtschef. Im Hitler-Faschismus verfasste er Kommentare zu den   N&#252;rnberger Rassegesetzen und geh&#246;rte zu jenen, die durchsetzten, dass   J&#252;dinnen und Juden ein &#8222;J&#8220; in ihrem Pass zu tragen hatten. W&#228;hrend des   Krieges war Globke wahrscheinlich sogar f&#252;r die Deportation griechischer   J&#252;dinnen und Juden in Vernichtungslager in Polen verantwortlich.<\/p>\n<p>  Aber Globke war kein Einzelfall. Nehmen wir die Bundespr&#228;sidenten Karl   Carstens (CDU) und Walter Scheel (FDP), die NSDAP-Parteib&#252;cher hatten.   Oder Bundespr&#228;sident Heinrich L&#252;bke (CDU), ein KZ-Baumeister. Oder Hans   Filbinger, der von 1966 bis 1978 Ministerpr&#228;sident Baden-W&#252;rttembergs   war, bis vier Todesurteile bekannt wurden, die er als NSDAP-Mitglied und   Marinerichter 1943 und 1945 beantragt oder gef&#228;llt hatte.<\/p>\n<h4>  Gab es eine Alternative?<\/h4>\n<p>  In der bundesdeutschen Lehrbuch-Historikermeinung figuriert Adenauer   noch immer als Held, weil es ihm gelungen sei, all die NS-Belasteten zu   integrieren. Gerade den Industriellen gelang es ausgezeichnet, sich   hinter der &#8222;Kollektivschuldthese&#8220; &#8211; die alle Deutschen, unabh&#228;ngig von   ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihren Einflussm&#246;glichkeiten, zu   Schuldigen machte &#8211; zu verstecken. Warum h&#228;tte man denen ihr Eigentum,   ihre Fabriken wegnehmen sollen, wenn sie doch genauso schuldig waren wie   alle anderen auch? Doch dies verdreht die Tatsachen. Die   Gro&#223;industriellen und konservativen Eliten wollten Hitler und sie hatten   ihre &#252;berragende Macht genutzt, um ihn zu installieren. Der Krieg und   der Terror der Nazis waren das Resultat ihrer Politik.<\/p>\n<p>  Aber es gab nach 1945 eben auch den weit verbreiteten Wunsch, die   Eigentumsformen zu &#228;ndern, die Betriebe zu verstaatlichen. Und es gab   neue Strukturen, die Antifa-Aussch&#252;sse, die allerorten aus dem Boden   schossen. Wenn die Kapitalisten, die Hitler ans Ruder gebracht hatten,   entmachtet, wenn die Gro&#223;betriebe in &#246;ffentli-ches Eigentum &#252;berf&#252;hrt   und eine demokratisch geplante Wirtschaft ins Leben gerufen worden w&#228;re,   dann h&#228;tten die Antifa-Aussch&#252;sse Tr&#228;ger der politischen und   wirtschaftlichen Macht werden k&#246;nnen. Durch eine Vernetz-ung und einen   Zusammenschluss dieser r&#228;te&#228;hnlichen Ans&#228;tze, die in vielen Betrieben   und Stadtteilen existierten, auf &#246;rtlicher, regionaler und   &#252;berregionaler Ebene, h&#228;tten diese Organe &#8211; mit gew&#228;hlten und jederzeit   abrufbaren, rechenschaftspflichtigen VertreterInnen, frei von   Privilegien &#8211; zur Keimzelle f&#252;r eine sozialistische Demokratie in   Deutschland werden k&#246;nnen, als Schritt hin zu einer sozialistischen   Umw&#228;lzung international. Leider gab es damals keine starke politische   Kraft, die daf&#252;r eintrat.<\/p>\n<p>  Der Euthanasiearzt Dr. Werner Heyde nahm sich in der Untersuchungshaft   1964 das Leben. Die nachfolgende Untersuchung belegte seine Verbindungen   bis in die Landesregierung Schleswig-Holsteins. Dass er jahrelang unter   dem Decknamen Fritz Sawade als Arzt in der BRD praktizieren konnte, war   nur m&#246;glich, weil die alten Eliten noch immer im Amt waren und   mitspielten. Sie aber zogen Menschen nach, die ihrer Geisteshaltung   entsprachen. Etwa einen Helmut Roewer, dessen politische Vorlieben den   Terror des &#8222;Nationalsozialistischen Untergrunds&#8220; erst bef&#246;rdert haben.   Das braune Erbe der BRD &#8211; es belastet uns bis heute!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zu einer umfassenden Entnazifizierung ist es in der Bundesrepublik nie<br \/>\n      gekommen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[244],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14657"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14657"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14657\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}