{"id":14652,"date":"2012-02-06T00:00:00","date_gmt":"2012-02-06T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14652"},"modified":"2012-02-06T00:00:00","modified_gmt":"2012-02-06T00:00:00","slug":"14652","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/02\/14652\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Kapitalismus profitiert von Frauenunterdr&#252;ckung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Christine Thomas, Autorin des Buches &#8222;Es muss nicht   bleiben, wie es ist&#8220;. Die Fragen stellte Lucy Redler<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Im M&#228;rz erscheint die deutsche Ausgabe deines Buchs &#252;ber Sexismus und   Frauenunterdr&#252;ckung. Du schreibst darin, dass Frauen nicht zu jeder Zeit   in der Geschichte benachteiligt waren. Kannst du das kurz begr&#252;nden?<\/h4>\n<p>  In der letzten Zeit wird wieder vermehrt behauptet, dass Unterschiede   zwischen M&#228;nnern und Frauen nicht gesellschaftlich bedingt seien,   sondern mit der Ent-wicklung unserer Gehirne zusammen h&#228;ngen w&#252;rden.   Daf&#252;r werden pseudo-wissenschaftliche Erkl&#228;rungen bem&#252;ht, die angeblich   belegen sollen, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern etwas   Nat&#252;rliches sei, die es schon immer gegeben habe und wir nichts daran   &#228;ndern k&#246;nnten. Aber es gibt viele anthropologische Erkenntnisse, die   diese Auffassung widerlegen. So gab es Gesellschaften, in denen Frauen   und M&#228;nner zwar gew&#246;hnlich unterschiedliche Aufgaben hatten &#8211; Jagen und   Sammeln &#8211;, in denen es aber keine systematische Unterdr&#252;ckung von Frauen   gab.<\/p>\n<p>  Diese Gesellschaften basierten auf Kooperation, ohne Privateigentum an   den Produktionsmitteln, ohne Klassenstruktur und ohne Ausbeutung einer   Gruppe durch eine andere. Diese Situation ver&#228;nderte sich &#252;ber Tausende   von Jahren mit der Entstehung von Privateigentum und   Klassengesellschaften. W&#228;hrend dieses Prozesses wurden Frauen in der   Familie zum Privateigentum der M&#228;nner und in der Gesellschaft insgesamt   zu Menschen zweiter Klasse.<\/p>\n<p>  Das Buch erkl&#228;rt, dass Diskriminierung und Unterdr&#252;ckung in der   Klassengesellschaft, also heute im Kapitalismus, verwurzelt sind und   durch diese erhalten werden. Im Zuge einer gesellschaftlichen   Ver&#228;nderung hin zu einer klassenlosen, auf Kooperation basierenden   Gesellschaft, w&#252;rde auch die Grundlage geschaffen, um alle Formen von   Unterdr&#252;ckung zu beseitigen &#8211; auch die der Frauen.<\/p>\n<h4>  Ein Kapitel deines Buches hei&#223;t &#8222;Ideologischer R&#252;ckschlag&#8220;. Was meinst   du damit? Siehst du einen Abbau von Errungenschaften, die Frauen in der   Vergangenheit erk&#228;mpft haben?<\/h4>\n<p>  Obwohl es weiterhin Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Unterdr&#252;ckung   gibt, hatten die wirtschaftlichen und sozialen Ver&#228;nderungen der letzten   Jahrzehnte einen wichtigen Einfluss auf die gesellschaftliche Stellung   von Frauen und ihre eigenen Einstellungen. Heute meinen zum Beispiel nur   noch sehr wenige Menschen, dass Frauen zu Hause bleiben und auf die   Kinder aufpassen sollten, statt arbeiten zu gehen. Eine Schicht von   gebildeten Frauen ist in zuvor von M&#228;nnern dominierte Berufe   vorgedrungen und beispielsweise &#196;rztin oder Anw&#228;ltin geworden. Besonders   j&#252;ngere Frauen haben an Selbstbewusstsein gewonnen &#8211; sowohl in Bezug auf   ihre F&#228;higkeiten als auch ihre Sexualit&#228;t.<\/p>\n<p>  Aber diese Entwicklung hat auch eine Schattenseite: Verhaltensweisen   oder Dinge, die fr&#252;her als sexistisch empfunden worden w&#228;ren, werden   heute als &#8222;befreiend&#8220; oder als &#8222;empowering&#8220; dargestellt. So sollen wir   beispielsweise heute die Verbreitung und &#8222;Normalisierung&#8220; von   Pornografie und &#8222;Sexindustrie&#8220; akzeptieren und damit auch der   Prostitution. Aber hier wird Befreiung mit Ausbeutung verwechselt.<\/p>\n<p>  Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der Frauen &#246;konomisch und   sozial benachteiligt sind. Frauen verdienen nach wie vor weniger, tragen   die Hauptverantwortung f&#252;r die Kindererziehung und den Haushalt, leiden   unter sexuellen &#220;bergriffen und Gewalt.<\/p>\n<p>  Im Kapitalismus wird alles zu einer Ware gemacht, die f&#252;r Profit   verkauft wird &#8211; selbst Frauenk&#246;rper. Die Ausbreitung sexistischer   Werbung und Einstellungen und das Wachstum der &#8222;Sexindustrie&#8220; schw&#228;chen   Frauen und festigen die r&#252;ckst&#228;ndige und gef&#228;hrliche Auffassung, dass   Frauen dazu geschaffen seien, von M&#228;nnern beherrscht zu werden. Das ist   die Grundlage von h&#228;uslicher Gewalt, sexueller Bel&#228;stigung und   Vergewaltigungen.<\/p>\n<p>  All das ist kein bewusst herbeigef&#252;hrter, zentral gesteuerter   ideologischer Backlash im Sinne einer gezielten Manipulation, sondern   die negative Konsequenz einer ungleichen und ausbeuterischen   kapitalistischen Gesellschaft. Dabei werden auch auch die materiellen   Verbesserungen zerst&#246;rt, die Frauen erreicht haben.<\/p>\n<h4>  Welche Folgen wird die aktuelle Wirtschaftskrise f&#252;r Frauen haben?<\/h4>\n<p>  Diese Krise bedroht viele Errungenschaften, die Frauen in den letzten 40   Jahren erk&#228;mpft haben. Zu Beginn der Krise war vor allem die Industrie   und damit in vielen L&#228;ndern prim&#228;r der m&#228;nnliche Teil der Besch&#228;ftigten   st&#228;rker von Stellenabbau betroffen. Doch jetzt versuchen die Regierungen   in verschiedenen europ&#228;ischen L&#228;ndern die Schulden generell auf die   Bev&#246;lkerung abzuw&#228;lzen, indem sie K&#252;rzungspakete schn&#252;ren und Jobs im   &#214;ffentlichen Dienst abbauen.<\/p>\n<p>  Besonders f&#252;r Frauen ist das eine doppelte Katastrophe. Viele Frauen,   die in den letzten Jahren berufst&#228;tig geworden sind, arbeiten im   &#246;ffentlichen Sektor. Sie werden also von Massenentlassungen,   Lohnk&#252;rzungen und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen besonders   hart getroffen. Gleichzeitig haben Leistungen der &#246;ffentlichen   Daseinsvorsorge dazu beigetragen, die Belastung zu Hause f&#252;r Frauen zu   reduzieren und ihnen eine gewisse wirtschaftliche Unabh&#228;ngigkeit zu   erm&#246;glichen. Genau diese Leistungen werden jetzt aber   zusammengestrichen. Aus Griechenland h&#246;rt man ersch&#252;tternde Berichte   &#252;ber Alleinerziehende, die ihre Kinder in Pflege geben, weil sie kein   Geld mehr haben, um sie zu ern&#228;hren.<\/p>\n<p>  Besonders schlimm ist die Situation f&#252;r Frauen, die h&#228;usliche Gewalt   erfahren. Zu den Verbesserungen der letzten Jahre geh&#246;rt die verbreitete   Erkenntnis, dass h&#228;usliche Gewalt ein Verbrechen ist, das nicht   toleriert werden darf. Aber wie beendet man eine Beziehung, wenn man   nirgends hingehen kann, weil die Mittel f&#252;r Frauenh&#228;user gestrichen   wurden und die Mieten unerschwinglich geworden sind?<\/p>\n<h4>  Im Februar 2011 demonstrierten in Italien &#252;ber 100.000 Frauen und M&#228;nner   f&#252;r Frauenrechte und gegen die Politik Berlusconis. Gibt es in Italien   oder in anderen L&#228;ndern eine neue Frauenbewegung?<\/h4>\n<p>  Frauen nehmen diese Angriffe nicht einfach hin &#8211; sie leisten Widerstand.   Bei den Generalstreiks oder Streiks im &#214;ffentlichen Dienst in   Frankreich, Griechenland, Gro&#223;britannien, Spanien und anderen L&#228;ndern   haben Frauen entschlossen gegen die K&#252;rzungen gek&#228;mpft. Junge Frauen   sind an vorderster Front bei Jugend- und Studierendenbewegungen wie den   &#8222;Emp&#246;rten&#8220; oder der Occupy-Bewegung beteiligt. Und auch, unter   schwierigen Bedingungen, bei den Massenbewegungen in &#196;gypten und   Tunesien.<\/p>\n<p>  Der Protest in Italien war eine spontane Bewegung von Frauen   unterschiedlichen Hintergrunds gegen das sexistische Verhalten des   damaligen Ministerpr&#228;sidenten Berlusconi und die sexistische Kultur in   der italienischen Gesellschaft im allgemeinen. Gegen diese sexistische   Kultur richten sich auch die Slutwalks &#8211; Bewegungen junger Frauen in   vielen verschiedenen L&#228;ndern &#8211;, die als Reaktion auf die &#196;u&#223;erungen   eines kanadischen Polizisten entstanden sind. Dieser hatte behauptet,   dass Frauen mit ihrer Kleidung zu Vergewaltigungen beitragen w&#252;rden.   Eine neue Generation von Frauen steht auf, um die Errungenschaften   fr&#252;herer Generationen zu verteidigen. Das ist eine positive Entwicklung.<\/p>\n<h4>  Manche Feministinnen meinen, dass M&#228;nner von der Frauenunterdr&#252;ckung   profitieren. Was ist deine Position dazu? Wie k&#246;nnen wir darum k&#228;mpfen,   die Situation von Frauen zu verbessern?<\/h4>\n<p>  Die kapitalistische Gesellschaft profitiert von der Unterdr&#252;ckung der   Frau. Werden Besch&#228;ftigte in M&#228;nner und Frauen gespalten, ist es f&#252;r die   Unternehmer einfacher, niedrigere L&#246;hne zu bezahlen und die   Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Wenn sich Frauen zu Hause um   Kinder, alte Menschen und Menschen mit Behinderung k&#252;mmern, spart der   Kapitalismus Milliarden, die sonst f&#252;r Leistungen der &#246;ffentlichen   Daseinsvorsorge ausgegeben werden m&#252;ssten. Wenn Frauen als minderwertige   Sexobjekte dargestellt werden, wird ihr Selbstbewusstsein geschw&#228;cht und   ein Keil zwischen M&#228;nner und Frauen getrieben. Das erschwert den   gemeinsamen Widerstand.<\/p>\n<p>  Die meisten derer, die in der Gesellschaft Macht innehaben, sind M&#228;nner.   Das ist aber nicht immer der Fall. Wie ihr in Deutschland nur zu gut   wisst, gibt es auch prokapitalistische Politikerinnen, die f&#252;r brutale   K&#252;rzungspakete eintreten. In der kapitalistischen Gesellschaft werden   auch M&#228;nner ausgebeutet, um f&#252;r eine kleine Elite Profite zu   erwirtschaften.<\/p>\n<p>  Es ist deshalb wichtig, dass sich Frauen im Betrieb, in Gewerkschaften,   sozialen Bewegungen und politischen Organisationen mit m&#228;nnlichen   Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen zusammenschlie&#223;en, um f&#252;r ihre Rechte zu   k&#228;mpfen und das kapitalistische System insgesamt in Frage zu stellen.   Nur so kann f&#252;r Frauen und M&#228;nner die Befreiung von Ausbeutung und   Unterdr&#252;ckung erreicht werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Christine Thomas, Autorin des Buches &#8222;Es muss nicht<br \/>\n      bleiben, wie es ist&#8220;. 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