{"id":14645,"date":"2012-02-02T00:00:00","date_gmt":"2012-02-01T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14645"},"modified":"2012-06-24T16:30:25","modified_gmt":"2012-06-24T14:30:25","slug":"14645","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/02\/14645\/","title":{"rendered":"Die Bergarbeiter sind die Vorhut der Arbeiterbewegung in Albanien"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Arber Zaimi. Die Fragen stellte Max Brym<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Immer wieder tauchen Kurzmeldungen in der westlichen Presse &#252;ber   streikende Bergarbeiter in Albanien auf. Sogar &#252;ber tote Bergarbeiter   wird berichtet. Was steckt dahinter?<\/h4>\n<p>  Ja &#8211; die Bergarbeiter sind die klassische Vorhut der albanischen   Arbeiterbewegung. Im Jahr 1991 streikten sie gegen die stalinistische   Diktatur. In den Jahren 1995 und 1996 streikten die Bergarbeiter gegen   die neue kapitalistische Ausbeutung. Die damalige Regierung unter   Berisha investierte nichts in die Bergbauanlagen, speziell meine ich die   Bergarbeiterhochburg Bulyziza. Immer wieder fand man tote Bergarbeiter   in den maroden Stollen. Damals gab es viele militante K&#228;mpfe gegen die   Polizeieinheiten. Es ging um zumutbare Arbeitspl&#228;tze, um mehr Lohn und   Widerstand gegen die angek&#252;ndigte Privatisierung.<\/p>\n<h4>  O.k., das war damals. Wie ist die Situation heute?<\/h4>\n<p>  Vor sechs Jahren wurden die reichen Minen in Bulyziza privatisiert.   Eigent&#252;mer wurde die deutsche Firma &#8220;ACR- Deco Metal&#8220;. Die   Haupteigent&#252;merin ist Frau Rohtraut aus M&#252;nchen-Gr&#252;nwald. Durch die   Privatisierung wurde alles noch schlechter. Das Arbeitstempo nahm zu,   Kollegen wurden entlassen und die L&#246;hne f&#252;r die verbliebenen Arbeiter   stagnierten. Die Sicherheit im Bergwerk verschlechterte sich weiter.   Immer wieder starben Minenarbeiter wegen der fehlenden Investitionen in   den Sicherheitsbereich der Mine. Die L&#246;hne der Arbeiter erreichten meist   keine 300 Euro im Monat. Nach der Meinung unterschiedlicher Experten ist   dies ein Armutslohn. Im Januar und Juli 2011 platzte den Arbeitern dann   endg&#252;ltig der Kragen.<\/p>\n<h4>  Was geschah in diesen Monaten 2011?<\/h4>\n<p>  Im Januar 2011 streikten die Bergarbeiter f&#252;r eine Lohnerh&#246;hung von 20 %   und f&#252;r mehr Sicherheit in den Minen. Nach einigen Wochen gab es von   Frau Rohtraut entsprechende Zusagen und der Streik wurde abgebrochen.   Die Bergarbeiter veranstalteten damals auch einen Marsch durch die   Hauptstadt Tirana. Die Bergarbeiter verf&#252;gen &#252;ber den Vorteil, eine   unabh&#228;gige Gewerkschaft zu haben. In den meisten Betrieben in Albanien   gibt es keine wirklichen Gewerkschaften. Die meisten existierenden   Gewerkschaften sind nur Unterabteilungen der Demokratischen Partei (DP)   oder der Sozialistischen Partei (SP) und damit der Privatisierung und   den Clans verpflichtet. Frau Rohtraut brach alle Zusagen von Januar   2011, woraufhin es im Juli zu Streiks und zu einer wochenlangen   Besetzung der Mine kam. Die Lage in der Bergarbeiterstadt Bulyziza hatte   explosiven Charakter.<\/p>\n<h4>  Was hei&#223;t das konkret?<\/h4>\n<p>  Die Bergarbeiter streikten, vor dem Zugang zur Mine wurden Barrikaden   errichtet und einige Arbeiter schlossen sich in der Mine ein. Sie   begannen einen dramatischen Hungerstreik. Die Bewohner der   Bergarbeiterstadt mit circa 13.000 Menschen errichteten nach zwei Wochen   Streik Kontrollstellen f&#252;r den Zugang in die Stadt. Frau Rohtraut lie&#223;   sich nicht mehr blicken. Sie erwirkte aber ein Gerichtsurteil gegen den   Streik und die Besetzung der Mine. Umgehend gewann der Konflikt an   Sch&#228;rfe.<\/p>\n<p>  Die Berisha-Regierung richtete an die Streikenden den Appell, ihre   Aktion zu beenden. Ende Juli wurde bei Nacht und Nebel Spezialpolizei   geschickt. Die Spezialpolizei verletzte hunderte von Bewohnern in der   Stadt, gewaltsam wurde der Zugang zur Mine freigepr&#252;gelt. Mittels mieser   Tricks kamen getarnte Spezialpolizisten zu den Hungerstreikenden unter   der Erde. Die Kollegen wurden von der Berisha-Polizei brutal misshandelt.<\/p>\n<p>  Die Arbeiter erkl&#228;rten nach dem Streik, im April 2012 neuerlich in den   Streik treten. Ihre Forderungen nach mehr Lohn und Sicherheit am   Arbeitsplatz bleiben gleich. Allerdings appellieren die Arbeiter aus   Bulyziza an die anderen Sektoren der Arbeiter, ebenfalls in den Streik   im gesamten Land zu treten.<\/p>\n<h4>  Also in den Generalstreik?<\/h4>\n<p>  Ja, aber ob es dazu kommt, ist nicht sicher. Wir vom Institut Antonio   Gramsci unterst&#252;tzen eine gesamt-albanische Streikbewegung oder einen   Generalstreik. Alle Arbeiter in Albanien haben ausreichende Gr&#252;nde zu   rebellieren. Es gibt jeden Tag in Albanien irgendwo einen Streik. Das   Problem ist der mangelnde Kontakt zwischen den Arbeitern auf nationaler   Ebene. Wir ben&#246;tigen im gesamten Land wirkliche Gewerkschaften   unabh&#228;ngig von den Clans. Die Bergarbeiter aus Bulyziza sind wirklich   entschlossen. Wir m&#252;ssen in Albanien die Arbeiterbewegung reaktivieren.<\/p>\n<h4>  Arbeiterbewegung reaktivieren &#8211; was hei&#223;t das?<\/h4>\n<p>  In Albanien gibt es zwei gro&#223;e Parteien, die sind beide f&#252;r die   Privatisierung. Auch die Sozialistische Partei ist keine Arbeiterpartei.   Jetzt in der Opposition schlagen sie einiges zugunsten der Massen vor.   Ihre grunds&#228;tzliche Ausrichtung ist jedoch auf die Privatisierung   unseres Reichtums fixiert. In der SP geben, genauso wie in der Partei   von Berisha PD, Gesch&#228;ftsleute den Ton an. Eine linke Massenpartei gibt   es nicht.<\/p>\n<h4>  Der Aufbau einer solchen Partei w&#228;re doch eine M&#246;glichkeit?<\/h4>\n<p>  Ja, wenn es in der SP zu weiteren Differenzierungen kommt. Es gibt   innerhalb der SP einige, welche mit dem Gedanken spielen, nach dem   Vorbild aus Deutschland eine Linkspartei zu schaffen.<\/p>\n<h4>  W&#228;rt ihr da vom Institut Antonio Gramsci dabei?<\/h4>\n<p>  Ich glaube ja, aber momentan ist unser konkretes Vorhaben in Albanien,   wirkliche Gewerkschaften zu installieren. Dies wird begleitet von der   Gr&#252;ndung von politischen linken Gruppen im ganzen Land. Nat&#252;rlich   brauchen wir in Albanien mittelfristig eine revolution&#228;re Partei. Diese   kann durch verschiedene Wege erreicht werden.<\/p>\n<h4>  Erz&#228;hl uns noch was zur Lage der Arbeiterklasse in Gesamt-Albanien.<\/h4>\n<p>  Es gibt einen gesetzlichen Mindestlohn in Albanien in der H&#246;he von   umgerechnet 150 Euro pro Monat. Dieser Armutslohn wird aber nur selten   in den privatisierten Ausbeutungsh&#246;hlen bezahlt. Die italienischen   Textilkapitalisten verlagerten viel Kapital nach Albanien. Haupts&#228;chlich   werden dort Frauen f&#252;r 70 Euro pro Monat besch&#228;ftigt. Der Arbeitstag   betr&#228;gt meist 12 Stunden. Nach ein bis zwei Jahren sind die H&#228;lfte der   Frauen und M&#228;dchen kaputt. Sie erhalten oft keine Handschuhe und sind   ungesch&#252;tzt den chemischen Stoffen ausgesetzt. Die Betriebe genie&#223;en den   Status der diplomatischen Immunit&#228;t. Ihnen wurde dies vor der   Investition in Albanien zugesagt. Ergo kein Arbeitsschutz und keine   Kontrolle bez&#252;glich der Arbeitsbedingungen und der Umweltverschmutzung.   Offiziell sind etwas mehr als 30 % der Menschen arbeitslos.<\/p>\n<p>  Die Statistik m&#252;sste jetzt sprunghaft ansteigen, denn unsere   Arbeiterklasse war bis vor kurzem in ihrer Masse im Billiglohnbereich   Griechenlands besch&#228;ftigt. Die Krise in Griechenland treibt die Menschen   jetzt zur&#252;ck. Mittellos erwarten sie hier neue Arbeitspl&#228;tze durch   weitergehende Privatisierungen in Albanien. Dieses Warten ist   vergeblich, denn jede Privatisierung vernichtete Arbeitspl&#228;tze.<\/p>\n<h4>  Was soll in n&#228;chster Zeit privatisiert werden, was lockt ausl&#228;ndisches   Kapital nach Albanien?<\/h4>\n<p>  Albanien hat sehr viele Rohstoffe. Hier gibt es sogar &#214;l. In Albanien   existieren gro&#223;e Wasserf&#228;lle mit der M&#246;glichkeit zur Stromerzeugung. Die   ausl&#228;ndischen Kapitalisten zahlen hier keine Steuern auf ihre Gewinne,   letztere k&#246;nnen sie frei transferieren. Vom Armutslohn und den fehlenden   Sozialabgaben habe ich bereits berichtet.<\/p>\n<p>  Grunds&#228;tzlich ist unser Land sehr reich und alles ist gegen Bakschisch   auf Kosten der Bev&#246;lkerung g&#252;nstig zu erwerben. Albanien hat zusammen   mit Kosova die drittgr&#246;&#223;ten Chromvorkommen der Welt. Die Kapitalisten   stehen also Schlange, um zu rauben und auszubeuten. In Vlora will ein   italienisches Konsortium ein Atomkraftwerk errichten. Dagegen formiert   sich massiver Widerstand. Die herrschende politische Kaste um Sali   Berisha feiert dieses Vorhaben jedoch als einen Schritt in Richtung   Europa.<\/p>\n<h4>  Was k&#246;nnen wir tun, um euch zu helfen?<\/h4>\n<p>  Macht die Zust&#228;nde in Albanien bekannt. Wir ben&#246;tigen dringend   internationale Solidarit&#228;t. Besucht uns mit Gewerkschaftsaktivisten und   linken Abgeordneten aus Europa im April 2012. Die Bergarbeiter in der   Bergarbeiterstadt Bulyziza wollen ab April bis zum Ende streiken. Es   besteht die M&#246;glichkeit, dass sich der Streik auf andere Sektoren   ausdehnt, vielleicht erleben wir es einen Generalstreik f&#252;r h&#246;here   L&#246;hne, Arbeitszeitverk&#252;rzungen und f&#252;r den Abgang der Regierung.<\/p>\n<p>  Anmerkung: Arber Zaimi ist Mitglied des Instituts Antonio Gramsci in   Tirana. Die Organisation gibt die Zeitung &#1046;azettaw w&#246;chentlich heraus.   In der Zeitung steht sehr viel Konkretes zur Lage in Albanien. Daneben   gibt es viele Berichte &#252;ber internationale Proteste. Die Zeitung hat   auch einen umfassenden Theorieteil mit Artikeln u.a. von Slavjo Zizek.   Das Institut greift den Namen einer italienischen Partisanenbrigade im   zweiten Weltkrieg auf. Die Brigade f&#252;hrte den Namen Antonio Gramsci.   Zudem war der marxistische italienische Theoretiker Gramsci albanischer   Abstammung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Arber Zaimi. 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