{"id":14640,"date":"2012-01-27T00:00:00","date_gmt":"2012-01-26T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14640"},"modified":"2012-06-08T20:31:10","modified_gmt":"2012-06-08T18:31:10","slug":"14640","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/01\/14640\/","title":{"rendered":"Kasachstan: &#8222;Die Heuchelei ist unertr&#228;glich&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Andrej Hunko, Bundestagsabgeordneter der LINKEN<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Andrej Hunko hat die Parlamentswahlen in Kasachstan am 15. Januar   beobachtet. Das Interview wurde gef&#252;hrt von Christoph W&#228;lz.<\/b><\/p>\n<h4>  Andrej, du hast die Parlamentswahlen in Kasachstan beobachtet. Dabei   warst du auch in Schanaosen, wo Polizei und Milit&#228;r einen Monat zuvor   ein Blutbad unter streikenden &#214;l-ArbeiterInnen angerichtet haben. Was   waren deine Eindr&#252;cke in dieser Region?<\/h4>\n<p>  Die Stadt ist nach wie vor abgeriegelt von der Au&#223;enwelt. Wenn man von   au&#223;en kommt, trifft man auf Milit&#228;rsperren. Selbst Wahlbeobachter der   OSZE aus der benachbarten Stadt Aktau werden nicht nach Schanaosen   gelassen. Als Wahlbeobachter des Europarats bekamen wir eine   Sondergenehmigung. Wir waren am Wahltag von 14 bis 17 Uhr in der Stadt   und haben f&#252;nf Wahllokale besucht. Schanaosen ist eine reine   Arbeiterstadt. Das Klima ist unglaublich hart. Es bl&#228;st ein brutaler   Steppenwind. Auf der Stra&#223;e kann man es nicht lange aushalten.<\/p>\n<p>  Der &#228;u&#223;ere Eindruck in der Stadt war, dass alles ruhig ist. Es waren   keine Spannungen zu bemerken. Auf den Stra&#223;en patrouillieren viele   Polizisten und Soldaten. Man sieht immer wieder ganze Hundertschaften.<\/p>\n<p>  Ich habe mir den zentralen Platz angesehen, auf dem am 16. Dezember nach   Regierungsangaben 17 Menschen, nach Gewerkschaftsangaben etwa 70   Menschen erschossen wurden. Die Stellen, an denen Menschen verblutet   sind, wurden ges&#228;ubert. Um den Platz herum sind zwei abgebrannte H&#228;user   zu sehen. Die Regierung behauptet, die Streikenden h&#228;tten 41 H&#228;user   abgebrannt. Das ist aus meiner Sicht &#252;berhaupt nicht nachzuvollziehen.<\/p>\n<h4>  Dutzende wurden erschossen, Hunderte verletzt, Hunderte gefoltert &#8211; Was   sagen die M&#228;chtigen zu den Vorw&#252;rfen?<\/h4>\n<p>  Ich habe mit dem Generalstaatsanwalt gesprochen. Ich wollte wissen, auf   welcher Ebene der Schie&#223;befehl gegeben wurde und warum entschieden   wurde, scharfe Munition einzusetzen. Er meinte, es h&#228;tte in 20 Jahren   Unabh&#228;ngigkeit noch keinen vergleichbaren Fall gegeben. Die lokalen   Einheiten w&#228;ren &#252;berfordert gewesen und h&#228;tten &#252;berreagiert. Sie h&#228;tten   dann nichts anderes als scharfe Munition zur Hand gehabt.<\/p>\n<p>  An dieser Version habe ich aber ganz starke Zweifel. Denn alle   Menschenrechts-organisationen, mit denen ich gesprochen habe, sagen,   dass die brutale Unterdr&#252;ckung dieser friedlichen Demonstration der   &#214;l-ArbeiterInnen von der Zentralregierung ausging.<\/p>\n<p>  Das muss nicht hei&#223;en, dass Nasarbajew pers&#246;nlich verantwortlich ist.   Denn es gibt auch unterschiedliche Tendenzen innerhalb des   Machtapparats. So hat Nasarbajew nach dem 16. Dezember seinen   Schwiegersohn Timur Kulibajew entlassen, der zuvor an der Spitze des   &#214;l-Konzerns KazMunaiGaz stand und den Streiks der ArbeiterInnen mit   harter Hand begegnete. Nasarbajew hat den ArbeiterInnen angeboten, sie   wieder einzustellen. Es gibt also keine einheitliche Linie. Der   Pr&#228;sident sieht die Ereignisse wohl als nicht vorteilhaft f&#252;r sein Image   im Ausland an.<\/p>\n<h4>  Wie sollte mit dem Massaker jetzt umgegangen werden?<\/h4>\n<p>  Es muss unbedingt eine unabh&#228;ngige Untersuchungskommission eingesetzt   werden, um die Ereignisse des 16. Dezembers und der Tage danach   aufzukl&#228;ren! Es gibt in Kasachstan vier Netzwerke, die solch eine   Untersuchung unabh&#228;ngig von der Regierung durchf&#252;hren wollen. Aber sie   werden nicht nach Schanaosen reingelassen.<\/p>\n<p>  Die offizielle Zahl von 17 Toten ist auf keinen Fall haltbar. Eine   unabh&#228;ngige Journalistin in Aktau berichtete mir, dass ihr eine einzige   Krankenschwester aus Schanaosen bereits von 23 Erschossenen erz&#228;hlte,   die sie selber gesehen hat. Nach wie vor gibt es viele Vermisste.<\/p>\n<p>  Auch die Anwendung von Folter muss untersucht werden. Folter wird in   Kasachstan nachweislich angewandt, nicht nur nach der Niederschlagung   der Gewerkschafts-demonstration. Menschenrechtsorganisationen haben zum   Beispiel auf einem <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=6BXqBt4s_Wc\">Video<\/a>   dokumentiert, dass ein junger Mann zu Tode gefoltert wurde.<\/p>\n<p>  Das alles kann nur eine unabh&#228;ngige Untersuchungskommission aufkl&#228;ren.   Bisher wird der Vorfall nur von der Regierung und vom amerikanischen FBI   untersucht, das der kasachischen Regierung seine &#8222;Hilfe&#8220; angeboten hat.<\/p>\n<p>  Was ich v&#246;llig abwegig finde, ist der Vorschlag von Viola von Cramon,   einer Bundestagsabgeordenten der Gr&#252;nen und Wahlbeobachterin in   Kasachstan, jetzt deutsche PolizistInnen nach Kasachstan zu schicken,   die dann dort wohl irgendwie zivilisierter auftreten sollen. Ich habe   von nicht einer Menschenrechtsorganisation in Kasachstan geh&#246;rt, dass   auch nur irgendwie in eine solche Richtung gedacht wird!<\/p>\n<h4>  Konntet ihr am Wahltag mit der &#246;rtlichen Bev&#246;lkerung ins Gespr&#228;ch kommen?<\/h4>\n<p>  Wir haben Menschen in den Wahllokalen angesprochen. Die Leiter der   Wahl-kommissionen zeigten sich immer regierungsnah. Leider gab es keine   M&#246;glichkeit, Gespr&#228;che mit Menschen zu f&#252;hren, die bereit gewesen w&#228;ren,   sich auch kritisch zu &#228;u&#223;ern. JournalistInnen in der Stadt Aktau   berichteten uns, dass kritische Menschen gezielt verhaftet werden, um   den Kontakt mit internationalen G&#228;sten zu verhindern. Schanaosen ist   nach wie vor im Ausnahmezustand. KritikerInnen werden aus dem Verkehr   gezogen.<\/p>\n<h4>  Wie lief die Wahl in Schanaosen ab?<\/h4>\n<p>  In den Wahllokalen machte alles einen normalen Eindruck. Die Wahl war   technisch perfekt organisiert. Es wurden gleichzeitig Abgeordnete f&#252;r   das nationale Parlament, wie auch f&#252;r Kommunal- und Regionalparlamente   gew&#228;hlt. Die Leute sind auch w&#228;hlen gegangen. Am Nachmittag wurde von   einer Wahlbeteiligung um die 50% berichtet. In Schanaosen ist beim   Wahlergebnis, das mir noch nicht vorliegt, zu ber&#252;cksichtigen, dass auch   etwa 3000 dort stationierte Soldaten und Polizisten aus anderen St&#228;dten   w&#228;hlen durften. Sie werden zum Wahlergebnis von Schanaosen gerechnet.   Hier ist von einer starken Unterst&#252;tzung f&#252;r die Regierungspartei &#8222;Nur   Otan&#8220; (Strahlendes Vaterland) von Pr&#228;sident Nasarbajew auszugehen.<\/p>\n<h4>  Waren die Wahlen &#8222;fair, frei und transparent&#8220;, wie Nasarbajew behauptet?<\/h4>\n<p>  Nein. Die Wahlen sind zwar professionell abgehalten worden. Aber die   H&#228;lfte der KandidatInnen wurde vorher gestrichen. Das wurde immer formal   begr&#252;ndet. Es gibt eine lange Liste formaler Anforderungen, die man als   KandidatIn erf&#252;llen muss. Da findet sich immer irgendeine   Unregelm&#228;&#223;igkeit, mit der man einen Ausschluss von den Wahlen begr&#252;nden   kann. Sei es die Kontoverbindung oder winzige Summen aus Rentenfonds,   die nicht angegeben wurden. Es gibt auch Sprachtests. Um kandidieren zu   k&#246;nnen, muss man Kasachisch beherrschen. In einem multi-nationalen Land   wie Kasachstan, in dem auch viele ethnische Russen leben, ist das ein   Problem.<\/p>\n<p>  Einen realen Pluralismus in den Wahlkommissionen gab es nicht. Hier   sa&#223;en offensichtlich nur VertreterInnen von &#8222;Nur Otan&#8220;. Au&#223;erdem wurden   kritische Parteien wie die Kommunistische Partei gar nicht erst zu den   Wahlen zugelassen. Es gab also de facto keine Alternative. Die Wahlen   waren nicht plural.<\/p>\n<p>  Nach der Wahl beklagte sich Nasarbajew, die WahlbeobachterInnen w&#252;rden   f&#252;r ihre Kritik bezahlt: &#8222;Wir werden keine Experten mehr einladen, die   unsere Wahlen kritisieren.&#8220; Wie kommt es dazu?<\/p>\n<p>  Offenbar passt ihm die scharfe Stellungnahme der OSZE nicht. Dass die   Kritik bezahlt w&#228;re, ist nat&#252;rlich Unsinn. Man muss sicherlich in der   Bewertung von Wahlbeobachtungen vorsichtig sein, da zum Teil wirklich   Interessen anderer Staaten dahinter stehen. Aber die Kernkritik teile   ich auch: die Wahlen k&#246;nnen nicht als demokratisch angesehen werden.   Nasarbajew versucht hier, sich der Kritik zu entziehen. Man kann nicht   erst WahlbeobachterInnen einladen und dann so reagieren. Kasachstan   hatte selbst den Vorsitz der OSZE inne. Diese Kritik ist also nicht   nachvollziehbar.<\/p>\n<p>  Nasarbajew wollte sich ein modernes und demokratisches Antlitz geben.   Sein Ziel war es, von einem Einparteien-Parlament zu einem   Mehrparteien-Parlament zu kommen&#8230;<\/p>\n<p>  Au&#223;er der Regierungspartei &#8222;Nur Otan&#8220;, die &#252;ber 80% der Stimmen bekam,   konnten zwei andere Parteien die Sieben-Prozent-H&#252;rde &#252;berspringen: die   wirtschaftsliberale Partei &#8222;Ak Schol&#8220; und die &#8222;Kommunistische   Volkspartei&#8220;. Alle BeobachterInnen haben best&#228;tigt, dass beide Parteien   als regierungsnah gelten. Das war auch mein Eindruck bei Gespr&#228;chen mit   Vertretern dieser Parteien.<\/p>\n<h4>  Konntest du auch mit tats&#228;chlichen Oppositionsparteien sprechen?<\/h4>\n<p>  Ja. Bei einem Briefing vor der Wahl sprachen auch VertreterInnen der   Kommunistischen Partei, die sich am kritischsten gegen&#252;ber der Regierung   &#228;u&#223;erten. Mit VertreterInnen der &#8222;Sozialistischen Bewegung Kasachstans&#8220;   konnte ich leider nicht sprechen.<\/p>\n<p>  Die Gr&#252;nde f&#252;r die Spaltung der fr&#252;heren Kommunistischen Partei sind   unklar. Ein Strategiepapier der deutschen Bundesregierung analysiert,   dass es der kasachischen Regierung gelungen sei, einen &#8222;Spaltpilz&#8220; in   die Opposition zu tragen und die KP zu spalten. Es gibt nun eine   regierungsfreundliche Partei, die im Parlament sitzt und mit der die   Regierung umgehen kann, und eine oppositionelle Kommunistische Partei,   die immer wieder kriminalisiert wird. Diese Spaltung ist eine klassische   Herrschaftsmethode.<\/p>\n<h4>  Du hast Natalja Sokolowa, die Anw&#228;ltin der &#214;l-ArbeiterInnen, im   Gef&#228;ngnis besucht. Wie geht es ihr?<\/h4>\n<p>  Sie ist soweit gesund und hat nach wie vor einen wachen Geist. Ihre   Kampf-bereitschaft ist nicht gebrochen. Die Haftbedingungen in Atyrau,   wo sie jetzt inhaftiert ist, sind wohl in Ordnung. Frau Sokolowa machte   keine Andeutungen in Richtung Folter oder Misshandlung. Zuvor in Aktau   soll es wohl nicht ganz so gut ausgesehen haben. Ich war der erste   Besucher au&#223;er ihrer Familie, der zu ihr gelassen wurde. Pers&#246;nlich hat   sie mich sehr beeindruckt. Sie ist hoch gebildet und spricht auch   flie&#223;end Englisch, was in Kasachstan eine Seltenheit ist.<\/p>\n<h4>  Wie kam es zu ihrer Inhaftierung?<\/h4>\n<p>  Anfangs war sie Personalchefin von KazMunaiGaz und wollte f&#252;r 4000   Besch&#228;ftigte geltendes kasachisches Recht anwenden. Demzufolge m&#252;ssen   n&#228;mlich ArbeiterInnen, die unter extremen klimatischen oder gef&#228;hrlichen   Bedingungen arbeiten, eine Zulage erhalten. Das wurde jedoch von der   Unternehmensleitung blockiert. Daraufhin lie&#223; Natalja Sokolowa ihren   Vertrag auslaufen und wechselte als Justitiarin auf die Seite der   Gewerkschaft, um zusammen mit den 3000 Gewerkschaftsmitgliedern die   Zulagen zu erk&#228;mpfen. Denn in der kasachischen &#214;l-Region sind die Preise   extrem hoch, viel h&#246;her als in Deutschland. Mit einem normalen   Arbeiterlohn kommt man kaum noch &#252;ber die Runden.<\/p>\n<p>  Die Bewegung ging zun&#228;chst am 8. Mai 2011 von einem Hungerstreik der   ArbeiterInnen aus und m&#252;ndete am 17. Mai in einen Vollstreik. Dabei   wurde der Streik zun&#228;chst noch von einem korrupten Gewerkschaftschef   &#252;berlagert, der im Interesse der Gesch&#228;ftsleitung auftrat und in die   eigene Tasche wirtschaftete.<\/p>\n<p>  Frau Sokolowa wurde dann f&#252;r das &#8222;Sch&#252;ren sozialer Konflikte&#8220; verhaftet   und am 8. August zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde am   26. September in zweiter Instanz best&#228;tigt und liegt nun dem Obersten   Gerichtshof vor.<\/p>\n<p>  Dass Natalja Sokolowa die Seiten gewechselt hat und dann auch konsequent   f&#252;r die Rechte der ArbeiterInnen eintrat, erkl&#228;rt, warum sie als einzige   aus dem Streik heraus f&#252;r das &#8222;Sch&#252;ren sozialer Konflikte&#8220; verurteilt   wurde. Dieser Passus wurde vorher nie angewandt. Erst f&#252;r sie hat man   ihn hervorgekramt, um ein Exempel zu statuieren.<\/p>\n<h4>  Ist eine Entlassung aus der Haft realistisch?<\/h4>\n<p>  Das kann ich schwer einsch&#228;tzen. Es gibt Anzeichen daf&#252;r, dass   Nasarbajew auf eine Entspannung der Lage setzt. Deshalb ist es m&#246;glich,   dass Sokolowa freigelassen wird, um die Angelegenheit aus der   internationalen Kritik herauszuhalten. Wichtig ist auf jeden Fall   internationale Solidarit&#228;t!<\/p>\n<h4>  Wie geht die deutsche Bundesregierung mit Verst&#246;&#223;en gegen Menschenrechte   in Kasachstan um?<\/h4>\n<p>  Kasachstan gilt f&#252;r die Bundesregierung als vorbildliches Land in der   Region, weil es &#8222;stabil&#8220; ist. Wenn Stabilit&#228;t herrscht, dann kann man   Vertr&#228;ge abschlie&#223;en und Rohstoffe abbauen, so das Kalk&#252;l von Merkel.   Die Regierung sieht zwar die Probleme bei der Menschenrechtslage, aber   Stabilit&#228;t hat oberste Priorit&#228;t. Man sorgt sich um eine Schw&#228;chung   Nasarbajews, weil er ein zuverl&#228;ssiger B&#252;ndnis-partner in der Region ist.<\/p>\n<p>  Au&#223;erdem gibt es geostrategische Interessen. Es wurde ein Abkommen mit   Kasachstan geschlossen, um den Krieg in Afghanistan f&#252;hren zu k&#246;nnen.   Denn &#252;ber Kasachstan laufen die Nachschubwege f&#252;r die ISAF-Truppen. Das   geht so nicht, ich finde diese Heuchelei unertr&#228;glich!<\/p>\n<p>  Ich sage ganz klar, dass bei dem momentanen Kurs der kasachischen   Regierung keine &#8222;Stabilit&#228;t&#8220; zu erwarten ist. Ohne demokratische und   soziale Rechte f&#252;r die Bev&#246;lkerung kann man nicht von wirklicher   Stabilit&#228;t sprechen.<\/p>\n<h4>  Welche Rolle spielen dabei wirtschaftliche Interessen?<\/h4>\n<p>  Die Bundesregierung will mit Kasachstan einen Vertrag &#252;ber Seltene Erden   abschlie&#223;en. Dieser Rohstoff ist wichtig f&#252;r die deutsche Industrie.   Deshalb kommt Nasarbajew am 8. Februar mit einer Wirtschaftsdelegation   nach Berlin, um ein Abkommen zu unterzeichnen. Sowohl die deutsche als   auch die kasachische Seite wollen den &#214;larbeiterstreik dabei   heraushalten.<\/p>\n<p>  Ich finde es unertr&#228;glich, dass Wirtschaftsvertr&#228;ge abgeschlossen werden   und Menschenrechtsfragen nur dann in Betracht gezogen werden, wenn ein   Verhandlungspartner im Widerspruch zu deutschen geostrategischen   Interessen steht!<\/p>\n<p>  Stellen wir uns vor, es w&#228;ren auf Kuba Dutzende von Menschen erschossen   worden! Man muss kein Castro-Freund sein, um sich vorzustellen, wie   jeden Abend die Bilder &#252;ber deutsche Fernseher geflimmert w&#228;ren. Aber in   den deutschen Medien hat das Massaker in Kasachstan am 16.12. erst ganz   allm&#228;hlich Widerhall gefunden.<\/p>\n<p>  Menschenrechtsorganisationen aus Kasachstan haben einen <a href=\"http:\/\/www.euractiv.de\/fileadmin\/images\/Declaration_Kazakhstan.pdf\">Appell<\/a>   an Merkel gestartet und sie aufgefordert, Nasarbajew nicht zu empfangen.<\/p>\n<p>  Damit solidarisiere ich mich. Mindestbedingungen f&#252;r Abkommen mit der   kasachischen Regierung m&#252;ssen die Freilassung Natalja Sokolowas und die   Einrichtung einer unabh&#228;ngigen Untersuchungskommission sein. Es w&#228;re ein   Skandal, wenn die Bundesregierung diese Fragen v&#246;llig ignorieren w&#252;rde.<\/p>\n<h4>  K&#246;nnt ihr als linke Abgeordnete Druck auf die Regierung aus&#252;ben?<\/h4>\n<p>  Das tun wir. Wir haben eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, die   auch ausf&#252;hrlich beantwortet wurde. Die Regierung betont momentan die   positiven Signale, die von Nasarbajew gekommen seien. Wir werden weiter   Druck machen und es wird sicher auch am 8. Februar Proteste geben.<\/p>\n<p>  Die kritische &#214;ffentlichkeit hat jetzt die M&#246;glichkeit, die Forderungen   an die Bundesregierung weiter zu verbreiten, sich an die kasachische   Botschaft zu wenden, sich mit AktivistInnen in Kasachstan zu   solidarisieren, Proteste f&#252;r den 8.2. vorzubereiten&#8230;<\/p>\n<h4>  Welchen Weg geht jetzt Kasachstan?<\/h4>\n<p>  Der 16. Dezember wird im Land als ein fundamentaler Einschnitt   empfunden. Das Datum hat eine gro&#223;e symbolische Bedeutung, nicht nur   weil am 16.12.1991 die Republik Kasachstan gegr&#252;ndet wurde. Bereits 1986   gab es an diesem Tag einen Aufstand gegen die sowjetische Herrschaft,   der niedergeschlagen wurde. Damals war Nasarbajew Vorsitzender des   Ministerrats des Kasachischen Sowjetrepublik&#8230;<\/p>\n<p>  Es gibt jetzt die gro&#223;e Sorge im Land, dass sich Kasachstan zu einer   harten Diktatur entwickelt, &#228;hnlich der zentralasiatischen Nachbarl&#228;nder   Turkmenistan und Tadschikistan. Momentan charakterisieren   MenschenrechtlerInnen vor Ort das Land als &#8222;soft-autorit&#228;r&#8220;. Die   Niederschlagung der friedlichen Demonstration in Schanaosen und die   versch&#228;rfte Folter sind Anzeichen daf&#252;r, dass das Regime in eine brutale   Diktatur umschlagen wird.<\/p>\n<h4>  Wie sieht die wirtschaftliche und soziale Lage aus?<\/h4>\n<p>  Die 2000er Jahre waren &#228;hnlich wie in Russland durch wirtschaftliche   Zuwachsraten von j&#228;hrlich etwa 10% gepr&#228;gt. Das floss zum Teil auch in   Sozialprogramme. Die soziale Ungleichheit ist gro&#223;, aber nach wie vor   kleiner als in Russland oder den USA. Das Regime hat sich bisher also   durchaus einen sozialdemokratischen Anstrich gegeben. Deshalb gibt es   nach wie vor auch Unterst&#252;tzung f&#252;r Nasarbajew. Diese Fakten muss man   sehen, um die Lage im Land verstehen zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Das &#228;ndert sich jetzt aber. Die Wahlen wurden vorgezogen. Und die   offizielle Begr&#252;ndung des Regimes daf&#252;r war, dass 2012 die   Wirtschaftskrise &#252;ber Kasachstan hereinbrechen wird. Deshalb m&#252;sse man   noch vorher die Zusammensetzung des neuen Parlaments kl&#228;ren.<\/p>\n<h4>  Wirtschaftskrise und &#214;larbeiterstreiks &#8211; Droht dem Nasarbajew-Regime   eine &#228;hnliche Entwicklung wie in den arabischen L&#228;ndern?<\/h4>\n<p>  Es gibt &#228;hnliche Tendenzen, aber die sind noch nicht so weit   fortgeschritten wie in Tunesien oder &#196;gypten. Das Regime verf&#252;gt immer   noch &#252;ber eine gr&#246;&#223;ere Legitimit&#228;t als zum Beispiel Mubarak in &#196;gypten   vor der Revolution.<\/p>\n<p>  Man muss aber auch sehen, dass sich die &#214;larbeiterstreiks auch gegen das   internationale &#214;l-Kapital richten. In Atyrau zum Beispiel haben sich   alle gro&#223;en &#214;l-Konzerne niedergelassen. Manche haben eine eigene kleine   Stadt f&#252;r ihre MitarbeiterInnen aufgebaut und schotten sich darin ab.   Die Preise dort sind extrem hoch, auch aufgrund der Pr&#228;senz der   &#214;l-Konzerne.<\/p>\n<h4>  Vielen Dank f&#252;r das Gespr&#228;ch!<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Andrej Hunko, Bundestagsabgeordneter der LINKEN\n    <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[268],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14640"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14640"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14640\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14640"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14640"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14640"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}