{"id":14639,"date":"2012-01-26T16:00:00","date_gmt":"2012-01-26T16:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14639"},"modified":"2012-01-26T16:00:00","modified_gmt":"2012-01-26T16:00:00","slug":"14639","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/01\/14639\/","title":{"rendered":"Jahrestag der &#196;gyptischen Revolution &#8211; Massen auf dem Tahrir-Platz"},"content":{"rendered":"<p>  Augenzeugenbericht aus Kairo<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Kairo, 25.1.2012: Al Jazeera berichtete von einer unz&#228;hlbaren   Menschenmasse am Tahrir-Platz, der im Januar 2011 zum Symbol der   Revolution gegen das Mubarrak-Regime wurde. Seit den fr&#252;hen   Morgenstunden marschierten Menschen aus allen Teilen der Megacity zum   Tahrir-Platz (dessen Name im Arabischen &#8216;Befreiung&#8217; bedeutet). Um die   Mittagszeit war der Platz so voll, dass es unm&#246;glich war, ihn vom einen   zum anderen Ende zu &#252;berqueren. Und nun &#8211; sp&#228;ter Nachmittag in Kairo &#8211;   sind es noch mehr Demonstrationsz&#252;ge aus den abgelegeneren Teilen der   Stadt. Viele der DemonstrantInnen, mit denen ich gesprochen habe, sagten   dass es heute mehr Menschen sind als am H&#246;hepunkt der Revolution letztes   Jahr. Aber zur&#252;ck zum Anfang: dem Beginn des ersten Jahrestages der   Revolution. <\/p>\n<h4>  <i>von einem Korrespondenten aus Kairo<\/i><\/h4>\n<p>  Die Stimmung am Tag davor war angespannt und nerv&#246;s. Menschen standen   bei den Bankomaten an, um Geld abzuheben und deckten sich mit Essen f&#252;r   mehrere Tage ein. Die Fenster von Gesch&#228;ften und Restaurants nahe des   Tahrir-Platzes waren mit Holz und Metall verbarrikadiert. Die Stra&#223;en in   den Regierungsbezirken waren mit Stacheldraht und mannhohen Steinmauern   blockiert. Aber weder die Polizei noch die Armee waren auf der Stra&#223;e.   Ich fragte einige Menschen, die um Geldbehebungen anstanden, warum sie   das t&#228;ten. Sie antworten: &#8220;Man wei&#223; nicht, ob sie nicht wieder die   Bankomaten ausschalten wie letztes Jahr&#8221;.<\/p>\n<p>  Als ich vor einer Woche in Kairo ankam, erkl&#228;rten die   Milit&#228;rf&#252;hrerInnen, dass sie keine &#8220;zweite Revolution&#8221; zulassen w&#252;rden   und dass sie der Polizei erlauben w&#252;rden, wenn n&#246;tig, scharfe Munition   zu verwenden. Kurz danach publizierten sie ihre Pl&#228;ne die Revolution zu   &#8220;feiern&#8221;: Eine gro&#223;e Feier am Tahrir-Platz inklusive Milit&#228;rparade. Aber   die Menschen in &#196;gypten haben darauf reagiert: Sie haben klargemacht,   dass sie selbst demonstrieren w&#252;rden und dass die Armee nicht willkommen   sei.<\/p>\n<p>  Gestern Abend war der Platz mit zehntausenden von Menschen gef&#252;llt &#8211;   trotz heftigem Regen, Wind und K&#228;lte. Die Stimmung auf der Demonstration   war gro&#223;artig &#8211; eine stolze Demonstration der Freude dar&#252;ber, Teil   dieser inspirierenden Bewegung zu sein. Die Menschen schrien sich die   Wut &#252;ber das Milit&#228;rregime von der Seele, das sich immer noch an die   Macht klammert. Dieser Abend war ein Test f&#252;r die Bewegung &#8211; w&#252;rde sie   es schaffen genug Menschen zu mobilisieren? Die Antwort war ein klares   Ja!<\/p>\n<p>  Heute Morgen wurde ich von den Spr&#252;chen der DemonstrantInnen geweckt &#8211;   Tausende &#252;bernachteten auf dem Tahrir-Platz. Millionen von Menschen   str&#246;men seitdem auf den Platz &#8211; eine Mischung aus Party und   Demonstration. Stra&#223;enverk&#228;uferInnen verkaufen Fahnen, Buttons wie auch   Zigaretten, Tee und Essen. Die Menschen feiern ihr &#8220;freies &#196;gypten&#8221;.   Aber gleichzeitig verlangen sie das Ende des Milit&#228;rregimes. Wirklich   laut wurde es, als sie &#8220;Nieder mit Tantawi&#8221; und &#8220;Nieder mit dem Milit&#228;r&#8221;   skandierten &#8211; ein &#252;berw&#228;ltigender Chor. Ich habe bislang noch keine   Demonstration von dieser Gr&#246;&#223;e und Lautst&#228;rke erlebt.<\/p>\n<p>  In den Blogs und den &#228;gyptischen Medien konnte ich einige Berichte aus   anderen Teilen von Kairo finden. In Dokki, einer Gegend in Giza auf der   anderen Seite des Nils, wartet noch eine Demonstration von mehreren   zehntausend Menschen darauf, sich in Richtung Tahrir-Platz zu bewegen &#8211;   die Br&#252;cken &#252;ber den Fluss sind verstopft vor lauter DemonstrantInnen.   Es gibt au&#223;erdem mehrere Demonstrationen in den s&#252;dlichen Teilen Kairos   &#8211; jede mehrere Tausende stark &#8211; die den Tahrir-Platz nicht erreichen   konnten &#8211; weil die Stra&#223;en voller DemonstrantInnen sind.<\/p>\n<p>  Und wo sind Armee und Regierung? Sie akzeptieren offensichtlich, dass   sie diesen Tag nicht f&#252;r sich reklamieren k&#246;nnen. Nicht ein einziger   Polizist oder Armeeoffizier hat sich auf den Tahrir-Platz oder in dessen   N&#228;he gewagt. Als ich vor einigen Stunden vor Ort war, konnte ich nur   eine kleine Handvoll Polizisten auf den blockierten Stra&#223;en in der N&#228;he   des Parlaments finden. Die Regierung hat entschieden nicht an den Feiern   teilzunehmen &#8211; alles was sie tun ist, Autos mit Trinkwasser und einige   Rettungsw&#228;gen zur Verf&#252;gung zu stellen.<\/p>\n<p>  Die &#228;gyptischen Medien berichten, dass mehr als eine halbe Million   Menschen durch Alexandria marschieren und Zehntausende in Suez   demonstrieren. Berichte aus Port Said besagen, dass die ganze Stadt auf   der Stra&#223;e sei. In jeder gr&#246;&#223;eren Stadt des Landes gibt es   Demonstrationen.<\/p>\n<p>  Die westlichen Medien berichten, dass es eine Spaltung g&#228;be, zwischen   jenen, die eine zweite Revolution verlangen und jenen, die Parteien wie   die Muslim Br&#252;der unterst&#252;tzen. Ja, es gibt eine ganze Reihe an   unterschiedlichen Str&#246;mungen in dieser Bewegung, aber eines zeigt sich   ganz deutlich: Die &#196;gypterInnen sind der Revolution nicht m&#252;de &#8211; sie   sind immer noch gewillt f&#252;r die Sache, f&#252;r die sie gek&#228;mpft haben, zu   demonstrieren.<\/p>\n<p>  Ahram Online, ein gro&#223;es Internet-Newsportal in Kairo, berichtet gerade,   dass die Stra&#223;en in der Innenstadt von Kairo voller Menschen sind, mit   vielen Spr&#252;chen gegen das Milit&#228;rregime. Auch Menschen die in   Stra&#223;encaf&#233;s sitzen schlie&#223;en sich an.<\/p>\n<p>  Die Muslim Br&#252;der haben ihre Mitglieder aufgerufen, heute Abend nach   Hause zu gehen, um zu demonstrieren, dass sie eine Wiederbesetzung des   Platzes, wie von der sogenannten &#8220;revolution&#228;ren Jugend&#8221; gefordert,   nicht unterst&#252;tzen. Es ist nun 19.00 in Kairo und der Platz platzt immer   noch aus allen N&#228;hten &#8211; immer noch treffen Demonstrationsz&#252;ge ein.<\/p>\n<p>  Die sogenannten &#8220;Salafisten&#8221; wurden aus mehreren Demonstrationen   rausgeschmissen &#8211; von w&#252;tenden Jugendlichen, besonders in Alexandria.   Hier am Tahrir-Platz konnte ich nur ein paar von ihnen finden. Gestern   Abend gab es ein paar Hunderte die &#8220;Alla al Akbah&#8221; skandierten, aber nur   f&#252;r ein paar Minuten, dann folgte ein machtvolles &#8220;Nieder mit Tantawi&#8221; &#8211;   quasi als Antwort auf die Frage, wof&#252;r die Menschen wirklich   demonstrieren w&#252;rden.<\/p>\n<p>  Heute ist die Stimmung in Kairo voller Freude, aber den meisten Menschen   hier ist klar, dass die Revolution noch einen weiten Weg vor sich hat.   Der n&#228;chste Schritt in ihren Augen ist es, die Milit&#228;rf&#252;hrerInnen los zu   werden, die so viele ihrer alten Privilegien wie m&#246;glich retten wollen.   Aber die soziale Frage &#8211; Jobs, Wohnen, Gesundheit wie auch die   fundamentale Frage &#8220;Wer hat denn eigentlich meinen Chef gew&#228;hlt?&#8221; oder   &#8220;Warum w&#228;hlen wir eigentlich unsere Manager nicht?&#8221; tritt mehr und mehr   in den Vordergrund.<\/p>\n<p>  Der bekannte Autor Aymann El Sayyad twitterte heute: &#8220;Ich erinnere alle   Medien daran, dass sie genau sein m&#252;ssen &#8211; wir feiern nicht den ersten   Jahrestag der Revolution, wir beleben die Revolution wieder! H&#246;rt euch   die Slogans und Demo-Spr&#252;che genau an!&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Augenzeugenbericht aus Kairo\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14639"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14639"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14639\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14639"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}