{"id":14631,"date":"2012-01-21T00:00:00","date_gmt":"2012-01-21T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14631"},"modified":"2012-01-21T00:00:00","modified_gmt":"2012-01-21T00:00:00","slug":"14631","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/01\/14631\/","title":{"rendered":"&#8222;Die freie Marktwirtschaft geht &#252;ber Leichen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Katja F. &#252;ber den Brustimplantate-Skandal<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Frage: Du hast vor 5 Jahren Brustimplantate eingesetzt bekommen. Hat man   Dich damals auf Gefahren und Risiken aufmerksam gemacht?<\/h4>\n<p>  Antwort: Ja, das geschah im Rahmen der Operationsvorbereitungen. Ich   wurde auf die allgemein &#252;blichen und bekannten Risiken hingewiesen &#8211;   nat&#252;rlich nicht darauf, dass der Inhalt eventuell aus gef&#228;hrlichem,   giftigen oder krebserregenden Stoffen bestehen kann.<\/p>\n<p>  Ich hoffe, das hatte damals niemand geahnt.<\/p>\n<h4>  F: Als der Skandal in Frankreich bekannt wurde und dort schnell alle   betroffenen Frauen aufgefordert wurden, sich die Implantate der Firma   PIP herausnehmen zu lassen, haben die deutschen zust&#228;ndigen Stellen erst   einmal gez&#246;gert. Wie hast du diese Informationspolitik empfunden?<\/h4>\n<p>  A: Ich war verwirrt und ziemlich ratlos, und das bin ich teils immer   noch.<\/p>\n<p>  Vor mehreren Monaten erhielt ich ein Schreiben von der Essener Uniklinik   &#8211; dort wurde der Eingriff vorgenommen &#8211; in dem mir mitgeteilt wurde,   dass ich m&#246;glicherweise zu einem Kreis von Patientinnen geh&#246;re, denen   unter Umst&#228;nden vielleicht Implantate einer gewissen Firma eingesetzt   wurden, die nicht 100%ig einer bestimmten Norm entsprechen. Das   Schreiben war vor allem seiner Schwammigkeit wegen beunruhigend.<\/p>\n<p>  Es teilte im Prinzip mit, das etwas Schlechtes geschehen sein k&#246;nnte,   aber da nichts sicher ist, solle man einfach locker bleiben.<\/p>\n<p>  Erst als bei uns vor kurzer Zeit die Wellen h&#246;her schlugen, begriff ich,   dass ich ernsthaft betroffen sein k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Ich bem&#252;he mich seit knapp zwei Wochen um einen L&#246;sung, einen Austausch   der Implantate, habe jedoch in diesem Augenblick (20. Januar) noch keine   Zusage zur Kosten&#252;bernahme.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich w&#252;rde ich einerseits gerne jeden weiteren operativen Eingriff   vermeiden, andererseits m&#246;chte ich nat&#252;rlich erst Recht keine   schwerwiegende Krankheit erleiden oder gar wegen dieser Sache sterben.<\/p>\n<p>  Eine uneigenn&#252;tzige, ehrliche Beratung zu bekommen, war definitiv nicht   einfach.<\/p>\n<h4>  F: Mittlerweile gibt es auch hier die Aufforderung, die Implantate   entfernen zu lassen. Krankenkassen sagen, dass sie nur im Falle von   medizinisch, und nicht &#228;sthetisch begr&#252;ndeten Brust-Operationen zur   Kosten&#252;bernahme bereit sind. Was h&#228;ltst Du von dieser Position?<\/h4>\n<p>  A: Es w&#228;re mir nie in den Sinn gekommen, mir ohne triftigen   medizinischen Anlass die Oberweite vergr&#246;&#223;ern zu lassen. Dass das immer   mehr und immer j&#252;ngere Frauen an sich machen lassen, halte ich f&#252;r   keinen guten Weg. Doch ist eine Diskussion dar&#252;ber in diesem Moment fehl   am Platze &#8211; Sexismus in der Gesellschaft muss an anderer Stelle bek&#228;mpft   werden.<\/p>\n<p>  Diese Position der Krankenkassen halte ich f&#252;r verwerflich und nicht   juristisch begr&#252;ndbar.<\/p>\n<p>  Stell dir vor, du kaufst einen teuren und extrem leistungsf&#228;higen   Computer mit tausend sinnlosen Extras, die du definitiv nicht im   t&#228;glichen Arbeitsleben ben&#246;tigst.<\/p>\n<p>  Nach zwei Wochen geht das Ding kaputt, und der Verk&#228;ufer sagt dir, du   m&#252;sstest dich an den Reparaturkosten beteiligen, weil du ihn ja nicht   unbedingt im Leben ben&#246;tigt h&#228;ttest.<\/p>\n<p>  Klingt doch l&#228;cherlich, oder?<\/p>\n<h4>  F: Nun handelt es sich bei Dir um eine eindeutig medizinisch begr&#252;ndete   Implantation. Welche Erfahrungen hast Du mit Krankenkassen und anderen   verantwortlichen Stellen gemacht?<\/h4>\n<p>  A: Nicht die gew&#252;nschten. Ich habe Implantate der Marke Rofil, also   nicht PIP, Rofil soll jedoch auch betroffen sein, sagten manche, aber ja   vielleicht auch nicht, meinten andere.<\/p>\n<p>  An der Uniklinik Essen wurden zwei Beratungstelefone eingerichtet. Unter   der einen (wohl auch die vom Sekretariat) wurde mir erkl&#228;rt, dass das   alles Bl&#246;dsinn sei und &#252;berhaupt nichts bewiesen. Sprich: die bleiben   drin!<\/p>\n<p>  Ein Chirurg von der Station, den ich zuf&#228;llig am Telefon hatte,   best&#228;tigte mir das Gegenteil, die m&#252;ssen unbedingt raus, das Risiko ist   zu gro&#223;. Ebenso die zweite Beratungsstelle.<\/p>\n<p>  Bei der Krankenkasse waren die Mitarbeiter anfangs vollkommen ratlos.   Entweder hatten sie noch gar nicht von den gef&#228;hrlichen Implantaten   geh&#246;rt, oder sie konnten mir noch nichts &#252;ber die Regelung der   Kosten&#252;bernahme sagen.<\/p>\n<p>  Es galt ja immerhin zu beweisen, dass ich die Risikoimplantate im K&#246;rper   habe &#8211; wie tun, wenn nicht nachschauen?<\/p>\n<p>  Ich blieb sehr hart am Ball und lie&#223; nicht locker, so begannen die   Mauern bald etwas zu br&#246;ckeln. Ich war bei etlichen Stellen die erste   Patientin, die deshalb Welle machte, so wurde dann bald etwas in   Bewegung gesetzt, und momentan sieht es so aus, dass die Krankenkasse   alles endlich einmal halbwegs unb&#252;rokratisch und relativ z&#252;gig   bearbeitet.<\/p>\n<p>  Res&#252;mierend muss ich jedoch festhalten, dass ich etliche schlaflose   N&#228;chte und kummervolle Stunden hinter mir habe.<\/p>\n<p>  Es ist klar, dass die elende informelle Salamitaktik aus der Politik   nahtlos vom Gesundheitswesen &#252;bernommen wird.<\/p>\n<h4>  F: Was sollte Deiner Meinung nach geschehen, um den betroffenen Frauen   zu helfen und was kann man machen, um solche Skandale zu verhindern?<\/h4>\n<p>  A: Um solche Skandale wirklich und endg&#252;ltig zu vermeiden, hilft es nur,   die bestehende Gesellschaftsordnung zu st&#252;rzen.<\/p>\n<p>  Das Prinzip der freien Marktwirtschaft besteht doch darin, ohne Wenn und   Aber so viel Profit wie &#252;berhaupt nur m&#246;glich aus einem Gesch&#228;ft zu   schlagen, daf&#252;r geht man eben auch &#252;ber Leichen.<\/p>\n<p>  Da ich mir nun aber sicher bin, dass die Revolution nicht in den   n&#228;chsten zwei Wochen kommt, hier noch flink ein paar Tipps. F&#252;r   Betroffene: Nicht locker lassen, bei Beratungsstellen und Krankenkassen   endlos abnerven und immer die Gefahr f&#252;r Gesundheit und Leben erw&#228;hnen.   Nach einer Ablehnung einfach eine andere Stelle anrufen, E-Mails und   Briefe schreiben.<\/p>\n<p>  F&#252;r Ausf&#252;hrende: Dies ist nicht nur ein Skandal, es ist eine echte   Krisensituation. Es gilt, z&#252;gig zu handeln und die ver&#228;ngstigten   Patientinnen nicht noch mehr leiden zu lassen.<\/p>\n<p>  Lieber ein paar im Endeffekt doch nicht brandgef&#228;hrliche Implantate   austauschen, als diese Giftdeponien noch l&#228;nger in auch nur einem K&#246;rper   lassen.<\/p>\n<p>  Die finanzielle Situation der Kassen entscheidet sich im R&#228;nkespiel   zwischen Pharmaindustrie und Bundesregierung, nicht bei ein paar kleinen   Operationen f&#252;r in Leib und Seele gesch&#228;digte Frauen.<\/p>\n<h5>  <i>Das Interview f&#252;hrte Sascha Stanicic. <\/i><\/h5>\n<\/p>\n<\/p>\n<\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Katja F. &#252;ber den Brustimplantate-Skandal\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[111],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14631"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14631"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14631\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14631"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14631"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}