{"id":14605,"date":"2012-01-05T00:00:00","date_gmt":"2012-01-04T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14605"},"modified":"2012-12-15T16:21:47","modified_gmt":"2012-12-15T15:21:47","slug":"14605","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2012\/01\/14605\/","title":{"rendered":"Zur Geschichte der kurdischen Frage"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Kurdish-inhabited_area_by_CIA_1992.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23274\" title=\"Kurdistan\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Kurdish-inhabited_area_by_CIA_1992-e1355584886495-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Kurdish-inhabited_area_by_CIA_1992-e1355584886495-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Kurdish-inhabited_area_by_CIA_1992-e1355584886495-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Kurdish-inhabited_area_by_CIA_1992-e1355584886495-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Kurdish-inhabited_area_by_CIA_1992-e1355584886495.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Die KurdInnen sind das zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte \u2013 sich als solches verstehende \u2013 Volk ohne eigenen Staat. Kurdistan \u2013 das Land, auf dem KurdInnen seit Jahrhunderten leben \u2013 umfasst heute den Osten der T\u00fcrkei, Nordsyrien, den Westen des Iran und den Nordirak. Zehn bis 15 Millionen KurdInnen leben in der T\u00fcrkei, zwei Millionen in Syrien, acht Millionen im Iran und f\u00fcnf Millionen im Irak.<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<h4><em>von Inci Arslan, Berlin<\/em><\/h4>\n<p>Die nationale Frage ist in allen Teilen Kurdistans ungel\u00f6st und bedeutet f\u00fcr KurdInnen seit jeher Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung und politische Verfolgung.<\/p>\n<h4>T\u00fcrkei\/Nordkurdistan<\/h4>\n<p>Die Geschichte der Unterdr\u00fcckung der KurdInnen in der T\u00fcrkei ist so alt wie die T\u00fcrkei selbst. Die Unterdr\u00fcckung religi\u00f6ser und nationaler Minderheiten, die Beschw\u00f6rung des \u201eT\u00fcrkentums\u201c und damit die Unteilbarkeit der T\u00fcrkei geh\u00f6rten zu den Bestandteilen, aus denen die T\u00fcrkei \u2013 im Zuge des kemalistischen Befreiungskriegs 1919-23 \u2013 hervorging.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend im Osmanischen Reich die Religionszugeh\u00f6rigkeit statuskonstitutierend wirkte und damit der Gro\u00dfteil der KurdInnen der sunnitischen Gemeinschaft angeh\u00f6rte, entwickelte sich ein kurdisches Nationalbewusstsein und die Forderung nach einem eigenen Staat Kurdistan im Zuge der Vierteilung des historisch gewachsenen Gebietes 1923 durch das \u201eFriedens\u201cabkommen von Lausanne, das den Ersten Weltkrieg im Nahen Osten offiziell beendete. Zweieinhalb Jahr zuvor war im Vertrag von S\u00e8vres das Recht von KurdInnen auf einen eigenen Staat festgehalten, jedoch nie umgesetzt worden.<\/p>\n<p>Die Verantwortung f\u00fcr die Vierteilung Kurdistans tragen haupts\u00e4chlich die (vor allem britischen und franz\u00f6sischen) imperialistischen M\u00e4chte, die zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg die Region kontrollierten; eine Rolle, die sp\u00e4ter der US-Imperialismus \u00fcbernahm. Der Imperialismus hat sich in all den Jahrzehnten nie um die Rechte von KurdInnen geschert. Nur dann, wenn es taktisch sinnvoll erschien (wie zum Beispiel als der US-Imperialismus eine Allianz mit KurdInnen im Nordirak einging, um Saddam Hussein zu st\u00fcrzen \u2013 wobei es nie um die Rechte von KurdInnen oder die Befreiung der Bev\u00f6lkerung von der Unterjochung durch einen Diktator ging, sondern um den Zugriff auf das irakische \u00d6l) nutzte er die kurdische Frage, um seine eigenen Interessen besser durchsetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die vollkommene Ignoranz gegen\u00fcber den Rechten von KurdInnen provozierte schnell Widerstand in der T\u00fcrkei. In den zwanziger und drei\u00dfiger Jahren kam es immer wieder zu Aufst\u00e4nden. Der bekannteste ist zweifellos der Dersim-Aufstand von 1937\/38, der durch das t\u00fcrkische Milit\u00e4r mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t niedergeschlagen wurde. Er kostete 50.000 KurdInnen das Leben. Insgesamt gehen Sch\u00e4tzungen von zwischen 1925 und 1938 1,5 Millionen get\u00f6teten und vertriebenen KurdInnen in der T\u00fcrkei aus.<\/p>\n<h4>Die Entstehung der PKK&#8230;<\/h4>\n<p>1978 wurde die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) gegr\u00fcndet. Dies war Teil eines Prozesses von verst\u00e4rktem Klassenkampf in der gesamten T\u00fcrkei und einer erstarkenden Studierenden- und Arbeiterbewegung in den sechziger und siebziger Jahren. Die PKK stellte jahrzehntelang den bedeutsamsten organisatorischen Ausdruck der kurdischen Befreiungsbewegung in der T\u00fcrkei dar. Sie verf\u00fcgt bis heute \u00fcber breite Unterst\u00fctzung unter in der T\u00fcrkei lebenden KurdInnen, aber auch dar\u00fcber hinaus, zum Beispiel unter KurdInnen in Deutschland.<\/p>\n<p>Nach ihrer Entstehungsphase ging die PKK ab 1984 in den sogenannten bewaffneten Kampf \u00fcber und f\u00fchrte den kurdischen Aufstand zu Beginn der neunziger Jahre an. Allerdings steckt die PKK seit Langem in einer Sackgasse. Ihre nationalistische Politik, die nicht auf den Schulterschluss mit der t\u00fcrkischen Arbeiterklasse aus war, ihre einseitige Ausrichtung auf den bewaffneten Kampf und einige Aktionen, wie Anschl\u00e4ge auf ZivilistInnen, die grundlegend abzulehnen sind, waren zum Scheitern verurteilt. Aufgrund ihrer stalinistisch-maoistischen Pr\u00e4gung und der Anwendung der Guerilla-Taktik folgte auf den Zusammenbruch des Ostblocks 1989\/1990 und die Unf\u00e4higkeit, diesen zu verarbeiten, die Abkehr von Parolen f\u00fcr Sozialismus und von zentralen Forderungen wie die nach einem eigenen kurdischen Staat um die Mitte der neunziger Jahre. Trotz dieser Tatsache und der Verhaftung des international bekannten F\u00fchrers der PKK, Abdullah \u00d6calan, genie\u00dfen die PKK beziehungsweise die in ihrer Kontinuit\u00e4t stehenden Organisationen (heute die \u201ePartei f\u00fcr Frieden und Demokratie\u201c \u2013 BDP) gro\u00dfe Autorit\u00e4t unter KurdInnen.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahrzehnten ging der t\u00fcrkische Staat \u2013 mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t, jedoch kontinuierlich \u2013 gegen die PKK und allen, die im Verdacht stehen, mit ihr verbunden zu sein, mit Waffengewalt, Massenexekution, Terror und Krieg vor.<\/p>\n<h4>\u2026und ihr Verh\u00e4ltnis zur t\u00fcrkischen Linken<\/h4>\n<p>Ein Grund daf\u00fcr, dass sich die kurdische Befreiungsbewegung ab den siebziger Jahren unabh\u00e4ngig von der seit den sechziger Jahren starken t\u00fcrkischen Linken und Arbeiterbewegung organisiert hat, besteht darin, dass ein gro\u00dfer Teil der t\u00fcrkischen Linken \u2013 aus der \u00dcbernahme der kemalistischen Ideologie heraus \u2013 selbst nationalistische Positionen eingenommen hat und damit dem kurdischen Teil der Arbeiterklasse nie einen Weg zur Beendigung der Unterdr\u00fcckung als KurdInnen aufzeigen konnte.<\/p>\n<p>Wie aktuell die Frage ist, hat sich bei jedem Arbeitskampf in den vergangenen Jahren gezeigt. Kurd-Innen sind ein bedeutender Teil der Arbeiterklasse in der T\u00fcrkei. Istanbul ist inzwischen die zweitgr\u00f6\u00dfte \u201ekurdische\u201c Stadt nach Diyarbakir\/Amed im Osten der T\u00fcrkei. Damit ist die nationale Frage immer auch Teil des Klassenkampfes. Die Frage, welches Programm die t\u00fcrkisch-kurdische Arbeiterklasse braucht, um diese zu l\u00f6sen, ist eine zentrale.<\/p>\n<p>Gleichzeitig hat sich immer wieder gezeigt, dass die nationale Frage unter kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen f\u00fcr strategisch, \u00f6konomisch und politisch so bedeutsame Regionen wie Kurdistan nicht zu l\u00f6sen ist. Selbst wenn es der kurdischen Befreiungsbewegung gelingen sollte, einen Staat Kurdistan zu erringen \u2013 auf kapitalistischer Grundlage w\u00e4re dies kein freies Kurdistan, denn die Abh\u00e4ngigkeit vom Weltmarkt und den imperialistischen M\u00e4chten bliebe v\u00f6llig unangetastet und die wirtschaftliche Entwicklung w\u00e4re von der kapitalistischen Krise diktiert. Der Kampf f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht ist deshalb nicht vom Kampf gegen die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse zu trennen.<\/p>\n<h4>Welches Programm?<\/h4>\n<p>MarxistInnen treten in der kurdischen Frage f\u00fcr das Recht auf Selbstbestimmung bis hin zur Losl\u00f6sung und Bildung eines eigenen Staats ein.<\/p>\n<p>Schon Karl Marx hatte gegen\u00fcber englischen ArbeiterInnen argumentiert, dass sie \u2013 um selber frei sein zu k\u00f6nnen \u2013 f\u00fcr die Freiheit der irischen Arbeiterklasse von der britischen Besatzung einstehen m\u00fcssen. Nur so k\u00f6nnen nationale Spaltung \u00fcberwunden und ein gemeinsamer Kampf gegen Armut, Ausbeutung und Kapitalismus erreicht werden. Die Bolschewiki haben nach der Oktoberrevolution 1917 mit der Deklaration des Selbstbestimmungsrechts der Nationen gezeigt, wie in einem Vielv\u00f6lkerstaat wie Russland die nationale Frage gel\u00f6st werden kann. Durch die Gew\u00e4hrleistung des Selbstbestimmungsrechts war es m\u00f6glich, eine gr\u00f6\u00dfere Zahl verschiedener Nationen auf freiwilliger und gleichberechtigter Grundlage zu vereinen, als es jemals ein kapitalistischer Staat zu leisten im Stande war. Eine Praxis, die sp\u00e4ter von der stalinistischen B\u00fcrokratie v\u00f6llig missachtet und durch nationale Unterdr\u00fcckung ersetzt wurde.<\/p>\n<p>Doch wie kann der Kampf f\u00fcr ein freies Kurdistan heute gef\u00fchrt werden? Der gemeinsame Kampf der t\u00fcrkischen und kurdischen Arbeiterklasse gegen die herrschende Klasse ist notwendig. Notwendig, um erfolgreich f\u00fcr Selbstbestimmung k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen, denn die kurdische Arbeiterklasse braucht Verb\u00fcndete im Kampf gegen den t\u00fcrkischen Staat und die mit ihm verbundenen imperialistischen M\u00e4chte. Notwendig, um sich erfolgreich gegen die Angriffe der Herrschenden auf L\u00f6hne und Lebensstandard wehren zu k\u00f6nnen. Dies kann jedoch nur erreicht werden, wenn der kurdische Teil der Arbeiterklasse sicher sein kann, dass der Kampf f\u00fcr ein freies Kurdistan Teil des gemeinsamen Klassenkampfes ist und die KurdInnen auf die volle Solidarit\u00e4t der t\u00fcrkischen Arbeiterklasse, Gewerkschaften und Linken bauen k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus ist internationale Solidarit\u00e4tsarbeit von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<p>In einer sozialistischen F\u00f6deration des Nahen Ostens und Europas, die ein sozialistisches Kurdistan neben einer sozialistischen T\u00fcrkei umfasst und jeweils volle Minderheitenrechte garantiert, k\u00f6nnen KurdInnen, T\u00fcrkInnen und andere gemeinsam jeglicher Unterdr\u00fcckung den Boden entziehen und die dr\u00e4ngenden sozialen Fragen l\u00f6sen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die KurdInnen sind das zahlenm&#228;&#223;ig gr&#246;&#223;te &#8211; sich als solches verstehende &#8211; Volk ohne eigenen Staat.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":23274,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[45],"tags":[270,243],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14605"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14605"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14605\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23274"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14605"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14605"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14605"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}