{"id":14578,"date":"2011-12-14T00:00:00","date_gmt":"2011-12-14T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14578"},"modified":"2012-06-15T20:05:51","modified_gmt":"2012-06-15T18:05:51","slug":"14578","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/12\/14578\/","title":{"rendered":"Niederlage kurz vor dem Ziel"},"content":{"rendered":"<p>Am 13. Dezember 1981 wurde in Polen das Kriegsrecht ausgerufen und die Bewegung der Arbeiterklasse unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p><strong>Polen kam unter den zentral- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern einem erfolgreichen Arbeiteraufstand gegen den Stalinismus wohl am n\u00e4chsten. Vor 1980 hatten ArbeiteraktivistInnen eine gut organisierte illegale Gewerkschaftsbewegung aufgebaut. Dann tauchte Solidarno\u015b\u0107 auf, mit einer Flutwelle von Betriebsbesetzungen und Streiks, die drohte, das verfaulte Regime mit sich fortzurei\u00dfen. Aber neun Jahre sp\u00e4ter gab es ein prokapitalistisches Regime, in dem Solidarno\u015b\u0107-Mitglieder eine zentrale Rolle spielten. Paul Newbery (CWI Polen) betrachtet, wie das m\u00f6glich war.<\/strong><\/p>\n<h4><em><strong>von Paul Newberry, Alternatywa Socjalistyczna (Schwesterorganisation der SAV in Polen)<\/strong><\/em><\/h4>\n<p>Die Slogans und Organisationsformen, die w\u00e4hrend des Kampfes 1980 aufgeworfen wurden zeigen, das gro\u00dfe Teile der ArbeiterInnen nach M\u00f6glichkeiten suchten, die stalinistische B\u00fcrokratie zu st\u00fcrzen und eine echte Arbeiterdemokratie zu schaffen. Das wurde durch Graffiti an den Mauern in Gda\u0144sk ausgedr\u00fcckt: \u201eSozialismus ja! Aber ohne Verzerrungen!\u201c Als Nebenprodukt des Widerstands entstand die unabh\u00e4ngige Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107 (Solidarit\u00e4t). Aber nur 9 Jahre sp\u00e4ter bildete Solidarno\u015b\u0107 eine Regierung und leitete eine Reihe schneller \u201eMarktreformen\u201c ein, die den Kapitalismus wieder herstellten. Wie konnte eine solche Bewegung zur Agentin der kapitalistischen Restauration werden? Waren die Wurzeln der Degeneration von Solidarno\u015b\u0107 von Anfang an angelegt?<\/p>\n<p>Um den Prozess von Revolution und Konterrevolution in Polen und den anderen L\u00e4ndern des damaligen Ostblocks in den 1980ern zu verstehen ist es notwendig, die Urspr\u00fcnge dieser Regimes zu betrachten. In Russland gab es 1917 einen revolution\u00e4ren Umsturz des Massen, der erst sp\u00e4ter durch die wirtschaftliche und kulturelle R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des Landes und seine Isolation nach dem Ausfall der Weltrevolution b\u00fcrokratisch degenerierte. Aber die stalinistischen Regime in Mittel- und Osteuropa wurden nicht auf diese Art geschaffen. Diese L\u00e4nder wurden am Ende des 2. Weltkriegs von der Roten Armee befreit, die anschlie\u00dfend dort blieb. Die kommunistischen Parteien der jeweiligen L\u00e4nder bildeten Koalitionsregierungen mit dem Schatten der Bourgeoisie. Aber die Repressionsorgane des Staates waren fest in der Hand der StalinistInnen. Binnen kurzer Zeit schafften sie mit Unterst\u00fctzung der Masse die Bev\u00f6lkerung die letzten Reste des Kapitalismus und des Gro\u00dfgrundbesitzes ab. In einigen L\u00e4ndern, besonders in der Tschechoslowakei, gab es Massendemonstrationen von hunderttausenden ArbeiterInnen f\u00fcr diese Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Von Anfang an waren diese neu geschaffenen Regimes deformierte Arbeiterstaaten nach dem Vorbild von Stalins Sowjetunion, groteske Verzwerrungen des Sozialismus in denen Arbeiterdemokratie durch b\u00fcrokratische Diktatur ersetzt wurde. Trotz des anf\u00e4nglichen Enthusiasmus fanden die ArbeiterInnen die brutale Unterdr\u00fcckung durch diese Regimes bald absto\u00dfend. Binnen kurzer Zeit brachen in vielen L\u00e4ndern Arbeiteraufst\u00e4nde aus, der gr\u00f6\u00dfte 1956 in Ungarn, ein heroischer Versuch der Arbeiterklasse eine politische Revolution durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Polen bildete in diesem Prozess keine Ausnahme. 1956 wurden ein Streik und eine Demonstration gegen das Regime in Pozna\u0144 brutal unterdr\u00fcckt. Danach versuchte es mit einer neuen Strategie, seine Unterst\u00fctzerbasis zu verbreitern.Wladyslaw Gomulka wurde erster Sekret\u00e4r. Als Zugest\u00e4ndnis an die B\u00e4uerInnen verzichtete das Regime auf eine massive Kollektivierung des Landes. B\u00fcrokraten auf unteren Ebenen wurden st\u00e4rker privilegiert, um sie an das System zu binden. Auch die Kirche bekam im Gegenzug f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung Privilegien.<\/p>\n<h4>Ein Wendepunkt<\/h4>\n<p>Zun\u00e4chst gab es in Polen und den anderen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern dank der Vorteile der Planwirtschaft starkes Wirtschaftswachstum. Das BIP Polens wuchs um 7% pro Jahr. Aber die Parasitenrolle der stalinistischen B\u00fcrokratie, die zu Missmanagement und Verschwendung f\u00fchrte, bremste die Wirtschaftsentwicklung. Von einem relativen Hindernis f\u00fcr das Wachstum entwickelte sich die B\u00fcrokratie zu einem absoluten Hindernis. Planung verwandelte sich in ihr Gegenteil \u2013 in Chaos.<\/p>\n<p>Am Ende der 1960er gab es schon wirtschaftliche Probleme, die Subventionen f\u00fcr die Nahrungsversorung der Bev\u00f6lkerung konnten nur mit M\u00fche beibehalten werden. 1970 f\u00fchrte die Ank\u00fcndigung von Preiserh\u00f6hungen f\u00fcr Fleisch zu Arbeiterdemonstrationen an der Ostseek\u00fcste, die sich zu einem Aufstand entwickelten. Die meisten Proteste gab es in Gdynia und Gda\u0144sk, aber auch Szczecin, Elblag, Warschau, Wroc\u0142aw und einige andere Orte waren betroffen. Das Regime schickte Panzer und der Aufstand wurde im Blut ertr\u00e4nkt, es gab wahrscheinlich \u00fcber 100 Tote. Die stalinistische B\u00fcrokratie war ersch\u00fcttert und versuchte wieder, Repression mit Zugest\u00e4ndnissen zu verbinden. Gomulka wurde durch Edward Gierek ersetzt, der im Westen massive Kredite aufnahm. Ein gro\u00dfer Teil dieser Kredite wurde schlecht investiert, gro\u00dfe Summen wurden aufgewendet um den Konsum der Massen zu steigern und so sozialen Frieden zu erkaufen.<\/p>\n<p>Es gab eine Periode schnellen Wachstums und steigender Lebensstandards, aber die Atempause dauerte nicht lang. Bald bekam das Regime Schwierigkeiten bei der R\u00fcckzahlung der Kredite. 1976 organisierten ArbeiterInnen in Radom, dem Zentrum der polnischen Waffenindustrie. W\u00e4hrend den ArbeiterInnen Zugest\u00e4ndnisse gemacht wurden, ging das Regime gegen die Streikf\u00fchrerInnen vor. Eine Gruppe von Oppositionellen und Intellektuellen bildete das Arbeiter-Verteidigungskomitee (KOR) um Spenden f\u00fcr die betroffenen ArbeiterInnen zu sammeln, Rechtshilfe zu leisten und f\u00fcr ihre Sache zu werben. In den folgenden Jahren unterst\u00fctzte KOR die Bildung illegaler \u201eFreier Gewerkschaften\u201c in einigen St\u00e4dten, auch in den Werften von Gda\u0144sk.<\/p>\n<p>Ein Wendepunkt kam im Sommer 1980, als eine weitere Serie von Fleischpreiserh\u00f6hungen eine landesweite Streikwelle ausl\u00f6ste. Das Regime plante die ArbeiterInnen durch Zugest\u00e4ndnisse an Streikende in strategisch wichtigen Branchen zu spalten. Aber diese Taktik ermutigte nur weitere Belegschaften zum Streiken. In Lublin, wo die ArbeiterInnen auch die Privilegien der B\u00fcrokratie angriffen und Redefreiheit forderten wurde der Protest zum Generalstreik, durch eine Blockade der Bahnlinien nach Russland kamen die polnischen Exporte zum Erliegen. Die \u00f6rtliche Zeitung griff die Streikenden an und warnte vor einer Intervention Russlands, aber am n\u00e4chsten Tag stoppten DruckerInnen die Pressen. Der Vize-Ministerpr\u00e4sident flog zu Verhandlungen nach Lublin, und zu den errungenen Zugest\u00e4ndnissen geh\u00f6rte, dass die Zeitung eine Entschuldigung drucken musste.<\/p>\n<h4>Politische Forderungen<\/h4>\n<p>Als Mitte August auf der Werft in Gda\u0144sk ein Streik zur Verteidigung der Arbeiterf\u00fchrerin Anna Walentynowicz, Mitglied der KOR-Gruppe an der K\u00fcste, ausbrach gab es eine qualitative Ver\u00e4nderung. Seit vielen Jahren gab es hier eine illegale freie Gewerkschaft, so dass die ArbeiterInnen erfahren und gut vorbereitet waren. Die Forderungen der Streikenden waren fortschrittlicher als irgendwo anders im Land und reichten auf die politische Ebene. Sie forderten die Freilassung politischer Gefangener, die Wiedereinstellung entlassener ArbeiterInnen, Lohnerh\u00f6hungen entsprechend denen der Miliz und ein Denkmal f\u00fcr die 1970 get\u00f6teten ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Die Betriebsbesetzungen verbreiteten sich schnell in der \u201eDreifachstadt\u201c Gda\u0144sk-Sopot-Gdynia. Die Streikkomitees in Gda\u0144sk vernetzten sich. Am zweiten Tag unterbrachen die Beh\u00f6rden alle Telefonleitungen nach Gda\u0144sk um den Streik zu begrenzen. Trotzdem verbreitete er sich in andere St\u00e4dte. Die WerftarbeiterInnen schienen sich in Verhandlungen mit dem Regime zu einigen, bis sich die Besch\u00e4ftigten der Verkehrsbetriebe in Gda\u0144sk beschwerten, dass sie allein weiterk\u00e4mpfen m\u00fcssten wenn die WerftarbeiterInnen ihren Streik beenden w\u00fcrden. Die F\u00fchrung der WerftarbeiterInnen machte eine schnelle Kehrtwende und der Streik ging weiter, jetzt aus Solidarit\u00e4t mit den anderen ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>An jenem Wochenende versammelten sich Delegierte der Streikkomitees in der Stadt und gr\u00fcndeten eine neue Organisation, das Betriebs\u00fcbergreifende Streikkomitee (MKS). Es war \u00e4hnlich organisiert wie Sowjets oder Arbeiterr\u00e4te: gebildet aus demokratisch gew\u00e4hlten Delegierten aus den Betrieben die wiederum ein Pr\u00e4sidium w\u00e4hlten. Zu Beginn war es eine extrem demokratische Struktur. Das Pr\u00e4sidium war dem MKS gegen\u00fcber zu Rechenschaft verpflichtet, dessen Mitglieder den Belegschaften die sie vertraten rechenschaftspflichtig waren. Verhandlungen zwischen dem MKS-Pr\u00e4sidium und dem Regime wurden live an das MKS in Gda\u0144sk und alle WerftarbeiterInnen \u00fcbertragen. Aber schon in dieser Phase fanden einige Diskussionen zwischen den Experten des Regimes und \u201eFachleuten\u201c des MKS hinter verschlossenen T\u00fcren statt.<\/p>\n<p>Am selben Wochenende entstand eine Liste mit 21 Forderungen. Diese waren vor allem politisch und zeigten, dass sich die ArbeiterInnen in Richtung einer politischen Revolution bewegten. Sie begannen mit der Forderung nach der Anerkennung freier Gewerkschaft und des Streikrechts, nach Redefreiheit und Zugang zu den Medien f\u00fcr Menschen aller \u00dcberzeugungen sowie f\u00fcr die Streikbewegung und das MKS. Alle diese Forderungen w\u00fcrden MarxistInnen unterst\u00fctzen. Nach den demokratischen Forderungen kamen solche gegen die Privilegien der B\u00fcrokratie und der Geheimpolizei und gegen die Speziall\u00e4den, in denen es Mangelware zu h\u00f6heren Preisen gab. Es gab auch eine Reihe wirtschaftlicher Forderungen zur Verbesserung der Bedingungen f\u00fcr Arbeitende und gr\u00f6\u00dfere soziale Gleichheit. Rufe nach Marktreformen oder der Restauration des Kapitalismus waren nirgends zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>MarxistInnen w\u00fcrden zus\u00e4tzlich die Wahl aller Amtstr\u00e4gerInnen mit der M\u00f6glichkeit, sie jederzeit abzuw\u00e4hlen fordern, und dass kein Amtstr\u00e4ger mehr als einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn verdienen soll. Au\u00dferdem sollte es eine regelm\u00e4\u00dfige \u00c4mterrotation geben. Solche Ma\u00dfnahmen w\u00fcrden die Bildung einer zuk\u00fcnftigen B\u00fcrokratie verhindern. Vor allem war es notwendig, zu erkl\u00e4ren dass das MKS die Macht \u00fcbernehmen und das Organ der Herrschaft der ArbeiterInnen werden sollte.<\/p>\n<h4>Riesige Macht der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>Trotz Versuchen, Gda\u0144sk zu isolieren, drangen Informationen nach au\u00dfen und die Bewegung verbreitete sich wie ein Lauffeuer \u00fcber Polen. Betriebsbesetzungen, Streiks und MKS-\u00e4hnliche Strukturen erschienen im ganzen Land. In Sczeczin bekamen WerftarbeiterInnen eine Gehaltserh\u00f6hung um 10%, bevor sie \u00fcberhaupt aktiv geworden waren. Das ermutigte sie, einen Streik zu organisieren und ihr eigenes MKS zu bilden. Binnen einer Woche hatten sich 370 Belegschaften mit \u00fcber 400000 ArbeiterInnen dem MKS in Gda\u0144sk angeschlossen.<\/p>\n<p>In dieser Situation bestand eine Doppelherrschaft. W\u00e4hrend des Generalstreiks kontrollierte das MKS in Gda\u0144sk die Verteilung von Nahrungsmitteln, den Nahverkehr und die Gesundheitsversorgung. F\u00fcr die Dauer des Streiks wurde der Verkauf von Alkohol und der Alkoholkonsum durch Streikende verboten. Als sich der Streik in immer mehr St\u00e4dte ausbreitete, kam das Land langsam zum Stillstand.<\/p>\n<p>Dieser Streik best\u00e4tigte die dominante Rolle, die die Arbeiterklasse in Revolutionen spielt. Die ganze Gesellschaft war vom Geist der Demokratie infiziert. Unter Studierenden, K\u00fcnstlerInnen, Journalisten, B\u00e4uerInnen, B\u00fcroarbeiterInnen, LehrerInnen und Intellektuellen bl\u00fchten offene demokratische Debatten und Diskussionen. Alle Schichten der Gesellschaft wurden inspiriert und begannen ihre eigenen demokratischen Organisationen zu schaffen oder wandelten bestehende offizielle Gruppen und Vereine um.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite war das Regime v\u00f6llig isoliert, seine Macht hing am seidenen Faden. Es konnte keine Gewalt gegen die Streikenden einsetzen, weil es Zweifel an der Zuverl\u00e4ssigkeit des Milit\u00e4rs gab. Sogar die herrschende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PZPR \u2013 die Kommunistische Partei in Polen) war infiziert, ihre Basismitglieder aus der Arbeiterklasse l\u00f6sten sich von der B\u00fcrokratie. Ein Drittel der MKS-Mitglieder in Gda\u0144sk waren Mitglieder der PZPR, ebenso wie die beiden Vizepr\u00e4sidenten des MKS in Sczeczin. In vielen anderen Orten geh\u00f6rten Parteimitglieder aus der Arbeiterklasse zur F\u00fchrung oder ergriffen die Initiative zur Bildung eines MKS. Sp\u00e4ter traten \u00fcber eine Million PZPR-Mitglieder aus der Arbeiterklasse in Solidarno\u015b\u0107 ein!<\/p>\n<p>Das Regime musste auf Zeit spielen und in Gda\u0144sk mit dem MKS verhandeln. Am 31. August unterschrieb das Regime die 21 Forderungen \u2013 das Abkommen von Gda\u0144sk. Der Streik war vorbei, und die Unabh\u00e4ngige Selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107 war geboren. Aber das Abkommen war nur ein Teilsieg. Man hatte eine historische M\u00f6glichkeit verpasst, das Regime zu st\u00fcrzen und eine gesunde, demokratische sozialistische Gesellschaft zu schaffen. Es fehlte eine revolution\u00e4re F\u00fchrung, die den ArbeiterInnen eine ehrliche Einsch\u00e4tzung der bevorstehenden Aufgaben gegeben und ihren Forderungen vollst\u00e4ndig Ausdruck verliehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Stattdessen hatten die F\u00fchrungen des MKS in Gda\u0144sk und von Solidarno\u015b\u0107 \u2013 Lech Wa\u0142\u0119sa, KOR-Intellektuelle und die \u201eBerater\u201c von Solidarno\u015b\u0107 \u2013 eine viel begrenztere Perspektive. Sie glaubten, dass sie im besten Fall ein Paar Reformen gewinnen k\u00f6nnten. Jacek Kuro\u0144, einer der F\u00fchrer des KOR, gab sogar zu dass er vor dem Abkommen von Gda\u0144sk die Forderung nach freien Gewerkschaften f\u00fcr reine Verhandlungsmasse und nicht durchsetzbar gehalten hatte. Zu jeder Zeit spielte die F\u00fchrung eine konservative Rolle, hielt die Bewegung zur\u00fcck und blockierte radikalere Forderungen der ArbeiterInnen. Zum Beispiel lehnte sie Forderungen nach Abschaffung der \u201ef\u00fchrenden Rolle\u201c der PZPR und nach freien Wahlen ab, sie wurden nicht in die 21 Forderungen aufgenommen. Nachdem sie das Abkommen unterzeichnet hatte reiste die F\u00fchrung durchs Land , um die ArbeiterInnen zu \u00fcberzeugen, ihre Streiks zu beenden. Die katholische Kirche spielte eine \u00e4hnlich konservative Rolle. Sie rief zur M\u00e4\u00dfigung auf und sprach sich gegen Streiks aus um die Nachbarl\u00e4nder Polens nicht zu provozieren.<\/p>\n<p>Trotz der Rolle der F\u00fchrung wuchs Solidarno\u015b\u0107 ph\u00e4nomenal. Zwei Wochen nach dem Abkommen hatte die Gewerkschaft 3,5 Millionen Mitglieder. Bis Herbst waren 8,5 Millionen ArbeiterInnen eingetreten, und binnen kurzer Zeit wurden 10 Millionen Mitglieder erreicht. Binnen Monaten wurde Solidarno\u015b\u0107 zur m\u00e4chtigsten Organisation Polens. Im ganzen Land zwangen Streiks hunderte von B\u00fcrokraten, Parteisekret\u00e4ren und Fabrikmanagern zum R\u00fccktritt.<\/p>\n<h4>Die letzte Chance<\/h4>\n<p>Dann wurden im M\u00e4rz 1981 Solidarno\u015b\u0107-AktivistInnen in Bydgoszcz nach einer Versammlung von der Polizei verpr\u00fcgelt. Das f\u00fchrte zu einem landesweiten Aufschrei und Solidarno\u015b\u0107 organisierte einen vierst\u00fcndigen Warnstreik, dem ein Generalstreik am 31. M\u00e4rz folgen sollte. Wa\u0142\u0119sa und die Kirche, darunter Kardinal Wyszy\u0144ski und Papst Johannes Paul II., dr\u00e4ngten Solidarno\u015b\u0107, den Streik abzusagen. Im letzten Moment erf\u00fcllte das Regime die Forderungen von Solidarno\u015b\u0107, die Verantwortlichen f\u00fcr die \u00dcbergriffe zu bestrafen und Solidarno\u015b\u0107 auf dem Land anzuerkennen. Damit hatte Wa\u0142\u0119sa einen Vorwand, den Generalstreik abzusagen.<\/p>\n<p>So ging eine M\u00f6glichkeit verloren, die Bewegung auf eine h\u00f6here Ebene zu bringen und den Bestand des Regimes zu gef\u00e4hrden. Stattdessen geriet Solidarno\u015b\u0107 in eine Krise, die inneren Widerspr\u00fcche spitzten sich zu. Die B\u00fcrokratie bekam Luft zum Atmen, die sie voll nutzte. Sie sabotierte die Wirtschaft, um die Arbeiterklasse zu demoralisieren und Solidarno\u015b\u0107 die Schuld in die Schuhe zu schieben. Viele Produkte wurden rationalisiert und man musste f\u00fcr Grundlebensmittel wie Zucker, Fleisch, Seife und sogar Klopapier lange anstehen.<\/p>\n<p>Die Taktik des Regimes begann zu wirken. Es kam zu Demoralisierung und Frustration \u00fcber die ineffektive Solidarno\u015b\u0107-F\u00fchrung. Laut Kuro\u0144 ging in der ersten Jahresh\u00e4lfte 1981 die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Solidarno\u015b\u0107 von 60 auf 40% zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Im September 1981 fand der erste und letzte Solidarno\u015b\u0107-Kongress statt. Es gab eine Opposition gegen die F\u00fchrung und breite Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Idee der Arbeiterselbstverwaltung. Darin kam der instinktive Kampf der ArbeiterInnen f\u00fcr eine politische Revolution und der Wille, die Verwaltung der Gesellschaft und der Wirtschaft in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen zum Ausdruck. Leider wurden diese Ideen nicht in einem klaren Programm zum Ausdruck gebracht. Die Opposition innerhalb der Gewerkschaft war nicht organisiert oder vereint. Vor allem fehlte ihr eine Perspektive \u00fcber die der Bewegung bevorstehenden Aufgaben. Obwohl der Kongress eine Resolution f\u00fcr Arbeiterselbstverwaltung verabschiedete, wurden Wa\u0142\u0119sa und die F\u00fchrung wiedergew\u00e4hlt. Die Politik der Kompromisse und der \u201eSelbstbegrenzung\u201c (\u201ekeine Intervention provozieren\u201c) wurde fortgesetzt.<\/p>\n<p>Der Kongress im September war die letzte M\u00f6glichkeit f\u00fcr Solidarno\u015b\u0107, den Kurs zu wechseln und die Bewegung wieder zu st\u00e4rken. Nachdem diese M\u00f6glichkeit verpasst worden war, verschob sich das Kr\u00e4ftegleichgewicht zugunsten des Regimes. Die Bedingungen f\u00fcr die Niederschlagung der Bewegung waren erf\u00fcllt. Am 13. Dezember 1981 trat der milit\u00e4rische Fl\u00fcgel der B\u00fcrokratie in Aktion. General Wojciech Jaruzelski organisierte einen Milit\u00e4rputsch und rief das Kriegsrecht aus. Die Solidarno\u015b\u0107-F\u00fchrung wurde verhaftet, ebenso wie tausende AktivistInnen. Sogar Gierek wurde interniet. Versammlungen wurden Verboten, eine Ausgangssperre wurde verh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Das Kriegsrecht war ein Wendepunkt in der Entwicklung von Solidarno\u015b\u0107 und der politischen Revolution. Die demokratischen Strukturen der Gewerkschaft waren zerst\u00f6rt. Alle F\u00fchrerInnen, die der Verhaftung entgingen wurden in den Untergrund gezwungen. In dieser Situation konnte es keine demokratischen Debatten und keine Kontrolle der ArbeitervertreterInnen durch die Basis geben. Unter klandestinen Bedingungen konnten die F\u00fchrerInnen jetzt ohne den Druck der Arbeiterklasse arbeiten.<\/p>\n<h4>Ann\u00e4herung an den Kapitalismus<\/h4>\n<p>Zur gleichen Zeit vertiefte sich die Wirtschaftskrise. Die Masse der Bev\u00f6lkerung litt unter dem Mangel an wichtigen G\u00fctern, wachsenden Schlangen und starker Inflation. Obwohl es in vielen westlichen L\u00e4ndern Massenarbeitslosigkeit und periodische Rezessionen gab, schienen die kapitalistischen L\u00e4nder den polnischen ArbeiterInnen einen Hoffnungsschimmer zu bieten. Illusionen in den Markt und den Kapitalismus wurden gest\u00e4rkt. Sogar die B\u00fcrokratie war davon betroffen. Sie hatte das Vertrauen auf die Planwirtschaft verloren und versuchte erfolglos, die Wirtschaft durch \u201eMarktreformen\u201c wieder in Gang zu bringen.<\/p>\n<p>1988 hatten die F\u00fchrung von Solidarno\u015b\u0107 und die B\u00fcrokratie in etwa die gleiche prokapitalistische Position, Solidarno\u015b\u0107 war jetzt v\u00f6llig von Intellektuellen und katholischen Beratern dominiert, Wa\u0142\u0119sa hatte sich sehr weit nach rechts zu marktfreundlichen Positionen bewegt. Sie glaubten, dass weitreichende \u201eMarktreformen\u201c und letztlich die Wiederherstellung des Kapitalismus die L\u00f6sung seien. Diese Ma\u00dfnahmen mussten notwendigerweise mit starken K\u00fcrzungen des Lebensstandards verbunden sein, aber um diese durchzusetzen fehlte dem Regime die Legitimit\u00e4t. Gleichzeitig gab es eine Wiederbelebung von Solidarno\u015b\u0107, und die Zahl der Streiks stieg. Deshalb musste die B\u00fcrokratie Solidarno\u015b\u0107 am Prozess beteiligen. Wenn Solidano\u015b\u0107 \u00fcberzeugt werden k\u00f6nnte, die Ma\u00dfnahmen zu unterst\u00fctzen und die Verantwortung daf\u00fcr mit zu \u00fcbernehmen, k\u00f6nnte der Widerstand gegen die harte K\u00fcrzungspolitik klein gehalten werden.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung waren Gespr\u00e4che an so genannten \u201eRunden Tischen\u201c, um die Bedingungen f\u00fcr einen entsprechenden Deal auszuhandeln. Anders als im August 1980 fanden die wichtigen Diskussionen diesmal hinter verschlossenen T\u00fcren ohne Einflussm\u00f6glichkeit f\u00fcr die ArbeiterInnen statt. Die im Fernsehen \u00fcbertragenen Teile der Diskussion waren nur Show. Im Gegenzug erstickten Wa\u0142\u0119sa und andere F\u00fchrerInnen die Streiks, die im ganzen Land begonnen hatten auszubrechen. Die Gespr\u00e4che endeten mit einem Abkommen f\u00fcr teilweise freie Parlamentswahlen. Nur 35% der Abgeordneten im Sejm (Parlament) wurden gew\u00e4hlt, die \u00fcbrigen Sitze waren f\u00fcr die PZPR und ihre Verb\u00fcndeten reserviert.<\/p>\n<p>Die Wahlen am 5. Juni 1989 waren f\u00fcr Solidarno\u015b\u0107 ein vollkommener Sieg. Die KandidatInnen der Opposition gewannen alle zur Wahl stehenden Sitze bis auf einen, die Isolation und der Legitimit\u00e4tsverlust des Regimes wurden offensichtlich. Einige Monate sp\u00e4ter bildete Solidarno\u015b\u0107 eine Koalitionsregierung und begab sich auf den Weg der kapitalistischen Restauration, die in den folgenden 2 Jahren zu einem dramatischen R\u00fcckgang des BIP und einer Massenarbeitslosigkeit von \u00fcber 20% f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Aber diese Niederlage f\u00fcr die Arbeiterklasse war nicht unvermeidbar. Einerseits trug Solidarno\u015b\u0107 von Beginn an den Samen der Konterrevolution in sich, verk\u00f6rpert in den Fehlern und dem Verrat der konservativen, reformistischen F\u00fchrung. Andererseits enthielt Solidarno\u015b\u0107 auch den Samen der politischen Revolution, mit der Organisationsform des MKS und den politischen Forderungen der Basis. Erst nach der Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts, der Zerschlagung der demokratischen Arbeiterorganisationen und dem totalen Zusammenbruch der Wirtschaft gab es fruchtbaren Boden, auf dem der konterrevolution\u00e4re Same wachsen konnte. Wenn es 1980 eine starke marxistische Opposition in Solidarno\u015b\u0107 gegeben h\u00e4tte, um die falsche Strategie der F\u00fchrung zu bek\u00e4mpfen und eine klare Alternative aufzuzeigen h\u00e4tte die Arbeiterbewegung die stalinistische B\u00fcrokratie st\u00fcrzen, eine gesunde demokratische sozialistische Gesellschaft aufbauen und den Gang der Geschichte ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Am 13. 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