{"id":14577,"date":"2011-12-16T00:00:00","date_gmt":"2011-12-15T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14577"},"modified":"2012-07-18T15:16:44","modified_gmt":"2012-07-18T13:16:44","slug":"14577","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/12\/14577\/","title":{"rendered":"K&#252;rzen und Privatisieren &#8211; der Kurs der neuen rot-schwarzen Koalition in       Berlin"},"content":{"rendered":"<p>  Kommentar zu den wichtigsten Inhalten des Koalitionsvertrages<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Am ersten Dezember wurde mit der Vereidigung der acht neuen   SenatorInnen die Bildung der Regierung von SPD und CDU in Berlin   abgeschlossen. Der Koalitionsvertrag und die ersten &#196;u&#223;erungen der   Koalition&#228;re zeigen, dass weiterhin Politik f&#252;r die Reichen und   Besitzenden gemacht werden wird. Um die Schuldenbremse einzuhalten, wird   massiv auf Kosten der Berlinerinnen und Berliner &#8222;eingespart&#8220; werden.   Wenn die Staatsschuldenkrise sich st&#228;rker auch in Deutschland bemerkbar   macht, wird die neue Koalition auch in Berlin mit Sozialk&#252;rzungen und   Privatisierungen die Armen zur Kasse bitten.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Steffen Strandt, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Die in der Verfassung verankerte &#8222;Schuldenbremse&#8220; des Bundes schreibt   vor, dass die Bundesl&#228;nder ab 2019 keine Schulden mehr zu machen haben.   Im Koalitionsvertrag wurde beschlossen, in Berlin die Schuldenbremse   schon 2016 zu erf&#252;llen. Um diese Ziel zu erreichen, wurden K&#252;rzungen und   Privatisierungen festgeschrieben.<\/p>\n<h4>  Mieten<\/h4>\n<p>  Die immer schneller steigenden Mieten und die damit einhergehende   Verdr&#228;ngung von Geringverdienern aus dem Innenstadtbereich waren eines   der wichtigsten Themen im Wahlkampf, was im September 6.000 Menschen   gegen steigende Mieten auf die Stra&#223;e brachte, denn schon unter Rot-Rot   wurden landeseigene Wohnungen privatisiert. Ein Aufhalten der   Mietpreiserh&#246;hungen wurde bei weitem nicht erreicht. Diese Politik der   Berliner Linkspartei in krassem Gegensatz zu den vollmundigen   Versprechen aus dem Wahlkampf, die &#8222;Mieter vor Wild-West [zu] sch&#252;tzen&#8220;,   war mit ein Grund, warum die LINKE eine herbe Wahlniederlage einstecken   musste.<\/p>\n<p>  Der Koalitionsvertrag ist voll mit Absichtserkl&#228;rungen zu einer   &#8222;sozialen Stadt&#8220; und zu mehr Gerechtigkeit bei den Mieten. Der   Hauptpunkt ist hier die Schaffung von 30.000 &#246;ffentlich gef&#246;rderten   Wohnungen. Die Finanzierung vom Land soll haupts&#228;chlich aus Krediten der   Kreditanstalt f&#252;r Wiederaufbau (KfW) an private Immobilienkonzerne   bestehen. Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften sollen erhalten   bleiben und ihren Wohnungsbestand erh&#246;hen. Dabei sollen Mietsteigerungen   h&#246;chstens 15% in vier Jahren betragen d&#252;rfen (bisher waren 20% in drei   Jahren m&#246;glich). Diese angek&#252;ndigten Schritte k&#246;nnen aber keineswegs die   Probleme l&#246;sen, denn weiterhin sollen haupts&#228;chlich private Unternehmen   f&#252;r die Bereitstellung von Mietwohnungen verantwortlich sein und daf&#252;r   vom Land mit g&#252;nstigen Krediten versorgt werden. Notwendig w&#228;ren aber   massive Investitionen in den &#246;ffentlichen Wohnungsbau. Stattdessen   werden weiterhin Spekulanten den Wohnungsmarkt in Berlin bestimmen und   davon profitieren. Die neue Regierung hat kein Interesse, daran etwas zu   &#228;ndern. Das zeigt auch die erste Personalaff&#228;re der neuen Koalition: Der   neue Senator f&#252;r Justiz und Verbraucherschutz Michael Braun (CDU) wurde   kurz vor seiner Wahl von der brandenburgischen Verbraucherzentrale f&#252;r   ungeeignet erkl&#228;rt, da er als Notar in dubiose Immobiliengesch&#228;fte   verwickelt war. Wie von mehreren Gesch&#228;digten und Ihren Anw&#228;lten   best&#228;tigt wird, hat Braun zahlreiche &#8222;Schrottimmobilien&#8220; in sehr   schlechtem Zustand sp&#228;t am Abend notariell best&#228;tigt, ohne dass die   K&#228;ufer die Wohnungen und H&#228;user besichtigt haben. B&#252;rgermeister Wowereit   stellt sich hinter seinen Senator, weil ihm juristisch nicht vorzuwerfen   sei. Dabei ist klar, dass Braun, ob nach b&#252;rgerlichen Gesetzen schuldig   oder nicht, vom Gesch&#228;ft der Spekulation und Abzocke profitiert und   nat&#252;rlich nicht gegen seine Freunde aus den Reihen der Spekulanten   vorgehen wird, die Mietensteigerungen verursachen.<\/p>\n<p>  <b>Update 14.12.: <\/b>Mittlerweile wurde der &#246;ffentliche Druck zu gro&#223;   und Braun musste gehen &#8211; allerdings nicht ohne 50.000 Euro zu kassieren,   weil er formal nicht zur&#252;ckgetreten ist, sondern von Wowereit auf   eigenes Bitten entlassen wurde. Also knapp 5.000 Euro Tagessatz f&#252;r den   12-Tage-Ministerposten dieses sauberen Herrn. <\/p>\n<p>  Eins ist klar: Die immer weiter steigenden Mieten und die Verdr&#228;ngung   aus der Innenstadt k&#246;nnen nur durch eine breite Bewegung von allen   betroffenen Bewohnern gestoppt werden.<\/p>\n<h4>  S-Bahn<\/h4>\n<p>  Im Koalitionsvertrag hat die Regierung zwei Optionen f&#252;r die L&#246;sung des   S-Bahn-Chaos beschlossen. Bis zum Ende diesen Jahres soll mit der   Deutschen Bahn AG verhandelt werden, ob die S-Bahn dem DB-Konzern   abgekauft und vom Land Berlin betrieben werden kann. Dass diese Option   nie ernsthaft verfolgt werden wird, sondern nur zur Beruhigung der   SPD-Basis dient, zeigen die Aussagen des neuen Verkehrssenators Michael   M&#252;ller (SPD), der schon jetzt vor der DB AG einknickt: &#8222;Bisher hat die   Bahn gesagt, sie denke &#252;berhaupt nicht an einen Verkauf. Wenn es so ist,   gut, dann muss man da auch einen Strich drunter ziehen.&quot; Nachdem diese   &#8222;erste Option&#8220; der Verhandlungen vorbei ist, soll zweitens der   eigentliche Plan f&#252;r die S-Bahn eingeleitet werden. Ab 2012 soll ein   Teil des S-Bahn-Verkehrs europaweit ausgeschrieben werden. Ab Dezember   2017 kann dann der Verkehr auf dem Ring und auf den Zubringerstrecken   zum Ring von weiteren privaten Konzernen betrieben werden. Der   Wettbewerb verschiedener Konzerne wird dazu f&#252;hren, dass sie in   Konkurrenz um die billigsten Kosten und h&#246;chsten Gewinne treten werden.   Gespart wird dann weiter bei den L&#246;hnen und der Qualit&#228;t. Weitere   S-Bahn-Krisen und Lohndumping w&#228;ren die Folge.<\/p>\n<p>  Gegen diese Privatisierungspolitik steht der &#8222;S-Bahn-Tisch&#8220; im Endspurt   der ersten Stufe eines Volksbegehrens, das genau diese Privatisierung   der S-Bahn verhindern will. Unterst&#252;tzt wird das Volksbegehren auch von   den beiden Bahngewerkschaften EVG und GDL. Um die Privatisierungspl&#228;ne   von SPD und CDU zu stoppen, ist ein gemeinsamer Widerstand von   Besch&#228;ftigten und Fahrg&#228;sten innerhalb und au&#223;erhalb des Betriebes   notwendig.<\/p>\n<h4>  Bildung<\/h4>\n<p>  Um zu sparen, werden auch in der kommenden Legislaturperiode keine   LehrerInnen verbeamtet. Das wird dazu f&#252;hren, dass der Lehrermangel in   Berlin nicht gestoppt werden, sondern sich versch&#228;rfen wird. Rot-Rot hat   in ihrer vorherigen Legislaturperiode schon eine Lehrerausstattung von   &#8222;100%&#8220; beschlossen, die Krankheiten und andere Ausf&#228;lle nicht mit   ber&#252;cksichtigt. Unterrichtsausfall und Zwangsversetzungen sind die   Folge. Widerstand hat sich hier beim Warnstreik der LehrerInnen im April   und beim Bildungsstreik im November entwickelt.<\/p>\n<h4>  Arbeit<\/h4>\n<p>  Als gro&#223;es Ziel im Koalitionsvertrag wird die Verringerung der   Arbeitslosenquote, die in Berlin doppelt so hoch wie im restlichen   Bundesgebiet ist, ausgegeben. Ein konkretes Programm zur Schaffung von   neuen Arbeitspl&#228;tzen gibt es aber nicht. Im &#246;ffentlichen Dienst sollen   zudem, zus&#228;tzlich zu dem Stellenabbau in den vorherigen   Legislaturperioden, 4.000 Stellen gestrichen werden. Immer mehr   ArbeiterInnen m&#252;ssen in Berlin in prek&#228;ren Arbeitsverh&#228;ltnissen zu   Billigl&#246;hnen arbeiten. Sogar der vom alten Senat geschaffene   &#8222;&#214;ffentliche Besch&#228;ftigungs-Sektor&#8220; &#8211; ein staatlich gef&#246;rderter   Niedriglohnsektor &#8211; wird wieder abgeschafft. F&#252;r die Betroffenen hei&#223;t   das oft, die noch schlechter bezahlte &#8222;B&#252;rgerarbeit&#8220; leisten zu m&#252;ssen.   Das Berliner Vergabegesetz wird von der Koalition ge&#228;ndert und k&#252;nftig   sollen alle Unternehmen, die einen Auftrag des Senats bekommen, 8,50&#8364;   Mindestlohn zahlen. Doch solche Regelungen sind keine Garantien. Die   ArbeiterInnen der Charit&#233;-Service-Tochter CFM musste sich in einem   13-w&#246;chigen Streik die Zusage f&#252;r 8,50&#8364; erk&#228;mpfen, w&#228;hrend viele von   ihnen unter dem Rot-roten Senat jahrelang f&#252;r einen Lohn sogar unter   7,50&#8364; (der Untergrenze des alten Vergabegesetzes) arbeiten mussten. Der   Streik der CFM sowie der Streik des medizinischen Personals an der   Charit&#233; im Mai sind ermutigende Zeichen, dass miserable   Arbeitsbedingungen und miese L&#246;hne nicht einfach hingenommen werden   m&#252;ssen und nicht hingenommen werden.<\/p>\n<h4>  Sicherheit<\/h4>\n<p>  Mit Frank Henkel, dem Spitzenkandidaten der CDU, nimmt jetzt ein   Politiker den Posten des Innensenators an, der im Wahlkampf mit   Law-and-Order Spr&#252;chen aufgefallen ist. Er hat angek&#252;ndigt, dass er   &#8222;aufr&#228;umen&#8220; will. In diesem Geiste stehen auch die ersten Ank&#252;ndigungen:   Die Beugehaft wird von 48 auf 96 Stunden ausgeweitet. Video&#252;berwachung   soll verst&#228;rkt werden. Polizeipr&#228;senz soll st&#228;rker im Stadtbild   vorhanden sein. Dabei beantwortet Henkel auch die Frage, in welche   Richtung dieser Sicherheitsapparat vor allem gerichtet sein soll. Nach   einem kurzen Abschnitt &#252;ber Rechtsextremismus widmet sich der   Koalitionsvertrag der besonderen Bedeutung, die die Bek&#228;mpfung des   Linksextremismus bekommen soll. Der Koalitionsvertrag erschien nach dem   Beginn der &#246;ffentlichen Diskussion &#252;ber die rechtsextreme   Terrorvereinigung NSU.<\/p>\n<h4>  &#8222;Sage mir, wer dich lobt, und ich sage dir, worin der Fehler besteht&#8220;<\/h4>\n<p>  Um zu sehen, in welchem Interesse die neue Koalition stehen wird, muss   man sich nur die Erkl&#228;rungen der Industrie und Handelskammer (IHK)   ansehen, die den Koalitionsvereinbarungen ein ausgezeichnetes Zeugnis   f&#252;r ihre Wirtschaftsfreundlichkeit ausgestellt hat. Wichtige   Infrastrukturprojekte wie der Bau der A100, die Bebauung des Tempelhofer   Feldes und die Flugrouten &#252;ber Wohngebiete zum Flughafen Sch&#246;nefeld   sollen gegen den Willen der AnwohnerInnen und gegen die Mehrheit der   BerlinerInnen durchgesetzt werden. Den Diskussionen &#252;ber Privatisierung   und Rekommunalisierung sieht die IHK entspannt entgegen. F&#252;r   Rekommunalisierungen, ob beim Wasser oder bei der S-Bahn, werde kein   Geld da sein. Daher sind die IHK-Vertreter optimistisch, dass die   Privatisierung von S-Bahn-Strecken in dieser Legislaturperiode umgesetzt   werden wird. Wie sehr dabei die Sorgen und N&#246;te der Menschen auf der   Strecke bleiben, zeigte IHK-Pr&#228;sident Eric Schweitzer auf einer   Pressekonferenz, als er zum Thema Verdr&#228;ngung durch Mieterh&#246;hung   anmerkte, dass niemand ein &#8222;verbrieftes Recht, ewig in seinem   angestammten Quartier zu leben&#8220; habe.<\/p>\n<h4>  K&#252;rzungskoalition<\/h4>\n<p>  Die angek&#252;ndigte Politik der neuen Regierung wird die Lebensbedingungen   vieler Menschen sp&#252;rbar verschlechtern. Die K&#252;rzungen schlie&#223;en hier an   die schon von Rot-Rot vorgenommenen Einschnitte an, werden aber,   besonders wenn die Schuldenkrise st&#228;rker in Deutschland ankommt, auch in   Berlin deutlich intensiviert werden. Die neue Koalition zeigt, dass sie   auf einer Seite mit den Kapitalvertretern (wie der IHK) steht und deren   Macht gegen die Mehrheit der BerlinerInnen verteidigen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Kommentar zu den wichtigsten Inhalten des Koalitionsvertrages\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[75,82],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14577"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14577"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14577\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}