{"id":14559,"date":"2011-11-29T00:00:00","date_gmt":"2011-11-29T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14559"},"modified":"2011-11-29T00:00:00","modified_gmt":"2011-11-29T00:00:00","slug":"14559","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/11\/14559\/","title":{"rendered":"Portugal: Generalstreik 2.0"},"content":{"rendered":"<p>  &#8222;Die Regierung ist unf&#228;hig unsere Probleme zu l&#246;sen&#8220; &#8211; ist der h&#228;ufigste   O-Ton der streikenden KollegInnen<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <b><i>von Anne Engelhardt, zur Zeit des Generalstreiks in Lissabon <\/i><\/b><\/h4>\n<p>  Es ist genau ein Jahr her, seit der letzte Generalstreik am 24. November   das Land ersch&#252;tterte. Seit dem ist eine Menge passiert: Die Regierung   unter Socrates und der &#8222;Sozialistischen&#8220; Partei (PS) ist auf Grund der   massiven Proteste gegen das Sparpaket und der Ablehnung weiterer   K&#252;rzungen im Parlament zur&#252;ckgetreten. Portugal ist in den W&#252;rgegriff   der Troika geraten. Die massiven K&#252;rzungen und Angriffe auf den   Lebensstandard der Bev&#246;lkerung werden unter der Leitung der   rechtskonservativen &#8222;Sozialdemokratischen&#8220; Partei fortgesetzt. Und: Es   ist eine neue Soziale Bewegung entstanden. Haupts&#228;chlich getragen von   jungen Lohnabh&#228;ngigen haben sie unabh&#228;ngig von Gewerkschaften und   Parteien am 15. Oktober 150.000 Menschen in ganz Portugal auf die Stra&#223;e   gebracht und waren in der Lage, die Gewerkschaftsf&#252;hrung unter Druck zu   setzen. Sie mussten sowohl einen weiteren Generalstreik ausrufen, als   auch zum ersten Mal zu einer gemeinsamen Demonstration mobilisieren, was   sie zuvor immer ablehnte.<\/p>\n<h4>  <b>Sozialmassaker der Regierung<\/b><\/h4>\n<p>  Die Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, das Wegfallen von   Feiertagen, im Schnitt 7% Lohnk&#252;rzungen durch erzwungene   Arbeitszeitverl&#228;ngerungen von bis zu einer Stunde pro Tag, weitere 10%   K&#252;rzungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich, die Zusammenstreichung   des &#246;ffentlichen Nahverkehrs, der nachts nur noch bis 23Uhr und in   einigen Orten bis 21 Uhr verkehren soll, Wegfall des Sozial- und   StudentInnentickets&#8230; Die Liste der Angriffe der Regierung ist   unfassbar lang. <\/p>\n<p>  Am Tag des Generalstreiks werden Portugiesische Anleihen entg&#252;ltig auf   BB- bzw. Trash Niveau runter gestuft. Das Wirtschaftswachstum f&#252;r 2012   sieht minus drei Prozent vor. Das bedeutet nicht nur eine Versch&#228;rfung   von Entlassungen und Verarmung, sondern auch, dass dass die Herrschenden   die Versuche verst&#228;rken werden, die Lebensbedingungen der lohnabh&#228;ngigen   Bev&#246;lkerung Portugals weiter in den Keller zu rei&#223;en.<\/p>\n<p>  Die Schwesterorganisation der SAV Socialismo Revolicion&#225;rio war die   ganze Nacht und den ganzen n&#228;chsten Tag unterwegs, verkaufte Zeitungen,   f&#252;hrte Interviews und beteiligte sich aktiv an der Unterst&#252;tzung der   Streikposten. Zwei Mitglieder von Socialismo Revolucion&#225;rio sind zudem   als Personalr&#228;te der st&#228;dtischen Verwaltung und Lissaboner Unternehmen   aktiv, wo sie den Streik im Vorfeld in den &#246;ffentlichen Betrieben mit   den KollegInnen gemeinsam diskutierten und vorbereiteten.<\/p>\n<h4>  <b>Gro&#223;e Beteiligung<\/b><\/h4>\n<p>  Der 24 st&#252;ndige Streik begann bereits, wie letztes Jahr ab 20 Uhr in der   Nacht des 23. November. Ab 21 Uhr konnte kein Flugzeug mehr starten und   landen, da die Flughafenfeuerwehr bereits die Arbeit niedergelegt hatte.   KollegInnen str&#246;mten herbei, Streikwesten und Fahnen wurden entrollt.   Aus Solidarit&#228;t schlossen sich Besch&#228;ftigte aus anderen Bereichen des   &#246;ffentlichen Dienstes diesem ersten Streikposten des Generalstreiks an.<\/p>\n<p>  <i>von der Feuerwehr sind an diesem Tag in ganz Portugal &#252;ber 90% in den   Streik getreten. Alle Fl&#252;ge wurden in Portugal gestrichen. W&#228;hrend   einige Flugg&#228;ste nach Servillia in Spanien transportiert wurden, um von   dort aus ihren Flug nehmen zu k&#246;nnen, schlossen sich andere aus   Solidarit&#228;t den Demonstrationen an. <\/i><\/p>\n<p>  In Haus der Gewerkschaft f&#252;r die Besch&#228;ftigten aus dem Druckergewerbe   herrschte nachts bereits ebenfalls reges Treiben. Im Gegensatz zum   letzten Jahr wurde vom Gewerkschaftsdachverband der CGTP diesmal eine   Menge Material &#252;ber den Streik produziert, das an Kollegen und   KollegInnen verteilt wurde.<\/p>\n<p>  Bei der Stadtreinigung trafen nachts um 23 Uhr s&#228;mtliche Streikende und   die landesweite Gewerkschaftsf&#252;hrung aufeinander, um den Streikposten   der Besch&#228;ftigten zu st&#228;rken. Die Presse lief auf, Interviews wurden   gegeben. Trotz des Posten schaffte es ein Streikbrecher einen M&#252;llwagen   zu ergattern und raste mit Vollgeschwindigkeit durch die Streikbarrikade   der KollegInnen. Es gab zwei Verletzte. Und eine saftige Anzeige. Die   Stimmung ist angespannt. Von den Besch&#228;ftigten, die ebenfalls &#252;berlegt   hatten, den Streik zu brechen, kehrten die meisten zur&#252;ck. Von den 118   M&#252;llautos der Lissaboner Stadtreinigung irren nur 5 mutlos durch die   Stra&#223;en und kehren nach ein paar Stunden unverrichteter Dinge wieder   zur&#252;ck.<\/p>\n<h4>  Protest gegen Privatisierung des Nahverkehrs<\/h4>\n<p>  Bei dem &#246;ffentlichen Busunternehmen der Stadt wurde es jedoch   komplizierter. Obwohl der Betrieb auf der Privatisierungsliste ganz oben   steht, gab es doch einige Busfahrer, die trotz des Streiks den   &#8222;Minimumservice&#8220; aufrecht erhalten wollten, den die Gesch&#228;ftsleitung   gefordert hatte. Dieser sieht jedoch vor, dass 50 % der Busse im Einsatz   sein sollen, was von den Kollegen als &#8222;das ist im Prinzip kein   wirklicher Streik&#8220; wahrgenommen wurde.<\/p>\n<p>  Der Streikposten vor dem Busgel&#228;nde wurde von prek&#228;r Besch&#228;ftigten und   AktivistInnen aus der neu entstandenen sozialen Bewegung unterst&#252;tzt,   die vor allem gegen die Privatisierung des &#246;ffentlichen Nahverkehrs   protestierten. Sie diskutierten ruhig mit den KollegInnen, setzten sich   vor die Ausfahrt und harrten die ganze Nacht aus. Trotzdem konnten   einige Busse unter massivem Polizeiaufgebot das Gel&#228;nde verlassen. Die   geforderten 50 % konnten aber bei weitem nicht erreicht werden. Bei   einem weiteren Busgel&#228;nde schlossen sich AktivistInnen aus der   Nachbarschaft dem Streikposten an und harrten bis zum Morgen in   Solidarit&#228;t aus.<\/p>\n<p>  Leider waren von den streikenden KollegInnen der Busgesellschaft nur   wenige beim Streikposten anwesend. Und so fiel es den Streikbrechern   leichter die Barriere von Fremden zu durchbrechen, als wenn sie sich   gegen&#252;ber KollegInnen rechtfertigen m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Bei der zentralen Postvergabestelle hatten die Besch&#228;ftigten aus dem   letzten Jahr dazugelernt. Waren es 2010 vor allem GewerkschafterInnen   und AktivistInnen aus anderen Branchen, die den Abtransport der Post   trotz massiver Polizeirepression verteidigten, waren viele KollegInnen   diesmal selbst dort, um sicher zu stellen, dass ihr Streik nicht   gebrochen wurde. Mit gro&#223;em Erfolg hielten sie ihre KollegInnen davon   ab, in die LKWs zu steigen und &#252;berzeugten sie, sich ihnen anzuschlie&#223;en.<\/p>\n<h4>  Gemeinsame Demonstration<\/h4>\n<p>  Am 24 November blieben auch Schulen und Universit&#228;ten geschlossen. Eine   Gruppe von hunderten Studierenden aus Coimbra reiste am Nachmittag in   Lissabon an, um sich der zentralen Demonstration anzuschlie&#223;en.   Auffallend militant waren auch die Hafenarbeiter, die in der Demo mit   Sprechch&#246;ren und &#8222;Don&#8217;t fuck my job&#8220; Westen auftauchten.<\/p>\n<p>  Am Nachmittag liefen die Demonstration der Gewerkschaften und jene zu   der die &#8222;15O Plattform&#8220; aufgerufen hatte gemeinsam vor dem nationalen   Parlament zusammen. Etwa 50.000 Menschen f&#252;llten den Platz mit Ges&#228;ngen,   Sprechch&#246;ren und Trommell&#228;rm.<\/p>\n<p>  Trotz des verst&#228;rkten Polizeiaufgebots und des riesigen Zauns, der seit   dem Massenprotest am 15 Oktober um das Parlament aufgestellt wurde,   rissen DemonstrantInnen die Barriere ein und versuchten erneut die   Treppe vor dem Parlament zu besetzen. Als die Polizei einschritt und die   AktivistInnen zur&#252;ckdr&#228;ngte, kam es zu kleineren Auseinandersetzungen.   Es gab zwei Verletzte, 7 Menschen wurden festgenommen, von denen einer   jedoch als Agent Provokateur der Polizei entlarvt, sofort frei gelassen   wurde. In Sprechch&#246;ren wurde &#8222;Fr&#252;her ward ihr Menschen, heute seid ihr   Polizisten&#8220;, &#8222;Das vereinte Volk kann niemals besiegt werden&#8220;, &#8222;Schlie&#223;t   euch uns an&#8220; und &#8222;Heute wird bei uns gek&#252;rzt, morgen bei euch&#8220; gerufen.<\/p>\n<p>  Tausende Besch&#228;ftigte und AktivistInnen blieben noch einige Stunden   emp&#246;rt auf dem Platz stehen, bevor sich die Demonstration tats&#228;chlich   langsam aufl&#246;ste. Die Platzbesetzung, die am 15 Oktober begonnen hatte,   bleibt jedoch weiterhin pr&#228;sent.<\/p>\n<p>  Die Regierung behauptete nach dem Streik frech, es h&#228;tten nur 3% am   Streik teilgenommen. Als sie von der Tageszeitung &#8222;Publico&#8220; gefragt   wurden, woher sie ihre Zahlen nehmen, wollten sie keine Auskunft geben.<\/p>\n<p>  Der Streik &#252;bertraf an Entschlossenheit und Qualit&#228;t bei weitem den   Generalstreik von 2010. Die Stimmung auf der Demonstration war zudem   k&#228;mpferischer als am 15. Oktober. Die Gewerkschaftsf&#252;hrung bewies leider   erneut, dass sie kein Interesse hat mit der neu entstandenen sozialen   Bewegung einen gemeinsamen Kampf zu f&#252;hren, denn sie lie&#223; ihre   Demonstration ungeachtet der Absprachen fr&#252;her loslaufen, so dass die   beiden Arme der Bewegung erst vor dem Parlament zusammentrafen und nicht   wie geplant vom Rossio die Strecke gemeinsam zur&#252;cklegten. Die   Bef&#252;rchtung der Gewerkschaftsf&#252;hrung, dass Viele nicht teilnehmen   w&#252;rden, weil der &#246;ffentliche Nahverkehr streikte, war unberechtigt. Die   Demonstration war ein voller Erfolg. Bleibt nur zu hoffen, dass bis zum   n&#228;chsten 24-st&#252;ndigen Generalstreik nicht erst wieder ein Jahr vergehen   muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#8222;Die Regierung ist unf&#228;hig unsere Probleme zu l&#246;sen&#8220; &#8211; ist der h&#228;ufigste<br \/>\n      O-Ton der streikenden KollegInnen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14559"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14559"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14559\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}