{"id":14546,"date":"2011-12-01T00:00:00","date_gmt":"2011-12-01T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14546"},"modified":"2011-12-01T00:00:00","modified_gmt":"2011-12-01T00:00:00","slug":"14546","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/12\/14546\/","title":{"rendered":"Das Leben eines aufrechten Revolution&#228;rs"},"content":{"rendered":"<p>  Heute vor 75 Jahren starb Hans Beimler<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <i>von Steve K&#252;hne<\/i><\/h4>\n<p>  Es war eine dunkle Mainacht im Jahre 1933, in der ein gro&#223; gewachsener   Mann in schwarzer SS-Uniform, die M&#252;tze tief in die Stirn gezogen, das   Tor des KZ Dachau durchschritt. Er schien Zeit zu haben und brachte er   eine ganze Weile damit zu die Wachmannschaften zu drangsalieren, stramm   stehen und gr&#252;&#223;en zu lassen. Erst dann verschwand die Gestalt in   Richtung der Allee, die vom Lager in die Stadt hineinf&#252;hrte.<\/p>\n<p>  Keine der Wachen hatte sich auch nur die M&#252;he gemacht den Mann genau   anzusehen. H&#228;tten sie&#8217;s getan, ihnen w&#228;re aufgefallen wie zerschrammt   sein Gesicht war. Er gab ganz und gar nicht das Bild eines SS-Mannes,   eines KZ-Aufsehers ab. Doch die Gewohnheit Befehle auszuf&#252;hren hatte sie   des Verstands beraubt und so lie&#223;en sie einen Mann aus dem KZ laufen,   den sie &#252;berall gesucht und schlie&#223;lich festgenommen hatten: Hans   Beimler.<\/p>\n<p>  Beimlers Biografie liest sich wie ein Abenteuerroman. Er war alles   andere als der Prototyp eines stalinh&#246;rigen KP-B&#252;rokraten. Er war ein   aufrechter K&#228;mpfer, war ehrlich und geradeheraus. Ein mutiger Mensch   voller Mitgef&#252;hl und nicht ohne eine spitzz&#252;ngigen Witz. Beimler wollte   nie hinter einem Schreibtisch sitzen. Sein Bet&#228;tigungsfeld war der   Kampf: Streikposten stehen, Flugbl&#228;tter verteilen, in Fabriken sprechen,   wenn n&#246;tig eine Pr&#252;gelei mit einer SA-Horde und schlie&#223;lich der Kampf   mit der Waffe in der Hand.<\/p>\n<h4>  Das Kind, das nicht stille sitzen konnte<\/h4>\n<p>  Beimler erblickte am 2.Juli 1895 in M&#252;nchen das Licht der Welt. Seine   Mutter war eine ledige K&#246;chin, sein Vater machte sich schnellstens aus   dem Staub, als ihm die &#220;berraschung offenbart wurde, dass sein Sohn   unterwegs war. Eine alleinerziehende Mutter &#8211; welch Affront im   erzkatholischen Bayern. Das Kind kam zu den Gro&#223;eltern, die im   oberpf&#228;lzischen Waldthurn lebten. Die Armut der ArbeiterInnen in dieser   2.000 Seelen z&#228;hlenden Ein&#246;de war erdr&#252;ckend. Das Geld reichte kaum f&#252;r   das N&#246;tigste. F&#252;r Hans gab es kein Bett, er schlief in einer Holzkiste,   was ihm den Spitznamen &#8222;Kistenboibl&#8220; einbrachte.<\/p>\n<p>  Und er machte Probleme &#8211; von Anfang an. In der Schule sa&#223; er nie stille,   war kaum zu b&#228;ndigen und zeigte wenig Interesse daran, ob sein Verhalten   mit der streng katholischen Moral seines Umfelds zusammenpasste. Auf die   Frage seines Gro&#223;vaters, des stolzen Schlossermeisters, was er denn f&#252;r   einen Beruf zu ergreifen gedenke, erwiderte er: Konditor. Dieser Streit   bleibt einer der wenigen, in denen sich Beimler nicht durchsetzt. Mit   seinem 16. Lebensjahr hatte er ausgelernt: Beruf Schlosser. Kaum den   Gesellenbrief in der Tasche hielt ihn nichts mehr in der geistigen Enge   der Oberpfalz. Er ging auf Wanderschaft. Seine Gro&#223;mutter weinte zum   Abschied, sein Opa hatte nur noch Kopfsch&#252;tteln f&#252;r den Jungen &#252;brig.<\/p>\n<p>  Dessen Weg f&#252;hrt in seine Geburtsstadt: M&#252;nchen. Dort tritt er 1913 dem   gewerkschaftlichen Metallarbeiterverband bei.<\/p>\n<h4>  Erster Weltkrieg und Novemberrevolution<\/h4>\n<p>  Der erste Weltkrieg. Die Bourgeoisien Europas hetzten die Menschen   aufeinander. Das gro&#223;e Sterben zu Beginn des 20. Jahrhunderts kostete   17.000.000 Menschenleben! Eine gewaltige Schlacht um Rohstoffe,   Absatzm&#228;rkte und billige Arbeitskr&#228;fte. An diesem Gemetzel wollte   Beimler nicht teilnehmen. Doch schon 1914 wurde er eingezogen. Als   Schlosser, z&#228;hlte er zu jenen Fachkr&#228;ften, die die kaiserliche Marine   dringend suchte. Beimler kam auf einen Minensucher und brachte es bis   zum Maat &#8211; immerhin also Unteroffizier.<\/p>\n<p>  Die deutsche Kriegsmarine sah sich w&#228;hrend des gesamten Krieges der   britischen Umklammerung ausgesetzt. Nur einmal probte die F&#252;hrung der   kaiserlichen Seestreitkr&#228;fte das Kr&#228;ftemessen mit den englischen   Kriegsschiffen, w&#228;hrend der Seeschlacht im Skagerak.<\/p>\n<p>  Sonst verbrachten die Matrosen ihre Tage mit endlosen Debatten. Die   verbitterten Soldaten stellten Fragen, wurden w&#252;tend, angesichts des   prunkvollen Lebens ihrer Vorgesetzten. Sie zweifelten am Sieg und an der   Rechtm&#228;&#223;igkeit des Krieges. Verw&#252;nschten den kaiserlichen Polizeistaat   und schimpften mit bitteren Worten &#252;ber den Kapitalismus, der das gro&#223;e   Morden zu verantworten hatte.<\/p>\n<p>  Irgendwer dr&#252;ckte Beimler 1917 schlie&#223;lich ein Flugblatt in die Hand. Es   erz&#228;hlte kurz und knapp die Geschichte der Russischen Revolution.   Beimler war begeistert. F&#252;r ihn, wie f&#252;r Millionen ArbeiterInnen   weltweit wurde dies Ereignis zum Weckruf: Endlich ein Ausweg aus Krieg   und Unterdr&#252;ckung. Beimler wird Spartakist &#8211; heimlich, denn Spartakist   sein hie&#223; damals verfolgt zu werden.<\/p>\n<p>  Als im Oktober 1918 die F&#252;hrung der deutschen Marine einen   selbstm&#246;rderischen Angriff auf die britischen Inseln plant, ist der   Bogen &#252;berspannt. Die Matrosen verweigern die Befehle und bilden R&#228;te.   Beimler ist organisierender Kopf und Aktivist in einem. Schon am   3.November veranstaltet er mit anderen eine Demonstration durch Cuxhaven.<\/p>\n<p>  Mit einem Patronengurt, seinem Gewehr und einem Karton voller   Flugbl&#228;tter reiste er auf eigene Faust von Cuxhaven aus durch halb   Deutschland. In M&#252;nchen unterstellte er sich ohne Z&#246;gern der bayrischen   R&#228;terepublik, die wenig sp&#228;ter durch konterrevolution&#228;re Freikorps im   Auftrag der rechts-&#8222;sozialistischen&#8220; MSPD im Blut ertr&#228;nkt wird. Beimler   leistete sich gemeinsam mit einer Handvoll unnachgiebiger K&#228;mpfer   Scharm&#252;tzel mit den weit &#252;berlegenen Freikorps. Doch der Kampf der   Revolution&#228;re ist hoffnungslos. Nach der Niederwerfung der Revolution   durchk&#228;mmt eine wild gewordenen Soldateska die bayrische Hauptstadt und   mordet, pl&#252;ndert und verhaftet vollkommen willk&#252;rlich. Auch Hans Beimler   ger&#228;t in ihre H&#228;nde, wird aber mehr oder weniger wohlbehalten wieder   laufen gelassen.<\/p>\n<p>  Als 1921 der von der KPD gef&#252;hrte mitteldeutsche Aufstand mit Truppen   aus Bayern niedergeworfen werden soll, sprengt Beimler kurzerhand eine   Br&#252;cke und verhindert so wichtige Truppen- und Munitionstransporte. Die   bayrische Polizei wei&#223; genau, wo sie suchen muss. Nur wenige Tage nach   der Aktion wird Beimler abermals verhaftet und unter Schm&#228;hreden eines   nationalkonservativen Richters zu zweij&#228;hriger Festungshaft verurteilt.   Beimler quittiert seine Verurteilung l&#228;chelnd mit einem Achselzucken.<\/p>\n<h4>  Antifaschistischer Kampf<\/h4>\n<p>  Nach seiner Haftentlassung tritt er eine Stelle in der Lokomotivenfabrik   Krauss-M&#252;nchen-Sendling an. Sein Einfluss auf die Kollegen im Betrieb   wird derartig gro&#223;, dass die sozialdemokratische F&#252;hrung des   Metallarbeiterverbandes ihre Felle davon schwimmen sieht und Beimler   wegen oppositioneller Bestrebungen ausschlie&#223;t. Doch inzwischen hat er   l&#228;ngst den Ruf eines unerbittlichen K&#228;mpfers. Man beruft ihn ins   Zentralkomitee der KPD, Mitglied des bayrischen Landtags wird er 1930   und 1932 und von 1932 bis 1932 Mitglied des Reichstags.<\/p>\n<p>  Es waren Jahre voller Brutalit&#228;t. Die von den deutschen Unternehmern   ausgehaltenen Nazis griffen mit ihren Pr&#252;gelbanden KommunistInnen und   SozialdemokratInnen an. Die Angst des deutschen Gro&#223;b&#252;rgertums vor der   sozialen Revolution war derart gewachsen, dass sie die NSDAP und deren   SA vor ihren Wagen spannte, um die Arbeiterbewegung zu zerschlagen.<\/p>\n<p>  Und wieder stand Hans Beimler in vorderster Front. Er ging in Betriebe,   diskutierte mit Sozialdemokraten und unorganisierten ArbeiterInnen &#252;ber   den kl&#252;gsten Weg im Kampf gegen die braune Bedrohung. Doch nach Hitlers   Ernennung zum Reichskanzler, am 30. Januar 1933, konnte er nicht mehr   offen auftreten. Beimler lag der illegale Kampf. Er eilte in Betriebe,   trommelte die Besch&#228;ftigten zusammen, hielt eine flammende Ansprache f&#252;r   die Einheitsfront und war viel zu schnell verschwunden, als das die   Nazis h&#228;tten zugreifen k&#246;nnen. Dies ist umso bemerkenswerter, als die   Nazis die organisierte Arbeiterbewegung nur im Auftrag der Unternehmer   zerschlugen und somit deren Unterst&#252;tzung genossen. Wo immer Beimler   auftauchte drohte ihm also die Denunziation durch leitende Angestellte,   Fabrikbesitzer und Vorarbeiter. Dennoch kriegten sie Beimler nicht. Er   geriet f&#252;r SA, SS und Polizei mehr und mehr zum Phantom.<\/p>\n<p>  Irgendwann im M&#228;rz durchk&#228;mmte die SA eine Villensiedlung am Rande von   Augsburg. Es war ein Tipp, ein &#8222;guter&#8220; Tipp, denn Hans Beimler war dort.   Gerade noch aus dem K&#252;chenfenster entkommen, sprach er einen der   SA-Leute an, warum denn so ein Aufhebens gemacht werde. Der gab m&#252;rrisch   zur&#252;ck, man suche den verdammten Beimler. Der Gesuchte klopfte dem   SA-Mann auf die Schulter und w&#252;nschte viel Erfolg, bevor er seelenruhig   die Szenerie verlie&#223;.<\/p>\n<h4>  KZ Dachau<\/h4>\n<p>  Im April 1933 dann der Verrat. Ein Spitzel in den Reihen der illegalen   KPD verabredete eine Zusammenkunft mit Beimler. Der Gerufene kam, v&#246;llig   &#252;bern&#228;chtigt und unvorsichtig geworden, zum Treffpunkt. Eine ganze Horde   SA-M&#228;nner fiel &#252;ber ihn her und schlug auf ihn ein. Beimler wehrte sich,   doch es waren zu viele. Sie schleppten ihn auf einen Pritschenwagen und   fuhren unter st&#228;ndigen Fu&#223;tritten ins M&#252;nchener Gestapo-Hauptquartier,   wo man ihn mit Hohnrufen empfing.<\/p>\n<p>  Die Braunhemden warfen Beimler in ein kahles B&#252;ro, mit Schreibtisch und   zwei St&#252;hlen. Unter den Augen eines Gestapo-Beamten pr&#252;gelten sie ihn   halbtot. Dann vernahmen sie ihn, doch Beimler schwieg. Eisern, selbst   als sie weiter pr&#252;gelten hielt er stand. Geheimnisse gab er nicht preis.<\/p>\n<p>  Am 25. April verschleppten ihn die Nazis ins KZ Dachau. Beimler musste   ein Schild um den Hals tragen mit der Aufschrift: &#8222;Herzlich willkommen!&#8220;   Er kam sofort in den Bunker. Jene in jedem KZ gef&#252;rchteten Arrestzellen,   in denen man dem Zorn der Bewacher schutzlos ausgeliefert war. Gut zwei   Wochen versuchten sie Beimler zu brechen &#8211; erfolglos. Selbst als sein   K&#246;rper zerschunden und mit Wunden &#252;berseht war, schwieg er weiter. Dann   warfen die Nazis seinen Freund zu ihm in die Zelle. Er hatte sich die   Pulsadern aufgeschnitten und die SA lie&#223; ihn verbluten. Ein letzter   Versuch Beimler den Verstand zu rauben.<\/p>\n<p>  Wenige Stunden danach polterten zwei betrunkene SA-Leute in Beimlers   Zelle und legten ihm einen Strick um den Hals. Es war wohl das einzige   Mal, aber diesmal bat er seine Bewacher um einen Gefallen: Es war der   Geburtstag seiner Tochter und sie sollte nicht den Rest ihres Lebens   daran denken m&#252;ssen, dass ihr Vater an diesem Tag gestorben sei. Die   zwei Braunhemden erkl&#228;rten sich mit einem Aufschub einverstanden.<\/p>\n<p>  Derweil hatte Beimler nicht vor auf die beiden zu warten. Es muss ihn   kaum fassbare &#220;berwindung gekostet haben, trotz seiner Schmerzen die   Zellenwand zum Lichtschacht hochzuklettern und die provisorischen   Befestigungen der Gitterst&#228;be zu l&#246;sen. Dann war der Weg frei. Beimler   lief im Dunkel der Nacht auf das Tor zu, bis, v&#246;llig unerwartet, ein   SS-Mann vor ihm stand. Der sah den Fl&#252;chtenden nicht, stand mit dem   R&#252;cken zu ihm und rauchte gelangweilt eine Zigarette. Woher Beimler &#8211;   mit seinen Prellungen, Sch&#252;rfwunden und gebrochenen Rippen &#8211; die Kraft   nahm, wird wohl auch ihm selbst ein R&#228;tsel gewesen sein. Aber er sprang   auf den Wachmann und noch ehe dieser Alarm schlagen konnte hatte Beimler   ihm das Genick gebrochen. Er zog die Uniform des Toten an und verlie&#223;   das KZ durch das Torhaus.<\/p>\n<h4>  Flucht<\/h4>\n<p>  Beimler lief die Allee Richtung Stadt. Als ihn ein Pferdefuhrwerk   &#252;berholte, sprang er auf. Nach der Ankunft in M&#252;nchen suchte bei   Genossen Unterschlupf.<\/p>\n<p>  Derweil stellten die Nazis ganz S&#252;dbayern auf den Kopf. Alle Zeitungen   warnten vor dem &#8222;gef&#228;hrlichen Kriminellen Beimler&#8220;, der bei seine Flucht   aus Dachau eine SS-Wache ermordet hatte. Ein Eigentor: Die allm&#228;chtigen   Nazis gaben ohne es zu wollen zu, dass sie einen ihrer erkl&#228;rten Feinde   hatten entkommen lassen. Sachdienliche Hinweise gingen bei der Gestapo   nicht ein. Allerdings stellten deren Spitzel in den Tagen nach Beimlers   Entkommen vermehrte Zuversicht bei KommunistInnen, SozialdemokratInnen   und anderen AntifschistInnen fest. Dass durfte man nicht zulassen: Ein   f&#252;r damalige Verh&#228;ltnisse ungeheuerliches Kopfgeld von 100 Reichsmark   wurde auf Beimler ausgesetzt und seine Familie kam in Sippenhaft.<\/p>\n<p>  Der Gesuchte selbst wechselte h&#228;ufig das Versteck, war zeitweise gar bei   einem Polizisten einquartiert. Sonst wartete er ab. So als h&#228;tte er es   nicht eilig raus zu kommen. Vielleicht war es aber auch das Gef&#252;hl die   Familie in den H&#228;nden der verhassten Feinde zur&#252;cklassen zu m&#252;ssen, das   ihn in M&#252;nchen hielt.<\/p>\n<p>  Nach einigen Wochen reiste er dennoch mit falschen Papieren &#252;ber Berlin   und die Tschechoslowakei in die Sowjetunion aus.<\/p>\n<h4>  Das Ende aller Illusionen: Stalins Sowjetunion<\/h4>\n<p>  Beimler kam in die UdSSR beladen mit den naiven Vorstellungen so vieler   MarxistInnen jener Zeit. F&#252;r ihn war die Sowjetunion die lebendige   Revolution, sie war die L&#246;sung aller Probleme der Menschheit, erst recht   die L&#246;sung der Probleme in Deutschland. Und tats&#228;chlich waren nach der   Oktoberrevolution Gro&#223;grundbesitzer und Kapitalisten, Militaristen und   Geheimpolizei entmachtet worden. Doch seit den hoffnungsvollen Tagen der   Bolschewiki, seit Lenin und Trotzki, war viel Zeit vergangen. Statt   aufrechter Revolution&#228;re wie Beimler selbst einer war, bestimmten   stocksteife B&#252;rokraten das Leben in der UdSSR. Sie klebten an ihren   Privilegien, ihren H&#228;usern und Datschen, an teuren Kuraufenthalten und   sch&#246;nen B&#252;ros. Wer immer gegen diese Verh&#228;ltnisse das Wort erhob, wurde   liquidiert und mit ihm nicht selten die Familie.<\/p>\n<p>  Beimler erlebte wie kampferprobte deutsche KommunistInnen, die Schutz in   der UdSSR gesucht hatten, lieber wieder nach Deutschland zur&#252;ckgingen,   als in der Sowjetunion zu bleiben. Sie wollten lieber von den Nazis   get&#246;tet werden, als von den &#8222;eigenen&#8220; Leuten. Wenn er in Betrieben   sprach, war er ersch&#252;ttert &#252;ber das Klima aus Angst und Furcht an den   Werkb&#228;nken. Auch Beimler wollte nur noch raus.<\/p>\n<p>  Er verfasste die Brosch&#252;re &#8222;M&#246;rderlager Dachau&#8220;, die erste Schilderung   der ersch&#252;tternden Zust&#228;nde in deutschen KZ&#8217;s. Dann machte er sich auf   den Weg nach Paris, um von dort aus den antifaschistischen Kampf in   Deutschland zu organisieren. Doch er erlebte eine Partei, die sich   selbst matt setzte. Die einflussreichen Stellen waren von unf&#228;higen   B&#252;rokraten besetzt. Mit dem scheinheiligen Argument die ArbeiterInnen   seien m&#252;de verweigerten die KPD-B&#252;rokraten die Einberufung von Treffen.   Anfangs versuchte Beimler noch diesen Makel durch unerm&#252;dliche Arbeit   wettzumachen. Aber gegen die Wand der B&#252;rokratie war es unm&#246;glich   anzurennen. Da wurden, ohne Absprache, R&#228;ume doch nicht gemietet,   Ank&#252;ndigungen von Treffen nicht verbreitet. Beimler war fassungslos &#252;ber   so viel Unf&#228;higkeit. Und langsam reifte in ihm der Gedanke, dass es eben   nicht nur Unf&#228;higkeit war.<\/p>\n<p>  Weder in Frankreich, noch in der Schweiz gelang es die &#8222;Rote Hilfe&#8220; zu   formieren. Seinem engeren Freundeskreis vertraute Beimler seine   Ratlosigkeit an. An die &#214;ffentlichkeit ging er nicht &#8211; er wollte der   Partei nicht schaden, die doch f&#252;r den Kampf gegen die Nazis so   bedeutend sein k&#246;nnte. Doch selbst diese Disziplin konnte einen Menschen   wie Beimler nicht ewig in der R&#228;son halten. Irgendwann fing er an Briefe   zu schreiben und in den wenigen &#246;ffentlichen Reden, die er noch halten   konnte selbst einige Zust&#228;nde in der UdSSR zu kritisieren. Postwendend   kam die Antwort. W&#228;hrend seines Aufenthalts in der Schweiz wurde Hans   Beimler aller &#196;mter enthoben.<\/p>\n<h4>  Spanische Revolution<\/h4>\n<p>  F&#252;r Beimler war es eine menschliche Katastrophe, dass man ihm, der im KZ   gesessen hatte, dessen Familie die SS geholt hatte, der immer ein   aufrechter Marxist gewesen war, die M&#246;glichkeit nahm politisch zu   handeln, w&#228;hrend stumpfe B&#252;rokraten die Au&#223;enwahrnehmung der KPen   bestimmten. Es war die vielleicht dunkelste Stunde seines Lebens, denn   die Partei, an die er einst geglaubt hatte, verwandelte sich vor seinen   Augen in ein Hindernis auf dem Weg zum Sieg &#252;ber Kapitalismus und   Faschismus. Selbst sein frecher Witz verstummte mehr und mehr. Auch das   Unm&#246;gliche schien auf einmal m&#246;glich: Hatte jene verfemten Kritiker der   &#8222;Linken Opposition&#8220; gar Recht. Wenigstens mit einigen ihrer Thesen?   Beimler gr&#252;belte buchst&#228;blich Tag und Nacht und es fra&#223; ihn auf.<\/p>\n<p>  Zu jener Zeit putschte General Franco mit deutscher und italienischer   Hilfe gegen die gew&#228;hlte Volksfrontregierung aus b&#252;rgerlichen Demokraten   und Kommunisten in Spanien. Doch die spanischen ArbeiterInnen wehrten   sich: Sie st&#252;rmten unbewaffnet Polizei- und Armeekasernen, bauten   Barrikaden in den Stra&#223;en. Sie z&#252;ndeten ganze Stadtteile von Madrid an,   um das Ausr&#252;cken der Armee zu verhindern.<\/p>\n<p>  Dieser kompromisslose, unerschrockene Kampf imponierte einem Beimler. Er   bat nach Spanien gehen zu d&#252;rfen und die Parteif&#252;hrung lie&#223; ihn   gew&#228;hren. Vielleicht, weil sie hofften den unbequemen Draufg&#228;nger im   B&#252;rgerkrieg auf der Iberischen Halbinsel loszuwerden.<\/p>\n<p>  Kaum war er in Spanien, war er auch schon Politkommissar der   11.Interbrigade. Seine ehrliche Bescheidenheit, sein tiefes Mitgef&#252;hl   f&#252;r die Leiden der spanischen Bev&#246;lkerung, sein Mut, seine Zuversicht,   sein Witz, sein tiefer Internationalismus, lie&#223;en seinen Namen weit &#252;ber   Madrid hinaus bekannt werden. Und er hatte das was allen anderen fehlte:   Milit&#228;rische Ausbildung und Kampferfahrung. Er brachte den Brigadisten   schie&#223;en bei, zeigte ihnen wie man einen Hinterhalt aufbaute und Panzer   ohne Panzerabwehrmittel erfolgreich bek&#228;mpfen kann. Der enorme Anteil   der 11.Interbrigade an der Abwehr der Franco-Offensive gegen Madrid 1936   war im Wesentlichen sein Werk<\/p>\n<p>  Er kannte jeden Sch&#252;tzengraben, sprach mit den Interbrigadisten und   agitierte Tag und Nacht. Und das was er sagte war einfach wahr. W&#228;hrend   die Stalinisten Agenten nach Spanien schickten, die Jagd auf   marxistische und anarchistische Revolution&#228;re machten und auch ein Erich   Mielke, der sp&#228;tere Stasi-Chef der DDR, eigenh&#228;ndig Revolution&#228;re   liquidierte. W&#228;hrend Stalin alles tat um eine sozialistische Revolution   in Spanien zu verhindern und den kapitalistischen &#8222;Demokratien&#8220; seine   B&#252;ndnisf&#228;higkeit zu beweisen. W&#228;hrend die Stalinisten f&#252;rchteten, eine   erfolgreiche Revolution in Spanien w&#252;rde den ArbeiterInnen weltweit   zeigen, dass Sozialismus ohne B&#252;rokraten m&#246;glich ist, propagierte   Beimler die soziale Revolution. Er verlangte die Aufteilung des   Gro&#223;grundbesitzes, wollte die Verstaatlichung der Industrie und   verlangte die Einheitsfront der Revolution&#228;re. Anarchisten, POUM,   Kommunisten und auch Trotzkisten sollten gemeinsam k&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  Seine Reden hatten Witz, waren pointiert und kurzweilig. Er verurteilte   die Verbrechen der B&#252;rokratie. F&#252;r einen Politkommissar einmalig.<\/p>\n<p>  Nun war Beimler nicht mehr nur l&#228;stig, er war zum Problem geworden. Denn   die Interbrigadisten h&#246;rten ihm zu. Gerade das durfte aus Sicht der   sowjetischen B&#252;rokratie und der B&#252;rokraten der Kommunistischen   Internationale nicht sein. Die Interbrigadisten, aus aller Welt nach   Spanien gekommen, um gegen die Faschisten Francos zu k&#228;mpfen, sollten   nach dem Willen der KP-B&#252;rokraten als ein Instrument zum Kampf gegen die   soziale Revolution missbraucht werden. Mit einem Beimler als   Politkommissar unm&#246;glich.<\/p>\n<h4>  Beimlers Tod<\/h4>\n<p>  Bis heute geben Beimlers Todesumst&#228;nde R&#228;tsel auf. Am 1.Dezember 1936   war er mit zwei Begleitern im Madrider Studentenviertel unterwegs. Weit   entfernt von den K&#228;mpfen an der Front soll ihn hier in einer Nebenstra&#223;e   die Kugel eines faschistischen Heckensch&#252;tzen getroffen haben. Nach   dieser Version ereilte seinen engen Freund Louis Schuster das gleiche   Schicksal. Doch bedenkt man Beimlers Auseinandersetzung mit der   stalinistischen B&#252;rokratie scheint dies wenig glaubhaft. Nicht zuletzt   deshalb, weil der einzig &#220;berlebende der drei Geheimagent des   Stalinschen Geheimdienstes GPU war, zust&#228;ndig f&#252;r den offenen und   verdeckten Kampf gegen aufrechte Revolution&#228;rInnen. Sein Name war   Richard Staimer, er wird sp&#228;ter der Schwiegersohn des ersten und   einzigen DDR-Pr&#228;sidenten, Wilhelm Pieck, werden.<\/p>\n<p>  Als Beimlers Leichnam zum Friedhof gefahren wurde, schlossen sich   300.000 SpanierInnen und Interbrigadisten dem Zug an. Eine Ehrerbietung   wie sie keinem einzigen spanischen K&#246;nig jemals zuteil wurde.<\/p>\n<h4>  Hans Beimler und die DDR<\/h4>\n<p>  In den ersten Jahren nach Gr&#252;ndung der DDR fand der Name Hans Beimler   kaum Erw&#228;hnung. Doch da gerade viele Spanienk&#228;mpfer sich an &#8222;Hans den   Kommissar&#8220; erinnerten, schwenkte die DDR-B&#252;rokratie bald um. Sie begann   ihr ganz eigenes Bild von Beimler zu malen. Von Dresden bis nach   Greifswald wurden unz&#228;hlige Schulen, Stra&#223;en und Pl&#228;tze nach ihm   benannt. Er wurde zu einem &#8222;Dutzend-Stalinisten&#8220;. Man machte ihn zu dem   was er nie war und bis ans Ende seines Lebens hasste: einen langweiligen   B&#252;rokraten, dessen moralische Werte vollkommen &#252;berh&#246;ht und stets unter   den Vorzeichen der herrschenden Clique dargestellt wurden. H&#246;hepunkt   dieser verherrlichten Darstellung, die Beimler v&#246;llig verzerrte, war der   TV-Vierteiler &#8222;Hans Beimler, Kamerad&#8220;, mit Horst Schulze in der   Hauptrolle.<\/p>\n<p>  Doch selbst diese Art des politischen Missbrauchs Hans Beimlers, von   eben denen, die ihn sehr wahrscheinlich umbringen lie&#223;en, konnten die   Erinnerung an den aufrechten Marxisten nicht verblassen lassen. Beimlers   Kampfgeist, sein Mitgef&#252;hl und auch sein Witz sind nach wie vor Vorbild   f&#252;r all jene, die f&#252;r eine Gesellschaft fernab von Unterdr&#252;ckung, ohne   Kapitalisten und frei vom Gedankengut des National-&#8222;Sozialismus&#8220; k&#228;mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Heute vor 75 Jahren starb Hans Beimler\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14546"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14546"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14546\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14546"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14546"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14546"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}