{"id":14542,"date":"2011-11-14T00:00:00","date_gmt":"2011-11-13T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14542"},"modified":"2012-06-24T16:31:58","modified_gmt":"2012-06-24T14:31:58","slug":"14542","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/11\/14542\/","title":{"rendered":"Euro-Rettungsschirm: Panzerfaust oder Wasserpistole?"},"content":{"rendered":"<p>  Italien im Auge des Sturms: Neue Stufe der Euro-Krise<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Jetzt sind wir wieder &#8211; wie schon beim Lehman-Brothers-Desaster &#8211; an   der Stelle in Spielbergs &#8222;Wei&#223;en Hai&#8220;, als Polizeichef Roy Scheider das   Tier zum ersten Mal zu Gesicht bekommt und daraufhin konsterniert zum   Haij&#228;ger Robert Shaw sagt: &#8222;Wir werden ein gr&#246;&#223;eres Boot brauchen.&#8220;   Nachdem in der Euro-Krise wochenlang die drohende Insolvenz   Griechenlands im Mittelpunkt stand, ist nun Italien erneut in den Fokus   ger&#252;ckt. W&#228;hrend Hellas Schulden in H&#246;he von 350 Milliarden angeh&#228;uft   hat, bel&#228;uft sich das Defizit Italiens (dessen &#214;konomie fast 20 Prozent   der Euro-Wirtschaft ausmacht) auf 1,9 Billionen Euro. Jeder wei&#223;, dass   sich, um im Bild zu bleiben, kein Boot in einer Gr&#246;&#223;e zimmern l&#228;sst, um   dem italienischen Schuldenberg gerecht zu werden. Der   Euro-Rettungsschirm jedenfalls mit seinen real zur Verf&#252;gung stehenden   250 Milliarden Euro w&#252;rde trotz aller Hebeltricks nicht ausreichen.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Lucas Zeise, Kommentator der Financial Times Deutschland, stellte die   These auf, dass die Finanzm&#228;rkte Italien ganz bewusst ins Visier   genommen haben, damit die dortigen Politiker ihre Austerit&#228;tsvorhaben   endlich forcieren. Nat&#252;rlich zielt die Aufruhr der B&#252;rgerlichen darauf   ab. In Griechenland begr&#252;ndet man ein K&#252;rzungsprogramm nach dem anderen   mit den unabsehbaren Folgen eines Staatsbankrotts und Austritts aus der   Euro-Zone. In Portugal will die neue konservative Regierung mit dem   Verweis auf die Turbulenzen in Athen und Rom in Rekordzeit weitere   Kahlschlagsgesetze durchs Parlament peitschen. (Die Regierungswechsel in   Griechenland und Italien in diesen Tagen gingen vom Kapital aus &#8211; und   komplett am Parlament und an der Bev&#246;lkerung vorbei. Das l&#228;sst   Erinnerungen an die Notverordnungen vom Reichskanler der Zentrumspartei   Heinrich Br&#252;ning und seinen &#8222;Spar&#8220;ma&#223;nahmen in Deutschland zu Beginn der   drei&#223;iger Jahre wach werden. Den Kapitalisten drohen ihre   &#8222;Demokratie-Sicherungen&#8220; durchzubrennen).<\/p>\n<p>  Trotzdem handelte es sich in den vergangenen Tagen im Fall von Italien   nicht einfach um ein abgekartetes Spiel der M&#228;rkte &#8211; schlie&#223;lich wissen   sie, dass sie mit dem Feuer spielen. Vielmehr haben die Sorgen vor einer   Pleite der drittgr&#246;&#223;ten Euro-&#214;konomie eine handfeste Grundlage.<\/p>\n<h4>  Pl&#246;tzlich ist die Gefahr von Euro-Staatspleiten akut<\/h4>\n<p>  Sp&#228;testens seit den Euro-Turbulenzen im Juli dieses Jahres ist es ein   offenes Geheimnis, dass Griechenland fr&#252;her oder sp&#228;ter Insolvenz   anmelden muss und wom&#246;glich gezwungen ist, den Euro-Raum zu verlassen.   Ziel der diversen Gipfeltreffen seither war es, vor solch einem Verlauf   zum einen die Banken zu rekapitalisieren (und damit zu sch&#252;tzen) und zum   anderen eine Brandmauer zu schaffen, die verhindert, dass sich das Feuer   ausbreiten und Portugal, Irland, Spanien, aber vor allem Italien   erfassen kann. Wie die Financial Times meinte, nach dem Motto: &#8222;Wer eine   Sprengung wagt, muss das Gel&#228;nde vorher absichern.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Euro-Kapitalisten stecken nun in einem Dilemma. Zwar wurde den   Banken eine Erh&#246;hung der Eigenkapitalquote von vier auf neun Prozent   verordnet und der Euro-Rettungsschirm von 440 auf 780 Milliarden Euro   ausgeweitet sowie Pl&#228;ne zur Hebelung der real einsetzbaren 250   Milliarden um den Multiplikationsfaktor vier geschmiedet. Bei alledem   war und ist man auf den Regierungsb&#228;nken, in der Europ&#228;ischen   Zentralbank (EZB) und im Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) erpicht, es   den Banken so angenehm wie m&#246;glich zu machen. Dennoch gibt es weiter   viele Fragezeichen und Unbekannte.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig ist jetzt eine neue Lage eingetreten. Nachdem   Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspr&#228;sident Nicolas   Sarkozy und andere bislang daran dachten, dass Hellas m&#246;glicherweise   Pleite geht und die Euro-Zone verlassen muss, haben sie diese Gefahr &#8211;   angesichts der verzweifelten Volksabstimmungspl&#228;ne von George   Papandreous Anfang November &#8211; erstmals offen ausgesprochen. Zudem   signalisiert der ausgehandelte Schuldenschnitt von 50 Prozent: Was   jahrzehntelang galt, stimmt heute nicht l&#228;nger &#8211; Staatsanleihen sind   nicht mehr sicher! Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte man   Geldanlagen in Staatsanleihen als 100 Prozent sichere Anlagen   betrachtet. Damit ist es nunmehr vorbei.<\/p>\n<h4>  Worst Case Italien<\/h4>\n<p>  Diese Entwicklung lie&#223; die Risikopr&#228;mien f&#252;r italienische Staatsanleihen   pl&#246;tzlich auf sieben Prozent steigen. Eine Rendite von sieben Prozent   f&#252;r zehnj&#228;hrige Staatsanleihen bedeutet ein lange Zeit unvorstellbares   Niveau f&#252;r staatliche Schuldenpapiere. Es war genau diese Gr&#246;&#223;enordnung,   die nicht nur Griechenland, sondern auch Irland und Portugal zwang, um   Euro-Hilfsprogramme zu bitten.<\/p>\n<p>  Selbst wenn die B&#252;rgerlichen Silvio Berlusconi nun abschie&#223;en und &#8211; auf   Kosten der Arbeiterklasse &#8211; immense K&#252;rzungen beschlie&#223;en, wird sich die   Frage eines Bankrotts von Italien schon bald in aller Sch&#228;rfe wieder   stellen. Erstens muss das Land 2012 Schulden in H&#246;he von sage und   schreibe 300 Milliarden Euro refinanzieren. Zweitens wird die   stagnierende Wirtschaft durch den Abschwung im Euro-Raum und die   Rotstiftpolitik (wie Griechenland geschehen) in den Rezessionsstrudel   gerissen werden. F&#252;r Italien &#8222;gilt nicht der Grundsatz &#8222;too big too   fail&#8220;, sondern die Regel &#8222;too big to save&#8220;, so der Deutschlandfunk vom   11. November.<\/p>\n<p>  Nach Meinung von Nobelpreistr&#228;ger Paul Krugman w&#228;re der Worst Case f&#252;r   die kommenden Jahre ein Szenario, in dem Italien die   Gemeinschaftsw&#228;hrung verl&#228;sst: &#8222;Kunden ziehen ihre Einlagen ab. Banken   schlie&#223;en. Spanien wird mit nach unten gezogen. Wahrscheinlich f&#228;llt   dann auch Frankreich. Die Konsequenz: Der Euro mutiert zu einer   erweiterten Deutschen Mark. Ich kann kaum glauben, was ich da sage&#8220;   (Handelsblatt-Interview vom 11. November).<\/p>\n<h4>  EFSF und EZB<\/h4>\n<p>  Nicht nur die Insolvenz Griechenlands oder Portugals, sondern auch   Italiens ist nur eine Frage der Zeit. Stefan Homburg von der   Leibnitz-Universit&#228;t in Hannover erkl&#228;rte am 11. November, dass er den   Euro schon abgeshrieben habe: &#8222;Es kann sein, dasss durch irgendwelche   drastischen Ma&#223;nahmen und Rechtsverst&#246;&#223;e die Staats- und Regierungschefs   es schaffen, die Situation noch zwei, drei Jahre hinauszuschieben. Es   kann aber auch genauso gut sein, dass uns schon n&#228;chste Woche gesagt   wird, so geht es nicht weiter.&#8220;<\/p>\n<p>  Selbst wenn der erweiterte Euro-Rettungsschirm mittels Hebelmechanismen   eine Billion Euro mobilisieren sollte, w&#252;rde das f&#252;r ein mit jetzt schon   knapp zwei Billionen Euro verschuldeten Staat nicht rausboxen. In   B&#246;rsenkreisen machte in Bezug auf die Europ&#228;ische   Finanzstabilisierungsfazilit&#228;t EFSF das Wort von der Bazooka die Runde.   Die Bazooka ist eine Panzerfaust. Der Oxford-Professor Clemens Fuest   meinte, dass es sich bei der Wirkung des Rettungsschirms in Sachen   Italien jedoch eher um eine Wasserpistole handeln w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Wenn die EFSF-Mittel nicht reichen, dann bleibt &#8211; so die B&#252;rgerlichen &#8211;   immerhin noch die Europ&#228;ische Zentralbank. Die EZB war bei ihrem Ankauf   von bald 200 Milliarden Euro Staatsanleihen prim&#228;r bem&#252;ht, die   Finanzh&#228;user zu entlasten. Ein Gros der Papiere stammt bekanntlich aus   Griechenland. In diesem Fall wurden die Anleihen aufgekauft und   &#8222;sterilisiert&#8220;; sprich, an anderer Stelle wurde die Geldsch&#246;pfung   verringert. Das wird sich bei Italien nicht fortschreiben lassen.   Vielmehr droht die Geldbasis dann &#252;ber kurz oder lang anzusteigen, die   Gefahr der Inflation &#8211; beziehungsweise &#8222;Stagflation&#8220; wie in den   siebziger Jahren, also eine riskante Kombination von Stagnation und   Inflation &#8211; k&#246;nnten das Resultat sein.<\/p>\n<p>  Paul Krugman pl&#228;diert dennoch f&#252;r eine solche aktive Rolle der EZB. Aber   Krugman ist auch ein Anh&#228;nger von John Maynard Keynes, von dem das   Bonmot stammen soll: &#8222;Auf lange Sicht sind wir alle tot.&#8220;<\/p>\n<p>  Doch auch Krugman erkl&#228;rte im Handelsblatt-Interview: &#8222;Ja, es gibt   keinen gemeinsamen homogenen Wirtschaftsraum. Damit fehlte auch die   Voraussetzung f&#252;r eine gemeinsame W&#228;hrung. Deshalb war das Euro-Projekt   ein schrecklicher Fehler.&#8220; Leidtragende davon sind die arbeitenden und   erwerbslosen Menschen, die &#8211; im Gegensatz zu den heutigen Kapitaleignern   &#8211; in der Lage sind, einen solchen &#8222;gemeinsamen homogenen   Wirtschaftsraum&#8220; zu schaffen, aber nur auf nichtkapitalistischer, auf   sozialistischer Grundlage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Italien im Auge des Sturms: Neue Stufe der Euro-Krise\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[79,123,127],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14542"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14542"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14542\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14542"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14542"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14542"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}