{"id":14516,"date":"2011-11-15T00:00:00","date_gmt":"2011-11-15T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14516"},"modified":"2011-11-15T00:00:00","modified_gmt":"2011-11-15T00:00:00","slug":"14516","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/11\/14516\/","title":{"rendered":"Wie das deutsche Kapital vom Euro profitierte"},"content":{"rendered":"<p>  Entwicklung und Aussichten f&#252;r die Euro-Zone<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Der Euro hat zwar den Kapitalisten &#8211; allen voran den deutschen   Kapitalbesitzern &#8211; Profite gebracht, aber in der Euro-Zone nicht zu   einer Angleichung, sondern zu einer Zuspitzung der Gegens&#228;tze gef&#252;hrt.   Auf kapitalistischer Grundlage ist eine gemeinsame W&#228;hrung auf Dauer   nicht m&#246;glich.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  In den letzten 150 Jahren gab es mehrere Versuche von festen   Wechselkursen. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg bestand der   &quot;Goldstandard&quot;, der 1931 in der Weltwirtschaftskrise endg&#252;ltig   zusammenbrach. 1944 wurde das System von Bretton Woods ins Leben   gerufen, in dem zwischen US-Dollar und anderen W&#228;hrungen feste   Wechselkurse bestanden (und der Dollar wiederum an das Gold gekoppelt   war). Es zerbrach 1973.<\/p>\n<h4>  Wie kam der Euro zustande?<\/h4>\n<p>  In den folgenden Jahren wurden mehrere Anstrengungen unternommen &#8211; bei   denen die deutschen Kapitalisten eine treibende Kraft waren -,   wenigstens in Europa relativ feste W&#228;hrungskurse zu schaffen. Die   Europ&#228;ische W&#228;hrungsschlange (oder Europ&#228;ischer Wechselkursverbund)   legte &quot;Leitkurse&quot; zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und den   Benelux-Staaten fest, um die die Wechselkurse nur um 2,25 Prozent   schwanken durften. Praktisch platzte die W&#228;hrungsschlange in der   Wirtschaftskrise 1974\/75. Schlie&#223;lich geh&#246;rten ihr nur noch Deutschland   und seine &quot;Anh&#228;ngsel&quot;, die Benelux-Staaten und D&#228;nemark, an. Der   W&#228;hrungsschlange folgte 1979 das Europ&#228;ische W&#228;hrungssystem (EWS), dem   formal alle L&#228;nder der EU (beziehungsweise ihrer Vorl&#228;uferorganisation   EG &#8211; Europ&#228;ische Gemeinschaft) angeh&#246;rten, faktisch aber nur bestimmte.   Es zerbrach praktisch in der Wirtschaftskrise Anfang der neunziger   Jahre. England und Italien stiegen ganz aus. F&#252;r die anderen L&#228;nder   wurde die Schwankungsbreite der Wechselkurse auf 15 Prozent in beide   Richtungen (also insgesamt 30 Prozent) erh&#246;ht, so dass faktisch wieder   flexible Wechselkurse bestanden.<\/p>\n<p>  Aber warum versuchte man gerade innerhalb Europas eine Insel stabiler   Wechselkurse im Meer der seit 1973 schwankenden Wechselkurse zu   schaffen? Der Nationalstaat war ein Produkt der Entwicklung des   Kapitalismus. Die Kleinstaaterei oder Binnenz&#246;lle behinderten die   wirtschaftliche Entwicklung und wurden &#252;berwunden. Aber seit Beginn des   20. Jahrhunderts stellten auch die europ&#228;ischen Nationalstaaten Fesseln   der kapitalistischen Entwicklung dar. Die beiden Weltkriege waren auch   Versuche des deutschen Kapitals, &quot;Europa zu organisieren&quot;, eine &quot;neue   Ordnung in Europa&quot; zu schaffen, um sich einen seiner wirtschaftlichen   Entwicklung angemessenen Binnenmarkt zu schaffen. Nach der Katastrophe   der Weltkriege war die europ&#228;ische Einigung, angefangen mit der   Europ&#228;ischen Gemeinschaft f&#252;r Kohle und Stahl 1952, ein Versuch der   westeurop&#228;ischen Kapitalisten, dieses Ziel mit nichtkriegerischen Zielen   zu erreichen.<\/p>\n<p>  Durch diese Ma&#223;nahmen konnte die Fessel, die der Nationalstaat f&#252;r die   Entwicklung darstellte, gelockert werden, ohne dass der Nationalstaat   &#252;berwunden worden w&#228;re (&#228;hnlich wie die Umwandlung kapitalistischer   Familienbetriebe in Aktiengesellschaften die Spielr&#228;ume f&#252;r die   kapitalistische Entwicklung erweitert hat, ohne das Privateigentum zu   &#252;berwinden).<\/p>\n<p>  Die Einf&#252;hrung des Euro als gemeinsamer W&#228;hrung sollte nach der   Einf&#252;hrung des EU-Binnenmarkts 1992 eine vorl&#228;ufige Kr&#246;nung der   europ&#228;ischen Integration sein und zugleich nach dem Scheitern der   verschiedenen festen Wechselkurse durch die &quot;unwiderrufliche&quot; Einf&#252;hrung   einer gemeinsamen W&#228;hrung den Wechselkursschwankungen ein Ende setzen.   1999 wurde der Euro eingef&#252;hrt, 2002 ersetzte er die nationalen   W&#228;hrungen.<\/p>\n<h4>  Eine Bilanz des Euro<\/h4>\n<p>  Die Einf&#252;hrung des Euro hatte f&#252;r die L&#228;nder S&#252;deuropas (sowie Irlands)   &#8211; also die L&#228;nder, die jetzt im Mittelpunkt der Staatschuldenkrise   stehen und die laut BILD, Merkel-Regierung und anderen den deutschen   SteuerzahlerInnen auf der Tasche liegen -, vor allem zwei Wirkungen. Sie   konnten ihre W&#228;hrungen nicht mehr abwerten und die Zinsen sanken f&#252;r sie.<\/p>\n<p>  Bei W&#228;hrungsschlange und EWS hatte es zwar festgelegte Leitkurse   gegeben, diese wurden aber immer wieder ge&#228;ndert, wenn sie zu   wirtschaftlichen Spannungen f&#252;hrten. 1975 war ein franz&#246;sischer Franc   noch 58 Pfennig wert gewesen, bei der Festlegung der Euro-Wechselkurse   entsprach er nur noch 30 Pfennig. Der Wert von 100 italienischen Lire   fiel sogar von 37 Pfennig auf 10 Pfennig. Auf diese Weise konnten die   wirtschaftlich schw&#228;cheren L&#228;nder damals ihre Wettbewerbsf&#228;higkeit   gegen&#252;ber Deutschland einigerma&#223;en bewahren. Nach der Einf&#252;hrung des   Euro war dies nicht mehr m&#246;glich. Das war gewollt. Den nationalen   Wirtschaften sollte nur noch der Weg der &quot;Kostensenkung&quot; bleiben, was zu   einem gro&#223;en Teil versch&#228;rfte Ausbeutung der Besch&#228;ftigten,   Sozialkahlschlag und so weiter bedeutete.<\/p>\n<p>  Dem wirkten die sinkenden Zinsen praktisch entgegen. Sie erleichterten   das Schuldenmachen und kurbelten die Wirtschaft an. Besonders in Irland   und Spanien kam es zu einem gewaltigen Bauboom und einem drastischen   Anstieg der Immobilienpreise (der deren Besitzer reicher machte). In der   Euro-Zone waren die Preise im dritten Quartal 2007 (auf ihrem H&#246;hepunkt   vor der Krise) 12,9 Prozent &#252;ber den Stand von 2005 (fr&#252;here   Vergleichszahlen gibt die EU nicht). Aber w&#228;hrend sie in Spanien 29   Prozent &#252;ber dem Niveau von 2005 lagen, lagen sie in Deutschland 1,3   Prozent niedriger. Das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung des   Bruttoinlandsprodukts (BIP) wider. In den meisten L&#228;ndern wuchs der   Anteil der Bauwirtschaft (in der Euro-Zone von 5,6 auf 6,5 Prozent),   w&#228;hrend der Anteil der Industrie schrumpfte (in der Euro-Zone von 22,8   auf 20 Prozent), in Deutschland war es umgekehrt (der Anteil der   Industrie wuchs von 25,3 auf 25,6 Prozent, der der Bauwirtschaft   schrumpfte von 5,6 auf 4,2 Prozent).<\/p>\n<p>  Unter anderem in Griechenland, Irland und Spanien wuchs 1998 bis 2008   das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf schneller als im Durchschnitt der 27   heutigen EU-Staaten. (In der Euro-Zone stagnierte es, in Deutschland   ging es leicht, in Frankreich st&#228;rker zur&#252;ck). Dabei stieg die   Arbeitsproduktivit&#228;t pro Besch&#228;ftigten in den heutigen   &quot;Schuldnerl&#228;ndern&quot; im Vergleich zu Deutschland (mit der Ausnahme   Italiens). Der R&#252;ckstand der &quot;faulen Griechen&quot; bei der   Arbeitsproduktivit&#228;t schrumpfte zum Beispiel von 18,7 Prozent 1998 auf   4,7 Prozent 2008.<\/p>\n<p>  Angesichts der aktuellen Hetze gegen die &quot;Schuldenl&#228;nder&quot; muss man daran   erinnern, dass das durch die niedrigen Zinsen beg&#252;nstigte Schuldenmachen   vor allem vom Finanzsektor betrieben wurde. Die Haushaltsverschuldung im   Euro-Raum stieg von 52 Prozent 1999 auf 70 Prozent 2008 des   Bruttoinlandsprodukts. Die Unternehmensverschuldung pendelte um 250   Prozent des BIP, aber die Verschuldung des Finanzsektors stieg von unter   200 Prozent auf &#252;ber 250 Prozent des BIP. Die Staatsverschuldung   prozentual zum Sozialprodukt sank in der Euro-Zone insgesamt und   speziell in den jetzigen &quot;Schuldenl&#228;ndern&quot; Spanien, Italien und Irland.   Die staatliche Verschuldung stieg nicht nur in Griechenland und   Portugal, sondern auch in den von den Ratingagenturen weiterhin mit AAA   bewerteten L&#228;ndern Deutschland und Frankreich (siehe Tabelle).   Deutschland hatte durchgesetzt, dass die Neuverschuldung drei Prozent   des BIP und der Schuldenstand 60 Prozent des BIP nicht &#252;bersteigen   d&#252;rfe. Aber nach der Einf&#252;hrung des Euro hat es das erste Kriterium   mehrfach, das zweite st&#228;ndig verletzt. Die jetzige Verschuldungskrise   (versch&#228;rft durch ein Platzen der Immobilienseifenblase) ist die Folge   der Weltwirtschaftskrise 2007-09. Regierungen versuchten bekanntlich,   durch &#246;ffentliche Ausgaben die &#252;berschuldeten Finanzinstitutionen zu   retten und ein Abgleiten der Wirtschaftskrise in eine Depression zu   verhindern.<\/p>\n<h4>  Wie deutsche Kapitaleigner Reibach machten<\/h4>\n<p>  Der auf privater Verschuldung und Immobilienspekulation beruhende Boom   bis zum Einbruch 2007-09 nutzte dem deutschen Kapital dreifach. Auf der   einen Seite schuf er einen Absatzmarkt. Die deutschen Export&#252;bersch&#252;sse   in die Euro-Zone schwollen an. Auf der anderen Seite konnten deutsche   Kapitalisten in diesen L&#228;ndern investieren und auch auf diese Weise   Profite einstreichen.<\/p>\n<p>  Aber die Zugeh&#246;rigkeit Deutschlands zur Gemeinschaftsw&#228;hrung hatte f&#252;r   das deutsche Kapital noch einen weiteren Vorteil. Normalerweise w&#252;rde   der Devisenkurs eines Landes, das st&#228;ndig gro&#223;e Handels- und   Leistungsbilanz&#252;bersch&#252;sse hat, nach oben gehen und dadurch die   Export&#252;bersch&#252;sse zur&#252;ckgehen. F&#252;r den Euro-Kurs waren aber nicht die   deutschen &#220;bersch&#252;sse relevant, sondern die Euro-Zone insgesamt. Wenn   2004-08 Deutschland Leistungsbilanz&#252;bersch&#252;sse von 724,7 Milliarden Euro   hatte, aber die Euro-Zone insgesamt ein Defizit von 30,6 Milliarden   Euro, dann blieb der Euro-Kurs niedrig, w&#228;hrend ein D-Mark-Kurs durch   die Decke geschossen w&#228;re. Nach Sch&#228;tzungen w&#228;re ein D-Mark-Kurs 50   Prozent h&#246;her, deutsche Exporte zum Beispiel nach Osteuropa und in die   USA h&#228;tten sich drastisch verringert. Es stimmt, dass der Anteil der   Euro-Zone an den deutschen Exporten seit der Einf&#252;hrung des Euro   insgesamt zur&#252;ckgegangen ist. Aber das bedeutet nicht, dass der Euro f&#252;r   die deutschen Exporte unwichtig geworden w&#228;re.<\/p>\n<p>  Unterm Strich gelang es dem deutschen Imperialismus in Zeiten wachsender   internationaler Spannungen nach dem Ende des kapitalistischen   Nachkriegsaufschwungs Mitte der siebziger Jahre ma&#223;geblich unter seiner   F&#252;hrung (neben Frankreich als zweitgr&#246;&#223;tem Imperialismus im   Euro-Verbund) den gr&#246;&#223;ten inte-grierten Wirtschaftsraum auf der Erde zu   schaffen. Das zog ausl&#228;ndische Direktinvestitionen in die Euro-Zone   massiv an und f&#252;hrte zu einem besonders attraktiven Kapitalanlageplatz.<\/p>\n<h4>  Die Euro-Krise hei&#223;t Kapitalismus<\/h4>\n<p>  Die Arbeitsteilung zwischen L&#228;ndern, die anderen L&#228;ndern Geld leihen,   damit diese ihnen die Export&#252;bersch&#252;sse abkaufen k&#246;nnen, und anderen   L&#228;ndern, die mit dem geliehenen Geld diese Export&#252;bersch&#252;sse kaufen,   wurde durch den Euro erleichtert. Aber sie ist viel &#228;lter als der Euro.   Sie geh&#246;rt zu den Gegens&#228;tzen, die das kapitalistische System st&#228;ndig   hervorbringt. Rosa Luxemburg schrieb &#252;ber die erste klassische   Konjunkturkrise (von 1825!): &quot;Seit 1824 wurde die Londoner B&#246;rse von   s&#252;damerikanischen Wertpapieren &#252;berschwemmt. 1824-1825 haben die   neugebildeten Staaten von S&#252;d- und Zentralamerika f&#252;r mehr als 20   Millionen Pfund Sterling Staatsanleihen in London aufgenommen. Au&#223;erdem   wurden hier enorme Mengen s&#252;damerikanischer Industrieaktien und   dergleichen angebracht. Der pl&#246;tzliche Aufschwung und die Er&#246;ffnung der   s&#252;damerikanischen M&#228;rkte haben ihrerseits eine starke Erh&#246;hung der   Ausfuhr englischer Waren nach den s&#252;damerikanischen und   zentralamerikanischen Staaten hervorgerufen. Die Ausfuhr britischer   Waren nach jenen L&#228;ndern betrug 1821 2,9 Millionen Pfund Sterling, 1825   6,4 Millionen Pfund Sterling. So waren alle Elemente der Krise   vorbereitet.&quot; Und auf das Argument, es sei ein seltsames Verh&#228;ltnis,   dass s&#252;damerikanische L&#228;nder mit englischem Geld englische Waren kaufen,   bis es kracht, schrieb sie: &quot;In Wirklichkeit ist der Vorgang, der der   Krise des Jahres 1825 voraufgegangen war, typisch geblieben f&#252;r die   Aufschwungsperiode und Expansion des Kapitals bis auf den heutigen Tag,   und das &#130;seltsame&#145; Verh&#228;ltnis bildet eine der wichtigsten Grundlagen der   Kapitalakkumulation&quot; (Rosa Luxemburg, &quot;Die Akkumulation des Kapitals&quot;,   30. Kapitel).<\/p>\n<p>  Wenn heute Politiker der LINKEN sagen, dass man die Krise &#252;berwinden   k&#246;nne, indem wir in Deutschland die L&#246;hne erh&#246;hen und die   Binnennachfrage steigern und damit die Export&#252;bersch&#252;sse abbauen, dann   ist das kurzsichtig. Nat&#252;rlich m&#252;ssen wir f&#252;r h&#246;here L&#246;hne (und   Sozialleistungen, ein besseres Bildungs- und Gesundheitswesen und so   weiter) k&#228;mpfen. Aber selbst wenn wir dadurch erreichen w&#252;rden, dass die   chronischen Handelsbilanzungleichgewichte innerhalb der EU verschwinden   &#8211; es gab in den letzten Jahren auch chronische &#220;bersch&#252;sse mit den USA   und chronische Defizite mit China. Selbst wenn wir verhindern w&#252;rden,   dass ein polarer Gegensatz zwischen Export&#252;berschussl&#228;ndern und   Verschuldungsl&#228;ndern innerhalb der EU weiter w&#228;chst, w&#252;rde er im   Weltma&#223;stab weiter wachsen und sich fr&#252;her oder sp&#228;ter in einer   verheerenden Krise entladen.<\/p>\n<p>  Eine harmonische Entwicklung der internationalen Wirtschaft wird erst   nach der &#220;berwindung des Kapitalismus m&#246;glich sein. Solange der   Kapitalismus besteht, werden Wirtschaft und Gesellschaft durch   Klassengegens&#228;tze, durch kapitalistische Konkurrenz und auch durch   regionale Gegens&#228;tze zerrissen werden. Und weil die kapitalistische   Gesellschaft keinen inneren Zusammenhalt hat, braucht sie den Staat als   &#228;u&#223;ere Klammer, um nicht auseinander zu fliegen. Innerhalb eines Staats   k&#246;nnen (im Normalfall) Mittel wie Strukturpolitik oder   L&#228;nderfinanzausgleich daf&#252;r sorgen, dass die Spannungen zwischen den   Regionen nicht eskalieren, aber eine gemeinsame W&#228;hrung ohne solche   Mechanismen kann auf die Dauer nicht funktionieren. Wenn kapitalistische   Politiker f&#252;r den Euro, aber gegen eine &quot;Transferunion&quot; sind, zeigen sie   nur ihre Ignoranz.<\/p>\n<h4>  Kapitalismus und Nationalstaat<\/h4>\n<p>  Daher ist es konsequent, wenn weitsichtigere b&#252;rgerliche Politiker auf   die aktuelle Euro-Krise mit Forderungen nach Schritten hin zu einem   europ&#228;ischen &quot;Superstaat&quot; reagieren. Trotzdem ist dies zum Scheitern   verurteilt.<\/p>\n<p>  Erstens gibt es keine einheitliche europ&#228;ische herrschende Klasse. Daran   kann man nicht mehr zweifeln, nachdem man im Oktober miterleben musste,   wie sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der franz&#246;sische   Regierungschef Nicolas Sarkozy am Rande des Abgrunds zofften, ob der   Euro-Rettungsschirm wie eine Bank oder wie eine Kasko-Versicherung   ausgestaltet werden soll. Ein solcher Streit um Details w&#228;re unfassbar,   wenn diese Detailunterschiede nicht die Folge h&#228;tten, dass entweder die   franz&#246;sischen oder die deutschen Banken mehr belastet werden.<\/p>\n<p>  Zweitens haben die Herrschenden seit der Entwicklung des Kapitalismus   ein Nationalbewusstsein in der Masse der Bev&#246;lkerung extrem gef&#246;rdert.   Das sitzt tief und l&#228;sst sich nicht bei Bedarf wie ein Lichtschalter   ein- und ausschalten. Mehr noch, um von den Klassengegens&#228;tzen   abzulenken, wurde wiederholt Nationalismus gesch&#252;rt. Auch heute hetzen   sie gegen die &quot;faulen Griechen&quot;, um davon abzulenken, dass die Hilfe   &quot;f&#252;r Griechenland&quot; in Wirklichkeit Hilfe f&#252;r die Spekulanten ist, die   sich mit griechischen Staatsanleihen verzockt haben. Sie wissen auch um   das Potenzial f&#252;r eine rechtspopulistische Kraft, das ihnen selber   W&#228;hlerInnen streitig machen k&#246;nnte. Vor allem aber m&#252;ssen die   Regierenden sich um Unmut und m&#246;gliche wachsende soziale Unruhen Sorgen   machen. Deshalb machen die b&#252;rgerlichen Politiker einen Drahtseilakt:   Auf der einen Seite versuchen sie Schritte hin zu mehr europ&#228;ischer   Integration, auf der anderen Seite wollen sie keine Konkurrenznachteile   f&#252;r ihre nationale herrschende Klasse und drittens schauen sie &#252;ber die   Schulter, wie ihre W&#228;hlerInnen ihre Ma&#223;nahmen aufnehmen.<\/p>\n<p>  Darum steht f&#252;r sie das einzige Mittel, um einen Erhalt des Euro   dauerhaft zu erreichen &#8211; die &#220;berwindung des Nationalstaats &#8211; nicht zur   Verf&#252;gung. Aber ein Scheitern des Euro wird f&#252;r die europ&#228;ische   Integration &#8211; das wichtigste Projekt der Kapitalisten hierzulande in den   letzten Jahrzehnten &#8211; einen schweren R&#252;ckschlag darstellen. Deshalb   werden sie m&#246;glicherweise noch eine ganze Zeit lang mit Klauen und   Z&#228;hnen dagegen ank&#228;mpfen.<\/p>\n<h4>  Welche Perspektiven?<\/h4>\n<p>  Momentan bereiten die europ&#228;ischen Regierungen eine geordnete Insolvenz   Griechenlands vor. Die Banken sollen statt 21 Prozent 50 Prozent und   mehr der griechischen Staatsanleihen abschreiben. Das w&#252;rde dazu f&#252;hren,   dass die griechischen und einige andere (zum Beispiel franz&#246;sische)   Banken zahlungsunf&#228;hig w&#252;rden. Sie sollen durch staatliche   Finanzspritzen gerettet werden. Eine weitere Folge w&#228;re, dass an den   Finanzm&#228;rkten auf weitere Staatspleiten (von Portugal, Spanien,   Italien&#133;) spekuliert w&#252;rde. Die Kurse ihrer Staatsanleihen w&#252;rden   abst&#252;rzen, ihre Zinsen entsprechend steigen. Die L&#228;nder k&#246;nnten eine   Zeitlang keine Anleihen aufnehmen und w&#228;ren auf den Rettungsschirm   Europ&#228;ische Finanzstabilisierungsfazilit&#228;t (EFSF) angewiesen. Ob die   Rettungsma&#223;nahmen tats&#228;chlich reichen, um eine Kettenreaktion von   Banken- und Staatspleiten zu verhindern, ist ungewiss. Wenn so eine   Kettenreaktion eintr&#228;te, w&#252;rde das der Euro kaum &#252;berleben. Es kann   deshalb sein, dass sie letztlich vor einem so riskanten Weg   zur&#252;ckschrecken.<\/p>\n<p>  Aber dass dieser riskante Weg immer mehr Anh&#228;nger findet, zeigt, wie   unerquicklich die Alternative ist. Auch hier drohen Staats- oder   Bankenpleiten. Die oben beschriebene Kettenreaktion kann trotzdem   kommen, beginnt dann vielleicht an einer anderen Stelle. Dazu kommt die   Abschw&#228;chung der Weltwirtschaft, die bald in eine neue Wirtschaftskrise   &#252;bergehen kann.<\/p>\n<p>  Viele Wege f&#252;hren zum Platzen des Euro. Wann und auf welchem Weg das   eintreten wird, welche Formen es annehmen wird (ein Ausscheiden   s&#252;deurop&#228;ischer L&#228;nder oder von Deutschland mit ein paar Satelliten) ist   ungewiss. H&#246;chstwahrscheinlich werden aber Deutschland und Frankreich   sich am Schluss in verschiedenen Lagern wiederfinden.<\/p>\n<p>  Auch wenn es letztlich sehr teuer werden kann, bietet der Euro trotz   Krise noch gro&#223;e Vorteile f&#252;r das Kapital: Der niedrigere Wechselkurs   erm&#246;glicht h&#246;here Export&#252;bersch&#252;sse. Perverserweise bringt die   Euro-Krise Deutschland niedrige Zinsen, was in manchen Regionen schon zu   einem Immobilienboom f&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Ein Scheitern des Euro wird zu einer Wirtschaftskrise f&#252;hren, unter der   die arbeitende Bev&#246;lkerung (samt RentnerInnen, Jugendlichen) massiv   leidet. Aber Griechenland zeigt, dass sie unter den Ma&#223;nahmen einer   (vor&#252;bergehenden) Rettung des Euro ebenfalls massiv leidet. Linke   Politik kann weder in einer Rettung des Euro noch in einem Ruf nach der   D-Mark bestehen, sondern im Kampf gegen den Kapitalismus. &quot;Wir zahlen   nicht f&#252;r Eure Krise&quot; &#8211; das muss der Schlachtruf von Athen bis Berlin   sein. Eine Einigung Europas ist absolut n&#246;tig &#8211; das kann aber nur in   Form einer sozialistischen F&#246;deration auf freiwilliger und   gleichberechtigter Basis gelingen.<\/p>\n<p>  <i>Wolfram Klein ist Mitglied des SAV-Bundesvorstands und geh&#246;rt dem   Vorstand der LINKEN in Stuttgart-Bad Cannstatt an<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Entwicklung und Aussichten f&#252;r die Euro-Zone\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46,127],"tags":[242],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14516"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14516"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14516\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}