{"id":14512,"date":"2011-11-29T00:00:00","date_gmt":"2011-11-28T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14512"},"modified":"2012-07-18T14:45:26","modified_gmt":"2012-07-18T12:45:26","slug":"14512","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/11\/14512\/","title":{"rendered":"Kunst, Vandalismus, Protest?"},"content":{"rendered":"<p>  Graffiti und Streetart &#8211; Spiegel einer Gesellschaft<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Es sind Portr&#228;ts, Silhouetten, Figuren, riesige bunte Schriftz&#252;ge.   Sie sind auf Hausw&#228;nden, Stra&#223;en, Z&#252;gen, Toiletten. Mal versteckt, mal   riesig oder fast schon penetrant. Ich spreche nicht von Werbung, denn es   ist illegal, wird hart bestraft und immer wieder als Vorwand benutzt, um   &#220;berwachung und Datenspeicherung auszubauen. Ich spreche von Streetart   und Graffiti.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Nico Rother, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Mit der Behauptung, Streetart sei stets Vandalismus, der unbedingt   bek&#228;mpft werden m&#252;sse, werden steigende Miet- und Fahrkartenpreise   begr&#252;ndet. So gab die Bahn 2008 an, allein an Berliner S-Bahnen f&#252;r   sieben Millionen Euro Graffiti entfernt zu haben. Es werden an allen   Ecken Kameras angebaut. Und es gibt bei der Polizei sogar eine   Sprayer-Kartei, in der jeder K&#252;nstler mit Foto und Fingerabdruck   gespeichert wird. Diesem Vorwand zur &#220;berwachung der Bev&#246;lkerung m&#252;ssen   wir entgegentreten, denn Kameras gegen Sprayer heute sind Kameras gegen   k&#228;mpfende Arbeiter morgen.<\/p>\n<h4>  Kunst ohne Leinwand, Sockel oder Rahmen?<\/h4>\n<p>  Es gibt klare Unterschiede in Form und Charakter zwischen dem   klassischen Graffiti und der neueren Streetart, auf die ich hier fast   gar nicht eingehen kann. Allgemein behandle ich Streetart hier als das   Bemalen, Bekleben und Umgestalten von Stadtm&#246;beln, W&#228;nden, Z&#252;gen oder   Mauern mittels Spraydosen, Schablonen, Postern, Figuren oder   Installationen. Damit meine ich jede Art von Graffiti oder &#228;hnlichem,   die auf der Stra&#223;e von jeder und jedem gemacht werden kann und f&#252;r jede   und jeden frei zug&#228;nglich ist. Sie greift oft kulturelle, soziale oder   politische Themen auf. Um zu verstehen, warum Menschen   Streetart-K&#252;nstler werden, und um zu verstehen, wie wir damit umgehen   sollten, ist es wichtig, einen Blick darauf zu werfen, von wem Streetart   gemacht wurde und gemacht wird.<\/p>\n<h4>  Alles ungezogene Kids?<\/h4>\n<p>  Die meisten Streetart-K&#252;nstlerInnen fangen in der Regel mit zw&#246;lf bis 13   Jahren an. Circa 95 Prozent aller Maler sind M&#228;nner, nur f&#252;nf Prozent,   und meist wenig bekannt, sind Frauen. Streetart hat sich ungef&#228;hr in den   letzten zehn Jahren aus dem klassischen Graffiti\/Stylewriting (also dem   bunten, m&#246;glichst aufwendigen Gestalten von Buchstaben) herausgebildet &#8211;   aus dem Bed&#252;rfnis heraus, mehr Intention in die Werke zu bringen. Sie   richtet sich gegen sterile Kunst in teuren Ateliers, gegen   Gentrifizierung, gegen die Entfremdung vom eigenen Lebensumfeld.   Streetart gibt dem K&#252;nstler die M&#246;glichkeit, Protest zu &#228;u&#223;ern und   Parolen oder Forderungen pointiert zu manifestieren. Au&#223;erdem ist sie   weitaus schneller und flexibler auszu&#252;ben, was angesichts des stetig   gestiegenen Strafma&#223;es und der enormen &#220;berwachung von gr&#246;&#223;erer   Bedeutung wurde.<\/p>\n<h4>  Sch&#246;n und gut &#8211; aber meine Hauswand?<\/h4>\n<p>  Im Kunst-Unterricht in der Schule k&#246;nnen Sch&#252;lerInnen sich oft nicht   ausleben. Wie in den meisten F&#228;chern k&#246;nnen sie sich nicht mit dem   besch&#228;ftigen, was sie interessiert. Durch st&#228;ndige Schlie&#223;ungen von   Jugendclubs, Skate und Graffiti Halls wird Jugendlichen immer mehr die   M&#246;glichkeit genommen, ihren Interessen nachzugehen, sich auszuprobieren   und sich mitzuteilen. Jugendkultur wird immer mehr verdr&#228;ngt, viele   werden so auf die Stra&#223;en gezwungen, was Frust schafft.<\/p>\n<p>  Unter dem Motto &quot;Reclaim your City&quot; kann diesem Frust durch wildes   Malen, Skretching (das Zerkratzen von glatten Oberfl&#228;chen) oder Tagging   (Anbringen von Namen) Luft gemacht werden. Der Adrenalinkick und der   sportliche Charakter des Malens bieten dazu einen Ausgleich zum schn&#246;den   und stupiden Schul-, Uni- oder Arbeitsalltag vieler Menschen. Wer gut   oder spektakul&#228;r malt, wird in der Szene gesch&#228;tzt. &#196;hnlich wie bei   Musikern oder anderen K&#252;nstlern ist Respekt und Anerkennung der beste   Lohn.<\/p>\n<h4>  Voll Anarcho?!<\/h4>\n<p>  Woher nehmen sich Streetart-K&#252;nstler das Recht, &#252;ber das Aussehen meines   Kiezes oder des S-Bahn-Waggons zu entscheiden? Die wahren Vandalen sind   die, die uns Cyber-Bahnh&#246;fe in unsere Parks setzen, unsere Flussufer mit   B&#252;rogeb&#228;uden verbauen und ein einfarbiges Luxuswohnhaus nach dem anderen   irgendwo hinquetschen, die Stadt mit (sexistischer) Werbung bombardieren   und gleichzeitig verhindern, dass alte graue Geb&#228;ude bemalt, umgestaltet   oder bewohnt werden. Wenn niemand das Recht hat, &#252;ber sein Umfeld zu   entscheiden, dann muss sich dieses Recht genommen werden.<\/p>\n<h4>  Wessen Stadt?<\/h4>\n<p>  Abgesehen von Pkw und Einfamilienh&#228;usern macht Streetart keinen Halt vor   Eigentum. Wenn man sich dessen bewusst ist, wird auch klar, wieso   Erstt&#228;ter f&#252;r ein winziges Tag gerne mal 2.000 Euro zahlen m&#252;ssen.   Hausbesuche, DNA-Tests und Computerbeschlagnahmungen sind Normalit&#228;t.   Weil Eigentum Heiligtum im Kapitalismus ist, wird mit aller Macht gegen   Streetart vorgegangen.<\/p>\n<p>  Wir setzen dem eine demokratische Entscheidung der AnwohnerInnen,   ArbeiterInnen und K&#252;nstlerInnen dar&#252;ber, wie der Block, der Kiez und die   Stadt auszusehen haben, entgegen. Au&#223;erdem ist es wichtig, dass   Jugendclubs und Jugendtreffpunkte ausgebaut werden. Unter kostenloser   Bereitstellung s&#228;mtlicher Materialien sollte jede und jeder dort machen   k&#246;nnen, was ihr oder ihm gef&#228;llt. Egal ob Musik, Sport oder Graffiti.   &#220;berwachung und Bespitzelung m&#252;ssen beendet werden! Und mal ganz   ehrlich: W&#228;re es nicht eine totale Bereicherung des Stadtbildes und   Verkehrs, jedes Mal einen anders aussehenden Zug zu sehen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Graffiti und Streetart &#8211; Spiegel einer Gesellschaft\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[135],"tags":[270,242],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14512"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14512"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14512\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}