{"id":14508,"date":"2011-11-11T00:00:00","date_gmt":"2011-11-10T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14508"},"modified":"2012-05-25T15:39:29","modified_gmt":"2012-05-25T13:39:29","slug":"14508","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/11\/14508\/","title":{"rendered":"&quot;Occupy Wall Street!&quot;"},"content":{"rendered":"<p>  Ein Augenzeugenbericht aus den USA<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Linda Fischer, SAV-Bundesvorstandsmitglied aus Hamburg, kehrte am 18.   Oktober von einer f&#252;nfw&#246;chigen politischen Rundreise durch die USA   zur&#252;ck. Organisiert wurde die Veranstaltungsreihe von unserer   US-amerikanischen Schwesterorganisation &quot;Socialist Alternative&quot;, die   dort aktiver Teil der Anti-Krisen-Proteste ist. Saskia Dockerill   befragte Linda Fischer f&#252;r die &quot;Solidarit&#228;t&quot;.<\/p>\n<h4>  Linda, was f&#252;r Eindr&#252;cke hast du, was bedeutet die Krise f&#252;r die   Arbeiter in den USA?<\/h4>\n<p>  Ziemlich sp&#252;rbar war, dass immer mehr Leute keine Ahnung haben, wie ihre   Zukunft aussehen wird, wie sie eine Arbeit finden sollen. Vielen ist   mittlerweile klar, der sogenannte &quot;amerikanische Traum&quot; ist eine L&#252;ge.   Egal wie viel und wie hart du arbeitest, du verlierst deinen Job, wenn   du f&#252;r die Chefs nicht mehr ertragreich genug bist. Die Banken hingegen   bekommen Milliarden.<\/p>\n<p>  Auf einer Veranstaltung hat mir eine Anfang-30-j&#228;hrige Frau erz&#228;hlt,   dass sie wieder zu ihren Eltern zur&#252;ckziehen musste, weil sie keine   Arbeit gefunden hatte und sich keine Wohnung mehr leisten kann, da sie   kein bisschen Geld bekommt. Sie war dann das erste Mal auf einer   politischen Veranstaltung, weil sie beschlossen hatte: &quot;Wir m&#252;ssen was   tun, sonst wird alles noch viel schlechter.&quot;<\/p>\n<p>  &#220;berall finden dramatische K&#252;rzungspakete statt. In New York wurden zum   Beispiel &quot;historische&quot; Studiengeb&#252;hrenerh&#246;hungen beschlossen. In einer   eigentlich staatlichen Uni in Olympia zahlen die Studenten nun &#252;ber die   H&#228;lfte des Uni-Budgets. Es ist normal, dass Studenten nach ihrem   Uniabschluss 50.000 Dollar Schulden haben.<\/p>\n<h4>  Du warst in vielen Gro&#223;st&#228;dten der USA &#8211; kannst du uns sagen, wie es mit   der &quot;Wall-Street-Besetzung&quot; angefangen hat und was es mit der Bewegung   auf sich hat?<\/h4>\n<p>  Es ist nat&#252;rlich schwer, den einen Grund oder Anlass zu nennen. Wenn man   so will, muss man in &#196;gypten und Tunesien anfangen. Insbesondere die   anf&#228;nglichen Erfolge der Revolutionen haben Menschen auf der ganzen Welt   gezeigt, dass es sich zu k&#228;mpfen lohnt: Massenbewegungen k&#246;nnen was   erreichen. Die Protestform &quot;Platzbesetzung&quot; ist ja auch inspiriert von   &#196;gypten und Tunesien.<\/p>\n<p>  In den USA hat als erstes die anarchistisch-liberale Zeitschrift   &quot;Adbusters&quot; die Idee verbreitet, dass Platzbesetzungen n&#246;tig seien.   Ihrem Aufruf folgten zun&#228;chst einige hundert Leute, danach verbreitete   sich die &quot;Occupy-Wall-Street&quot;-Bewegung schnell im ganzen Land. Der   Hintergrund daf&#252;r ist nat&#252;rlich die gro&#223;e Wut dar&#252;ber, dass wir auf der   ganzen Welt daf&#252;r zahlen sollen, was die Banker und Unternehmen verzockt   haben.<\/p>\n<p>  Dass es gerade jetzt zu gr&#246;&#223;eren Besetzungsaktionen kommt und nicht   schon zu Beginn der Krise, h&#228;ngt wohl auch mit der Wahl Obamas zusammen.   Damals hatten sehr viele gro&#223;e Hoffnungen beziehungsweise Illusionen in   Obama. Ich habe zum Beispiel mit einem relativ neuen Mitglied von   &quot;Socialist Alternative&quot; in den USA gesprochen. Er meinte, dass er 2008   auch Obama gew&#228;hlt habe, da er damals dachte, dass das die letzte Chance   f&#252;r &quot;change&quot; w&#228;re. Heute fragen sich die Leute: Wo ist die versprochene   Ver&#228;nderung? Die USA f&#252;hren weiterhin Krieg, Obama hat den Banken so   viel Geld gegeben wie kein Pr&#228;sident vor ihm, Guantanamo Bay existiert   weiter und jetzt plant das gegr&#252;ndete &quot;Super Committee&quot;, was aus sechs   Demokraten und sechs Repu-blikanern besteht, historische Angriffe auf   die sozialen Sicherungssysteme, auf die medizinische Versorgung und so   weiter.<\/p>\n<h4>  In der &quot;New York Times&quot; konnte man am 5. Oktober lesen, dass nun auch   die Gewerkschaften, die in einem totalen Kontrast zu der   &quot;Occupy&quot;-Bewegung stehen, diese Bewegung unterst&#252;tzen. Wie kam es dazu?<\/h4>\n<p>  Erstmal glaube ich, dass die &quot;Occupy&quot;-Bewegung gar nicht so sehr im   Kontrast zu den Gewerkschaften steht. Die Arbeiter sind am meisten von   der Krise betroffen, und eine organisierte Arbeiterbewegung mit   Hunderttausenden von gewerkschaftlich organisierten Mitgliedern ist   n&#246;tig, um gegen K&#252;rzungen und Entlassungen erfolgreich zu k&#228;mpfen.   Deswegen ist es nat&#252;rlich ziemlich wichtig, dass die Gewerkschaften die   &quot;Occupy&quot;-Bewegung unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  Die Gewerkschaften beteiligen sich aber auch deshalb, weil sie schon   l&#228;ngere Zeit Probleme haben, ihre Mitgliedschaft zu mobilisieren und   insbesondere junge Leute zu motivieren. Und nun macht ihnen die   &quot;Occupy&quot;-Bewegung in gewisser Hinsicht vor, wie man das schaffen kann.   Beeindruckend fand ich, dass der Dachverband der Gewerkschaften an dem   Tag, als die Polizei drohte, den besetzten Platz in New York zu r&#228;umen,   seine Mitglieder dazu aufgerufen hat, morgens fr&#252;h um sechs auf den   &quot;Occupy Wall Street&quot;-Platz zu kommen. Und ich hab auch tats&#228;chlich   einige Krankenschwestern und andere Gewerkschafter gesehen.<\/p>\n<p>  Andererseits ist die Situation mit der Gewerkschaftsf&#252;hrung in den USA   &#228;hnlich wie in Deutschland. In den USA sind viele Gewerkschaftsf&#252;hrer   mit der Demokratischen Partei verbandelt. Das birgt nat&#252;rlich die   Gefahr, dass sie im Hinblick auf die Wahlen 2012 versuchen, die Bewegung   in die &quot;richtigen Bahnen&quot; zu lenken. Zumindest Teile der Demokratischen   Partei diskutieren gerade, wie sie die Protestler ein wenig vers&#246;hnen   beziehungsweise wie sie die Proteste vereinnahmen k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Wie geht es jetzt in den USA weiter?<\/h4>\n<p>  Die Bewegung ist weiterhin am Wachsen und dehnt sich mehr und mehr aus,   speziell in die Universit&#228;ten und in einige Stadtteile. Am Samstag, den   15. Oktober gab es in der Bronx eine erste &quot;Occupy&quot;-Versammlung mit rund   60 Teilnehmern. Auch in den Unis finden Versammlungen statt, die die   Walk Outs, also Streiks, der Unis planen.<\/p>\n<p>  Wichtig ist, dass die Diskussionen &#252;ber die Aufstellung von Forderungen   an Fahrt gewinnen. Bei der &quot;Occupy Wall Street&quot; gibt es eine Gruppe von   Leuten, die realisiert hat, dass politische Forderungen essenziell sind,   um erstens attraktiv f&#252;r neue Leute zu sein, um einfach mehr zu werden   und um eine Kampfstrategie zu entwickeln, mit der man konkrete Ziele   erreichen kann. Allerdings ist es offen, wie sich die Bewegungen an sich   weiterentwickeln werden, gerade wenn es jetzt k&#228;lter wird &#8211; Temperaturen   fallen unter null Grad Celsius &#8211; kann man die derzeitige Dimension der   Platzbesetzungen nicht f&#252;r immer halten. Auf kurz oder lang stellt sich   f&#252;r die Bewegung die Frage, ob und wie sie es schafft, &#252;ber die   Besetzung hinaus vorw&#228;rtsweisende Protestformen zu entwickeln, zum   Beispiel Gro&#223;demonstrationen bis hin zu massenhaften, koordinierten   Streikaktionen in Schulen, Unis und Betrieben.<\/p>\n<h4>  Welche Rolle spielt die SAV-Schwesterorganisation in den USA?<\/h4>\n<p>  Als &quot;Socialist Alternative&quot; sind wir in den USA Teil der Bewegung. Wir   argumentieren f&#252;r konkrete Forderungen und die Verbreiterung der   Bewegung. Wir haben beispielsweise die Kampagne &quot;Jobs not Cuts&quot; gegen   die K&#252;rzungsvorschl&#228;ge des &quot;Super Commitee&quot; initiiert und tragen sie in   die Bewegung.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig betonen wir in Gespr&#228;chen auf den Pl&#228;tzen aber auch, dass   dieses System als Ganzes nicht funktioniert und abgeschafft geh&#246;rt.   Trotz des Reichtums dieser Gesellschaft produziert der Kapitalismus nur   f&#252;r wenige Reichtum, f&#252;r den Rest Krisen, Arbeitslosigkeit, Krieg.<\/p>\n<h2>  Das andere Amerika<\/h2>\n<p>  Millionen von Arbeiterfamilien mussten in den letzten Jahren   Bekanntschaft mit Verh&#228;ltnissen machen, die an die Erz&#228;hlungen ihrer   Gro&#223;eltern &#252;ber die Depressions&#228;ra nach dem B&#246;rsenkrach 1929 erinnern.   In der Wirtschaftskrise 2007-09 verloren neun Millionen ihr Eigenheim.   Fast jeder f&#252;nfte Erwerbsf&#228;hige ist heute ohne Arbeit oder   unterbesch&#228;ftigt &#8211; sprich, er oder sie kommt trotz eines Jobs &#252;berhaupt   nicht &#252;ber die Runden. Und jetzt hat auch noch der zweitgr&#246;&#223;te   Arbeitgeber, die US-Post, 120.000 Entlassungen angek&#252;ndigt. Beinahe 50   Millionen Menschen k&#246;nnen sich keine Krankenversicherung leisten. Jeder   sechste, in einem Land von gut 300 Millionen Menschen, lebt in Armut.   Jede f&#252;nfte Frau schreckt heute davor zur&#252;ck, ein Medikamentenrezept   einzul&#246;sen, weil sie nicht wei&#223;, wie sie das bezahlen soll. Hunderte von   Schulen im ganzen Land werden geschlossen. Und jetzt will ein &quot;Super   Committee&quot;, ein Kongress-Ausschuss, Vorschl&#228;ge f&#252;r K&#252;rzungen in H&#246;he von   1,5 Billionen Dollar ausarbeiten.<\/p>\n<h2>  &quot;Occupy&quot;-Proteste und die Arbeiterbewegung<\/h2>\n<p>  Ein Ph&#228;nomen ist die weitverbreitete Sympathie, auf die die   &quot;Occupy-Wall-Street&quot;-Bewegung &#8211; die sich wie ein Lauffeuer in Hunderte   von St&#228;dten verbreitet &#8211; in der arbeitenden und erwerbslosen Bev&#246;lkerung   st&#246;&#223;t. &quot;Endlich passiert mal was&quot;, &quot;die Jugendlichen haben recht&quot; &#8211;   denken viele.<\/p>\n<p>  Immer wieder werden von gewerkschaftlicher Seite Gru&#223;botschaften   verabschiedet. Einige Gewerkschaftsaktive gehen auch gezielt zu den   Protesten, um diese tatkr&#228;ftig zu unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  Jeff Johnson und Lynne Dodson, Pr&#228;sident und Zweiter Schatzmeister des   &quot;Washington State Labor Council&quot;, sowie David Freiboth,   Vorstandsmitglied des &quot;Martin Luther King County Labor Council&quot;,   schrieben beispielsweise folgenden Brief in Solidarit&#228;t mit &quot;Occupy   Seattle&quot;: &quot;Arbeiter, Jugend, Rentner, Arme und Migranten &#8211; die 99   Prozent &#8211; m&#252;ssen ihre Stimme erheben und die Frage stellen, in was f&#252;r   einer Gesellschaft wir leben wollen. Es ist Zeit f&#252;r uns, dass wir eine   Wirtschaft und ein politisches System schaffen, das auf dem Konzept des   gemeinschaftlichen Wohlstands basiert.&quot;<\/p>\n<p align=\"center\">  <embed type=\"application\/x-shockwave-flash\" height=\"267\" pluginspage=\"http:\/\/www.macromedia.com\/go\/getflashplayer\" flashvars=\"host=picasaweb.google.com&#038;hl=de&#038;feat=flashalbum&#038;RGB=0x000000&#038;feed=https%3A%2F%2Fpicasaweb.google.com%2Fdata%2Ffeed%2Fapi%2Fuser%2F102458489215897250915%2Falbumid%2F5664357762378308625%3Falt%3Drss%26kind%3Dphoto%26hl%3Dde\" width=\"400\" src=\"https:\/\/picasaweb.google.com\/s\/c\/bin\/slideshow.swf\">  <\/embed><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein Augenzeugenbericht aus den USA\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[21,42],"tags":[242],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14508"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14508"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14508\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14508"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14508"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14508"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}