{"id":14502,"date":"2011-10-26T00:00:00","date_gmt":"2011-10-25T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14502"},"modified":"2012-05-15T14:44:29","modified_gmt":"2012-05-15T12:44:29","slug":"14502","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/10\/14502\/","title":{"rendered":"Verpasste Chancen"},"content":{"rendered":"<p>  DIE LINKE nach dem Erfurter Parteitag<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>DIE LINKE hat auf ihrem Erfurter Parteitag in dreit&#228;gigen Beratungen   bei nur vier Gegenstimmen und zw&#246;lf Enthaltungen ein Programm   verabschiedet, mit dem sie als einzige im Bundestag vertretene Partei   den Kapitalismus ablehnt. Bei allen Schw&#228;chen, die diese Partei und ihre   (Antrags)Beratungen in Erfurt gekennzeichnet haben, ist damit ein   Ankn&#252;pfungspunkt f&#252;r den Widerstand gegen die Barbarei des im Niedergang   begriffenen Kapitalismus verteidigt worden.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Heino Berg, G&#246;ttingen<\/i><\/h4>\n<p>  Der Regierungsfl&#252;gel der LINKEN, der eine nahezu bedingungslose   Ann&#228;herung an die Sozialdemokratie sucht und f&#252;r den antikapitalistische   Forderungen eher l&#228;stige Pflicht&#252;bungen sind, war durch die Niederlage   bei den Berliner Wahlen und das schwache Abschneiden in   Mecklenburg-Vorpommern innerparteilich geschw&#228;cht. Vor dem Hintergrund   der Massenbewegungen gegen die Bankenrettungsprogramme in S&#252;deuropa,   deren systemkritischer Ansatz vor allem von Oskar Lafontaine   aufgegriffen wurde, mussten sich die Vertreter des &#8222;fds&#8220; (Forum   demokratischer Sozialismus) auf die Unterst&#252;tzung der programmatischen   Kompromissformeln des Parteivorstands beschr&#228;nken.<\/p>\n<p>  Ihre Vertreter hoffen darauf, die Leerstellen und Widerspr&#252;che des   beschlossenen Programms f&#252;r die Fortsetzung einer politischen Praxis   nutzen zu k&#246;nnen, die sie f&#252;r SPD und Gr&#252;ne zu einem anerkannten Partner   machen soll, die aber die Glaubw&#252;rdigkeit der antikapitalistischen   Forderungen in Frage stellt und DIE LINKE in der Wahrnehmung vieler   Menschen bereits heute nicht mehr als grundlegend andere Partei   erscheinen l&#228;sst.<\/p>\n<h4>  Formelkompromisse<\/h4>\n<p>  Die unvereinbaren Gegens&#228;tze in der Linkspartei sind durch den Erfurter   Parteitag nicht gekl&#228;rt und durch Mehrheitsentscheidungen der   Delegierten entschieden, sondern in allen wichtigen Streitfragen   ausgeklammert und damit &#8222;vertagt&#8220; worden.<\/p>\n<p>  Das galt f&#252;r die Ablehnung von ALLEN Auslandseins&#228;tzen der Bundeswehr,   f&#252;r das Verh&#228;ltnis zur NATO und zur EU, f&#252;r die Frage, welche Bereiche   der Produktion in demokratisch kontrolliertes Gemeineigentum &#252;berf&#252;hrt   werden sollen und f&#252;r die strategische Schl&#252;sselfrage, ob die   Forderungen der Bev&#246;lkerung durch Regierungskoalitionen mit   pro-kapitalistischen Parteien durchgesetzt werden k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  In all diesen Punkten lagen den Parteitagsdelegierten &#196;nderungsantr&#228;ge   zu dem zwischen den Str&#246;mungen ausgehandelten Programmentwurf vor. Bei   vielen von ihnen, besonders in den friedenspolitischen Fragen, lag eine   linke Mehrheit in der Luft, konnte aber nicht zum Ausdruck kommen und zu   einem Signal f&#252;r eine Kurskorrektur in der Parteikrise werden, weil   diese Antragsbl&#246;cke gar nicht erst ge&#246;ffnet und einer   Mehrheitsentscheidung zug&#228;nglich gemacht wurden. Schon in den   Delegiertenvorbesprechungen am Donnerstag wurden die Vertreter der   Parteibasis darauf eingeschworen, die ausgehandelten Kompromisse auf   keinen Fall in Frage zu stellen. &#8222;Einheit vor Klarheit&#8220; (Karl Holluba,   ehemaliger Bundesschatzmeister der LINKEN) war das Motto bei den Treffen   der &#8222;Sozialistischen Linken&#8220; (SL) und der &#8222;Antikapitalistischen Linken&#8220;   (AKL).<\/p>\n<h4>  Wenn der Parteitag nicht entscheidet,&#8230;<\/h4>\n<p>  Gerade weil die politischen Widerspr&#252;che in der LINKEN objektiv so   unvereinbar waren und sind, sahen nicht nur die Parteispitze, sondern   auch viele Delegierte die Gefahr, dass jeder offene Konflikt   beziehungsweise jede &#8222;Kampfabstimmung&#8220; eskalieren und die Partei   &#8222;zerrei&#223;en&#8220; k&#246;nnte. Um das zu vermeiden, begn&#252;gten sich die meisten   Delegierten &#8222;z&#228;hneknirschend&#8220; mit einer Statistenrolle auf dem   Parteitag. Sie stimmten (mit teilweise knappen Mehrheiten) der   Nichtbehandlung von Antr&#228;gen zu, mit deren Vertretung auf dem Parteitag   sie von den jeweiligen Basisgliederungen (darunter auch   Landesparteitagen) ausdr&#252;cklich beauftragt worden waren. Das galt sogar   f&#252;r die &#8222;Schlupfl&#246;cher&#8220; des Programmentwurfs bei der Frage von   Auslandseins&#228;tzen der Bundeswehr, wo nur die pers&#246;nliche Intervention   von Oskar Lafontaine ein kategorisches Veto des Parteitags verhindern   konnte.<\/p>\n<p>  Fraktionschef Gregor Gysi griff mit seinem Bekenntnis zur   Marktwirtschaft die entsprechenden &#8222;Angebote&#8220; des neuen Buchs der   stellvertretenden Parteivorsitzenden Sahra Wagenknecht auf. Die   programmatischen Zugest&#228;ndnisse der Wortf&#252;hrerin der Parteilinken trugen   wesentlich zur Scheinharmonie in Erfurt bei. Sie waren kein Zugest&#228;ndnis   an die Mehrheitsverh&#228;ltnisse der Parteibasis und in der Bev&#246;lkerung,   sondern eher an die in den Parlamenten.<\/p>\n<h4>  &#8230;w&#228;chst die Macht der Parlamentsfraktionen<\/h4>\n<p>  So verst&#228;ndlich die Sorge der Erfurter Delegierten &#252;ber eine   Zerrei&#223;probe auf dem Parteitag war &#8211; faktisch werden damit die   bisherigen Konflikte nur vertagt beziehungsweise die Interpretation der   programmatischen Spielr&#228;ume an den Parteiapparat und die   Parlamentsfraktionen delegiert. Die Chancen f&#252;r einen Neuaufbruch der   LINKEN nach ihrer monatelangen Krise und f&#252;r eine konsequente &#214;ffnung   gegen&#252;ber der weltweit erstarkenden au&#223;erparlamentarischen   Systemopposition sind nur unzureichend genutzt worden.<\/p>\n<p>  Die Frage, ob DIE LINKE auch nach dem Desaster der Berliner   Regierungskoalition die Anbiederung an Parteien fortsetzen soll, die   sich den Interessen der Banken und Konzerne verpflichtet haben und mit   denen die in Erfurt beschlossenen antikapitalistischen Ziele definitiv   nicht zu verwirklichen sind, wird jedenfalls durch die (noch einmal   gelockerten) Haltelinien nicht gekl&#228;rt, sondern ausdr&#252;cklich offen   gelassen. Die unmittelbar nach dem Ende des Parteitags erneut   ausbrechenden Personaldiskussionen &#252;ber eine vorgezogene Neuwahl der   Parteif&#252;hrung beweisen, dass die Chancen f&#252;r einen politischen   &#8222;Befreiungsschlag&#8220; in Erfurt leider verpasst worden sind.<\/p>\n<h4>  Aussichten<\/h4>\n<p>  Damit bleibt auch die Zukunft der LINKEN weiterhin offen. SozialistInnen   k&#246;nnen sich bei den bevorstehenden Auseinandersetzungen auf die   antikapitalistischen Teile des Programms st&#252;tzen. Aber der   &#8222;Burgfrieden&#8220;, den auch die Vertreter des linken Parteifl&#252;gels vor und   in Erfurt mit den innerparteilichen Anh&#228;ngern der kapitalistischen   Marktwirtschaft, der EU und einer milit&#228;rischen &#8222;Friedenspolitik&#8220;   geschlossen und auf Kosten der innerparteilichen Demokratie durchgesetzt   haben, ist f&#252;r die weitere Entwicklung der Linkspartei sehr gef&#228;hrlich.   Das in Erfurt beschlossene Programm unterscheidet die LINKE von allen   anderen Parteien, steht aber bisher nur auf dem Papier. Der Praxistest   steht noch aus.<\/p>\n<\/p>\n<h2>  Kompromiss auf Zeit<\/h2>\n<p>  von Lucy Redler<\/p>\n<p>  Der Parteitag der LINKEN hat ein linkes Parteiprogramm beschlossen, das   sich gegen den Kapitalismus ausspricht. Das Programm ist in vielen   Punkten ein Schritt nach links im Vergleich zu den programmatischen   Eckpunkten und grenzt die Partei von allen anderen Parteien im Bundestag   ab. Das ist gut.<\/p>\n<p>  Wer jedoch gehofft hatte, dass beim Parteitag die inhaltlichen und   strategischen Differenzen, die sich in den letzten Monaten verzerrt in   Personalquerelen ausgedr&#252;ckt haben, offen diskutiert und mehrheitlich   entschieden werden, wurde entt&#228;uscht. Ich habe noch nie so oft auf einem   Parteitag geh&#246;rt, dass man diesen oder jenen Kompromiss nicht gef&#228;hrden   d&#252;rfe. Alle strittigen Antr&#228;ge zu bedeutenden Fragen wurden durch die   Akzeptanz von Formelkompromissen des Parteivorstands schon vor der   Diskussion auf Eis gelegt. So beinhalten die Formulierungen zu roten   Haltelinien, zum &#214;ffentlichen Besch&#228;ftigungssektor, zur Bundeswehr und   zur NATO interpretationsoffene Positionen oder Kompromisse, um es allen   Str&#246;mungen irgendwie ein bisschen recht zu machen.<\/p>\n<p>  Ist das gut? Kompromisse zu schlie&#223;en muss nicht in jedem Fall falsch   sein. Diese Kompromisse k&#246;nnen jedoch im realen Leben der Partei schon   sehr bald zum Bumerang werden. Weil sich bei manchen Themen wie   Regierungsbeteiligungen oder die Frage von Blauhelmeins&#228;tzen nicht   vereinbare Positionen gegen&#252;berstehen. Dass der Parteitag auf konkrete   Entscheidungen verzichtet hat, bedeutet jetzt nur, dass sie   wahrscheinlich woanders getroffen werden: in den Fraktionen.<\/p>\n<p>  Dass nur wenige Delegierte die Programmdebatte zum Ausgangspunkt nahmen,   &#252;ber die reale Krise der Partei und L&#246;sungsm&#246;glichkeiten zu diskutieren,   lie&#223; den Parteitag f&#252;r mich etwas unwirklich erscheinen. Eine offene   Aussprache im Plenum w&#228;re eine Voraussetzung daf&#252;r, die Krise nicht   auszusitzen, sondern einen Kurswechsel einzuleiten &#8211; hin zu einer   Partei, die ihren wichtigsten Ort nicht im Parlament, sondern auf der   Stra&#223;e, in den Betrieben, Schulen und Unis sieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      DIE LINKE nach dem Erfurter Parteitag\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25],"tags":[242],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14502"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14502"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14502\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}