{"id":14492,"date":"2011-10-21T00:00:00","date_gmt":"2011-10-21T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14492"},"modified":"2011-10-21T00:00:00","modified_gmt":"2011-10-21T00:00:00","slug":"14492","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/10\/14492\/","title":{"rendered":"Vor der Volksabstimmung zu Stuttgart 21"},"content":{"rendered":"<p>  Jetzt geht&#8217;s um jede Stimme gegen S21 und um weitere Gegenwehr oder &#8222;Das   n&#228;chste Spiel ist immer das schwerste&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Als ich am 11. Oktober im Zug von Berlin nach Stuttgart sa&#223;, gab es im   Viertelstundentakt Durchsagen, wonach es aufgrund von &#8222;Vandalismus&#8220; zu   Versp&#228;tungen kommen w&#252;rde. Nach ein, zwei Stunden war das dann wieder   vergessen, weil &#8211; wie man es bei Bahnfahrten gewohnt ist &#8211;   &#8222;Betriebsprobleme&#8220; bald f&#252;r den &#252;blichen Versp&#228;tungs&#228;rger sorgten. Ein   Hohn, wenn die Deutsche Bahn von Vandalismus spricht &#8211; z&#228;hlen R&#252;diger   Grube und Konsorten doch zu den gr&#246;&#223;ten Vandalen der Republik! Nachdem   die Massenproteste der v&#246;lligen Zerst&#246;rung von Schlossgarten und   Kopfbahnhof anderthalb Jahre Einhalt gebieten konnten, wittern die   Herrschenden mit der Volksabstimmung am 27. November nun eine neue   Chance, f&#252;r ihr Profitvorhaben doch noch &#8222;freie Bahn&#8220; zu bekommen.<\/p>\n<p>  <i>von Aron Amm<\/i><\/p>\n<p>  Wenn es bei dieser Volksabstimmung in Stadt und Land Mehrheiten f&#252;r   Stuttgart 21 geben sollte, dann k&#246;nnte dies &#8211; trotz der vorherigen   beispiellosen Welle von Massenprotesten &#8211; einen &#8222;moralischen   Genickbruch&#8220; f&#252;r die Bewegung bedeuten. &#8222;Seht her, ihr seid ja doch nur   eine Minderheit&#8220; wird es hei&#223;en. Und: &#8222;Dabei wolltet ihr diese   Volksabstimmung doch.&#8220; Dieses Szenario gilt es zu verhindern. Die   Bewegung muss noch einmal voll durchstarten und alle M&#246;glichkeiten f&#252;r   eine erfolgreiche Informationskampagne aussch&#246;pfen. Eine solche   intensive Aufkl&#228;rungsarbeit k&#246;nnte dann auch dazu dienen, den ebenfalls   weiter n&#246;tigen Widerstand zu st&#228;rken.<\/p>\n<h4>  Warum die Gr&#252;nen immer wieder auf die Volksabstimmung zur&#252;ckkamen<\/h4>\n<p>  Urspr&#252;nglich war die Forderung nach einer Volksabstimmung &#252;ber das   Wahnsinnsprojekt in der Bewegung tats&#228;chlich einmal popul&#228;r gewesen.   Aber schon vor mehr als einem halben Jahr hatten die meisten   AktivistInnen verstanden, wie undemokratisch die baden-w&#252;rttembergische   Gesetzeslage in Sachen &#8222;direkter Demokratie&#8220; ist. Darum wurden die Rufe   danach deutlich leiser. Mehr und mehr erkannten, dass eine solche   Abstimmung zu einem Eigentor f&#252;hren und der Gegenseite zum Erfolg   verhelfen k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Allerdings gab es &#8211; neben der SPD &#8211; auch einen relevanten Teil der   Bewegung, der die Volksabstimmung immer wieder ins Gespr&#228;ch brachte. Das   waren die Gr&#252;nen, die zwar gegen das Mammutprojekt sind, denen aber noch   mehr an einer &#8222;Befriedigung&#8220; der Auseinandersetzung liegt, um ihre   Karrieren nicht zu gef&#228;hrden.<\/p>\n<p>  Nachdem Kretschmann angesichts der wachsenden Proteste im August 2010   schon einen &#8222;Runden Tisch&#8220; vorgeschlagen hatte, antwortete er   Tagesthemen-Sprecher Tom Buhrow nach der Schlichtung auf die Frage, ob   er als Ministerpr&#228;sident das Projekt zu stoppen gedenke: &#8222;Ja, das werden   wir auf jeden Fall versuchen und jedenfalls dar&#252;ber einen Volksentscheid   herbeif&#252;hren, damit das Volk in dieser wichtigen Frage das letzte Wort   hat.&#8220; Hoppla, da war es pl&#246;tzlich, dieses Hintert&#252;rchen (wie Jutta   Ditfurth treffend meinte). Obwohl Tausende w&#246;chentlich aktiv waren,   Zehntausende am 30. September gegen die Baumf&#228;llarbeiten protestierten   und &#252;ber hunderttausend Menschen im Oktober auf die Stra&#223;e gingen und   Grube, Mappus und Co. in die Defensive dr&#228;ngten, brachten Kretschmann   und andere die Volksabstimmung ins Spiel. Jutta Ditfurth, die in ihrem   neuen Buch &#8222;Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Gr&#252;nen&#8220;   die Stationen der Umfallerpartei bei Bundeswehr-Auslandseins&#228;tzen,   &#8222;Atomkonsens&#8220; und Hartz IV Revue passieren l&#228;sst, schrieb: &#8222;Und wieder   einmal besteht, jetzt beim Widerstand gegen das Projekt Stuttgart 21,   die konkrete Gefahr, dass sie dem Protest den Hals brechen, solange sie   nur ein bisschen Regierungsmacht daf&#252;r bekommen.&#8220;<\/p>\n<h4>  Debatten in der Bewegung &#252;ber die Abstimmung<\/h4>\n<p>  Am 28. September beschlossen die baden-w&#252;rttembergischen   Regierungsfraktionen SPD und Gr&#252;ne die Volksabstimmung f&#252;r den 27.   November. Das formal notwendige Quorum bel&#228;uft sich auf 33,33 Prozent   der Wahlberechtigten, nicht der TeilnehmerInnen! Mehr als 2,5 Millionen   Menschen m&#252;ssten sich also gegen S21 beziehungsweise f&#252;r den &#8222;Ausstieg&#8220;   (die R&#252;cknahme der Finanzierungszusage des Landes &#252;ber 824 Millionen   Euro) aussprechen. Zum Vergleich: Die Gr&#252;nen als einzige   Landtagsfraktion gegen S21 kamen bei der Wahl im M&#228;rz auf 1,2 Millionen   Stimmen (auch die jetzige Landesregierung, SPD und Gr&#252;ne zusammen,   erhielten weniger Stimmen als die bei der Volksabstimmung ben&#246;tigten 2,5   Millionen).<\/p>\n<p>  Da schon die gr&#252;n-rote Koalitionsbildung mit der Volksabstimmung   verkn&#252;pft wurde und die Durchf&#252;hrung sich seit den Wochen des   Stresstests immer konkreter abzeichnete, gab es im Fr&#252;hherbst intensive   Debatten in der Bewegung. Durchaus kontroverse Debatten. Beim   &#8222;Demokratie-Kongress&#8220; am Wochenende 17. und 18. September zum Beispiel   pl&#228;dierte etwa die H&#228;lfte der gut 150 TeilnehmerInnen f&#252;r einen Boykott.   Bei den &#8222;Parksch&#252;tzern&#8220; und &#8222;Blockierern&#8220; argumentierten nicht wenige   daf&#252;r, sich erst gar nicht auf diese Abstimmung einzulassen. Der   Friedensforscher Wolfgang Sternstein beispielsweise meinte, bei einer   Beteiligung w&#252;rde man ja das Verfahren akzeptieren, folglich an das   Ergebnis gebunden sein und sich so jede Handlungsfreiheit nehmen. Aber   weshalb denn? Parteien treten auch zu Wahlen an, ohne im Fall einer   Niederlage die Regierungspolitik zu unterst&#252;tzen. Die Argumente gegen   S21 bleiben nach der Volksabstimmung genau so richtig &#8211; die Frage ist   nur, wie viel Gewicht sie nach einer verlorenen Abstimmung noch haben   werden&#8230;<\/p>\n<p>  Viele der dauerhaft Aktiven &#8211; ob MontagsdemonstrantInnen oder in   diversen Gruppen organisierte S21-Gegner &#8211; zeigten sich in den letzten   Wochen jedoch vor allem verunsichert. Gerade f&#252;r diese ist eine klare   Ansage n&#246;tig: Rein in die Kampagne f&#252;r ein &#8222;Ja&#8220; zum Ausstieg, raus auf   die Stra&#223;e!<\/p>\n<p>  In den letzten Wochen setzte sich beim Gros der Gruppen und Aktiven   durch, in die Volksabstimmung-Auseinandersetzung einsteigen zu m&#252;ssen.   Ende September verk&#252;ndete das Aktionsb&#252;ndnis eine massive Kampagne. Die   &#8222;Infooffensive&#8220; geh&#246;rte zu den ersten, die Materialien produzierten.   Auch verschiedene Gruppen des &#8222;Parksch&#252;tzer-Rats&#8220; haben die Weichen   daf&#252;r gestellt, die Volksabstimmung als ein weiteres Mittel f&#252;r den   Kampf gegen S21 zu nutzen. Bei der ersten Sitzung des landesweiten   B&#252;ndnisses f&#252;r eine &#8222;Ja&#8220;-Kampagne zum Ausstieg &#8211; im Anschluss an das   Aktionsb&#252;ndnis &#8211; nahmen am 18. Oktober an die 100 Personen teil, waren   voller Tatendrang und stellten einen ambitionierten Terminkalender f&#252;r   Aktivit&#228;ten zusammen.<\/p>\n<p>  Zu Recht schreibt die SAV Stuttgart im Flugblatt vom 30. September 2011:   &#8222;Wenn die Bewegung gegen S21 selber entscheiden k&#246;nnte, ob eine   Volksabstimmung gem&#228;&#223; der Landesverfassung stattfindet, m&#252;sste sie diese   stoppen. Aber die Entscheidung liegt nicht bei uns. Wir m&#252;ssen uns zu   ihr verhalten.&#8220; Und weiter: &#8222;Die S21-Anh&#228;nger wissen, dass eine   Abstimmungsniederlage die GegnerInnen demoralisieren und den Widerstand   schw&#228;chen kann. Dies d&#252;rfen wir nicht zulassen.&#8220; Genau deshalb muss die   Bewegung jetzt mit aller Kraft f&#252;r so viele Stimmen gegen S21 wie nur   m&#246;glich k&#228;mpfen &#8211; ohne nat&#252;rlich den Widerstand aufzugeben. Schlie&#223;lich   helfen die Montagsdemonstrationen, die landesweite Gro&#223;demo am Samstag   vor der Volksabstimmung (26. November), aber auch Blockadeaktionen gegen   etwaige Baut&#228;tigkeiten, die Bewegung zu st&#228;rken, Selbstbewusstsein zu   geben und das Abstimmungsergebnis zu verbessern. Gleichzeitig hilft die   Aufkl&#228;rungs- und Informationskampagne, den Widerstand auszudehnen.   SAV-Mitglieder haben in den letzten Wochen auch gegen&#252;ber denjenigen   AktivistInnen, die mit einem Boykott der Abstimmung sympathisierten,   betont: Sollte die Bewegung bei dem Volksentscheid eine Niederlage   kassieren, dann w&#228;re auch der R&#252;ckhalt f&#252;r den n&#246;tigen konkreten   Widerstand bis hin zu Massenblockaden und gegebenenfalls   Besetzungsaktionen ernsthaft gef&#228;hrdet.<\/p>\n<h4>  Stand der Bewegung<\/h4>\n<p>  Aus den bundesweiten Medien ist die S21-Bewegung weitgehend   verschwunden. Darum fragen sich viele au&#223;erhalb der Region, ob der   Widerstand &#252;berhaupt noch lebt.<\/p>\n<p>  Am 8. Juli schrieben wir vom &#8222;Beginn eines neuen &quot;hei&#223;en Sommers&quot;&#8220;. Dazu   kam es nicht. Allerdings war auch dies eher Ausdruck der St&#228;rke der   Bewegung. Denn urspr&#252;nglich wollte Grube direkt nach dem &#8222;Stresstest&#8220;   aufs Gaspedal treten und mit S&#252;dfl&#252;gel-Abriss, R&#228;umung der S21-Zelte im   Schlossgarten und forcierter Rohrverlegung (f&#252;r das   Grundwassermanagement) Fakten schaffen. Doch dann zog sich die   Stresstest-Auswertung &#252;ber Wochen hin. &#8222;Schlichter&#8220; Heiner Gei&#223;ler   sorgte mit seinem &#8222;Kombivorschlag&#8220; f&#252;r zus&#228;tzliche Irritationen. Das   waren aber auch Reaktionen auf die Bewegung, die in den Wochen nach der   Landtagswahl zwar zur&#252;ckging, jedoch weiter Montag f&#252;r Montag zu   Tausenden demonstrierte, mit der 1.500 TeilnehmerInnen starken   Baustellenbesetzung am 20. Juni einen Warnschuss abgab, Blockadeaktionen   von 50, 100, sogar 250 und in einem Fall gar 400 Beteiligten durchf&#252;hrte   und sich mit den 15.000 auf der Gro&#223;demo am 9. Juli eindrucksvoll   zur&#252;ckmeldete.<\/p>\n<p>  Da durch die Verz&#246;gerung des Stresstest-Verfahrens das Zeitfenster zur   noch vor Weihnachten anvisierten Volksabstimmung immer kleiner wurde,   agierten die S21-Bef&#252;rworter sicherlich im Hintergrund, um Grube   zur&#252;ckzupfeifen. Eine Eskalation h&#228;tte der Bewegung nur neue   MitstreiterInnen und m&#246;gliche AktivistInnen im Kampf um die Stimmen bei   dem Volksentscheid beschert.<\/p>\n<p>  Dennoch waren auch am Jahrestag des &#8222;Schwarzen Donnerstags&#8220; 20.000 auf   den Beinen. Woche f&#252;r Woche nehmen zwischen 3.500 und 5.000 weiter an   der Montagsdemo teil. Dutzende von Gruppen sorgen daf&#252;r, dass es t&#228;glich   Veranstaltungen, Aktionen oder auch nur &#8222;Schwabenstreiche&#8220; in einzelnen   Stadtteilen gibt. Ein Beispiel von vielen: Als der Landesumweltminister   der Gr&#252;nen, Franz Untersteller, an einem stinknormalen Mittwoch (12.   Oktober) um 18 Uhr auf dem Markplatz zu einer &#8222;Volksversammlung&#8220; kam,   waren ebenfalls mehrere hundert S21-Gegner anwesend, um auf ihr Anliegen   aufmerksam zu machen, obgleich eigentlich andere Themen an diesem Abend   im Vordergrund stehen sollten.<\/p>\n<p>  Ins Auge springt auch, dass der der 15. Oktober, an dem weltweit gegen   die Bankenmacht protestiert wurde, was Deutschland betrifft &#8211; neben   Berlin und Frankfurt am Main &#8211; gerade in Stuttgart mit 5.000   TeilnehmerInnen eine besonders bemerkenswerte Demo sah. Dies   unterstreicht einmal mehr, dass die S21-Auseinandersetzung bei einer   ganzen Schicht von AktivistInnen den Horizont erweitert hat und die   Rolle von Kapitalinteressen, Polizeiapparat, Gerichten und so weiter   klarer gesehen wird.<\/p>\n<h4>  Aussichten f&#252;r den Volksentscheid<\/h4>\n<p>  Und was ist mit den Umfragen, die Mehrheiten f&#252;r Stuttgart 21   signalisieren? Im Sommer gab Infratest-dimap 51 Prozent in   Baden-W&#252;rttemberg f&#252;r, 34 Prozent gegen S21 an. In Stuttgart soll es   ebenfalls, sogar noch deutlichere Mehrheiten f&#252;r S21 gegeben haben. Fakt   ist, dass die Umfragen sich f&#252;r die S21-Gegner schon nach der   Schlichtung verschlechterten. Mitte Dezember 2010 war die CDU, die zuvor   &#252;ber zehn Prozent eingeb&#252;&#223;t hatte, pl&#246;tzlich wieder bei 41 Prozent. Auch   nach dem Stresstest &#8211; in einer Zeit schw&#228;cherer Baut&#228;tigkeit und   Protesten &#8211; sah es schwieriger aus. Trotzdem kann man die Umfragen auf   keinen Fall eins zu eins nehmen. Selbst die Stuttgarter Zeitung schrieb   am 19. August: &#8222;Eine vergleichende nicht-repr&#228;sentative Online-Befragung   bei Studierenden an der Uni Hohenheim vom M&#228;rz ergab tats&#228;chlich, dass   sich signifikant mehr Personen gegen Stuttgart 21 aussprachen, als bei   der Abfrage auch auf die M&#246;glichkeit des Erhalts des Kopfbahnhofs   hingewiesen wurde.&#8220;<\/p>\n<p>  Interessanterweise zeigt sich R&#252;diger Soldt in der FAZ vom 29. September   im Hinblick auf den Volksentscheid alles andere als siegessicher. Er   nennt es &#8222;fraglich, ob die Volksabstimmung zur Befriedigung der   Gesellschaft&#8220; beitr&#228;gt. Den Ausgang h&#228;lt er f&#252;r &#8222;schwer voraussehbar,   weil es sich um die erste Volksabstimmung handelt und eine Kampagne noch   bevorsteht&#8220;. In der Tat ist es eine zentrale Frage, welche Seite in   welchem Ma&#223;e mobilisieren kann. W&#228;hrend die S21-Bef&#252;rworter bei ihren   Versuchen, im Wahlkampf f&#252;r das Projekt zu joggen oder zu demonstrieren,   nur Dutzende oder h&#246;chstens mal Hunderte zusammenbrachten und sich in   den vergangenen Monaten nichts dergleichen mehr zutrauten, hat die   Protestbewegung Tausende, wenn nicht Zehntausende von potenziellen   AktivistInnen. Es ist auch offen, in wie weit die CDU ihre konservativen   Anh&#228;nger nach der Wahlniederlage in Baden-W&#252;rttemberg animieren kann, an   dem Volksentscheid teilzunehmen. Zumal solche Abstimmungen traditionell   eher von denjenigen aufgegriffen werden, die gegen &#8222;die da oben&#8220; mal ein   Zeichen setzen m&#246;chten.<\/p>\n<p>  Dementsprechend herrschte zum Beispiel bei der Gro&#223;demo gegen S21 am 30.   September bei vielen TeilnehmerInnen Zuversicht vor. Allerdings besteht   die Gefahr, dass viele AktivistInnen sich von der Einstellung in ihrem   pers&#246;nlichen Umfeld blenden lassen. &#220;ber die Zahl der dauerhaft Aktiven   hinaus gibt es viele in Stuttgart und erst recht au&#223;erhalb der Stadt,   die nicht v&#246;llig festgelegt sind, schwanken und sich auch von einer   massiven Kampagne der S21-Bef&#252;rworter beeindrucken lassen k&#246;nnten. Und   diese Kampagne wird kommen. Das S21-Lager wei&#223; um seine Chance und wird   alles auf eine Karte setzen. Da sie die Medien auf ihrer Seite haben,   &#252;ber ihre Positionen in Staat, Betrieben, Schule, Unis geschickt   Einfluss nehmen k&#246;nnen und sowieso &#252;ber die meisten Geldgeber (f&#252;r   Anzeigen, Plakate, Faltbl&#228;tter &#8211; und Leute, die dieses Material gegen   Bezahlung verbreiten) verf&#252;gen, m&#252;ssen die S21-Gegner alles in die   Waagschale werfen. Hinzu kommt, dass sich auch in Stuttgart manche vom   Dauerkonflikt schon leicht genervt zeigen und meinen, dass der Streit   doch irgendwann einmal ein Ende haben m&#252;sse. Zu untersch&#228;tzen ist zudem   nicht, dass die CDU als jahrezehntelange Regierungspartei weiterhin &#252;ber   eine gewisse Basis verf&#252;gt und au&#223;erdem bem&#252;ht sein wird, viele   konservativer eingestellte Menschen im l&#228;ndlichen Raum zu mobilisieren.<\/p>\n<h4>  M&#246;gliche Ergebnisse und Auswirkungen<\/h4>\n<p>  Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass die Protestbewegung das Quorum &#8211;   also 2,5 Millionen Stimmen gegen S21 &#8211; am 27. November erreichen kann.   Nat&#252;rlich werden die Zeitungen am Folgetag titeln: &#8222;S21-Widerstand   gescheitert &#8211; das Gro&#223;projekt wird gebaut.&#8220; Allerdings ist in der   Bewegung seit einem Jahr bekannt, wie undemokratisch dieses Quorum ist.   Selbst der b&#252;rgerliche Bl&#228;tterwald sah sich schon vor Monaten gezwungen   (da viele S21-Gegner regelm&#228;&#223;ig &#246;ffentlich die Parteinahme von   Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, SWR und so weiter   anprangerten), die hohen H&#252;rden zu thematisieren. In &#8222;Stadt.Plan 5\/2011&#8220;   erkl&#228;rt Gangolf Stocker (S&#214;S-Gemeinderat): &#8222;Undemokratische staatliche   Spielregeln haben wir noch nie anerkannt. (&#8230;) Das Quorum gilt f&#252;r uns   nicht.&#8220; Das sehen viele in der Bewegung &#228;hnlich. So schreibt die   Schwabenstreich-Gruppe Gau&#223;stra&#223;e\/Zeppelinstra&#223;e in einem kritischen   offenen Brief an Kretschmann und die gr&#252;nen Minister zum Beispiel von   der &#8222;fragw&#252;rdigen Volksabstimmung&#8220;.<\/p>\n<p>  Ein verpasstes Quorum w&#252;rde die Bewegung sicherlich nicht aus der Bahn   werfen. Vielmehr k&#228;men die Gr&#252;nen bei einer relativen Mehrheit f&#252;r den   &#8222;Ausstieg&#8220; in allerh&#246;chste N&#246;te. Zwar w&#252;rden sie zun&#228;chst wiederk&#228;uen,   was Kretschmann st&#228;ndig sagt: &#8222;Gesetz ist Gesetz. Verloren ist verloren.   Darum muss jetzt gebaut werden.&#8220; Aber der Druck auf sie w&#228;re immens.   Nicht auszuschlie&#223;en, dass es bei einer solchen Konstellation sogar zum   Bruch von Gr&#252;n-Rot kommen k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Sollte es in Stuttgart eine relative Mehrheit gegen S21,   Baden-W&#252;rttemberg-weit jedoch daf&#252;r geben, w&#252;rde ebenfalls das gesamte   Establishment t&#246;nen: &#8222;Stuttgart 21 kommt &#8211; die Mehrheit hat   entschieden.&#8220; Sicherlich w&#252;rde dies die Bewegung extrem verunsichern.   Die Teilnehmerzahlen an den Montagsdemos k&#246;nnten zun&#228;chst stark   zur&#252;ckgehen. Allerdings ist die Haltung recht weit verbreitet: &#220;ber die   Zerst&#246;rung vom Stuttgarter Bahnhof, Schlossgarten-Anlagen, Gef&#228;hrdung   der Mineralquellen und 20 Jahre Dauerbaustelle im Stadtzentrum darf   nicht &#252;ber die Stuttgarter Bev&#246;lkerung hinweg entschieden werden.   Sollten &#8211; wovon auszugehen ist &#8211; dann rasch die Bagger anr&#252;cken, um den   S&#252;dfl&#252;gel zu zerlegen und sogar Baumf&#228;llarbeiten ins Visier genommen   werden, k&#246;nnte es schnell zu einem Wiederaufleben des Widerstands   kommen. Eine Niederlage in Baden-W&#252;rttemberg, aber eine Mehrheit f&#252;r die   S21-Gegner in Stuttgart k&#246;nnte die Bewegung also &#252;berleben.<\/p>\n<p>  Anders w&#252;rde es sich wahrscheinlich verhalten, wenn es auch zu einer   Mehrheit pro Stuttgart 21 in der Landeshauptstadt selber kommen sollte.   Auch dann w&#252;rde es sicherlich noch Proteste gegen die Zerst&#246;rung von   Park und Bahnhof geben. Allerdings w&#228;ren diese dann deutlich schw&#228;cher.   Vor allem w&#252;rde eine Spaltung der Bewegung drohen. W&#228;hrend das Gros sich   resigniert zur&#252;ckziehen k&#246;nnte, w&#252;rde eventuell eine kleine, politisch   zudem radikaler eingestellte Minderheit Blockaden und Besetzungsversuche   starten, die nur zu einer weiteren Isolierung des Widerstands f&#252;hren   k&#246;nnten.<\/p>\n<h4>  Aufgaben f&#252;r die Bewegung<\/h4>\n<p>  Um ein solches Szenario abzuwenden, ist es jetzt wichtig, sich auf keine   Mehrheit gegen S21 in Stuttgart zu verlassen, sondern hier priorit&#228;r den   Kampf w&#228;hrend der Wochen vor der Volksabstimmung aufzunehmen. &#8211; Auch   wenn Cesar Luis Menotti (argentinischer WM-Coach von 1978) und seine   Philosophie vom &#8222;linken Fu&#223;ball&#8220; &#228;u&#223;erst sympathisch sind, ist es doch   nicht falsch, sich &#8211; will man ein Spiel gewinnen &#8211; auf seine St&#228;rken zu   besinnen. Die Devise, &#8222;die Null muss stehen&#8220;, schadet dabei auch nicht.   In dem Sinn sollte die Bewegung gegen S21 sich auf seine St&#228;rke &#8211; auf   Stuttgart &#8211; konzentrieren und durch eine intensive Aufkl&#228;rungs- und   Informationskampagne verhindern, dass die Gegenseite hier zum Zuge kommt.<\/p>\n<p>  Das hei&#223;t nat&#252;rlich nicht, dass die vielen geplanten Aktivit&#228;ten der   Gruppen gegen S21 in Baden und anderswo ihre Arbeit einstellen sollten.   Nein, das Engagement ist absolut wichtig. Ebenfalls der dezentrale   landesweite Aktionstag am 12. November. Nur sollten die StuttgarterInnen   nicht alle &#8222;ausfliegen&#8220; &#8211; auch wenn nat&#252;rlich gezielte Teilnahmen an   Veranstaltungen und bestimmten Aktionen in T&#252;bingen, Karlsruhe oder am   Bodensee durchaus w&#252;nschenswert sind.<\/p>\n<p>  Ende Oktober werden bereits die Wahlbenachrichtigungen verschickt. Ab 7.   November ist Briefwahl m&#246;glich. Deshalb ist keine Zeit zu verlieren.   Aber die Bewegung steckt auch schon in den Startl&#246;chern. Auf der ersten   Sitzung des landesweiten B&#252;ndnisses am 18. Oktober wurden die Prototypen   der Kampagne-Materialien vorgestellt. Ein Beispiel von vielen: Allein   die &#8222;Schwabenstreich&#8220;-Gruppe Gau&#223;stra&#223;e\/Zeppelinstra&#223;e hat schon ein   eigenes Flugblatt f&#252;r die Nachbarschaft verfasst und l&#228;sst es 25.000 Mal   drucken.<\/p>\n<p>  SAV-Mitglieder geh&#246;rten zu den treibenden Kr&#228;ften bei der Gr&#252;ndung der   Stadtteilgruppe Bad Cannstatt. Diese, die seit einem Jahr zu den   aktivsten Stadtteilgruppen z&#228;hlt und schon gr&#246;&#223;ere Veranstaltungen und   Demos auf die Beine gestellt hat, will f&#252;r eine Mehrheit gegen S21 in   ihrem Bezirk k&#228;mpfen und daf&#252;r den Stadtteil f&#252;r Verteilaktionen   aufteilen, Infotische durchf&#252;hren und Versammlungen organisieren. Damit   kann ein Beispiel f&#252;r andere Gruppen gesetzt werden.<\/p>\n<p>  Bei der &#8222;Jugendoffensive&#8220; soll es in einer Auflage von 15.000   Flugbl&#228;tter mit den Hauptargumenten gegen S21 f&#252;r Jugendliche geben.   &#220;berlegt wird auch ein Plakat. Wichtig sind zudem Podiumsdiskussionen an   Schulen sowie Veranstaltungen an den Hochschulen zum Semesterbeginn.<\/p>\n<p>  SAV-Mitglieder machen sich auch in der LINKEN daf&#252;r stark, die   Mitglieder zu aktivieren. Die Gewerkschaften &#8211; die ebenfalls dem B&#252;ndnis   zum &#8222;Ausstieg&#8220; angeh&#246;ren &#8211; haben potenziell nat&#252;rlich noch eine   qualitativ andere &#8222;Hebelwirkung&#8220;. Darum sollten sie Gelder f&#252;r Material   locker machen, vor allem aber Infoveranstaltungen durchf&#252;hren,   Verteilaktionen vor Betrieben starten, aber auch probieren, S21 und die   Volksabstimmung zum Thema von Betriebsversammlungen zu machen. Hier gilt   es, die Verbindung zwischen den geplanten Milliarden f&#252;r Bau- und   Autokonzerne und dem gleichzeitigen Druck auf L&#246;hne und Sozialleistungen   herzustellen.<\/p>\n<p>  Dieter Rucht vom Berliner Wissenschaftszentrum f&#252;r Sozialforschung fand   mittels einer Umfrage im Oktober 2010 heraus: &#8222;Als Hauptmotive des   Widerstands wurden die hohen Kosten f&#252;r das Projekt, Demokratiedefizite   bei der Umsetzung der Baupl&#228;ne sowie die Profite f&#252;r Banken und   Baukonzerne genannt.&#8220; Diese Erkenntnis sollte bei der inhaltlichen   Ausrichtung von Flugbl&#228;ttern, Plakaten und Argumentationen in den   Volksabstimmungs-Wochen ber&#252;cksichtigt werden.<\/p>\n<p>  Auch wenn der Friedensforscher Wolfgang Sternstein einem Boykott der   Volksabstimmung das Wort redet, hat er mit einem Punkt recht: In der   Debatte &#252;ber die Positionierung erinnerte er daran, dass es einmal die   Forderung nach &#8222;Waffengleichheit&#8220; (was die Ausstattung mit Finanzen und   dem Zugang zu den Medien betrifft) im Wahlkampf gab. Dementsprechend   sollte die Bewegung die Meinungsmache von Stuttgarter Zeitung und   anderen Privaten attackieren und die Forderung erheben, gleichberechtigt   in den sogenannten &#246;ffentlich-rechtlichen Medien zu Wort zu kommen.   Au&#223;erdem sollten die Betr&#228;ge, die seitens der Industrie- und   Handelskammer (IHK) und anderen in die Kampagne der Bef&#252;rworter gehen,   thematisiert und hierzu ebenfalls Forderungen aufgestellt werden.<\/p>\n<h4>  Keine sechs Wochen mehr<\/h4>\n<p>  Beim Fu&#223;ball hei&#223;t es gern: &#8222;Das n&#228;chste Spiel ist immer das schwerste.&#8220;   F&#252;r die S21-Protestbewegung ist da im Hinblick auf die Volksabstimmung   einiges dran. Es besteht sogar die Gefahr, sich zu disqualifizieren und   danach aus dem Rennen zu sein. Darum ist jetzt, wie beim Sport, voller   Einsatz und die ganze Konzentration gefragt. &#8211; Der stellvertretende   Ministerpr&#228;sident Nils Schmid von der SPD sagte: &#8222;Wenn das Volk   gesprochen hat, dann herrscht Schweigen&#8220; (Stuttgarter Zeitung vom 17.   November). Das h&#228;tten Schmid, Grube, aber auch Ramsauer und Merkel nach   dem 27. November gern. Was es zu verhindern gilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Jetzt geht&#8217;s um jede Stimme gegen S21 und um weitere Gegenwehr oder &#8222;Das<br \/>\n      n&#228;chste Spiel ist immer das schwerste&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[58],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14492"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14492"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14492\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}