{"id":14483,"date":"2011-10-11T00:00:00","date_gmt":"2011-10-11T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14483"},"modified":"2011-10-11T00:00:00","modified_gmt":"2011-10-11T00:00:00","slug":"14483","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/10\/14483\/","title":{"rendered":"Occupy Wall Street"},"content":{"rendered":"<p>  Augenzeugenbericht aus den USA<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Vor vier Wochen bin ich in die USA gekommen, um eine Rundreise zu   machen, organisiert von der Schwesterorganisation der SAV in den USA   &#8220;Socialist Alternative&#8221;. In verschiedenen Universit&#228;ten und &#246;ffentlichen   Treffen berichte ich &#252;ber die Massenproteste in Europa, speziell in   Griechenland und Spanien. Doch nun sehen wir die beeindruckende &#8220;Occupy   Wall Street&#8221; Bewegung hier in den USA &#8211; im Herzen der &#8220;Bestie&#8221;.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Linda Fischer <\/i>    <\/h4>\n<h4>  &#8220;Banks got bailed out, we got sold out&#8221;<\/h4>\n<p>  Die Banken wurden gerettet und wir wurden verkauft, ist einer der   beliebtesten Slogans auf allen Demonstrationen und Platzbesetzungen. Es   ist gleichzeitig einer der entscheidenden Gr&#252;nde f&#252;r das Entstehen   dieser Bewegung vor drei Wochen in New York &#8220;Occupy Wall Street&#8221;. Seit   Beginn der Krise in 2008 sind hunderte Milliarden US Dollar in die   Banken geflossen, w&#228;hrend die Krise f&#252;r die normale Bev&#246;lkerung   Massenentlassungen, Hauspf&#228;ndungen, ansteigende Armut und K&#252;rzungen   bedeutet. Die New York Times berichtete vor wenigen Wochen, dass im   Jahre 2010 2,6 Mio. US-B&#252;rger in Armut abgerutscht sind. 46,2 Mio   Menschen in den USA leben heute unter der offiziellen Armutsgrenze. Das   ist die h&#246;chste Zahl seit den 52 Jahren, in denen sie ver&#246;ffentlicht   werden.<\/p>\n<p>  Ich habe mit vielen Leuten auf den Pl&#228;tzen diskutiert, die jetzt mit   Anfang, Mitte Dreissig ihren Job verloren haben und gezwungen sind,   wieder zu ihren Eltern zu ziehen (in den USA gibt es nur ein zeitlich   befristetes Arbeitslosengeld): &#8220;Ich bin jetzt Anfang 30 und lebe wieder   bei meinen Eltern. Mein Freund und ich, wir k&#246;nnen nicht mal dar&#252;ber   nachdenken ob wir vielleicht Kinder haben wollen oder ein Haus kaufen.   Das ist finanziell einfach nicht m&#246;glich.&#8221; Leute die studiert haben und   bis vor ein paar Jahren vielleicht noch an den &#8220;amerikanischen Traum&#8221;   geglaubt haben, sehen sich heute mit einer Realit&#228;t konfrontiert, in der   ihnen selbst gute, und insbesondere teure Bildung nichts mehr n&#252;tzt. Was   bleibt, ist ein Haufen Schulden. Selbst in sogenannten staatlichen   Universit&#228;ten zahlst du zwischen 8.000 und 15.000 Dollar j&#228;hrlich.<\/p>\n<p>  Speziell mit der Wahl von Obama 2008 haben viele die Hoffnung verbunden,   dass sich jetzt endlich etwas &#228;ndern wird, doch das Gegenteil ist der   Fall. Obama hat wie keine Regierung Milliarden Geschenke an die Banken   vergeben und weder die Kriege in Afghanistan und Irak beendet. In   Afghanistan wurden die Truppen hingegen sogar noch aufgestockt. Es wurde   das sogenannte &#8220;Super Committee&#8221; gebildet. Eine aus jeweils sechs   Demokraten und Republikanern bestehende Kommission, die die Aufgabe hat   auf nationaler Ebene 1.2 Billionen US Dollar Budgetk&#252;rzungen   vorzunehmen. Im Klartext: US-weite massive K&#252;rzungen im Bildungsbereich,   bei der medizinischen Versorgung, bei den sozialen Diensten und so   weiter. K&#252;rzungen, die die bereits durchgef&#252;hrten K&#252;rzungen auf der   Ebene der verschiedenen Staaten noch &#252;bertreffen. Die Wut in der   Bev&#246;lkerung ist riesig. Die Besetzungen der Pl&#228;tze wirken wie ein Ventil   f&#252;r diese Wut.<\/p>\n<h4>  Tunesien, Spanien, Griechenland &#8211; USA<\/h4>\n<p>  Das anarchistische Magazin &#8220;Adbusters&#8221; verbreitete als erstes die Idee,   dass Platzbesetzungen wie in Tunesien, &#196;gypten oder in Spanien und   Griechenland auch in den USA n&#246;tig seien und Wall Street besetzt werden   m&#252;sse. Mehrere Hundert Menschen folgten diesem Aufruf. Nicht nur   anarchistische Kr&#228;fte, sondern viele Menschen, die die Nase voll haben   von der Situation. Innerhalb der nun drei Wochen andauernden Bewegung,   verbreiteten sich die Platzbesetzungen rasend. In unz&#228;hligen St&#228;dten   finden Versammlungen auf Pl&#228;tzen statt: Von New York, nach Philadelphia,   Boston, Minniapolis, Seattle, Miami, Chicago usw. Selbst in   konservativen St&#228;dten die seit 30 Jahren keine Proteste gesehen haben,   werde Leute aktiv. In New York fanden bisher die gr&#246;&#223;ten Demonstrationen   statt, bis zu 15000 Menschen marschierten durch die Stra&#223;en.<\/p>\n<p>  Ich war in Seattle als die Bewegung anfing und letzten Samstag auch nach   Seattle &#252;berschwappte. Rund 200 Menschen versammelten sich bereits um 10   Uhr auf dem Platz. In kleineren Gruppen diskutierten wir, weshalb wir   gekommen sind. Einige sind bereits seit Jahren aktiv, f&#252;r viele andere   war es aber das erste Mal, dass sie zu einen Protest gingen. Die   Stimmung war sehr gut und enthusiastisch: &#8220;We are the 99%&#8221;, wir sind die   99% die keine Stimme haben, im Gegensatz zu den Ein Prozent die die Welt   regieren.<\/p>\n<h4>  Ausweitung des Protests auf Gewerkschaften und Universit&#228;ten<\/h4>\n<p>  Eine besonders wichtige Entwicklung ist, dass sich immer mehr   Gewerkschaften mit den Platzbesetzungen solidarisieren. Die F&#252;hrung des   Washington State Labor Council (Dachverband der Gewerkschaften im Staat   Washington) verk&#252;ndete: &#8220;Im Namen des Washington State Labor Council,   AFL-CIO, und unser 500 angeh&#246;rigen Gewerkschaften und &#252;ber 400.000   GewerkschafterInnen, wollen wir unsere Solidarit&#228;t mit Occupy Wall   Street ausdr&#252;cken, daf&#252;r dass sie aufstehen und es laut aussprechen, im   Namen der 99% die den unternehmerischen und politischen Entscheidungen   zum Opfer gefallen sind, Entscheidungen die die Interessen vom   &#8220;Unternehmen Amerika&#8221; und Wall Street vor die Interessen der Menschen   stellen.&#8221; Am 5.10. marschierten rund 15.000 GewerkschafterInnen durch   die Stra&#223;en New Yorks, um ihre Unterst&#252;tzung f&#252;r Occupy Wall Street zu   demonstrieren: &#8220;Die Arbeiterbewegung muss sich von der Energie anstecken   lassen und von den Protesten lernen&#8221; meint der Pr&#228;sident der   Einzelhandels-, Gro&#223;handels- und Warenhausgewerkschaft. Und der   Pr&#228;sident des Dachverbands der US-Amerikanischen Gewerkschaften meint   dass Banken und Unternehmen zahlen sollen um neue Jobs zu schaffen.<\/p>\n<p>  Erste Uni-Streiks fanden statt. F&#252;r Mittwoch den 12.10. sind weitere   Streiks an Universit&#228;ten in verschiedenen St&#228;dten geplant. Welche   Ausma&#223;e diese Streiks annehmen werden ist noch Ungewiss. Klar ist   jedoch, dass dies Schritte in die richtige Richtung sind und ein   Beispiel setzen, wie sich die Bewegung ausweiten kann. Die dringendste   Frage die sich f&#252;r die Bewegung derzeit stellt ist, wie sie mehr   Menschen involvieren kann und wie der Kampf erfolgreich sein kann. Die   Sympathie ist riesig, aber bisher ist nur ein kleiner Anteil davon   wirklich aktiv. Socialist Alternative, die CWI-Sektion in den USA, ist   von Beginn an in vielen St&#228;dten in den Platzbesetzungen involviert   gewesen. Wir argumentieren f&#252;r die Ausweitung der Platzbesetzungen und   insbesondere der Assemblies in die Schulen, Nachbarschaften und Betriebe   um mehr Menschen zu mobilisieren. Die Unterst&#252;tzung der Gewerkschaften   ist gut, aber kann und sollte intensiviert werden. Mit den Millionen von   Mitgliedern haben die Gewerkschaften die M&#246;glichkeit Massen zu   mobilisieren. Streikaktionen w&#252;rden den Druck enorm erh&#246;hen, da sie den   Kapitalisten in finanzieller Hinsicht schaden und zeigen, wer eigentlich   den Reichtum produziert.<\/p>\n<h4>  Was wollen die Aktivisten?<\/h4>\n<p>  In der internationalen Presse wird diskutiert was denn eigentlich die   Forderungen der Bewegung seien. Besonders zu Beginn wurden die Proteste   bel&#228;chelt und die Protestler als Hippies dargestellt, die einfach nichts   Besseres zu tun haben. &#8220;Liebe statt Gier&#8221; titelte beispielsweise der   SPIEGEL. Das sind nat&#252;rlich Versuche die Bewegung klein zu halten. In   der Realit&#228;t gibt es unterschiedliche Tendenzen auf den Pl&#228;tzen. Viele   Leute sind erstmal einfach extrem w&#252;tend, andere sehen den Sinn der   Bewegung bereits darin Pl&#228;tze zu besetzen. Die Mehrheit der Leute auf   den Pl&#228;tzen sucht jedoch nach Antworten und Alternativen.<\/p>\n<p>  In Seattle haben ich und weitere Socialist Alternative Mitglieder an der   &#8220;Forderungen aufstellen&#8221;-Gruppe teilgenommen. Eine &#252;berw&#228;ltigende   Mehrheit stimmte uns zu, als wir Forderungen vorschlugen, wie: massive   Besteuerung der Reichen und Unternehmen, f&#252;r Jobs nicht K&#252;rzungen:   Massives Investitionsprogramm zur Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen, f&#252;r ein   Ende der Kriege. Zuvor hatten anarchistische Kr&#228;fte sich daf&#252;r   ausgesprochen keine Forderungen aufzustellen, da verschiedene Menschen   verschiedene Meinungen haben und Forderungen uns begrenzen w&#252;rden. Die   Mehrheit der TeilnehmerInnen waren jedoch &#252;berzeugt, dass es wichtig ist   Forderungen aufzustellen um mehr Leute zu erreichen. Trotz der   Unterschiede, gibt es Kernforderungen, die alle unterst&#252;tzen. Auch in   anderen St&#228;dten wurde nun begonnen Forderungen zu bilden und Socialist   Alternative spielt daf&#252;r eine entscheidende Rolle. Es gilt die   Besetzungen zu vernetzen und gemeinsam starke Forderungen zu entwickeln.   Insbesondere anarchistische Kr&#228;fte argumentieren gegen jegliche Form von   F&#252;hrung und f&#252;r Konsensentscheidungen statt Abstimmungen. Es besteht die   Gefahr, dass dies zu chaotischen untransparenten Entscheidungsprozessen   f&#252;hrt und dazu, dass Aktivisten, die sich aus welchen Gr&#252;nden auch immer   dazu auserkohren f&#252;hlen, die F&#252;hrung &#252;bernehmen. Bereits die Besetzung   eines Platzes sei eine Forderung, meint &#8220;the occupied wall street   journal&#8221; (eine Zeitung von Aktivisten der Platzbesetzungen). Doch dies   mobilisiert nicht die Menschen, denen es darum geht einen Job zu finden,   Leute die Schulden haben usw. Die Beschr&#228;nkung auf derartige Forderungen   k&#246;nnte die Bewegung im Keim ersticken. Sie repr&#228;sentieren derzeit jedoch   nur eine Schicht der Aktivisten.<\/p>\n<p>  Eine weitere Schicht von Leuten auf den Pl&#228;tzen realisiert jedoch, dass   dieses System als ganzes ihnen nichts mehr zu bieten hat. Der   Kapitalismus ist unf&#228;hig f&#252;r Wohlstand f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung   zu sorgen, da nur f&#252;r Profite einiger weniger produziert wird. Bei einer   &#246;ffentlichen Veranstaltung von Socialist Alternative auf dem Platz in   Philadelphia berichtete ich &#252;ber die Massenproteste in Europa, speziell   Griechenland. Innerhalb weniger Minuten lauschten bis zu 50,   insbesondere junge Menschen der Veranstaltung. Wir diskutierten ob in   den USA ein Generalstreik m&#246;glich ist und was daf&#252;r n&#246;tig w&#228;re. Viele   waren der Meinung, dass Platzbesetzungen allein nicht ausreichen.   Streiks bis hin zu Generalstreiks die &#214;konomie jedoch l&#228;hmen k&#246;nnten,   und die Frage nach einer neuen Gesellschaft auf die Tagesordnung setzen,   in der die 99% bestimmen was und wie produziert wird auf der Grundlage<\/p>\n<p>  Bis jetzt ist unklar wie sich die Bewegung genau entwickeln wird, die   Leute auf den Pl&#228;tzen sind jedoch enthusiastisch und die   Platzbesetzungen verbreiten sich weiter. Eindeutig ist: die Stimmung   unter Jugendlichen und ArbeiterInnen in den USA wandelt sich dramatisch.   Als eine der weltweit potentiell st&#228;rksten Arbeiterklasse werden die   Entwicklungen in den USA enormen Einfluss auf die K&#228;mpfe weltweit haben   und reihen sich ein in eine neue aufregende Zeit von Klassenk&#228;mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Augenzeugenbericht aus den USA\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[102,53],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14483"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14483"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14483\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14483"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14483"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14483"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}