{"id":14479,"date":"2011-10-11T00:00:00","date_gmt":"2011-10-10T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14479"},"modified":"2012-06-24T16:35:46","modified_gmt":"2012-06-24T14:35:46","slug":"14479","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/10\/14479\/","title":{"rendered":"Portugal 15 Oktober: Die Demokratie geht auf die Stra&#223;e"},"content":{"rendered":"<p>  <i>von den Acampadas zur 15O Bewegung<\/i><\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <i>von Anne Engelhardt, derzeit in Lissabon<\/i><\/h4>\n<p>  Genau wie in Spanien, Griechenland und Israel gab es auch in Portugal in   einigen St&#228;dten &#8222;acampadas&#8220; &#8211; Protestcamps in den Innenst&#228;dten. Zwar   erreichten sie nicht die Gr&#246;&#223;e und breite Unterst&#252;tzung aus der   Gesellschaft, wie das in anderen L&#228;ndern zu sehen war. Trotzdem war die   Wirkung, die die Bewegung auf eine neue Schicht von AktivistInnen   aus&#252;bte, enorm. In Lissabon wuchs das Protestcamp im Sommer innerhalb   weniger Tage von 12 auf immerhin 500 TeilnehmerInnen an.<\/p>\n<p>  Viele der AktivistInnen waren am 12. M&#228;rz bei der &#8222;Gera&#231;&#227;o a Rasca&#8220;   (&#8222;Generation am Abgrund&#8220; oder &#8222;in der Klemme&#8220;) Demo von 200.000 Menschen   in Lissabon gewesen, die von vier Leuten &#252;ber Facebook organisiert   worden war. Sie waren seit der Demo inspiriert, wollten &#8222;das System   ver&#228;ndern&#8220;. Nachdem jedoch die Regierung Ende M&#228;rz zur&#252;ckgetreten war,   lie&#223;en die Proteste schlagartig nach.<\/p>\n<p>  Erst im Mai\/Juni, kam es angestiftet von SpanierInnen, die in Portugal   Urlaub machten oder studierten, erneut zu Protesten und Demos vor der   spanischen Botschaft in Solidarit&#228;t mit den Br&#252;dern und Schwestern der   Indignados Bewegungen. Schnell wurde auch in Portugal beschlossen Pl&#228;tze   zu besetzen. Die Infrastruktur der Besetzung in Lissabon beinhaltete   eine K&#252;che und eine Bibliothek f&#252;r alle. Es wurde viel diskutiert und   unterschiedliche &#220;berlegungen angestellt, wie sich die Bewegung   ausweiten lie&#223;e.<\/p>\n<p><img style=\"float: right\" src=\"\/media\/img\/20111011_Portugal2.jpg\"> <\/p>\n<p>  Eine Aktivistin berichtete, dass sie in den 12 Tagen in denen sie auf   dem Rossio (Platz im Zentrum Lissabons) &#252;bernachtete, so viel geredet   habe, wie sonst in ihrem ganzen Leben nicht. Viele hatten zuf&#228;llig von   der Besetzung erfahren. Beim Vorbeigehen waren sie auf das kleine Camp   gesto&#223;en, sofort wurden Schlafsack und Isomatte besorgt, es wurde   dageblieben und mitdiskutiert.<\/p>\n<p>  Was all die unabh&#228;ngigen AktivistInnen eint, ist der seit den Acampadas   ungebrochene Wille zu handeln, das System abzuschaffen, eine Revolution   herbeizuf&#252;hren. Ein Acampadas Aktivist schrieb dazu in einer Mail auf   der Liste der 15O OrganisatorInnen: &#8222;Ich tr&#228;umte vom Anfang des Endes   dieses Frankensteins, welcher sich Kapitalismus nennt.&#8220;<\/p>\n<p>  Was sie ebenfalls eint, ist die scharfe, erbarmungslos kritische   Auseinandersetzung mit allen Ideen der ArbeiterInnenbewegung: von der   Frage &#8222;links&#8220; zu sein &#252;ber die Infragestellung von Parteien und   Strukturen bis zum Sozialismus. Obwohl sie im Kern ihrer Vorstellungen   genau diesen Sozialismus herbeisehnen: Eine demokratische Gesellschaft,   von unten nach oben organisiert, in welcher die Menschen und nicht die   Profite im Mittelpunkt stehen und weder Habgier, noch Selbstsucht, noch   Intoleranz akzeptiert werden. Zudem eint sie, dass sie sich von einigen   Organisierten geprellt f&#252;hlen, w&#252;tend sind auf einige Organisationen und   Parteien wie Linksblock die auf den Camps versuchten demokratische   Entscheidungen zu untergraben und antikapitalistische Positionen zu   verw&#228;ssern.<\/p>\n<p>  Als sich das Camp im August aufl&#246;ste, bedeutete das f&#252;r viele nicht den   Abschied f&#252;r immer, sondern sie warten ab bis der Zeitpunkt kommt den   &#246;ffentlichen Raum f&#252;r Protest, Demokratie und Systemkritik erneut zu   erobern. Die Demonstrationen am 15. Oktober (15O) in mehreren St&#228;dten   Portugals und die geplanten Aktionen danach, bieten diese M&#246;glichkeit.   Die &#8222;acampadas&#8220; sind wieder aktiv geworden. N&#228;chtliche Plakatieraktionen   werden begleitet von intensiven Diskussionen &#252;ber die russische   Revolution, den Spanischen B&#252;rgerkrieg, die Rolle Durrutis, die Rolle   der Frau in der Gesellschaft, konkrete Formen direkter Demokratie,   Frankreich 68, Parteien ja oder nein und so weiter. Bis morgens um 6   wird jede Nacht in und um Lissabon mobilisiert und diskutiert, immer   wieder durchzogen von neuen Nachrichten zu Wall Street, Israel,   Griechenland &#8230;<\/p>\n<p>  Die Versammlung der 15O Bewegung in Lissabon sind ebenfalls gut besucht.   Bei der letzten ganzt&#228;gigen Debatte zu Forderungen und zur Demonstration   selbst, waren &#252;ber 50 Leute anwesend.<\/p>\n<p>  Doch die Diskussionen sind durchzogen von Streitigkeiten zwischen   einigen der langj&#228;hrigen AktivistInnen und &#8222;Neuen&#8220;. Die ersteren k&#246;nnen   und wollen die Ablehnung von Gewerkschaften und Parteien nicht   nachvollziehen, sind aber auch nicht bereit die unterschiedlichen   Positionen geduldig zu diskutieren und reagieren oft mit Arroganz und   &#220;berheblichkeit. Gleichzeitig sind es auch die Leute von Linksblock und   anderen eher unklar antikapitalistischen Kr&#228;ften, die immer wieder   versuchen in den Medien das Gesicht der Bewegung zu pr&#228;gen, Absprachen   aus den Treffen zu torpedieren und den Rhythmus der Bewegung   auszubremsen, um diese leichter kontrollieren zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p><img style=\"float: right\" src=\"\/media\/img\/20111011_Portugal3.jpg\"> <\/p>\n<h4>  Nichts zu verlieren au&#223;er die Perspektivlosigkeit<\/h4>\n<p>  Viele von den neuen AktivistInnen sind prek&#228;r besch&#228;ftigt oder   arbeitslos. Eine beeindruckende Aktivistin erz&#228;hlt mir, dass sie in   ihrem letzten Job immerhin 700 Euro verdient hatte. 2,50 Euro die   Stunde. Ich kann das nicht fassen und frage entsetzt die anderen wie   viel sie verdienen &#8211; reihum nur best&#228;tigendes Nicken: 2,60 Euro im   Zooladen, 3,50 Euro im Caf&#233;, 1,20 Euro im Call Center. Oder gar keinen   Job finden und das dringende Bed&#252;rfnis auszuwandern und wenigstens   irgendwo anders all das Wissen, dass man sich in der Uni angeeignet hat,   die einige von ihnen mit hohen Auszeichnungen verlassen haben, anwenden   zu k&#246;nnen und die hohen Schulden, die sie durch die Studiengeb&#252;hren   aufget&#252;rmt haben, abzahlen zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Fast alle sind sie gezwungen, noch bei ihren Eltern zu leben und sich   von ihnen aushalten zu lassen. Viele sind depressiv, zu oft h&#246;re ich den   Satz &#8222;manchmal wache ich auf und denke: Oh Gott ich bin immer noch da&#8220;.   Zu diesen Arbeits- und Lebensbedingungen kommen die massiven Angriffe   der Regierung, die sie im Namen der Troika (IWF &#8211; Internationalem   W&#228;hrungsfond, WTO &#8211; Welthandelsorganisation und EZB &#8211; Europ&#228;ische   Zentralbank) durchzieht, doch vor allem nutzt, um selbst die   Ausbeutungsbedingungen f&#252;r die portugiesische herrschende Klasse zu   verbessern. Schulen werden geschlossen, die Preise f&#252;r &#246;ffentlichen   Personennahverkehr sind im September um 15 % gestiegen und sollen im   neuen Jahr erneut massiv steigen. Der K&#252;ndigungsschutz und das Recht auf   Abfindungen ist beschnitten worden, Renten um 5% gek&#252;rzt, die   Mehrwertsteuer auf Wasser, Gas und Strom im Oktober von 6% auf 23%   gestiegen, die Liste ist noch weitaus l&#228;nger.<\/p>\n<h4>  Die Blockade der Gewerkschaftsb&#252;rokratie aufbrechen<\/h4>\n<p>  Der Gewerkschaftsdachverband CGTP reagiert ohnm&#228;chtig. Bis auf eine   nationale Demo am 1. Oktober, die mehr einem Trauermarsch als einer   k&#228;mpferischen Protestdemo glich und ein paar symbolischen Miniprotesten   haben die Gewerkschaften bisher keinen Widerstand organisiert.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Woche vom 20-27. Oktober ist immerhin eine Streik- und   Protestwoche angek&#252;ndigt. Viele der 15O AktivistInnen in Lissabon wollen   die Zeit nutzen, die Br&#252;cke zu GewerkschaftsaktivistInnen zu schlagen   und sie &#8211; sollte es am 15 Oktober wieder l&#228;ngere Besetzungen geben &#8211; zu   den Camps einzuladen und sie bei den &#246;ffentlichen Versammlungen auf   denen jeder und jede das Recht hat seine \/ ihre Meinung zu sagen und   Vorschl&#228;ge zu unterbreiten, reden zu lassen und den Protest gemeinsam   auszuweiten. Die &#220;berlegung ist auch an die CGTP zu appellieren zu einem   weiteren Generalstreik aufzurufen.<\/p>\n<p>  Doch im Moment setzt die CGTP F&#252;hrung alles daran, die 15O Bewegung   entweder zu ignorieren oder sie schlecht zu reden. Auch sie wissen: die   15O Bewegung kann genau der Initialz&#252;nder sein, der die b&#252;rokratischen   und verstaubten F&#252;hrungsschichten der Gewerkschaften, die derzeit ein   enormes Hindernis zur Entwicklung von Massenprotesten darstellen,   wegzuschieben und f&#252;r unabh&#228;ngige und demokratische Strukturen auch   unter den Besch&#228;ftigten und GewerkschaftsaktivistInnen zu k&#228;mpfen.<\/p>\n<h4>  Ein klares antikapitalistisches Programm ist notwendig<\/h4>\n<p>  Die SAV-Schwesterorganisation Socialismo Revolution&#225;rio spielt derzeit   eine entscheidende Rolle diese Br&#252;cke zwischen 15O und den   Gewerkschaften zu schlagen und auch darum zu k&#228;mpfen, dass das Vertrauen   der AktivistInnen in demokratische, politische Strukturen wieder   hergestellt wird, indem wir mit ihnen gemeinsam in der Bewegung darum   k&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  Trotz unserer geringen Kr&#228;fte gelingt es uns, die Erfahrungen unserer   Internationale und den Traditionen der revolution&#228;ren Arbeiterbewegung   f&#252;r die Bewegung in Portugal nutzbar zu machen.<\/p>\n<p>  Denn auch im Moment ist die Gefahr erneut gro&#223;, dass der Protest von   einigen Kr&#228;ften nur als Profilierungssprungbrett genutzt wird. Gerade   nachdem Linksblock (Bloco Esquerda) in den letzten Wahlen die H&#228;lfte der   Stimmen verloren hat, setzt die F&#252;hrung massiv daran, den Protest als   ihren eignen auszugeben und als Trib&#252;ne zur eigenen Profilierung zu   missbrauchen. Ihre Ideen sind jedoch enorm begrenzt. So fordern die   Kr&#228;fte mit verw&#228;sstertem antikapitalistischen Profil in Lissabon &#8222;Weg   mit der Troika&#8220; und ignorieren dabei, dass auch in Portugal die   landeseigene kapitalistische Klasse ein Interesse daran hat, die   Lohnabh&#228;ngigen auszupressen. Wir fordern gemeinsam mit unabh&#228;ngigen   AktivistInnen: &#8222;Schluss mit der Diktatur der M&#228;rkte&#8220; und &#8222;Wir sind keine   Spielzeuge in der Hand der M&#228;rkte&#8220;.<\/p>\n<p>  Sie fordern eine &#8222;Neuverhandlung der Schulden&#8220;, wir fordern: &#8222;Wir zahlen   die Schulden nicht! &#8211; Verstaatlichung der Banken!&#8220; In dem Manifest zur   Demo in Porto, der zweitgr&#246;&#223;ten Stadt Portugals, wo die politisch nicht   eindeutig antikapitalistischen Kr&#228;fte nicht so stark sind, ist genau   diese weitgehende Forderung auch Teil des Aufrufs geworden. In Lissabon   weigern sich die verwaschenen SystemkritikerInnen, das Manifest f&#252;r   weitergehende Vorschl&#228;ge bis zum 15. Oktober zu &#246;ffnen, man k&#246;nne ja   &#8222;danach weiter diskutieren&#8220;.<\/p>\n<p>  Wenn es nach ihnen ginge, w&#252;rde nach dem 15. Oktober erst am 3. Dezember   die n&#228;chste Demo stattfinden. Wir fordern, dass sofort nach der Demo die   Besetzungen beginnen und die Woche danach genutzt wird um f&#252;r eine   weitere gro&#223;e Besetzung am Wochenende zu mobilisieren. F&#252;r den Tag, an   dem die Gewerkschaftsaktionen beginnen, rufen wir zu einem Flasmob vor   der portugiesischen B&#246;rse auf. Die kommenden Wochen m&#252;ssen genutzt   werden, um die Br&#252;cke zu den Gewerkschaften zu schlagen und mit den   Besch&#228;ftigten gemeinsam eine neue Demonstration auf die Beine zu   stellen. All unsere Vorschl&#228;ge wurden bei den Vorbereitungstreffen   mehrheitlich angenommen und werden am 15. Oktober auf der &#246;ffentlichen   Versammlung nach der Demonstration vorgestellt und von allen Anwesenden,   demokratisch diskutiert und abgestimmt werden. Dar&#252;ber hinaus wurde auch   der Vorschlag angenommen, f&#252;r einen Generalstreik zu appellieren. Und   nat&#252;rlich sind wir gespannt auf die Vorschl&#228;ge, die neue AktivistInnen   auf der Versammlung unterbreiten werden.<\/p>\n<p>  Die neu entstehende Bewegung hat gro&#223;es Potential, die Kr&#228;fte, die   versuchen die Bewegung zu kontrollieren und zu blockieren, wegzusp&#252;len.   Wir werden gemeinsam mit anderen darum k&#228;mpfen, dass alle &#8222;alten&#8220; und   &#8222;neuen&#8220; AntikapitalistInnen, Revolution&#228;rInnen und SozialistInnen der   Raum haben, gemeinsam gegen den Kapitalismus und f&#252;r eine demokratische   Gesellschaft frei von Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung zu k&#228;mpfen. Viva 15 O!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      <i>von den Acampadas zur 15O Bewegung<\/i>\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[23,44],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14479"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14479"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14479\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}