{"id":14467,"date":"2011-10-18T00:00:00","date_gmt":"2011-10-18T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14467"},"modified":"2011-10-18T00:00:00","modified_gmt":"2011-10-18T00:00:00","slug":"14467","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/10\/14467\/","title":{"rendered":"&#8222;Rezept f&#252;r Widerstand ist Verankerung in der breiten Bev&#246;lkerung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Gespr&#228;ch mit Paul Murphy, Europaabgeordneter der Socialist Party (CWI   Irland). Das Gespr&#228;ch f&#252;hrte Ursel Beck<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Du warst einer der Teilnehmer beim internationalen &#8222;Forum gegen unn&#252;tze   Gro&#223;projekte&#8220; im August. Welche Erkenntnisse hast du daraus gewonnen?<\/h4>\n<p>  Was mir als erstes und wichtigstes aufgefallen ist, ist, dass &#8211; so   unterschiedlich einige Aspekte der besprochenen Gro&#223;projekte auch sein   m&#246;gen &#8211; all diese Gro&#223;projekte letztendlich sehr viel gemeinsam haben.   Sie zerst&#246;ren die Umwelt, sind gef&#228;hrlich, teuer und unn&#246;tig und   obendrein sto&#223;en sie allesamt auf den massiven Widerstand der ans&#228;ssigen   Bev&#246;lkerung. Das gilt f&#252;r den Kampf gegen Stuttgart 21, gegen den   Hochgeschwindigkeitszug TAV, der unter anderem durch das Susa-Tal in   Italien gebaut werden soll, und auch f&#252;r ein Gro&#223;projekt in Barcelona,   das von dem dortigen Aktionsb&#252;ndnis vorgestellt wurde. In Barcelona geht   es um ein gigantisches Tunnelprojekt, durch das die bekannte   Gaud&#237;-Kathedrale besch&#228;digt werden k&#246;nnte. 78 Prozent der Bev&#246;lkerung   sind gegen das Projekt, 100.000 Unterschriften wurden gesammelt &#8211; und   dennoch ist das Projekt noch nicht vom Tisch.<\/p>\n<p>  Deshalb teile ich auch die Schlussfolgerungen von gro&#223;en Teilen der   Vertreter der verschiedenen Aktionsb&#252;ndnisse, die allesamt die Erfahrung   machen, dass die Interessen einiger Gro&#223;konzerne vorrangig behandelt   werden. Diese Erfahrung habe ich auch bei der Kampagne &#8222;Shell to Sea&#8220; im   County Mayo in Irland gemacht, bei der sich die lokale Bev&#246;lkerung gegen   den Bau einer gef&#228;hrlichen Pipeline wehrt.<\/p>\n<p>  Auffallend ist der massive Einsatz der Staatsgewalt, um die Projekte   gegen den Willen der Bev&#246;lkerung durchzusetzen. Da wird noch einmal   deutlich, auf welcher Seite Polizei und Milit&#228;r stehen, wenn es drauf   ankommt. Beeindruckenderweise hat diese brutale Gewalt aber dazu   gef&#252;hrt, dass der Widerstand nur noch entschlossener wird.<\/p>\n<h4>  Das Forum hat im italienischen Val di Susa stattgefunden. Hier soll eine   Hochgeschwindigkeitsstrecke gebaut werden. Warum gibt es dagegen   Widerstand?<\/h4>\n<p>  Vor allen Dingen deshalb, weil das Projekt v&#246;llig unn&#246;tig ist. Die   Kampagne &#8222;NO TAV&#8220;, die sich gegen den Bau der   Hochgeschwindigkeitsstrecke richtet, ist ja nicht gegen den Ausbau des   &#246;ffentlichen Fernverkehrs. Sie wendet sich gegen ein Projekt, das den   Charakter des Tals und der Alpenlandschaft total ver&#228;ndern w&#252;rde.   Wissenschaftler und &#196;rzte haben sich gegen den Bau dieser Strecke   ausgesprochen, weil sie damit rechnen, dass es unausweichlich zu   Gesundheitsproblemen kommen wird. Durch den Bau des geplanten Tunnels   w&#252;rden sehr wahrscheinlich Asbest und Uran freigesetzt werden. &#8222;NO TAV&#8220;   rechnet damit, dass die Kosten f&#252;r das Projekt etwa 20 Milliarden Euro   betragen werden. Angesichts der k&#252;rzlich angek&#252;ndigten K&#252;rzungsprogramme   der italienischen Regierung ist das Projekt erst recht nicht mehr zu   rechtfertigen und unterstreicht noch einmal, dass hier vor allen Dingen   Unternehmen profitieren; die Mafia hat auch ihre H&#228;nde im Spiel.<\/p>\n<h4>  Welchen Eindruck hast du vom Widerstand in Val di Susa bekommen?<\/h4>\n<p>  Ich bin mehr als beeindruckt vom Charakter des Widerstands. Hier hat   sich eine ganze Gemeinschaft, jung bis alt, Frauen und M&#228;nner,   zusammengeschlossen, um seit Jahren ihre gemeinsamen Interessen zu   verteidigen. Wenn man durch das Tal f&#228;hrt, ist der Widerstand gegen den   TAV nicht zu &#252;bersehen. In den D&#246;rfern und St&#228;dten des Tals h&#228;ngen   &#252;berall Transparente gegen den Hochgeschwindigkeitszug. Die   Entschlossenheit in diesem Kampf hat &#252;ber die Jahre nicht nachgelassen.   Im Gegenteil. Der Widerstand ist unglaublich gut organisiert. Von   sozialen Aktivit&#228;ten, &#252;ber Demonstrationen, die Organisierung von   Veranstaltungen bis zur sehr effektiven und sehr konkreten Organisation   des Widerstands gegen die Bauarbeiten selbst.<\/p>\n<p>  Als Ende Juni 2.000 Polizisten einer speziellen Polizeieinheit einen   Teil des Tals angriffen, wurde es de facto militarisiert. Und   tats&#228;chlich erinnert es an einen Kriegsschauplatz, Barrikaden und Gr&#228;ben   wurden errichtet. CS-Gas wurde gegen die Bev&#246;lkerung eingesetzt. 17.000   Quadratmeter Land wurden eingez&#228;unt und sind nur f&#252;r diejenigen   zug&#228;nglich, die innerhalb dieses Gebiets wohnen. Gespenstisch. Das war   ein gezielter Angriff auf den Kern des Widerstands. Der Willen, das   Projekt zu stoppen, und die Solidarit&#228;t innerhalb der lokalen   Bev&#246;lkerung hat jedoch keinen Schaden genommen. Die Polizeikr&#228;fte werden   von den Gastwirten der militarisierten Zone jedenfalls nicht bedient.<\/p>\n<h4>  Wie kann der Widerstand in den verschiedenen L&#228;ndern erfolgreich sein?<\/h4>\n<p>  Ein Rezept f&#252;r den beeindruckenden Widerstand im Susa-Tal ist die enorme   Verankerung und Unterst&#252;tzung, die diese Kampgane unter breiten Teilen   der Bev&#246;lkerung hat. Hier handelt es sich wirklich um eine   Massenkampagne. Au&#223;erdem gibt es Kontakte zu anderen NO-TAV-Komitees,   die sich in anderen Orten der TAV-Strecke gegr&#252;ndet haben. Die Strecke   soll vom franz&#246;sischen Lyon bis nach Turin f&#252;hren.<\/p>\n<p>  Diese lokale Vernetzung ist essenziell. Dar&#252;ber hinaus ist eine   internationale Vernetzung sehr sinnvoll; die verschiedenen Kampagnen   k&#246;nnen viel von den jeweils gemachten Erfahrungen lernen.&#160;Die   Hauptaufgabe ist jedoch der Aufbau einer echten Basis vor Ort. Und auch   hier kann das Beispiel Val di Susa sehr inspirierend sein. Die   NO-TAV-Kampagne hat eine Basis, die die lokale Bev&#246;lkerung &#252;bertrifft,   weil sie auch bewusst auf die breitere Bewegung, insbesondere auf die   Gewerkschaftsbewegung, orientiert.<\/p>\n<h4>  Was sollten linke Parteien und linke Abgeordnete tun, um den Widerstand   zu unterst&#252;tzen?<\/h4>\n<p>  Meiner Meinung nach m&#252;ssen sie die Stimme dieser Bewegungen im Parlament   sein. Erst recht in Zeiten, wo es Angriffe auf den Lebensstandard der   Bev&#246;lkerung nur so hagelt. Linke Abgeordnete sollten nat&#252;rlich auch ganz   konkret versuchen, beim Auf- und Ausbau und bei der Vernetzung dieser   Bewegungen zu helfen. Viele der Gro&#223;projekte erhalten &#8211; finanziell und   ideologisch &#8211; Unterst&#252;tzung von der EU. Hier kann ich im Europ&#228;ischen   Parlament Dinge aufgreifen. Nach meinem Selbstverst&#228;ndnis sollten linke   Abgeordnete aber auch einen konkreten Beitrag leisten, um die   verschiedenen Kampagnen auf europ&#228;ischer Ebene zusammenzubringen. Die   Fraktion der Linken im Europaparlament hat zum Beispiel in Stra&#223;burg ein   Hearing organisiert, um AktivistInnen aus Val di Susa und Stuttgart   zusammenzubringen, um voneinander zu lernen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Gespr&#228;ch mit Paul Murphy, Europaabgeordneter der Socialist Party (CWI<br \/>\n      Irland). 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