{"id":14457,"date":"2011-10-06T00:00:00","date_gmt":"2011-10-05T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14457"},"modified":"2012-07-18T15:07:37","modified_gmt":"2012-07-18T13:07:37","slug":"14457","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/10\/14457\/","title":{"rendered":"Eine Regierung am Ende"},"content":{"rendered":"<p>  Halbzeit f&#252;r Schwarz-Gelb &#8211; aber Weiterspielen ungewiss<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Viel hatten die deutschen Herrschenden auf Schwarz-Gelb gesetzt. So   investierten die Bosse einiges an Geld und verzichteten in der   Wirtschaftskrise weitgehend auf Entlassungen, um Arbeitsk&#228;mpfe und   soziale Proteste vor der Bundestagswahl 2009 zu vermeiden. Das machte   das Wahlergebnis vor zwei Jahren erst m&#246;glich. Heute ist von dem   damaligen Jubel der Unternehmer &#252;ber die Bildung von Schwarz-Gelb nicht   mehr viel &#252;brig.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Holger Dr&#246;ge, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Trotz des &#8222;Stillhalteabkommens&#8220; brachte die Wahl 2009 alles andere als   einen klaren Sieg. Die Wahlbeteiligung lag bei nur 70,8 Prozent und   erreichte damit einen neuen historischen Tiefpunkt bei Bundestagswahlen.   Der Unmut &#252;ber die da oben und ihre politischen Repr&#228;sentanten sitzt bei   breiten Schichten der Bev&#246;lkerung tief. Das trug bei der letzten   Bundestagswahl auch dazu bei, dass die Gruppe der Nichtw&#228;hlerInnen   gr&#246;&#223;er war als jede W&#228;hlergruppe einer Partei. Schwarz-Gelb bekam bei   der wahlberechtigten Bev&#246;lkerung keine Mehrheit. CDU und CSU verloren   sogar zwei Millionen Stimmen und gingen geschw&#228;cht in die neue Regierung.<\/p>\n<p>  Ganz anders damals noch die FDP: In den Koalitionsverhandlungen grinste   Guido Westerwelle breit und arrogant in die Kameras und k&#252;ndigte &#8222;harte   Koalitionsverhandlungen&#8220; an. Endlich wollte man eine klare Politik im   Interessen der Banken und Konzerne durchsetzen. Gehetzt wurde gegen die   &#8222;sp&#228;t-r&#246;mische Dekadenz&#8220; von Arbeitslosen.<\/p>\n<p>  Gro&#223;e Pl&#228;ne wurden gemacht: Zerst&#246;rung der gesetzlichen   Krankenversicherung und Einf&#252;hrung von Kopfpauschalen, kapitalgedeckte   Pflegeversicherung, Pauschalisierung von Unterkunfts-, Energie- und   Nebenkosten beim ALG II, AKW-Laufzeitverl&#228;ngerungen, Ausweitung der   Vorratsdatenspeicherung, Ausdehnung der polizeilichen Befugnisse und   deutlich mehr Elitebildung. Au&#223;erdem sollte der deutsche Imperialismus   seinen Radius international erh&#246;hen.<\/p>\n<h4>  Mehr als ein Fehlstart<\/h4>\n<p>  Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Au&#223;enminister Guido Westerwelle (FDP)   zeigten sich nach der Bundestagswahl im Herbst 2009 angesichts der   Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat zuversichtlich, &#8222;durchregieren&#8220; zu   k&#246;nnen. Doch es lief von Anfang an nicht rund.<\/p>\n<p>  Die ersten Monate der Wunschkoalition des Kapitals verliefen alles   andere als harmonisch. Vor allem die Steuerpolitik sorgt bis heute f&#252;r   Dauerzoff. Gegen das erste gro&#223;e Entlastungsversprechen von   Schwarz-Gelb, das &#8222;Wachstumsbeschleunigungsgesetz&#8220;, emp&#246;rten sich die   CDU-L&#228;nderf&#252;rsten damals zeitweilig massiv.<\/p>\n<p>  Franz Josef Jung (CDU) musste nach nur 33 Tagen als   Bundesarbeitsmininister zur&#252;cktreten, er hatte in der Kunduz-Aff&#228;re die   Wahrheit verschwiegen. Damit sicherte sich Schwarz-Gelb zumindest den   Rekord f&#252;r die k&#252;rzeste Amtszeit eines Ministers in der Bundesrepublik.   Die Plagiatsaff&#228;re um Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sorgte zumindest   f&#252;r Erheiterung. Im Fr&#252;hjahr 2010 warf auch noch Horst K&#246;hler (CDU) als   Bundespr&#228;sident das Handtuch. Bei der Neuwahl zeigten sich tiefe Risse   in der Koalition, als der gemeinsame Kandidat Christian Wulff (CDU) in   zwei Wahlg&#228;ngen die Mehrheit verfehlte.<\/p>\n<p>  Auch der dramatische Absturz der Liberalen ist ohne Beispiel. Die   Partei, eben noch mit fast 15 Prozent Siegerin der Bundestagswahl, wird   regelrecht pulverisiert. Aus f&#252;nf Landesparlamenten flog sie allein   dieses Jahr raus. Die Union musste 2011 ihre historische Hochburg   Baden-W&#252;rttemberg abgeben und halbierte ihr Ergebnis in Hamburg.<\/p>\n<h4>  Kapital entt&#228;uscht<\/h4>\n<p>  Erreicht wurde aus Sicht der Herrschenden wenig. Die   Laufzeitverl&#228;ngerung f&#252;r Atomkraftwerke und damit zus&#228;tzliche   Milliardenprofite sind vom Tisch, nachdem Hunderttausende protestierten.   Hotel-Unternehmer wie M&#246;venpick sind entt&#228;uscht. Da spendete man   Millionen an die FDP und bekam die Steuerentlastung. Doch bereits ein   Jahr sp&#228;ter denkt die FDP wieder &#252;ber die Erh&#246;hung der   Mehrwertsteuers&#228;tze nach. Aber auch in der Gesundheitspolitik wurde der   gro&#223;e Schritt hin zur Privatisierung der Krankenversicherung nicht   geschafft.<\/p>\n<p>  Die Rezession traf das b&#252;rgerliche Lager hart, ihre neoliberalen Ideen   erwiesen sich als Ursache der Krise. Damit sind diese Ideen   diskredititert. Seitdem haben die Kapitalisten ihren Kompass verloren.   Es fehlt ihnen heute ein Paradigma, eine Leitlinie.<\/p>\n<h4>  Regierung auf Messers Schneide<\/h4>\n<p>  Die Schw&#228;che der Bundesregierung f&#252;hrte von Anfang an dazu, dass sie   lavierte und versuchte, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Das war in   der Gesundheitspolitik der Fall, das galt aber auch im Fall der   imperialistischen Intervention in Libyen.<\/p>\n<p>  Die Bundesregierung ist extrem unpopul&#228;r, obwohl sich die Konjunktur in   Deutschland nach der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise   letztes Jahr schnell erholte. Die Umfragewerte f&#252;r die Regierung von   Merkel sind schlecht. Jeder dritte Deutsche ist laut   ARD-Deutschlandtrend der Meinung, dass die SPD nach der Bundestagswahl   2013 den Kanzler stellt. Nur noch 28 Prozent glauben, dass der n&#228;chste   Kanzler wieder der Union angeh&#246;ren wird.<\/p>\n<p>  82 Prozent beurteilen das Euro-Krisenmanagement der Bundesregierung mit   &#8222;eher schlecht&#8220;. Die FDP w&#252;rde bei Neuwahlen aus dem Bundestag fliegen.   Auch der Aufschwung nach dem Wirtschaftseinbruch hatte an der Talfahrt   nichts &#228;ndern k&#246;nnen. Zu stark wirken die Folgen der Agenda-Politik, die   Zunahme von Prekarisierung, Leiharbeit und sinkende Reall&#246;hne. Das   Gef&#252;hl, dass immer die Arbeitenden und Erwerbslosen zahlen m&#252;ssen, egal   ob Krise oder Aufschwung, ist weit verbreitet. Von dieser Entfremdung   sind aber alle Parteien betroffen. &#8222;Verlierer regieren&#8220; &#8211; das gilt nach   allen j&#252;ngsten Landtagswahlen, ob in Mecklenburg-Vorpommern,   Sachsen-Anhalt oder Berlin.<\/p>\n<h4>  Keine Besserung in Sicht &#8211; aber das Ende?<\/h4>\n<p>  Mit einem aktuell m&#246;glichen erneuten Einbruch der internationalen und   der deutschen Wirtschaft &#8211; kombiniert mit den drohenden Verwerfungen im   Euro-Raum &#8211; stehen die Herrschenden und ihre Regierung vor gewaltigen   Problemen. Kanzlerin Merkel ist entschlossen, den Euro zu retten. Damit   bringt sie die derzeitige mehrheitliche Meinung der herrschenden Klasse   hierzulande zum Ausdruck. Zu wichtig ist ihnen der Euro aus   wirtschaftlichen Gr&#252;nden, aber auch zur weiteren Dominanz Deutschlands   in Europa. Dazu sind entschlossene Ma&#223;nahmen n&#246;tig.<\/p>\n<p>  Es ist fraglich, ob eine entschlossene Politik zur Verteidigung der   Position des deutschen Kapitals in Europa mit einer kriselnden FDP   m&#246;glich ist. Das verst&#228;rkte Auftreten der Euro-Kritiker in der FDP und   die nationalistischen T&#246;ne der Partei im Berlin-Wahlkampf sind erste   Anzeichen f&#252;r eine m&#246;gliche Bruchlinie im Bundeskabinett. Aber auch aus   der CSU kommen verst&#228;rkt nationalistische &#196;u&#223;erungen. Generell gibt es   Kreise innerhalb des b&#252;rgerlichen Lagers (wie Vertreter der Bundesbank,   des Wirtschaftssachverst&#228;ndigenrats, aber auch die FAZ), die sich   zunehmend kritischer &#252;ber den Euro-Kurs von Merkel &#228;u&#223;ern.<\/p>\n<p>  Ein Bruch der schwarz-gelben Koalition und m&#246;glicherweise Neuwahlen   k&#246;nnten schon bald auf die Tagesordnung kommen. Wann das geschieht, ist   offen. Zwar sind wichtige Teile der FDP mit der Euro-Rettung   unzufrieden. Aber wenn die FDP jetzt die Koalition platzen lie&#223;e, w&#228;re   sie bei vorgezogenen Wahlen nicht einmal mehr im Bundestag vertreten.   Die Union hingegen h&#228;tte mit der geschw&#228;chten FDP keine   Regierungsmehrheit, bei Neuwahlen w&#252;rde es wahrscheinlich f&#252;r Rot-Gr&#252;n   reichen.<\/p>\n<p>  Wenn sich abzeichnen sollte, dass die Koalition keine eigene Mehrheit   f&#252;r die aus Sicht des deutschen Kapitals notwendigen Entscheidungen   zustande bekommt, dann wird ein Wechsel unvermeidlich. Die   Probeabstimmungen in den Fraktionen zum erweiterten Rettungsschirm, nach   denen die Bundesregierung keine eigene Mehrheit gehabt h&#228;tte, waren ein   Warnsignal. Mit SPD und Gr&#252;nen stehen Parteien bereit, die entscheidende   Beschl&#252;sse im Bundestag mitragen k&#246;nnten, bis Neuwahlen stattgefunden   haben. n<\/p>\n<h4>  Holger Dr&#246;ge ist Mitglied der SAV-Bundesleitung<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Halbzeit f&#252;r Schwarz-Gelb &#8211; aber Weiterspielen ungewiss\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[76,78],"tags":[270,241],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14457"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14457"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14457\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14457"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14457"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}