{"id":14452,"date":"2011-10-05T00:00:00","date_gmt":"2011-10-05T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14452"},"modified":"2011-10-05T00:00:00","modified_gmt":"2011-10-05T00:00:00","slug":"14452","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/10\/14452\/","title":{"rendered":"Die Lunte brennt"},"content":{"rendered":"<p>  Euro-Zone: Von der Dauer- zur Endkrise<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die Lage des Euro-Raums scheint hoffnungslos, aber nicht ernst zu   sein. Hoffnungslos, da bislang jede einzelne Anti-Krisen-Ma&#223;nahme nur zu   einer Verschlimmbesserung gef&#252;hrt hat. Nicht ernst, da die Regierenden   weiterhin scheinbar unbeirrt von Gipfel zu Gipfel schreiten. Aber einige   von ihnen vernehmen doch langsam die Kl&#228;nge des Titanic-Orchesters.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Seit Sommer scheinen die B&#246;rsen verr&#252;ckt zu spielen. In Wahrheit d&#228;mmert   einfach mehr und mehr Anlegern, dass die Staatsverschuldung Ausma&#223;e   angenommen hat, die den stotternden Konjunkturmotor abrupt abw&#252;rgen   k&#246;nnten. Zumal im verarbeitenden Gewerbe bereits wieder ein Abschwung   eingesetzt hat. &#8222;Das gr&#246;&#223;te Problem in den f&#252;hrenden &#214;konomien besteht   darin, dass Unternehmen und private Haushalte z&#246;gerlich bleiben, Geld   auszugeben&#8220; (Financial Times vom 23. September). Kein Wunder,   explodierten doch nicht nur die Schulden von Staaten, sondern auch von   Familien und Unternehmen, in den Industrienationen zusammengenommen   &#8222;zwischen 1980 und 2010 von 167 auf 314 Prozent des   Bruttoinlandsprodukts&#8220; (FAZ vom 13. September).<\/p>\n<p>  Der Kreis der Herrschenden w&#228;chst nun, der einen R&#252;ckfall in die globale   Rezession, die Neuauflage einer umfassenden Bankenkrise und sogar einen   Kollaps der Euro-Zone bef&#252;rchtet.<\/p>\n<h4>  &#8222;Br&#252;ssel, wir haben ein Problem&#8220;<\/h4>\n<p>  Die Euro-Rettungspolitik begann im Mai 2010, als Griechenland angeblich   einmalig 110 Milliarden Euro Kredite ben&#246;tigte. Nur Tage sp&#228;ter   bemerkten auch Portugal, Spanien und Irland, dass sie &#228;hnliche Probleme   hatten. Daraufhin wurde ein Rettungsschirm gespannt, der so riesig sein   sollte, dass alle notleidenden Staaten locker darunter Platz h&#228;tten.   Nachdem im November 2010 erst Irland, dann im Mai 2011 auch Portugal   gewaltige Darlehen brauchten, wurde es jedoch schon so eng unter dem   Schirm, dass die Kreditsumme aktuell von 440 auf 780 Milliarden Euro   erh&#246;ht werden soll. Gleichzeitig entpuppte sich die Euro-Krise als keine   konjunkturelle, sondern eine strukturelle &#8211; daraufhin beschloss man die   Einrichtung eines dauerhaften Rettungsschirms ab 2013. Auch das konnte   die Kapitalm&#228;rkte nicht bes&#228;nftigen &#8211; da Griechenland einer neuerlichen   Reanimation in H&#246;he von 109 Milliarden Euro bedurfte.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Wirtschaft von Hellas war die Medizin nicht nur bitter, sondern   beinahe t&#246;dlich. Die Auflagen der Troika (EU, IWF und die Europ&#228;ische   Zentralbank EZB) bedeuteten nicht nur eine Fortdauer der Rezession,   sondern ebneten den Weg in die Depression. Im ersten Halbjahr 2011   schrumpfte das Inlandsprodukt um 7,7 Prozent. W&#228;hrend Athen im September   &#252;ber Nacht die Entlassung von 30.000 Staatsbesch&#228;ftigten beschloss,   fordert die Troika den Abbau von mindestens 100.000 Stellen. Wen   &#252;berrascht es da, dass die griechische Staatsverschuldung von 140   Prozent 2010 auf 160 Prozent im Sommer 2011 hochschnelllte.<\/p>\n<h4>  Vor einer Pleite Griechenlands<\/h4>\n<p>  &#8222;Die M&#228;nner in den Konjunkturforschungsinstituten, die doch &#252;ber genaue   Notierungen auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Erscheinungen verf&#252;gten,   zeigten ihren Kopf nur dadurch, dass sie ihn sch&#252;ttelten.&#8220; Hei&#223;t es in   Bertolt Brechts &#8222;Fl&#252;chtlingsgespr&#228;chen&#8220;. Das gilt in diesen Tagen auch   f&#252;r die M&#228;nner und eine Frau an der Spitze der zentralen   Euro-Regierungen. M&#246;glich, dass der Euro-Rettungsschirm schon bald nach   seiner Ausweitung (sollte er in allen 17 Euro-Parlamenten bis Mitte   Oktober ratifiziert sein) aufs Neue ausgeweitet wird. M&#246;glich auch, dass   in den kommenden Monaten doch Euro-Bonds, also europ&#228;ische Anleihen,   eingef&#252;hrt werden. Wobei eine &#8222;Vergemeinschaftung&#8220; mit dem Aufkauf von   Staatsanleihen durch die EZB (im Umfang von &#252;ber 150 Milliarden Euro bis   Ende September) bereits stattgefunden hat &#8211; was einen verzweifelten   Versuch darstellt, den Zinsanstieg von Staatsanleihen extrem   angeschlagener Euro-L&#228;nder zu beschr&#228;nken. Neben einer wahrscheinlichen   Zinserh&#246;hung f&#252;r Deutschland w&#252;rden Euro-Bonds aber sicher auch dazu   f&#252;hren, dass die Anleihen Griechenlands, die sie zus&#228;tzlich zu den   europ&#228;ischen Anleihen anbieten m&#252;ssten, h&#246;her verzinst w&#252;rden&#8230;<\/p>\n<h4>  F&#228;llt Griechenland, f&#228;llt Portugal, f&#228;llt Italien<\/h4>\n<p>  Im Falle einer Insolvenz Griechenlands, die unaufhaltsam n&#228;her r&#252;ckt,   und der Umwandlung der Bankeinlagen von Euro in Drachme erwartet die   TIMES mindestens eine Halbierung der Guthaben. Das k&#246;nnte nicht nur den   griechischen Bankensektor weitgehend ausl&#246;schen. Das k&#246;nnte auch eine   Panik in Portugal, dem Pleitekandidaten Nr. 2, ausl&#246;sen &#8211; weshalb Konten   ger&#228;umt und Gelder auf Schweizer Bankh&#228;user transferiert werden k&#246;nnten.   Sp&#228;testens dies w&#252;rde eine Serie von Bankenpleiten in ganz S&#252;deuropa   lostreten.<\/p>\n<p>  Damit geriete auch Italien endg&#252;ltig ins Auge des Sturms. Die   spekulativen Angriffe in diesem Sommer wehrte die EZB noch mit dem   massiven Kaufprogramm von Staatsanleihen ab. Aber wenn die drittgr&#246;&#223;te   Euro-&#214;konomie mit einer Schuldenlast von 120 Prozent des BIP, sage und   schreibe 1,9 Billionen Euro (mehr als die Schulden von Griechenland,   Portugal und Irland zusammen), vollends ins Wanken geriete, dann w&#228;re   das Ende der Gemeinschaftsw&#228;hrung besiegelt.<\/p>\n<h4>  Neue Bankenkrise<\/h4>\n<p>  Die Financial Times f&#252;rchtet eine neue &#8222;Finanz- und Wirtschaftskrise,   schlimmer vielleicht als die von 2008-09&#8220; (23. September). Gen&#228;hrt wird   diese Sorge nicht zuletzt aufgrund der Lage der Banken. Zwar stie&#223;en sie   in den letzten zwei Jahren in gr&#246;&#223;erem Umfang faule Kredite ab und   erh&#246;hten ihre Eigenkapitalquote. Doch gerade die europ&#228;ischen   Finanzinstitute sind nicht &#252;ber dem Berg (w&#228;hrend diese etwa 420   Milliarden Euro aufnahmen, sch&#228;tzt der IWF ihre Kapitall&#252;cke immer noch   auf 200 Milliarden Euro ein). Mit der real gewordenen Gefahr von   Staatsbankrotten r&#252;cken die Banken unvermeidlich wieder in den Fokus &#8211;   sind sie doch die gr&#246;&#223;ten Gl&#228;ubiger der Staaten. Die franz&#246;sischen   Banken, um die es vor Jahren noch ruhiger war, weil sie sich weniger an   der US-Subprime-Zockerei beteiligten, gelten heute als besonders   unsichere Kantonisten, da sie sich mehr als andere auf das Gesch&#228;ft mit   Staatsanleihen eingelassen haben.<\/p>\n<p>  Den Abgang des deutschen Chef&#246;konoms in der EZB, J&#252;rgen Stark,   bezeichneten die TIMES am 14. September als &#8222;das gef&#228;hrlichste Ereignis   des Sommers&#8220;. Vor ihm hatte Bundesbank-Chef Axel Weber seinen Hut   genommen. Beide R&#252;cktritte fanden aus Protest gegen die   EZB-Entscheidung, Staatsanleihen zu kaufen und damit endg&#252;ltig die   restriktive monet&#228;re Linie aufzugeben, statt. Bedeutsam sind diese   Schritte zum einen, weil die deutschen Vertreter gerade Gefahr laufen,   sich unter den Euro-Notenbankern ins Abseits zu man&#246;vrieren. Zum anderen   widerspiegeln diese Entwicklungen aber vor allem die rapide zunehmenden   Konflikte unter den B&#252;rgerlichen. &#8211; Mehr und mehr Euro-Kapitalisten   ahnen, dass die Lunte l&#228;ngst Feuer gefangen hat und es nur noch eine   Frage der Zeit ist, bis es zum gro&#223;en Knall kommt.<\/p>\n<h4>  Aron Amm ist Mitglied der SAV-Bundesleitung<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Euro-Zone: Von der Dauer- zur Endkrise\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46,127],"tags":[241],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14452"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14452"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14452\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14452"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14452"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14452"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}