{"id":14443,"date":"2011-09-21T09:04:00","date_gmt":"2011-09-21T07:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14443"},"modified":"2012-05-15T14:46:16","modified_gmt":"2012-05-15T12:46:16","slug":"14443","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/09\/14443\/","title":{"rendered":"Berliner Abgeordnetenhauswahl"},"content":{"rendered":"<p>  Denkzettel f&#252;r regierende Parteien<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl wurden Senat und   Bundesregierung abgestraft. Die Gr&#252;nen konnten ihr selbstgestecktes   Ziel, Wowereit abzul&#246;sen nicht erreichen, weil sie dazu nicht als   Alternative gesehen wurden. Die Piraten konnten dagegen Proteststimmen   sammeln. DIE LINKE b&#252;&#223;t f&#252;r ihre Politik Stimmen ein, aber wie   oppositionell wird sie werden<\/b>?<\/p>\n<h4>  <i>von Michael Koschitzki, Berlin <\/i><\/h4>\n<p>  Es war ein schlechter Tag f&#252;r die etablierten Parteien. Vor allem die   FDP, einst gefeierter Sieger der Bundestagswahlen 2009, bekam den vollen   Unmut &#252;ber die Bundesregierung zu sp&#252;ren. Sie erhielt 1,8% der Stimmen   und flog damit aus dem Abgeordnetenhaus und allen   Bezirksverordnetenversammlungen. &#220;ber 30.000 Stimmen verlie&#223;en das   sinkende Schiff in Richtung CDU, die damit leicht zulegen konnte.   Zusammengerechnet verloren beide Parteien, die seit dem Diepgen-Senat   ohnehin wenig Unterst&#252;tzung haben, nochmals.<\/p>\n<p>  Auch die Politik des rot-roten Senats wurde abgestraft. SPD und LINKE   verloren beide absolut an Stimmen und zusammen ihre Mehrheit im   Abgeordnetenhaus. Damit kassierten sie die Rechnung f&#252;r eine Politik,   die Mietsteigerung, S-Bahn-Chaos, Bildungsmisere und soziale Notlage   bedeutete. W&#228;hrend SPD und LINKE f&#252;r Mieterschutz und das soziale Berlin   plakatierten, war die Heuchelei angesichts der Wohnungsprivatisierung   unter Rot-Rot und den Sozialk&#252;rzungen offensichtlich.<\/p>\n<h4>  Protest- statt Wechselstimmung<\/h4>\n<p>  Die Gr&#252;nen erhielten mit 17,6 % das beste Ergebnis ihrer Geschichte in   Berlin. Ihr Ziel, mit der Aufstellung von Renate K&#252;nast als   B&#252;rgermeisterkandidatin Wowereit abzul&#246;sen, verfehlten sie jedoch   deutlich. Sie wurden nicht als wirkliche Alternative zu den vier   Regierungsparteien Rot-Rot in Berlin und Schwarz-Gelb im Bund   wahrgenommen. Eine SPD-Gr&#252;ne Koalition h&#228;tte nur zwei Stimmen Mehrheit.   K&#252;nast wurde zurecht als etablierte Politikerin gesehen, die sich lange   die Hintert&#252;r einer gr&#252;n-schwarzen Regierung offen halten wollte und   inhaltlich auf Anpassung ans B&#252;rgertum gesetzt hat. Deshalb schloss sich   auch ein gro&#223;er Teil von linkeren Gr&#252;nenunterst&#252;tzern der Piratenpartei   an.<\/p>\n<p>  Die Piraten fuhren mit 8,9% und 130.000 Stimmen ein Rekordergebnis in   Berlin ein. Bei 18 bis 34-J&#228;hrigen erreichte die Partei 17% der   W&#228;hlerInnen. 93% ihrer (gr&#246;&#223;erenteils m&#228;nnlichen) W&#228;hlerInnen sagten,   die Partei w&#252;rde daf&#252;r sorgen, dass J&#252;ngere auch mal was zu sagen haben   und 59% w&#228;hlten sie, um anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen.   Laut einer Umfrage hielten nur zehn Prozent die Inhalte f&#252;r   ausschlaggebend.<\/p>\n<h4>  Piraten = linke Alternative?<\/h4>\n<p>  Die Piraten traten mit einer Reihe linker Forderungen zur Wahl an. Sie   fordern einen Mindestlohn von 12 Euro, kostenloses Essen und Obst an   Schulen, kostenloses &#214;PNV und Mieterschutz. Sie wenden sich gegen   Privatisierung, Atomkraft, Diskriminierung, wollen mehr direkte   Demokratie und Schutz der Privatsph&#228;re erk&#228;mpfen. Damit konnte sie   W&#228;hlerInnen f&#252;r sich gewinnen, die der LINKEN in der Regierung den   R&#252;cken gekehrt hatten. Neben 21.000 Nichtw&#228;hlerInnen gewannen die   Piraten 12.000 Stimmen von ehemaligen LINKEN-W&#228;hlerInnen, viele davon im   Ostteil der Stadt.<\/p>\n<p>  Die Piraten hatten vor allem zugelegt, als wenige Wochen vor der Wahl   klarer wurde, dass sie erfolgreich ins Abgeordnetenhaus einziehen   k&#246;nnte. &#220;ber die letzten Jahre haben sie etwas Unterst&#252;tzung in der   Stadt aufbauen k&#246;nnen. Bei den letzten Bundestagswahlen bekamen sie in   Berlin bereits 3,4%. Den &#252;berwiegenden Teil der Stimmen zur   Abgeordnetenhauswahl gewann sie jedoch kurzfristig als Ausdruck des   Protestes. Mit Plakaten wie &#8222;Warum h&#228;nge ich hier eigentlich, ihr geht   ja eh nicht w&#228;hlen?&#8220; und einem anderen manchmal unbeholfenen Auftreten   wurden sie als Alternative zu den etablierten Parteien wahrgenommen.<\/p>\n<p>  Doch wird die Partei das gleiche Schicksal wie ihr schwedisches Vorbild   ereilen? Dort, wo die Piratenparteien ihren Ursprung haben, erhielt die   Piratenpartei zur Europawahl 2009 7,1 %. Ein Jahr sp&#228;ter erhielt sie   jedoch zur so genannten Reichstagswahl nur noch 0,63%.<\/p>\n<p>  Der politische Druck auf die Piraten wird steigen. Wie werden sich ihre   Abgeordneten verhalten und was werden sie vorweisen k&#246;nnen? Entscheidend   wird sein, ob sie eine reale Alternative zu der Politik der etablierten   Parteien bieten k&#246;nnen. Sie werden damit konfrontiert sein zu sagen, wie   ihre Forderungen finanziert werden sollen.<\/p>\n<p>  Die Piraten sehen die Gesellschaft nicht als eine, die in Arme und   Reiche, Besitzende und Besch&#228;ftigte geteilt ist. Sie werden sich   entscheiden m&#252;ssen, auf welcher Seite sie steht und wen sie f&#252;r ihre   Forderungen und die Schulden in Berlin zahlen lassen will. Durchsetzen   kann sie ihre Forderungen nur, wenn sie auf Proteste und Mobilisierung   von Besch&#228;ftigten, Jugendlichen und Erwerbslosen setzt. Wird sie das tun   oder nur an die Regierenden appellieren? Die Piraten dr&#252;cken keine feste   gesellschaftliche Schicht aus und haben keine Bewegung im R&#252;cken, wie   sie die Gr&#252;nen in ihrer Gr&#252;ndungszeit hatte. Wenn sie sich falsch   entscheidet, wird die Piratenpartei schnell wieder an Unterst&#252;tzung   verlieren.<\/p>\n<h4>  LINKE<\/h4>\n<p>  DIE LINKE hat seit dem Regierungseintritt ihres Vorg&#228;ngers PDS 2002 mehr   als die H&#228;lfte ihrer Stimmen (ca. 195 000) verloren. F&#252;r die Beteiligung   an der Politik des Sozialabbaus wurde sie damit deutlich abgestraft. In   der Vergangenheit wurde diese Abkehr von der LINKEN teilweise von der   Entwicklung auf Bundesebene aufgehalten, wo sie als Alternative zu Hartz   IV, Rettungspaketen und Krieg wahrgenommen wird. Doch ihr Potential hat   die Partei 2011 bundesweit nicht ausgesch&#246;pft und befindet sich in der   Krise (siehe <a href=\"\/?p=14262\">.\/?p=14262<\/a>).   Gegen&#252;ber 2006 hat DIE LINKE nochmal 14.000 Stimmen verloren. Wenn man   bedenkt, dass 2006 die WASG noch getrennt angetreten ist, f&#228;llt die   Bilanz sogar noch drastischer aus.<\/p>\n<p>  Die Berliner F&#252;hrung der LINKEN versucht das schlechte Ergebnis der   Bundesebene in die Schuhe zu schieben. Es stimmt, dass ihr bundesweite   Entwicklungen nicht geholfen haben, aber abgew&#228;hlt wurde die Politik im   Berliner Senat. Und diese Politik wird nicht so schnell vergessen   werden. Erstmal wird die Aussage &#8222;Wir k&#246;nnen auch Opposition.&#8220; (Stefan   Liebich) als Heuchelei wahrgenommen werden. Wenn eine linke Rhetorik mit   anderen Gesichtern verbunden w&#252;rde, k&#246;nnte sich das ein st&#252;ckweit &#228;ndern   und die Partei k&#246;nnte sich in Umfragen wieder erholen. Ohne einen   grundlegenden Bruch mit ihrem bisherigen Kurs wird die Partei aber nicht   aus ihrem Tief kommen.<\/p>\n<p>  Falsche Schuldzuweisungen m&#252;ssen zur&#252;ckgewiesen werden. In der Partei   muss herausgestellt werden, wie die Beteiligung an der SPD-Regierung zu   dieser Situation f&#252;hren konnte. Vor dem Hintergrund der Programmdebatte   ist es entscheidend, die Lehren aus der Regierungsbeteiligung zu ziehen.<\/p>\n<h4>  Rechte Parteien und Ausblick<\/h4>\n<p>  Erfreulich ist, dass die NPD in der Abgeordnetenhauswahl geschw&#228;cht   wurde. Sie verlor rund viertausend W&#228;hlerInnen und zieht nur geschw&#228;cht   in einige Bezirksverordnetenversammlungen ein. In Treptow-K&#246;penick   verliert sie ihren Fraktionsstatus. W&#228;hrend die Republikaner nicht mehr   antraten, kandidierten mit Pro-Deutschland und der Partei die Freiheit   neue rechte Parteien erstmalig zur Abgeordnetenhauswahl. Zusammen mit   der NPD konnten die Rechten ihre Stimmen um ca. 16000 Stimmen ausbauen.   Das zeigt, dass die Gefahr nicht gebannt ist.<\/p>\n<p>  Die Abgeordnetenhauswahl bringt die wachsende politische Instabilit&#228;t   zum Ausdruck. Die Piratenpartei ist auch ein Ph&#228;nomen davon. Ein   m&#246;glicher rot-gr&#252;ner Senat wird nicht die Unterst&#252;tzung in der   Bev&#246;lkerung haben, die sich SPD und Gr&#252;ne erhofft haben. Die   vernichtende Niederlage der FDP versch&#228;rft jedoch die Krise der   Bundesregierung und erh&#246;ht die Wahrscheinlichkeit von Neuwahlen auf   Bundesebene. Besch&#228;ftigte, Jugendliche und Arbeitslose m&#252;ssen sich auf   harte Zeiten und harten Widerstand vorbereiten. Sie brauchen eine   wirkliche Interessenvertretung, dem die LINKE in Berlin gerade nicht   gerecht wird. Deshalb m&#252;ssen wir in der Partei f&#252;r einen grundlegend   anderen Kurs k&#228;mpfen, der mit der Regierungsbeteiligung mit   pro-kapitalistischen Parteien bricht und bei dem die Partei an Seite der   Besch&#228;ftigten, Jugendlichen und Arbeitslosen gegen die   Krisenauswirkungen, Verschlechterungen des Lebensstandards und f&#252;r eine   sozialistische Gesellschaft k&#228;mpft.<\/p>\n<p>  Ergebnisse der Abgeordnetenhauswahl <a href=\"http:\/\/www.wahlen-berlin.de\/wahlen\/BE2011\/Ergebnis\/region\/a2-GI9900.asp?sel1=1052&#038;sel2=0655&#038;tabtitel=Berlin\">hier.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Denkzettel f&#252;r regierende Parteien\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[75,25],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14443"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14443"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14443\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}