{"id":14408,"date":"2011-09-08T01:00:00","date_gmt":"2011-09-08T01:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14408"},"modified":"2011-09-08T01:00:00","modified_gmt":"2011-09-08T01:00:00","slug":"14408","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/09\/14408\/","title":{"rendered":"Weltwirtschaft: &#8222;Am Beginn eines neuen Sturms&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Talfahrt an B&#246;rsen signalisiert Gefahr einer neuen globalen Rezession<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Chaos-Tage im August an den Weltfinanzm&#228;rkten: Erst stuft die   Ratingagentur Standard &amp; Poor&#8216;s die Bonit&#228;t der US-Staatsanleihen ab,   dann schnellen die Zinsen f&#252;r spanische und italienische Anleihen in die   H&#246;he, mehr und mehr Anleger fl&#252;chten sich in Gold und Schweizer Franken,   schlie&#223;lich kennen die Aktienkurse nur noch eine Richtung &#8211; abw&#228;rts&#8230;   Das Gespenst eines erneuten weltweiten Wirtschaftseinbruchs geht um.   Jean-Claude Trichet, Pr&#228;sident der Europ&#228;ischen Zentralbank (EZB),   spricht von der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.   Weltbank-Chef Robert Zoellick f&#252;rchtet den &#8222;Beginn eines neuen Sturms&#8220;.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein und Aron Amm<\/i><\/h4>\n<p>  Was in diesen Tagen ins Auge sticht, ist die Ratlosigkeit der   Herrschenden. So kommt es gerade nach Krisengipfeln zu neuen   Ersch&#252;tterungen: Die B&#246;rsenunruhen setzten eine Woche nach dem   Euro-Sondergipfel vom 21. Juli ein. Als sich Kanzlerin Angela Merkel und   ihr franz&#246;sischer Kollege Nicolas Sarkozy am 16. August trafen, um mit   der Verk&#252;ndung einer &#8222;Wirtschaftsregierung&#8220; St&#228;rke zu demonstrieren,   bebten die Aktienm&#228;rkte erneut.<\/p>\n<p>  Auch wenn sie die Kapitalherrschaft mit H&#228;nden und F&#252;&#223;en verteidigen   werden, verstehen mehr und mehr B&#252;rgerliche, wie wenig sie den   Kapitalismus &#252;berhaupt verstanden haben. &#8222;Ich beginne zu glauben, dass   die Linke recht hat&#8220;, gab der Biograf von Margaret Thatcher, Charles   Moore, k&#252;rzlich zu.<\/p>\n<h4>  Ungeplantes, chaotisches System<\/h4>\n<p>  1844 schrieb Friedrich Engels, dass die b&#252;rgerlichen &#214;konomen die   zyklischen Krisen auf das von ihnen entdeckte Gesetz der Konkurrenz   zur&#252;ckf&#252;hren, das sie &#8222;mit seiner steten Ausgleichung, wo, was hier   verloren, dort wieder gewonnen wird&#8220;, wundersch&#246;n f&#228;nden. Engels fragte,   was man von einem Gesetz halten soll, das in aller Regelm&#228;&#223;igkeit &#8222;wie   die Kometen&#8220; oder &#8222;Seuchen&#8220; wiederkehrt. &#8222;Es ist ein Naturgesetz, das   auf der Bewusstlosigkeit der Beteiligten beruht. W&#252;ssten die Produzenten   als solche, wieviel die Konsumenten bed&#252;rften, organisierten sie die   Produktion, verteilten sie sie unter sich, so w&#228;re die Schwankung der   Konkurrenz und ihre Neigung zur Krisis unm&#246;glich.&#8220; Bis heute zeigt sich,   dass der Kapitalismus eine anarchische, ungeplante Wirtschaftsordnung   darstellt, die seit ihrem Bestehen immer wieder (gez&#228;hlt wurden 24   internationale Einbr&#252;che) zu tiefen Krisen f&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Bemerkenswerterweise verweist der erw&#228;hnte Charles Moore in seinem   Beitrag f&#252;r den Daily Telegraph auf die Globalisierung und andere   Ma&#223;nahmen, mit denen sich die Kapitalisten nach der Weltwirtschaftskrise   Mitte der siebziger Jahre eine dauerhafte Probleml&#246;sung erhofften. Die   internationale Rezession 1974\/75 markierte einen Wendepunkt, das Ende   des kapitalistischen Nachkriegsaufschwungs. Konfrontiert mit   r&#252;ckl&#228;ufigen Profitraten setzten die B&#252;rgerlichen sukzessive auf   Privatisierung, Deregulierung und Umverteilung von unten nach oben.   Angesichts der strukturellen &#220;berakkumulation von Kapital, mangelnder   profitabler Anlagem&#246;glichkeiten im produktiven Bereich, baute man   verst&#228;rkt auf den Finanzsektor und auf eine zunehmende   Internationalisierung von Produktion und Handel. Die &#214;ffnung Chinas f&#252;r   den Weltmarkt und die kapitalistische Restauration Osteuropas schw&#228;chten   die globalen Rezessionen 1991-93 und 2000\/01 deutlich ab. Aber die   grundlegenden Probleme wurden nicht gel&#246;st, sondern resultierten in   &#220;berkapazit&#228;ten, Konsumschw&#228;chen, Schuldenbergen &#8211; und dem globalen   Einbruch 2007 bis 2009.<\/p>\n<h4>  Die Krise ist nicht vorbei<\/h4>\n<p>  Als sich die Unternehmer schon wieder am Aufschwung erg&#246;tzten und &#8222;Welt   Online&#8220; t&#246;nte, &#8222;die Schwarzmaler mit ihren Horrorszenarien hatten   unrecht&#8220; (12. Januar), schrieben wir in der im M&#228;rz erschienenen Ausgabe   unseres Magazins &#8222;sozialismus.info&#8220; im Artikel &#8222;Nach der Krise ist vor   der Krise&#8220;, dass &#8222;die Finanz- und Wirtschaftskrise keineswegs   &#252;berwunden, sondern nur in ein neues Stadium eingetreten ist, das   Stadium der Staatsschuldenkrise. In einem Land nach dem anderen   reagieren die Regierungen und Parlamente auf die aufget&#252;rmten Defizite   mit einer Welle von K&#252;rzungsma&#223;nahmen. In der Folge k&#246;nnte die   &#246;konomische Erholung nicht nur schnell wieder an Kraft einb&#252;&#223;en, sondern   gar in eine neue Rezession (&#8222;Double Dip&#8220;) m&#252;nden.&#8220;<\/p>\n<p>  In den vergangenen Wochen ist die Stimmung umgeschlagen. &#8222;Vier Jahre   nach Beginn der Krise scheint kein Instrument zu ihrer Eind&#228;mmung   gefunden&#8220;, schreiben Jens Beckert und Wofgang Streeck, Leiter des K&#246;lner   Max-Planck-Instituts, in der FAZ vom 20. August. &#8222;Die Politik macht   einen &#252;berforderten Eindruck.&#8220; Kein Wunder. Sind die gegenw&#228;rtigen   Probleme doch die direkte Folge ihrer Gegenma&#223;nahmen.<\/p>\n<p>  Vor vier Jahren begannen sie damit, die schon bestehenden Schulden   massiv auszuweiten, um Banken zu retten und die Wirtschaft anzukurbeln.   Jetzt f&#252;hren die Staatsschulden nicht nur zu neuen Finanzproblemen,   sondern auch zur Angst vor Staatspleiten. Die Kahlschlagpolitik wiederum   droht, die schwache Konjunktur vollends abzuw&#252;rgen. In Europa droht   beides zus&#228;tzlich, die Euro-Zone zu zerrei&#223;en.<\/p>\n<p>  Nachdem die Krise gerade in den USA und in der EU ihren Lauf genommen   hatte, str&#246;mte viel Kapital in die sogenannten Schwellenl&#228;nder. Das   n&#228;hrte nicht nur die dortige Spekulationsblase, sondern treibt nun auch   die Inflation in Asien und Lateinamerika. Die Preissteigerung Chinas im   Juli von 6,5 Prozent tr&#252;bt bereits das Wachstum ein. Der Anstieg der   Lebensmittelpreise auf 14,8 Prozent k&#246;nnte die sozialen Unruhen weiter   forcieren. Jedenfalls droht China &#8211; im Zuge seiner Konjunkturma&#223;nahmen   2008\/09 &#8211; aufgrund der hohen Verschuldung und der Gefahr eines Platzens   der dortigen Immobilienblase zu einem weiteren Krisenherd zu werden.<\/p>\n<h4>  In der Baisse<\/h4>\n<p>  In wenigen Wochen wurden diesen Sommer an den weltweiten B&#246;rsen Werte   von mehr als f&#252;nf Billionen Dollar vernichtet. Zwischen dem 28. Juli und   dem 10. August fiel der Dow Jones um 12,9 Prozent. Der Dax verlor in der   ersten Augustwoche zw&#246;lf und in der dritten Augustwoche noch einmal neun   Prozent. Das waren neben 2008 und 1987 die dramatischsten Verluste an   den B&#246;rsen seit &#252;ber einem Vierteljahrhundert.<\/p>\n<p>  Unmittelbarer Ausgangspunkt waren die US-Streitigkeiten um die   Schuldenobergrenze und die Zinsaufschl&#228;ge f&#252;r schwache Euro-L&#228;nder. An   den Aktienm&#228;rkten werden zwar keine Staats-, sondern Unternehmenswerte   gehandelt. Doch setzte sich die Sorge durch, dass die Dimension der   Staatsschuldenkrise zu Austerit&#228;tsprogrammen f&#252;hren werden, die den   ohnehin schwachen Konjunkturmotor vollst&#228;ndig zum Erliegen bringen   k&#246;nnten. W&#228;hrend mit Japan die drittgr&#246;&#223;te &#214;konomie l&#228;ngst wieder in der   Rezession steckt, lie&#223; auch in den USA, der Wirtschaftsmacht Nr. 1, das   Wachstum in der letzten Phase deutlich nach, nachdem die konjunkturelle   Erholung bereits die schw&#228;chste seit 50 Jahren war. Bezeichnenderweise   hatten an den B&#246;rsen vor allem auch Rohstoff-, Energie- und   Investitionsg&#252;terunternehmen schwere Verluste hinzunehmen, was auf   fehlendes Vertrauen in weiteres Wachstum schlie&#223;en l&#228;sst.<\/p>\n<h4>  Bankenkrise 2.0<\/h4>\n<p>  Am Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 trocknete der Geldmarkt   &#252;ber weite Strecken fast komplett aus. Die Banken weigerten sich,   einander Geld zu leihen. Grund waren die aufkommenden Zweifel, ob sich   einige Banken im Aufschwung nicht &#252;bernommen h&#228;tten, zu viele faule   Kredite angesammelt haben k&#246;nnten und Gefahr laufen, Insolvenz anmelden   zu m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Dass die Bankenkrise nicht gel&#246;st und die Geldh&#228;user nicht &#252;ber den Berg   sind, zeigt sich in diesen Tagen. Als Hauptgl&#228;ubiger der Staaten sind   sie von der Schuldenkrise akut betroffen. Allein in der dritten   Augustwoche brach der europ&#228;ische Aktienindex Stoxx-Europe-600-Banks um   zehn Prozent ein (seit Jahresbeginn verlor er beinahe ein Drittel).   Erneut entwickelt sich am Geldmarkt ein Liquidit&#228;tsengpass. IfW-&#214;konom   Joachim Scheide sprach angesichts dieser St&#246;rungen davon, dass &#8222;eine   zweite Welle der Finanzkrise jetzt erreicht&#8220; sei. Im Euro-Raum sind es   gerade die Banken in S&#252;deuropa, die sich nicht in gewohnter Weise mit   Kapital ausstatten k&#246;nnen. So mussten die italienischen Banken im Juli   ihre Ausleihungen bei der Zentralbank von 40 auf 80 Milliarden Euro   verdoppeln.<\/p>\n<p>  Das geht Hand in Hand mit der unbeantworteten Frage, wer denn dieses Mal   die Banken retten soll &#8211; da die alten Retter selber in Not geraten sind   und sogar Staatsbankrotte bef&#252;rchtet werden.<\/p>\n<h4>  Hilflosigkeit der Politik<\/h4>\n<p>  Wir erinnern uns noch, wie in den Krisenmonaten nach der   Lehman-Brothers-Pleite Politiker immer wieder an den Wochenenden   zusammen kamen, um neue Rettungspakete zusammenzustoppeln und vor der   B&#246;rsener&#246;ffnung in Ostasien am Montag morgen den Kapitalm&#228;rkten als   Beruhigungspille zu verabreichen. Seit 2008 hat sich die Lage jedoch   fundamental gewandelt. Damals pumpten sie Unmengen &#246;ffentlicher Gelder   in die Wirtschaft. Doch die L&#246;sung von damals ist das Problem von heute.   Private Schulden wurden in &#246;ffentliche Schulden verwandelt. Dazu kamen   steigende Staatsausgaben f&#252;r die Konjunkturprogramme und durch die Krise   einbrechende Staatseinnahmen.<\/p>\n<p>  Dieses globale Problem offenbarte sich vor anderthalb Jahren in   Griechenland und f&#252;hrte in den Folgemonaten zu einer Serie von   Rettungspaketen in der Euro-Zone. Als Reaktion setzte sich auf den   Finanzm&#228;rkten eine wesentlich pessimistischere Sicht der   Staatsverschuldung durch. Regierungen sahen sich gezwungen, ihren Eifer   im Kampf gegen die Staatsschulden unter Beweis zu stellen aus Furcht,   dass sonst ihre Staatsanleihen nur noch mit hohen Risikopr&#228;mien   ausgegeben werden k&#246;nnten. Die Konsequenz war, dass nicht nur den direkt   betroffenen, ver&#228;chtlich PIGS (Portugal, Irland, Griechenland, Spanien)   genannten Staaten Sozialraub aufgezwungen wurde, sondern auch andere   Regierungen eine Kehrtwende von Konjunkturprogrammen zu K&#252;rzungspolitik   einleiteten (siehe das &#8222;Sparprogramm&#8220; in Gro&#223;britannien oder die   deutsche &#8222;Schuldenbremse&#8220;).<\/p>\n<h4>  USA: Am Rande der Rezession<\/h4>\n<p>  Die Herabstufung der US-Staatsleihen von &#8222;AAA&#8220; auf &#8222;AA+&#8220; durch die   Rating-Agentur Standard &amp; Poor&#8217;s Anfang August kommt einem Warnschuss an   Republikaner und Demokraten gleich, die Wirtschaft nicht durch von   Parteiinteressen geleitete Streitereien zu destabilisieren. Gleichzeitig   ist es aber Ausdruck der grundlegenden Schw&#228;che der Erholung der   US-&#214;konomie.<\/p>\n<p>  Zentral ist das Wechselverh&#228;ltnis von Staatsverschuldung, privater   Verschuldung und Wirtschaftsentwicklung. &#220;ber Jahre hinweg waren die USA   Motor der Weltwirtschaft, der US-Konsum war der Staubsauger, der die   Export&#252;bersch&#252;sse von L&#228;ndern wie Deutschland oder China anzog. Diesem   wachsenden Konsum entsprachen aber keine wachsenden Einkommen. Es   entstanden zwar viele Jobs, aber diese waren h&#228;ufig schlecht bezahlte   &#8222;Dienstleistungs&#8220;-Jobs, w&#228;hrend vergleichsweise gut bezahlte   Arbeitspl&#228;tze in der Industrie vernichtet wurden. Der wachsende Konsum   war nur auf Basis einer wachsenden Verschuldung m&#246;glich.<\/p>\n<p>  Damit ist es seit 2008 vorbei. In den letzten drei Jahren sanken die   ausstehenden Konsumentenkredite von 2,59 auf 2,41 Billionen Dollar (Mai   2011), die Hypothekenschulden von 14,61 auf 13,72 Billionen Dollar. Die   Verschuldung sank von 130 Prozent auf 115 Prozent der   Haushaltseinkommen. Dass der private Konsum auch mittelfristig schwach   bleiben wird, liegt an Pr&#228;sident Barack Obamas Kapitulation vor den   Republikanern und ihrem durchgeknallten Tea-Party-Fl&#252;gel: Die R&#252;cknahme   der Steuergeschenke f&#252;r die Reichen unter George Bush ist pass&#233;.   Stattdessen stehen Ausgabenk&#252;rzungen an &#8211; die vor allem die arbeitende   Bev&#246;lkerung treffen werden.<\/p>\n<p>  Man sieht an den USA exemplarisch, wie die staatliche Verschuldung die   unhaltbar gewordene private Verschuldung als Wachstumsmotor ersetzte.   2006 lag die Staatsverschuldung der USA noch bei 60 Prozent des   Bruttoinlandsprodukts (BIP), dieses Jahr d&#252;rfte sie 100 Prozent   erreichen. Inzwischen sind Obamas Konjunkturprogramme (die ohnehin keine   Initialz&#252;ndung f&#252;r einen dynamischen Aufschwung bedeuteten) weitgehend   ausgelaufen. Schon im zweiten Halbjahr 2010 schw&#228;chte sich die   US-Wirtschaft wieder deutlich ab. Vor diesem Hintergrund bleibt die   Arbeitslosigkeit hoch, offiziell bei neun Prozent. Die tats&#228;chliche Zahl   d&#252;rfte das Doppelte betragen. Die staatliche Post k&#252;ndigte j&#252;ngst an,   120.000 Stellen zu streichen. Auch in anderen Bereichen steht   Arbeitsplatzvernichtung an. Folglich d&#252;rften die USA als Wachstumsmotor   f&#252;r die Weltwirtschaft ausfallen.<\/p>\n<h4>  Euro-Turbulenzen<\/h4>\n<p>  Das andere Problemfeld, das im August zu den Verwerfungen auf den   Finanzm&#228;rkten f&#252;hrte, war die Schuldenkrise der Euro-Zone. Am 21. Juli   einigten sich die europ&#228;ischen Regierungschefs auf ein neues   Rettungspaket f&#252;r Griechenland (sprich f&#252;r die Banken, die dem   griechischen Staat Geld geliehen haben). Die Politiker diskutierten &#252;ber   Griechenland und meinten Spanien und Italien. Denn die entscheidende   Frage sind nicht die kleinen L&#228;nder Griechenland, Irland und Portugal,   sondern Spanien und Italien, immerhin die viert- und die drittgr&#246;&#223;ten   Volkswirtschaften der Euro-Zone. Dass dort das wirkliche   Gefahrenpotenzial liegt, ist kurz nach dem Juli-Gipfel quasi offiziell   geworden, als die EZB binnen einer Woche f&#252;r 22 Milliarden Euro   italienische und spanische Staatsanleihen aufkaufte, um damit ihren   Preis hochzutreiben und im Gegenzug ihre Umlaufrendite (also die Zinsen,   die Italien und Spanien f&#252;r ihre Staatsschulden zahlen m&#252;ssen) zu   dr&#252;cken.<\/p>\n<p>  Im Mai 2010 hatte die EZB mit dem Kauf griechischer, portugiesischer und   irischer Staatsanleihen begonnen und bis Februar 2011 77,5 Milliarden   Euro daf&#252;r verwendet. Nach dem EU-Beschluss vom 21. Juli sollte diese   Aufgabe an den Euro-Rettungsfonds EFSF &#252;bertragen werden. Aber es wird   noch Monate dauern, bis dieser Beschluss nach der Sommerpause die   Parlamente passiert hat. Da die Krise nicht so lange warten wollte,   wurde die EZB erneut t&#228;tig. Von der &#8222;Financial Times Deutschland&#8220;   befragte &#214;konomen sch&#228;tzten, dass die EZB mindestens 100 Milliarden Euro   einsetzen m&#252;sste, um eine Wirkung zu erzielen.<\/p>\n<p>  Bedingung f&#252;r die EZB-Intervention war das Versprechen der italienischen   Regierung, den Sozialkahlschlag zu versch&#228;rfen. Dabei ist Griechenland   das beste Beispiel, dass diese Politik nicht nur Millionen Menschen ins   Elend st&#252;rzt, sondern auch die wirtschaftliche Krise verl&#228;ngert und die   Schuldenprobleme keineswegs l&#246;st. Die K&#252;rzungspakete trieben das Land in   die Depression, das BIP schrumpfte 2010 um 4,5 Prozent, f&#252;r dieses Jahr   wird ein &#228;hnlicher R&#252;ckgang erwartet. Das f&#252;hrt zu geringeren   Steuereinnahmen und zus&#228;tzlichen Staatsausgaben. Wenn das   Bruttoinlandsprodukt schrumpft, ist der Anteil der Schulden am BIP h&#246;her.<\/p>\n<h4>  Der Euro vor dem Aus?<\/h4>\n<p>  Die Schuldenkrise der Euro-Zone ist zugleich eine Krise des Euro. Wenn   Teile des Euro-Raums durch Kahlschlagpolitik in die Rezession getrieben   werden und andere (wie Deutschland und die Niederlande) durch hohe   Exporte eine Sonderkonjunktur erfahren, steigert das die Spannungen.<\/p>\n<p>  Wir haben niemals erwartet, dass der Euro langfristig funktioniert.   Gro&#223;e kapitalistische L&#228;nder mit konkurrierenden nationalen   Kapitalistenklassen k&#246;nnen nicht auf Dauer eine gemeinsame W&#228;hrung   aufrecht erhalten. Das d&#228;mmert inzwischen auch den Politikern, die nun   versuchen, von der monet&#228;ren zur &#8222;politischen Union&#8220; zu kommen. Beim   Euro-Krisengipfel am 21. Juli wurden Schritte in diese Richtung   vereinbart, zum Beispiel die &#220;bertragung von Kompetenzen an den   Euro-Rettungsschirm EFSF. Der Haken ist, dass die Regierenden zu einer   &#220;berwindung des Nationalstaats nicht in der Lage sind. Obwohl sich der   Weltmarkt enorm ausgedehnt hat, basieren Macht, Eigentum und Verm&#246;gen   jeder Kapitalistenklasse weiterhin auf einem bestimmten   nationalstaatlichen Territorium, verteidigt vom eigenen Staatsapparat.   Dar&#252;ber hinaus f&#246;rderten die Bourgeoisien jahrhundertelang ein   nationales Bewusstsein zur Festigung ihrer Herrschaft, worauf sie sich   bis heute versuchen zu st&#252;tzen.<\/p>\n<p>  In Zeiten von Wirtschaftswachstum waren Schritte in Richtung politischer   Union m&#246;glich, aber es blieb bei Schritten. Und jetzt, in Zeiten der   Krise, ist eher mit dem Aufbrechen von nationalen Konflikten zwischen   (und, siehe zum Beispiel Belgien, innerhalb der bestehenden)   Nationalstaaten zu rechnen.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich kommen bei jeder einzelnen Ma&#223;nahme nationale   Interessengegens&#228;tze zum Ausdruck. Bei dem Krisengipfel am 21. Juli   bestand Merkel auf einer Beteiligung des Privatsektors, um die   Beschl&#252;sse der deutschen Bev&#246;lkerung besser verkaufen zu k&#246;nnen. (Die   &#8222;Beteiligung&#8220; bedeutet, dass Anleger freiwillig auf 20 Prozent des Werts   der griechischen Staatsanleihen verzichten, die auf dem Markt ohnehin 40   Prozent unter ihrem Nennwert gehandelt werden &#8211; kein schlechtes   Gesch&#228;ft.) Auch die EZB-Aufk&#228;ufe spanischer und italienischer   Staatsanleihen waren umstritten, aus Deutschland, Luxemburg und den   Niederlanden kamen Gegenstimmen. Da die Beschl&#252;sse vom 21. Juli keine   Stabilisierung herbeigef&#252;hrt haben, haben die Debatten &#252;ber Euro-Bonds   an Schwung gewonnen. M&#246;glich, dass zun&#228;chst eine Ausweitung der Mittel   des Euro-Rettungsfonds (der ab Oktober &#252;ber ein Kreditvolumen von 440   Milliarden Euro verf&#252;gt) anvisiert wird. Dabei ist noch l&#228;ngst nicht   sicher, dass die Entscheidungen vom 21. Juli tats&#228;chlich in allen 17   Euro-Staaten von den Parlamenten gebilligt werden. Finnland ist nur im   Boot, weil es Garantien f&#252;r seine Notkredite aushandeln konnte. &#8222;Die   Skandinavier beteiligten sich zwar am zweiten Stabilisierungsprogramm   zugunsten Griechenlands, haben sich aber Sonderkonditionen ausbedungen.   &#214;sterreich und andere kleinere Geberl&#228;nder stehen deshalb schon auf den   Barrikaden. Sollte dies eskalieren, k&#246;nnte es f&#252;r die Auszahlung der   n&#228;chsten Kredittranche an Griechenland im September eng werden&#8220; (FAZ vom   22. August).<\/p>\n<h4>  China &#8211; &#8222;kein lachender Dritter&#8220;<\/h4>\n<p>  2007 bis 2010 trug China so viel zum weltweiten BIP-Wachstum bei wie die   G7-L&#228;nder zusammen! Zwar wuchs das chinesische BIP auch 2010 noch um   10,3 Prozent. Trotzdem ist die Weltwirtschaftskrise keineswegs spurlos   an China vorbeigegangen. Im Gegenteil war das Land wegen seiner hohen   Exportabh&#228;ngigkeit erheblich betroffen. Das chinesische Regime startete   ein umfangreiches Konjunkturprogramm. Das Ergebnis war ein gigantischer   Bauboom. 35 Prozent der weltweiten (und 70 Prozent der chinesischen)   Stahlproduktion werden gerade in der chinesischen Bauwirtschaft   verbraucht. Ein betr&#228;chtlicher Teil der Kredite ging auch in die   Immobilienspekulation, wo eine Spekulationsblase entstand, die fr&#252;her   oder sp&#228;ter platzen muss. So dass auch China heute &#8222;kein lachender   Dritter&#8220; (FAZ-Leitartikel vom 24. August) ist.<\/p>\n<p>  Da der Boom die Inflation anheizte, versucht der Staat inzwischen, den   Kredithahn wieder zuzudrehen (die Staatsschulden erreichen mittlerweile   89 Prozent des BIP). Das Problem ist aber, dass Leitzinserh&#246;hungen   produktive Investitionen behindern. So oder so wird China seine Rolle   als Motor der Weltwirtschaft nicht mehr lange spielen k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Gegenma&#223;nahmen?<\/h4>\n<p>  Es war die Politik des billigen Geldes (extrem g&#252;nstige Kredite), die   den Aufschwung vor dem Einbruch 2007 jahrelang verl&#228;ngerte. Mit noch   billigerem Geld wurde dann vor vier Jahren der Absturz in die Depression   verhindert. Und Teile der B&#252;rgerlichen wollen auch jetzt mit billigem   Geld eine R&#252;ckkehr der Finanz- und Wirtschaftskrise vereiteln. So wird   von der US-Notenbank eine dritte Runde der sogenannten Quantitativen   Lockerung (nichts anderes als ein Programm, Geld zu drucken) erwogen.   &#220;ber die ersten beiden Runden wurden 2,6 Billionen Dollar in die   Wirtschaft gepumpt. F&#252;r Europa erwartet Joachim Fels, Chefvolkswirt von   Morgan Stanley: &#8222;Die EZB wird weiter Staatsanleihen in gro&#223;em Stil   aufkaufen m&#252;ssen und bald auch die Zinswende nach unten einleiten.&#8220;<\/p>\n<p>  Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass &#252;ber diese und andere Ma&#223;nahmen &#8211;   gerade falls die chinesische Wirtschaft sich noch halten sollte &#8211;   zun&#228;chst ein Double Dip vermieden werden kann. Daf&#252;r k&#246;nnte der n&#228;chste   Abschwung dann von den Problemen einer um so gr&#246;&#223;eren Kreditblase   begleitet sein.<\/p>\n<p>  Allerdings sind die M&#246;glichkeiten von Zinssenkungen durch Notenbanken   begrenzt, da sie in L&#228;ndern wie den USA und Japan schon nahe Null sind.   Und: Was n&#252;tzen niedrige Zentralbankzinsen, falls sie nur mit hohen   Risikoaufschl&#228;gen von den Banken weitergereicht werden?<\/p>\n<h4>  Periode von Stagnation und Depression<\/h4>\n<p>  Die kapitalistische Wirtschaft wird sich weiter zyklisch, in Auf- und   Abschw&#252;ngen, bewegen. Dieses Auf und Ab vollzieht sich aber im Rahmen   einer allgemeinen Niedergangsperiode des Profitsystems; einer Periode,   die von Stagnation und Depression &#8211; und von gewaltigen Ersch&#252;tterungen &#8211;   gekennzeichnet sein wird.<\/p>\n<p>  So ist es nur eine Frage der Zeit, dass die heutige Euro-Zone   kollabiert. &#8222;Das w&#252;rde zu einer Bankenkrise f&#252;hren, die v&#246;llig au&#223;erhalb   jeder Kontrolle w&#228;re. Sie w&#252;rde nicht nur Deutschland, nicht nur Europa,   sondern die ganze Welt in eine neue, gro&#223;e Depression st&#252;rzen&#8220; (George   Soros im SPIEGEL 33\/2011). Parallel dazu b&#252;&#223;t der US-Dollar seine Rolle   als globale Leitw&#228;hrung ein. Vor uns liegen W&#228;hrungsturbulenzen,   m&#246;gliche Staatspleiten und versch&#228;rfte Spannungen zwischen den   kapitalistischen Kr&#228;ften. Wir befinden uns aber nicht nur am Beginn   einer neuen Qualit&#228;t zwischenimperialistischer Konflikte, sondern stehen   auch vor einer Zuspitzung der Klassenauseinandersetzungen. Selbst   manchen B&#252;rgerlichen d&#228;mmert das inzwischen: &#8222;Nachdem die Zuw&#228;chse des   Sozialprodukts w&#228;hrend der vergangenen 30 Jahre vornehmlich den oberen   Bev&#246;lkerungsschichten zugute kamen, stellt sich in der Schuldenkrise die   Frage, ob und mit welchen Mitteln die Wohlhabenden versuchen werden,   ihre Position auch um den Preis einer massiven sozialen und politischen   Krise zu verteidigen. Wir k&#246;nnen nicht ausschlie&#223;en, dass sie die   Schrift an der Wand auch weiterhin nicht verstehen wollen&#8220; (Jens Beckert   und Wolfgang Streeck, Leiter des K&#246;lner Max-Planck-Instituts).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Talfahrt an B&#246;rsen signalisiert Gefahr einer neuen globalen Rezession\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[240],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14408"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14408"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14408\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14408"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14408"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}