{"id":14386,"date":"2011-08-28T00:00:00","date_gmt":"2011-08-27T22:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14386"},"modified":"2012-05-09T14:17:52","modified_gmt":"2012-05-09T12:17:52","slug":"14386","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/08\/14386\/","title":{"rendered":"&#8222;Es hat ein phantastischer Wandel stattgefunden.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Gaz, Aziz, Jackie, Aktivisten aus Tunesien, &#252;ber die Lage   in Tunesien vor und nach dem Sturz Ben Alis<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Zun&#228;chst einmal: Welche Auswirkungen hatte die Diktatur auf den Alltag   vor der Revolution?<\/h4>\n<p>  Gaz: W&#228;hrend der Diktatur waren die Leute immer und st&#228;ndig in Angst, es   war undenkbar in der &#214;ffentlichkeit z.B. &#252;ber Politik zu diskutieren,   und man versuchte immer irgendwie der Polizei auszuweichen. W&#228;hrend den   23 Jahren von Ben Alis Diktatur waren die Menschen immer damit   besch&#228;ftigt, irgendwie einen Ausweg aus ihrer Lage zu finden, durch   Bestechung z.B., oder indem man sehr Paranoid war. Es war eine   unheimliche Last f&#252;r das Alltagsleben.<\/p>\n<p>  Aziz: Ben Ali hat die Interessen das Kapitalismus in Tunesien vertreten,   also die seines Clans, seiner Freunde und des internationalen Kapitals   im Land. Um zu verhindern, dass die Armen gegen das korrupte System   aufstehen hat er den Polizeiapparat massiv verst&#228;rkt, und den Staat in   einen Zustand versetzt, in dem jede kleinste oppositionelle Regung mit   h&#228;rtesten Mitteln niedergeschlagen wurde. Es war der   Bergarbeiteraufstand 2008 in Gafsa, der diesen Zustand das erste mal   aufbrach, und als Mohamed Bouazizi im Dezember 2010 sich selbst in   Flammen setzte, war das das Signal f&#252;r eine Wiederholung dieses   Szenarios in einem noch gr&#246;&#223;eren Ma&#223;stab. Die Leute wussten: Das ist das   Signal etwas zu tun, es ist jetzt Zeit auf die Stra&#223;e zu gehen und das   System ein f&#252;r allemal loszuwerden.<\/p>\n<h4>  Wie hat sich das Leben nach der Revolution in dieser Hinsicht ge&#228;ndert?<\/h4>\n<p>  Jackie: Es wurde nat&#252;rlich viele Zugest&#228;ndnisse in dieser Revolution&#228;ren   Atmosph&#228;re erk&#228;mpft, die neu gewonnene Meinungsfreiheit l&#228;sst z.B. die   politische Diskussionskultur sprie&#223;en, aber der revolution&#228;re Prozess   ist noch nicht abgeschlossen: Das System, dass Ben Ali gesch&#252;tzt hatte,   ist immer noch an der Macht, und alles, was am 14. Januar [der Tag, an   dem Ben Ali floh] gewonnen wurde, ist dadurch in Gefahr und kann   jederzeit wieder verloren werden.<\/p>\n<p>  Aziz: Was die politische Atmosph&#228;re angeht hat allerdings ein   phantastischer Wandel stattgefunden. Wenn man sich vor der Revolution   &#252;ber Politik unterhalten wollte musste man einen sicheren Ort in   irgendeiner Kneipe oder einem Caf&#233; finden, wo man sich leise fl&#252;sternd   und immer in Angst vor Polizeiagenten austauschen musste. In der   Hinsicht hat sich die Situation total ge&#228;ndert, es hat eine richtige   Explosion von politischen Diskussionen &#252;berall gegeben, schon   f&#252;nfj&#228;hrige Kinder versuchen genau zu verstehen was um sie herum vorgeht   und reden &#252;ber Politik! Diese Atmosph&#228;re gibt es jetzt &#252;berall, im   ganzen Land, das ist wirklich beeindruckend. Die Revolution&#228;re m&#252;ssen   diese Atmosph&#228;re jetzt nutzen, um ihre Ideen zu entwickeln und dem Kampf   einen weg nach vorne aufzuweisen.<\/p>\n<h4>  Was sind denn die Themen dieser Diskussionen, und wo k&#246;nnen wir ansetzen?<\/h4>\n<p>  Gaz: Das Establishment versucht alle Diskussionen in eine technische   Richtung zu dr&#228;ngen, also &#252;ber das Wahlsystem oder das Datum f&#252;r die   verfassungsgebende Versammlung, oder versuchen einen Konflikt zwischen   S&#228;kularismus und Islamismus zu beschw&#246;ren; das sind aber nicht die   Inhalte der Diskussionen, die in der Bev&#246;lkerung stattfinden. Die   Hauptsorgen der Menschen bleiben soziale Fragen wie die hohe   Arbeitslosigkeit, und an diesen Punkten versuchen auch wir anzusetzen.   Wie kann man neue Jobs schaffen, was sind die Gr&#252;nde f&#252;r die   Arbeitslosigkeit, was ist mit den Auslandsschulden, die das Ben Ali   Regime hinterlassen hat und laut dem Regime von der einfachen   Bev&#246;lkerung bezahlt werden soll, aber auch betriebliche Fragen wie die   von flexiblen Arbeitsvertr&#228;gen, oder auch die Rolle der   Gewerkschaftsf&#252;hrung w&#228;hrend der Revolution. Das sind die Fragen, die   die Mehrheit wirklich betreffen.<\/p>\n<p>  Aziz: Wir brauchen dringend eine verst&#228;rkte Interaktion zwischen den   Gruppen revolution&#228;rer Marxisten und der Masse der Arbeiterklasse, den   Arbeitslosen und den Jugendlichen, welche die Revolution gemacht haben.   Nur in st&#228;ndiger Diskussionen mit ihnen kann man etwas gewinnen, anstatt   mit 3 Leuten &#252;ber Politik zu debattieren.<\/p>\n<p>  Unsere Aufgabe ist es, die Revolution weiter voran zu treiben indem wir   soziale Fragen aufwerfen. Die Frage von Ben Alis Auslandsschulden sind   daf&#252;r ein guter Ansatz: Wir fordern, dass die Schulden nicht   zur&#252;ckgezahlt werden, die w&#228;hrend des Ben Ali Regimes angeh&#228;uft wurden.   Wir fordern, dass die Banken und die Medienkonzerne verstaatlicht und in   die H&#228;nde der Revolution &#252;bergeben werden, und die Gelder aus den Banken   eingesetzt werden, um Armut und Arbeitslosigkeit etwas entgegen zu   setzen. Au&#223;erdem nat&#252;rlich die Vergesellschaftung des gesamten Verm&#246;gens   und aller Firmen, die in den H&#228;nden des Ben Ali\/Trabelsi-Clan waren, die   49 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Tunesiens ausmachen. Das   w&#228;re ein entscheidender Schritt hin zu einer sozialistischen Planung der   Wirtschaft, in Verbindung mit demokratischer Arbeiterkontrolle &#252;ber die   Produktion.<\/p>\n<h4>  Wie sieht denn die politische Landschaft jetzt aus, wie sieht eure   politische Arbeit aus?<\/h4>\n<p>  Jackie: Die Menschen, die sich Marxisten oder gar Trotzkisten nennen   sind nur eine kleine Minderheit, und es ist eine enorme Herausforderung   daraus etwas wie eine Massenkraft aufzubauen. Die Linke insgesamt spielt   momentan eine gro&#223;e Rolle, die Frage ist, wie k&#246;nnen wir eine Programm   oder eine Plattform aufbauen, die der gro&#223;en Sehnsucht nach einer   anderen Gesellschaft Ausdruck verleihen kann? Das ist die Hauptaufgabe   f&#252;r die n&#228;chste Periode.<\/p>\n<p>  Aziz: Schon w&#228;hrend der Diktatur spielten die Trotzkisten eine gewisse   Rolle. In jedem Kampf, der sich gegen das Regime entwickelte, haben sie   aktiv und offen z.B. f&#252;r die Freilassung von politischen Gefangenen   agitiert, oder f&#252;r gewerkschaftliche Rechte und den Kampf gegen die   B&#252;rokratie. Auch wenn sie jetzt noch in der Minderheit sind, sie waren   immer die mutigsten Aktivisten, die Avantgarde der Opposition gegen Ben   Ali, auch w&#228;hrend den dunkelsten Jahren der Diktatur. Deswegen genie&#223;en   die Trotzkisten viel Respekt von andern Aktivisten als ernsthafte   K&#228;mpfer.<\/p>\n<p>  Gaz: Um mal ein konkretes Beispiel zu nennen: Wenn man sich z.B. die   Bilder der Revolution auf Al Jazeera ansieht, sieht man oft einige   GenossInnen. Es gibt ein ber&#252;hmtes Bild vom Abend bevor Ben Ali floh. Da   l&#228;uft ein einzelner Mann &#252;ber die Avenue Bourgiba [Hauptstra&#223;e in   Tunis], w&#228;hrend der Ausgangssperre, und ruft wie verr&#252;ckt Slogans gegen   Ben Ali ruft (lacht) &#8211; nun, er war ein Genosse von uns. Ein weiteres   ber&#252;hmtes Bild ist, wie ein Aktivist direkt vor einer Polizeikette steht   und ihnen mit dem Zeigefinger droht: auch ein Genosse. Wir waren einfach   immer an vorderster Front! (lacht)<\/p>\n<h4>  Was k&#246;nnen wir in Deutschland oder International tun, um den   revolution&#228;ren Prozess zu unterst&#252;tzen?<\/h4>\n<p>  Jackie: Das wichtigste ist, &#246;ffentlich dar&#252;ber zu reden, zu erkl&#228;ren was   gerade passiert. Es gibt nicht mehr so viel Medienberichte dar&#252;ber, was   gerade passiert, und das ist das wichtigste, die aktuellen Entwicklungen   aufzuzeigen, wie die &#220;bergangsregierung in Wirklichkeit das alte Regime   vertritt usw. Ihr m&#252;sst eure Publikationen nutzen, um da   Gegen&#246;ffentlichkeit herzustellen!<\/p>\n<h4>  Wir werden unser bestes tun &#8211; vielen Dank und viel Erfolg bei eurem   Kampf!<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Gaz, Aziz, Jackie, Aktivisten aus Tunesien, &#252;ber die Lage<br \/>\n      in Tunesien vor und nach dem Sturz Ben Alis\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[36,37,103],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14386"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14386"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14386\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}