{"id":14377,"date":"2011-08-12T00:00:00","date_gmt":"2011-08-12T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14377"},"modified":"2011-08-12T00:00:00","modified_gmt":"2011-08-12T00:00:00","slug":"14377","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/08\/14377\/","title":{"rendered":"Israel: Massenbewegung gegen die Herrschaft des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p>  &#8222;Seht nur, wie &#252;berall die Erde bebt&#8230;&#8220;<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Am 6. August 2011 str&#246;mten 300.000 Menschen durch die Stra&#223;en von   Tel-Aviv, Jerusalem und anderer St&#228;dte in Israel. &#8222;Das Volk will soziale   Gerechtigkeit!&#8220;, wurde in Israel gebr&#252;llt, und es erinnerte an die   Slogans der revolution&#228;ren Aufst&#228;nde in der arabischen Welt. Rein   zahlenm&#228;&#223;ig handelte es sich um die gr&#246;&#223;te Demonstration, die es in   Israel je gegeben hat. Mit einer offiziell niedrigen Arbeitslosigkeit   und wachsender Wirtschaft wird das Land nun von einer historischen   Massenbewegung ersch&#252;ttert. Dies noch nicht von den unterdr&#252;ckten   Pal&#228;stinenserInnen, sondern im Wesentlichen von israelischen J&#252;dinnen   und Juden, die die Unterst&#252;tzung f&#252;r das Regime in Frage stellen.<\/p>\n<p>  <i>von Shahar Ben-Khorin, Tnua&#180;t Maavak Sozialisti \/ Harakat Nidal   Eshtaraki (Bewegung Sozialistischer Kampf, Schwesterorganisation der SAV   und Sektion des CWI in Israel\/Pal&#228;stina), 09\/08\/2011 <\/i><\/p>\n<p>  Was ist &#252;brig geblieben von dem, was Premierminister Benjamin Netanjahu   Ende M&#228;rz noch von sich gab: &#8222;Es gibt nur ein Land im Herzen des Nahen   Ostens, das keine Ersch&#252;tterungen, keine Proteste erlebt [&#8230;] Seht her.   &#220;berall, von der Stra&#223;e von Gibraltar bis in den Westen Indiens, bebt   die Erde. Alles bebt und wankt und der einzige stabile Ort, das einzige   stabile Land ist diese Demokratie Israel &#8211; ein entwickeltes,   florierendes Land, in dem vor dem Gesetz alle gleich sind, das eine   starke Armee hat, weil es ein starkes Gemeinwesen ist.&#8220;<\/p>\n<p>  J&#252;ngst musste Netanjahus Regierung zugeben, Mubarak politisches Asyl   angeboten zu haben. Jetzt stehen junge Leute k&#228;mpferisch an den   Stra&#223;ensperren und skandieren: &#8222;Mubarak &#8211; Assad &#8211; Bibi Netanjahu!&#8220;,   worin der Wunsch h&#246;rbar wird, den Repr&#228;sentanten der Diktatur des   Kapitals in Israel st&#252;rzen zu sehen.<\/p>\n<p>  Am 14. Juli hatte eine Gruppe von jungen Leuten aus der Mittelschicht   auf dem teuren Boulevard Rothschild im Zentrum von Tel-Aviv gegen die   hohen Mieten, und zum Teil auch inspiriert von den Bewegungen in   S&#252;deuropa, ein paar Protest-Zelte aufgebaut. Einige unter ihnen sprachen   davon, lediglich f&#252;r einige Tage vor Ort bleiben zu wollen. Die von   ihnen ergriffene Initiative wurde aber zum Signal. Sie &#246;ffnete der lang   angestauten Abneigung gegen&#252;ber hohen Lebenshaltungskosten und &#252;berhaupt   der Herrschaft des Kapitals im Land T&#252;r und Tor. Innerhalb weniger Tage   kursierte unter Regierungsbeamten, dass der aufkommende soziale Protest   die Regierung auch zu Fall bringen k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  &#220;berall im Land kommt es zu Diskussionen in Zelten, wie die Gesellschaft   ver&#228;ndert werden muss und &#252;berall trauen sich Leute dar&#252;ber   nachzudenken, wie eine andere, eine bessere Zukunft aussehen kann. Es   handelt sich zwar nicht um eine revolution&#228;re Situation, aber jedeR   w&#252;rde zustimmen, dass eine &#8222;soziale Revolution&#8220; f&#252;r &#8222;soziale   Gerechtigkeit&#8220; notwendig ist. Verglichen mit der allgemeinen Entfremdung   und dem Leid, das Kapitalismus und Militarismus zu bieten haben, ist es   kein Wunder, dass es in den Zelt-Camps von Tel-Aviv und anderer St&#228;dte   nun zu fr&#246;hlicher Stimmung mit Musik, Filmvorf&#252;hrungen und der   Darbietung satirischer Theaterst&#252;cke kommt.<\/p>\n<h4>  <b>Vom Boykott zum Streik<\/b><\/h4>\n<p>  Einige Wochen bevor die Zelt-Proteste anfingen, zwang ein erfolgreicher,   massenhafter, symbolischer und &#252;ber Facebook organisierter Boykott von   H&#252;ttenk&#228;se die Milchindustrie zur Senkung ihrer Preise. Es dauerte aber   fast nur einen Augenblick, bis die Idee des Konsumentenboykotts zur   L&#246;sung des schwerwiegenden Problems immenser Lebenshaltungskosten   umschlug in eine Strategie des aktiven Massenprotests mit Zelten,   Protestm&#228;rschen, Stra&#223;enblockaden etc. Protest-Camps sprie&#223;en wie Pilze   &#252;berall im Land aus dem Boden. Sie sind zum Magnet f&#252;r nahezu alle   anderen sozialen Proteste geworden, die sich in dieser tiefgreifenden   Bewegung vereinen. Viele nehmen zum ersten Mal in ihrem Leben an   Protesten teil. Und dabei geht es nicht nur um Jugendliche und junge   Erwachsene. Auch Eltern sind darunter, die aus Protest gegen ihre hohen   Lebenshaltungskosten mitmarschieren. Nicht nur die &#8222;privatisierten&#8220;   LehrerInnen und TaxifahrerInnen, sogar Angestellte bei Polizei und   Justiz, denen es verboten ist sich gewerkschaftlich zu organisieren,   nahmen an einigen der Proteste teil, um auf ihre Niedriglohn-Situation   aufmerksam zu machen. W&#228;hrend der Demo der 300.000 hingen linke   Fu&#223;ballfans ein haushohes, gigantisches Transparent an einem Geb&#228;ude   auf, auf dem ein Soldat aus der Russischen Revolution abgebildet war und   das den englischen Titel &#8222;Arbeiterklasse&#8220; trug. Das sind nur Beispiele   von einer Reihe von Initiativen, die ergriffen wurden.<\/p>\n<p>  Die Regierung w&#228;gt unterdessen ihre Mittel ab, um mit der Bewegung   irgendwie zu Rande zu kommen. Man f&#228;hrt einen Zick-Zack-Kurs zwischen   fehlschlagenden Versuchen, das Ganze kleinzureden und zu delegitimieren,   sich damit solidarisch zu erkl&#228;ren und sogar, indem man aggressive   neoliberale Schritte als L&#246;sung f&#252;r die Forderungen der   ProtestiererInnen anbietet. Nur, um am Ende dann zu stumpfer Arroganz   und Hetze zur&#252;ckzukehren. Bisher fordert die Bewegung als Ganzes nicht   klar und deutlich den R&#252;cktritt der Regierung. Aber bisher greift auch   keine der von der Regierung aufgelegten Taktiken. Der Versuch, die   Privatisierung von Bauland (das zum gr&#246;&#223;ten Teil in Staatsbesitz ist) zu   beschleunigen und es zu Schleuderpreisen an die Baul&#246;wen auszuh&#228;ndigen,   rief eine energische Reaktion hervor, die durch die ganze Bewegung ging.   Sie wurde dadurch nur noch gr&#246;&#223;er. An der zentralen Demo, die nach einer   Woche stattfand, nahmen rund 30.000 Menschen teil. Innerhalb einer Woche   verf&#252;nffachte sich diese Zahl mit parallel stattfindenden   Protestkundgebungen &#252;berall im Land. Nach einer weiteren Woche wurden   dann schon 300.000 Menschen mobilisiert!<\/p>\n<p>  Von Anbeginn gab es eine bedeutende Schicht unter den ProtestiererInnen,   die zur Einsicht gekommen waren, dass all die Demonstrationen an sich   gegen die Regierung nicht ausreichen w&#252;rden und dass Streikaktionen   n&#246;tig seien. Innerhalb weniger Tage traten 20.000 Menschen einem   Facebook-Aufruf f&#252;r einen umfassenden individuellen Streik am 1. August   bei. Die von den kapitalistischen B&#252;rgermeistern kontrollierte   Vereinigung der Beh&#246;rden auf lokaler Ebene wurde mitgerissen, dieser   Initiative ebenfalls beizutreten. Sie f&#252;hrte Teilschlie&#223;ungen an   besagtem Tag durch, um hinsichtlich der Krise den Druck auf die   Regierung zu erh&#246;hen. Und schlie&#223;lich wurde auch der unt&#228;tige   Gewerkschaftsbund Histadrut, die wichtigste Arbeiterorganisation, in die   Bewegung hinein gezwungen.<i> <\/i><\/p>\n<h4>  <b>Das Eingreifen des Gewerkschaftsbunds Histadrut <\/b><\/h4>\n<p>  Auf die Stimmung eingehend machte der Histadrut-Vorsitzende Offer Eini,   der auch in seiner &#8222;Arbeits&#8220;partei ziemlichen Einfluss hat, den ersten   Schritt. Er gab sich radikal und griff alle vorherigen Regierungen (auch   die, an denen die &#8222;Arbeits&#8220;partei beteiligt war) daf&#252;r an, den Staat &#8222;in   einem Tag von sozialistischer Politik, unter der der Staat f&#252;r seine   B&#252;rger sorgt, zum kapitalistischen Markt&#8220; hin umgeformt zu haben. Er   lobte die jungen Anf&#252;hrerInnen des Protests und drohte der Regierung,   dass die Histadrut alle ihr zur Verf&#252;gung stehenden Mittel nutzen wird,   sollte die Regierung nicht damit beginnen, ernsthaft auf die Forderungen   des Protestes einzugehen. Doch sobald eben diese Forderungen auch   radikale Reformen wie kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung   umfassten, trat Eini emp&#246;rt dem kapitalistischen Chor bei. Er zog diese   Forderungen ins L&#228;cherliche, bezeichnete sie als grundlos und als &#8222;nicht   praktikabel&#8220;. Als ob er gar nicht an der Spitze der st&#228;rksten   Arbeiterorganisation Israels st&#252;nde. Zudem hob er hervor, dass die   ProtestiererInnen den Premierminister zu respektieren haben und dass er   hoffe, dass die Regierung nicht st&#252;rzt!<\/p>\n<p>  In den letzten Jahren haben die rechten und pro-kapitalistischen   Kollaborateure in der Histadrut unter Eini eine erkl&#228;rte Politik des   betrieblichen Friedens betrieben und die Zahl der Streiks in Israel auf   einen historischen Tiefstand gebracht. Das war Teil eines offiziellen   B&#252;ndnisses mit den Kapitalisten und von zerst&#246;rerischen Abkommen mit   verschiedenen Regierungen. Vor diesem Hintergrund handelte es sich bei   der nun vom Histadrut organisierten Kundgebung mit 10.000 teilnehmenden   ArbeiterInnen zwar doch um eine arg begrenzte, aber nichtsdestotrotz   seltene Veranstaltung. Viele unter den Tausenden, die gekommen waren,   identifizierten sich nicht mit dem Motto des Histadrut, das lautete:   &#8222;Die Arbeiter sind F&#220;R den Protest&#8220;. Als ob die ArbeiterInnen nicht der   Faktor sein m&#252;ssten im Kampf gegen hohe Lebenshaltungskosten und die   Herrschaft des Kapitals. Auf der Kundgebung lieferte Eini angesichts der   Wut wegen der rapiden Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen in den   letzten Jahrzehnten einige heuchlerische Lippenbekenntnisse ab. F&#252;r   einige HafenarbeiterInnen, RettungsschwimmerInnen und weitere war das   einfach zu viel. Sie standen schlie&#223;lich zusammen bei den AktivistInnen   von Tnua&#180;t Maavak Sozialisti (CWI in Israel) und riefen: &#8222;Die   ArbeiterInnen fordern den Generalstreik!&#8220;. Sie begehrten auf gegen die   Heuchelei dieses falschen F&#252;nfzigers. Besagte Parolen wurden von der   &#8222;zionistisch-sozialistischen&#8220; Jugendbewegung namens No`al energisch   &#252;bert&#246;nt, die auch zugegen war. Abgesehen davon, dass versucht wurde,   Megaphone abzunehmen, gingen sie dazu &#252;ber, &#8222;ArbeiterInnen fordern   soziale Gerechtigkeit&#8220; zu br&#252;llen, was in dieser Situation nichts als   eine leere Phrase blieb.<\/p>\n<p>  Eine bedeutende Schicht der organisierten Arbeiterklasse hasst Eini und   seine Kumpanen bis auf die Knochen, weil sie eine verr&#228;terische Politik   betreiben, den ArbeiterInnen Handschellen anlegen und sie den   Kapitalisten und der Regierung des Kapitals als billige Mahlzeit auf dem   Tablett servieren. Bevor es nun zu dieser Bewegung kam, hatten   Besch&#228;ftigtengruppen verschiedener Branchen aufgrund der krass   gestiegenen Lebenshaltungskosten damit angefangen, den Weg des Kampfes   zu beschreiten. Gerade noch rebellierten die SozialarbeiterInnen laut   und in noch nie dagewesenem Ausma&#223; gegen einen Versuch Einis, ihnen nach   ihrem Streik im M&#228;rz eine Vereinbarung zu diktieren, die einem Verrat   gleichkam. Das f&#252;hrte zur Gr&#252;ndung einer Oppositionsbewegung innerhalb   der Gewerkschaft der SozialarbeiterInnen. Der immer noch laufende   &#196;rztestreik stand w&#228;hrend der ersten Tage der Zelt-Proteste kurz davor,   verraten zu werden. Doch dann folgten die Assistenz&#228;rztInnen dem   Beispiel der SozialarbeiterInnen und rebellierten gegen die F&#252;hrung der   unabh&#228;ngigen &#196;rzteorganisation. Das gab dem ganzen Streik neuen Schwung   und brachte die &#252;berw&#228;ltigende Unterst&#252;tzung der Bev&#246;lkerung. Parallel   dazu kommt es innerhalb des Histadrut seit geraumer Zeit dazu, dass   ArbeiterInnen zumeist noch nur damit drohen auszutreten und in die neue,   kleine und k&#228;mpferische Gewerkschaft &#8222;Power to the Workers&#8220; (sinngem&#228;&#223;:   Alle Macht den ArbeiterInnen) &#252;berzuwechseln. Aber hin und wieder tun   sie es dann doch, wie die ArbeiterInnen des Betriebs Haifa Chemicals   North, die sich momentan in einem schwierigen und schon drei Monate   dauernden Streik befinden. Diese Entwicklungen deuten zum ersten Mal in   Israel auf das vorhandene Potenzial f&#252;r die Entwicklung einer   unabh&#228;ngigen Arbeiterbewegung hin.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich hofft die Regierung nun, dass angesichts der   streikbrecherischen Leistungen, die Eini zum Beispiel auch im Fall des   Verrats des j&#252;ngsten Streiks der SozialarbeiterInnen vorzuweisen hat, er   jetzt dabei helfen wird, den Protest auf den Stra&#223;en zu einem   gem&#228;chlichen Ende zu bringen. Zwar gibt es hierf&#252;r keine Garantie, da   Eini und seine B&#252;rokratie nicht einfach den politischen Selbstmord   w&#228;hlen werden. Sie werden aber versuchen, ihr politisches &#220;berleben   trotz des vielf&#228;ltigen Drucks von Seiten der ArbeiterInnen, der   Konzernchefs und der eigenen Regierung zu sichern. Aus diesem Grund   unterst&#252;tzte die Histadrut-F&#252;hrung auch gerade erst einen recht   k&#228;mpferischen Streik der Bahnbesch&#228;ftigten. Auch wenn es f&#252;r diesen   Moment nicht die wahrscheinlichste aller M&#246;glichkeiten ist, so kann es   sein, dass die Gewerkschaftsb&#252;rokratie sogar dazu gebracht wird, zu   einem sp&#228;teren Zeitpunkt den Generalstreik auszurufen. Eine   Voraussetzung daf&#252;r ist nat&#252;rlich, dass die Bewegung nicht im August   schon abbr&#246;ckelt. Tnua&#180;t Maavak Sozialisti w&#252;rde es begr&#252;&#223;en, wenn der   Histadrut einen aktiven 24-st&#252;ndigen Warnstreik in Form eines   Generalstreiks ausrufen w&#252;rde. Wir rufen dazu auf, dass &#8211; wo immer   m&#246;glich &#8211; Arbeiterkomitees direkt in die Protestbewegung einbezogen   werden, um sich &#252;ber die Forderungen und m&#246;glichen n&#228;chsten Schritte der   Bewegung auszutauschen, wozu dann auch Arbeitsniederlegungen geh&#246;ren   sollten.<\/p>\n<h4>  <b>Israelisch-pal&#228;stinensischer Konflikt <\/b><\/h4>\n<p>  Von gro&#223;er Bedeutung ist es, dass auch einige Zelte von   arabisch-pal&#228;stinensischen Israelis aufgebaut wurden. Der Moment wurde   genutzt, um Forderungen nach angemessenem Wohnraum aufzustellen und sich   gegen die nationalistisch-rassistische Diskriminierung zu positionieren,   die n&#228;mlich die Grundlage daf&#252;r ist, dass die pal&#228;stinensische und   arabische Bev&#246;lkerung unter den schlimmsten Wohnungsproblemen in Israel   zu leiden hat. Dies geschieht trotz der Tatsache, dass viele der in   Israel lebenden Pal&#228;stinenserInnen der Meinung sind, es handele sich   nicht um &#8222;ihren&#8220; Protest. Teilweise ist das eine Reaktion auf die stark   im Vordergrund stehende Idee der &#8222;Einheit zwischen Linken und Rechten&#8220;,   die in der Praxis nur bedeutet, dass man keinen Widerstand gegen die   Besetzung leistet. Und so taucht die Sehnsucht nach Frieden momentan   noch nicht neben den Rufen nach &#8222;sozialer Gerechtigkeit&#8220; auf. Hemmend   hierbei wirkt auf gewisse Weise, dass der israelisch-pal&#228;stinensische   Konflikt der herrschenden Klasse dabei in die H&#228;nde gespielt hat,   vorhergegangene soziale Proteste abschw&#228;chen zu k&#246;nnen. Allerdings   handelt es sich bei jedem Ansatz, der die nationale Frage ignoriert um   eine gef&#228;hrliche Falle, eben weil dies der israelischen herrschenden   Klasse in die H&#228;nde spielt. Es hilft nur dabei, diese Aufst&#228;nde auf den   Bereich der Lebenshaltungskosten zu beschr&#228;nken und sie von den anderen   K&#228;mpfen in der Region &#8211; vor allem von dem der Pal&#228;stinenserInnen f&#252;r   B&#252;rgerrechte und Unabh&#228;ngigkeit &#8211; zu isolieren.<\/p>\n<p>  Bisher schlug jeder Versuch des herrschenden Establishments fehl, der   Bewegung die Legitimation abzusprechen. Einer der OrganisatorInnen im   Zentrum von Tel-Aviv ist in einem Video eines anonymen Internetusers der   extremen Rechten sogar daf&#252;r angegriffen worden, Mitglied von Tnua&#180;t   Maavak Sozialisti zu sein und diese Bewegung sei angeblich kontrolliert   und finanziert von einer linken Nichtregierungsorganisation. Aber so   lange diese Bewegung und diejenigen, die ihr zweifellos folgen werden,   keinen solidarischen Zugang zu den pal&#228;stinensischen Massen finden und   gegen die Besetzung und die Siedlungen auftreten, k&#246;nnte es unter   Umst&#228;nden zu einem scharfen Bruch kommen, sobald es zur neuerlichen   Eskalation des Konflikts zwischen Israel und den Pal&#228;stinenserInnen oder   aber Israel und den L&#228;ndern in der Region kommt. Die irref&#252;hrenden   Sicherheitswarnungen, die die israelische herrschende Klasse der   j&#252;dischen Bev&#246;lkerung gegen&#252;ber aussendet, werden dazu dienen, die   Bewegung aufzuspalten. Man versucht Teile der Bewegung dazu zu bringen,   den pal&#228;stinensischen Kampf zu unterdr&#252;cken, der im Begriff ist, in   n&#228;chster Zeit wieder loszubrechen.<\/p>\n<p>  Ein Warnsignal war bereits die Infiltrierung von rechtsextremen   Personen, die sich tarnen und an die Bewegung anhaften. Sie versuchen   Nationalismus zu entfachen, Werbung zu machen f&#252;r die j&#252;dischen   Siedlungen im Westjordanland und auf geh&#228;ssige Art und Weise Stimmung   gegen arabische Pal&#228;stinenserInnen, afrikanische Fl&#252;chtlinge und   ausl&#228;ndische ArbeiterInnen zu machen. Ein gemeinsamer Protestmarsch   arabischer und j&#252;discher Israelis aus verarmten Nachbarschaften aus dem   S&#252;den Tel-Avivs, Jaffa und anderen Orten wurde abgesagt, nachdem   Drohungen von den rechtsextremen Kahanisten kamen. Zelte, die in   Tel-Aviv von j&#252;dischen und arabischen Israelis gemeinsam aufgebaut und   organisiert wurden, sind physisch angegriffen worden. Von einer   Minderheit der radikaleren Schichten der Bewegung werden diese   rechtsextremen Elemente als Gefahr wahrgenommen, die sie rauszuwerfen   versuchen. So wurden zum Beispiel Zelte von Rechtsextremen abgefackelt.   Doch erfolgreich raushalten kann man diese Leute nur, wenn man sich der   Methoden des vereinten solidarischen Kampfes zwischen allen   Ausgebeuteten und Unterdr&#252;ckten bedient. J&#252;dinnen, Juden und   Pal&#228;stinenserInnen m&#252;ssen gemeinsam gegen Rassismus und die Besetzung   vorgehen. Bislang f&#252;hlte sich der Sprecher der Studierendenvereinigung   souver&#228;n genug, um die wichtigste Organisation der Siedler herzlich   daf&#252;r willkommen zu hei&#223;en, sich &#8222;den Protesten anzuschlie&#223;en&#8220;, auch   wenn er sich damit zum Erf&#252;llungsgehilfen der reaktion&#228;ren Kr&#228;fte macht.<\/p>\n<h4>  Sozialismus muss auf die Tagesordnung<\/h4>\n<p>  In einem Brief an den Premierminister wagten es einige namhafte   Kapitalisten, ihre Sympathie f&#252;r die Proteste auszudr&#252;cken und schamlos   davon zu sprechen, dass man sich um die Lebenshaltungskosten der   arbeitenden Menschen sorge. In Wirklichkeit f&#252;rchten die   Top-Industriellen, dass die Wut sich gegen die Herrschaft des Kapitals   richten wird. Kurz bevor die Bewegung aufkam, versuchten einige von   ihnen noch, Werbung f&#252;r ein Gesetz zu machen, dass ein &#252;blicher Terminus   f&#252;r Arbeitgeber in der Gesetzgebung verbieten sollte. W&#246;rtlich bedeutete   dieser, &#8222;die, die andere versklaven \/ arbeiten lassen&#8220;! Jetzt dr&#252;cken   sie hingegen wesentlich verzweifelter ihre Bereitschaft aus, den Kopf   von Netanjahu zu opfern, um das Feuer abzuhalten.<\/p>\n<p>  Netanjahu selbst unterliegt eindeutig der Hoffnung, entweder das   Gespenst der wirtschaftlichen Rezession f&#252;r sich zu nutzen oder die   bevorstehende UNO-Abstimmung &#252;ber die staatliche Anerkennung Pal&#228;stinas.   Er will irgendeinen Vorwand, um die Bewegung abzuschw&#228;chen &#8211; im Namen   der j&#252;disch-israelischen &#8222;nationalen Einheit&#8220;.<\/p>\n<p>  Die kapitalistischen Medien berichteten von Anfang an haupts&#228;chlich sehr   &#8222;sympathisierend&#8220; &#252;ber die Bewegung. Die Finanzzeitungen versuchten sie   darzustellen als eine Art Rebellion gegen die &#8222;Zentralisierung des   Marktes&#8220; und f&#252;r &#8222;mehr Wettbewerb&#8220; zwischen den Kapitalisten. Es handelt   sich hierbei um dieselben Organe, die sich &#252;ber Forderungen nach echten   Sozialreformen lustig machen.<\/p>\n<p>  Es ist offensichtlich, dass nicht wenige aus der kapitalistischen Klasse   die M&#246;glichkeit in Erw&#228;gung ziehen, das soziale Gewitter f&#252;r sich zu   nutzen und eine neue Koalitionsregierung ins Spiel zu bringen, die   glaubw&#252;rdiger darin w&#228;re, ihre eigenen geo-strategischen Interessen   durchzusetzen und die sozialen Unruhen zu befrieden. Das ginge freilich   sogar mit dem Feigenblatt einer neuen &#8222;sozialenn&#8220; politische Partei, die   aus dieser Bewegung heraus erwachsen w&#252;rde. Immerhin w&#252;rde eine solche   Partei laut Meinungsumfragen 90 Prozent der Befragten durchaus   ansprechen. Eine Partei, die aus der Bewegung heraus entstehen w&#252;rde,   k&#246;nnte laut einer Erhebung 20 der 120 Sitze im Parlament erringen und   damit zu einer der st&#228;rksten politischen Kr&#228;fte werden!<\/p>\n<p>  Dazu bestehen allerdings unterschiedliche Meinungen und nur wenige   w&#252;rden die Gr&#252;ndung einer solchen Partei zum jetzigen Zeitpunkt   unterst&#252;tzen. Das liegt an der allgemein herrschenden riesigen L&#252;cke,   die zwischen den momentan vorhandenen Erwartungen der ArbeiterInnen und   jungen Menschen nach radikalem Wandel und den konkreten Schritten und   Forderungen, die zur Zeit vorgebracht werden, besteht. Generell ist die   Vorstellung weiterhin die, das Beste, was man tun k&#246;nne sei, mit der   weiter an Zuspruch gewinnenden Mobilisierung f&#252;r die Bewegung   fortzufahren. Eine Initiative spricht in diesem Zusammenhang von der   M&#246;glichkeit, eine Demonstration mit einer Million Menschen am 3.   September auf die Beine zu stellen. Zwar haben viele ihre Zweifel, ob   das zu echten Ergebnissen f&#252;hren wird, um einen gr&#252;ndlichen Wandel zu   erreichen, sehen aber auch keinen anderen Weg. Mangels klarer   sozialistischer Alternative hegen viele nostalgische Gef&#252;hle gegen&#252;ber   dem Sozialstaat Israels vergangener Zeit, als die Arbeits- und   Lebensbedingungen weit mehr abgesichert waren. Aber auch mit diesem   vagen und im Endeffekt nicht realisierbaren Konzept, den israelischen   Kapitalismus &#8222;korrigieren&#8220; zu wollen, scheint nicht klar zu sein, welche   Schritte unternommen werden m&#252;ssen, um zumindest in dieser Richtung   voranzukommen.<\/p>\n<p>  Es ist offensichtlich, dass es wachsende Zustimmung f&#252;r Ans&#228;tze gibt,   die Streikaktionen favorisieren, die die Notwendigkeit einer &#8222;anderen&#8220;   Partei hervorheben, welche die Stimme des Kampfes sein muss, die die   indirekten Steuern drastisch gek&#252;rzt wissen wollen und die die   Notwendigkeit daf&#252;r sehen, dass die Regierung eingreifen muss, um   &#8222;bezahlbaren Wohnraum&#8220; zu schaffen. Bisher noch stehen die Forderungen   nach Verstaatlichung und f&#252;r energische Schritte gegen die Konzernherren   nicht im Mittelpunkt. Aus diesem Grund ersetzt Tnua&#180;t Maavak Sozialisti   zum Beispiel den popul&#228;ren Slogan &#8222;Die Antwort auf Privatisierung hei&#223;t   Revolution!&#8220; durch &#8222;Die Antwort auf Privatisierung hei&#223;t   Verstaatlichung!&#8220;. Einer der jungen Leute, die die Zeltaktionen im   Zentrum von Tel-Aviv organisieren, und der mehr oder weniger zuf&#228;llig zu   einem der f&#252;hrenden K&#246;pfe der Bewegung wurde, hat wieder und wieder   erkl&#228;rt, dass die L&#246;sung des Problems den &#8222;freien Markt&#8220; einbeziehen   muss und nicht im Gegensatz zum Kapitalismus steht.<\/p>\n<p>  Wenn auch weiterhin unklar ist, wie weit es gehen wird, so ist diese   gro&#223;artige Bewegung, diese fantastische Rebellion gegen die Herrschaft   des Kapitals in vielerlei Hinsicht nur der Anfang. Eine der gr&#246;&#223;ten   Errungenschaften, die die Bewegung bisher hervorgebracht hat, ist, dass   es mehr und mehr Interesse an wirklich sozialistischen und marxistischen   Ideen als ernsthafte L&#246;sung f&#252;r die gescheiterte Gesellschaft gibt.<\/p>\n<p>  Die j&#252;disch-israelischen und pal&#228;stinensischen Mitglieder von Tnua&#180;t   Maavak Sozialisti sind quasi rund um die Uhr in der Bewegung aktiv. Dazu   z&#228;hlt auch, dass wir Beitr&#228;ge zur Solidarit&#228;t zwischen j&#252;dischen und   pal&#228;stinensischen ArbeiterInnen und Jugendlichen machen sowie gegen die   Besetzung und f&#252;r Frieden (zum Beispiel durch den Slogan: &#8222;Die Antwort   auf das Teile-und-Herrsche: Auch mit der Besetzung muss Schluss sein!&#8220;).<\/p>\n<p>  Einer unserer neueren Genossen, der 12-j&#228;hrige Orr Akta, ist unterdessen   als &#8222;Kind der Revolution&#8220; zum Fernsehstar geworden. F&#252;r die etablierten   Medien ist er nur ein Kuriosum. Aber der Genosse erkl&#228;rt den Medien   gegen&#252;ber flie&#223;end die sozialistischen Ideen und macht Tnua&#180;t Maavak   Sozialisti einem breiteren Publikum bekannt. Alles in allem haben wir   zur Hauptsendezeit besondere Aufmerksamkeit erhalten.<\/p>\n<p>  Menschen aller Altersgruppen kommen in Kontakt mit sozialistischen Ideen   und wollen dar&#252;ber diskutieren. Dazu geh&#246;rt auch ein neunj&#228;hriger Junge,   der uns folgende Anfrage zuschickte, Mitglied zu werden: &#8222;Ich bin   Sozialist. Ich wei&#223; alles &#252;ber Sozialismus, mein Bruder hat&#180;s mir   beigebracht. Ich meine es ernst und komme zu den Demonstrationen&#8220;&#8230;.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Videos zur Bewegung: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PUiud4MKyt0&#038;feature=player_embedded\">hier   <\/a>und <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MBTJaieg-Rs&#038;feature=share\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#8222;Seht nur, wie &#252;berall die Erde bebt&#8230;&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14377"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14377"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14377\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14377"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14377"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14377"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}