{"id":14367,"date":"2011-08-05T00:00:00","date_gmt":"2011-08-04T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14367"},"modified":"2012-07-18T14:47:52","modified_gmt":"2012-07-18T12:47:52","slug":"14367","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/08\/14367\/","title":{"rendered":"Trotzki, sein M&#246;rder und russische Windhunde"},"content":{"rendered":"<p>  Leonardo Paduras neuer Roman: &#8222;Der Mann, der Hunde liebte&#8220;<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Liebe zu Hunden verbindet die verschiedenen Protagonisten im neuen   Buch des kubanischen Schriftstellers Leonardo Padura. Denn obwohl es den   Titel &#8222;Der Mann, der Hunde liebte&#8220; tr&#228;gt, geht es doch tats&#228;chlich um   drei M&#228;nner, die Hunde liebten: Leo Trotzki, seinen M&#246;rder Ram&#243;n   Mercader und den gescheiterten kubanischen Schriftsteller und   Ich-Erz&#228;hler Iv&#225;n. Letzterer st&#246;&#223;t in den 1970er Jahren zuf&#228;llig auf die   Geschichte von Ram&#243;n Mercader und seiner Tat &#8211; ein Tabuthema im Kuba   dieser Periode. Nachdem ihn diese Geschichte &#252;ber Jahrzehnte geradezu   verfolgt, entschlie&#223;t er sich in den 1990ern sie in einem Buch zu   verarbeiten.<\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic<\/i><\/h4>\n<p>  Paduras Buch ist ein Roman. Das darf man w&#228;hrend des Lesens nie   vergessen, denn die Geschichte handelt, zumindest zum Teil, von realen   Personen und Ereignissen. Es gibt also ein Spannungsverh&#228;ltnis zwischen   Realit&#228;t und Fiktion, worauf der Autor in seiner Nachbemerkung auch   wiederholt hinweist. Das f&#252;hrt zur gro&#223;en Schw&#228;che des Romans: denn   w&#228;hrend Padura die historischen Ereignisse von der Ausweisung Leo   Trotzkis aus der Sowjetunion 1928 bis zu seiner Ermordung im August 1940   weitgehend korrekt nachzeichnet, erfindet er einen Charakter und eine   Lebensgeschichte f&#252;r Mercader, welche eine Erkl&#228;rung daf&#252;r geben soll,   weshalb der stalinistische Geheimagent zu dem M&#246;rder wurde, der den   wichtigsten Widersacher Stalins und Verteidiger der   revolution&#228;r-demokratischen Tradition des Bolschewismus aus dem Leben   riss. Dies mag, da &#252;ber Mercaders Leben wenig bekannt ist, im Rahmen der   &#8211; nicht zuletzt von Trotzki immer wieder eingeforderten &#8211; Freiheit der   Kunst, legitim sein. Dass Padura aber au&#223;erdem immer wieder ein fiktives   Innenleben Leo Trotzkis schafft, das nicht durch Zitate oder   Zeugenaussagen zu belegen ist und an verschiedenen Stellen den von   Trotzki ver&#246;ffentlichten Positionen sogar widerspricht, macht aus der   Freiheit der Kunst ein Umschreiben der Geschichte.<\/p>\n<p>  Dies ist umso bedauernswerter, da es sich bei &#8222;Der Mann, der Hunde   liebte&#8220; um den ersten gro&#223;en Trotzki-Roman des 21. Jahrhunderts handelt   &#8211; und um ein durchaus lesenswertes Buch.<\/p>\n<p>  Der durch den Druck der b&#252;rokratischen Verh&#228;ltnisse gescheiterte   kubanische (Ex-)Schriftsteller Iv&#225;n lernt Mitte der 1970er Jahre   zuf&#228;llig einen alten Mann an einem Strand von Havanna kennen, als dieser   seine zwei russischen Windhunde, Borsois, ausf&#252;hrt. Der Mann, der sich   als Jaime Lop&#233;z vorstellt, vertraut ihm die Lebensgeschichte des Ram&#243;n   Mercader an. Ein hei&#223;es Eisen in der, an der Sowjetunion orientierten,   kubanischen Gesellschaft dieser Zeit, in der Trotzki eine Unperson war,   seine Schriften nicht &#246;ffentlich zug&#228;nglich waren und man schon f&#252;r   geringere Abweichungen von der Parteilinie als dem Trotzkismus Arbeits-   oder Studienplatz verlieren oder sich im Gef&#228;ngnis wiederfinden konnte.<\/p>\n<p>  Als Iv&#225;n versucht &#252;ber seinen Freund Dany an eine Trotzki-Biografie zu   kommen reagiert dieser entsetzt: &#8222;Was, zum Teufel, redest du da? Bist du   verr&#252;ckt geworden, Alter? S&#228;ufst Du wieder, oder was ist los, verdammt   noch mal?&#8220; Daraufhin entgegnet Iv&#225;n: &#8222;Erz&#228;hl keinen Schei&#223;, Dany. Ich   habe wirklich nicht vor, Trotzkist zu werden. Ich will nur wissen &#8230;   w-i-s-s-e-n, verstehst Du? Oder ist wissen jetzt auch verboten?&#8220; Danys   Antwort sagt viel &#252;ber die Zust&#228;nde in Kuba: &#8222;Aber du wei&#223;t doch, dass   Trotzki tabu ist.&#8220;<\/p>\n<p>  Padura selbst sagte in einem Interview, dass es in den 1970er, 1980er,   aber auch 1990er Jahren noch nicht m&#246;glich gewesen w&#228;re, dieses Thema in   einem Roman zu behandeln, wie er das nun machen konnte. Denn tats&#228;chlich   hat der Zusammenbruch der stalinistischen Staaten auch auf Kuba zu einer   geistigen &#214;ffnung gef&#252;hrt, die mehr Debatte und auch die Verlegung von   Trotzkis Schriften erm&#246;glicht hat.<\/p>\n<h4>  Kuba<\/h4>\n<p>  Der in Kuba spielende Teil des Romans ist in vielerlei Hinsicht der   aufschlussreichste und interessanteste. Iv&#225;n beschreibt, wie er als   erfolgreiches und aufstrebendes Schriftstellertalent aufgrund eines der   Parteib&#252;rokratie nicht genehmen Textes zur Arbeit in der Radiostation   einer Provinzstadt abgeschoben wird, wie ihn die permanente Angst vor   Repression vom Schreiben abbringt, wie sein Bruder aufgrund seines   Outings als Homosexueller von der Universit&#228;t fliegt und bei einem   Fluchtversuch ums Leben kommt und wie der Lebensstandard im Kuba der   1990er Jahre &#8211; die Sonderperiode nach dem Zusammenbruch der   Wirtschaftsbeziehungen mit der fr&#252;heren Sowjetunion &#8211; dramatisch in den   Keller ging und viele Menschen unter Mangelerscheinungen litten.<\/p>\n<h4>  Stalinismus und Trotzkismus<\/h4>\n<p>  Letztlich ist Paduras Buch eine Abrechnung mit dem Stalinismus. Aus drei   Perspektiven beschreibt er die Wirkung und Monstrosit&#228;t des   stalinistischen Systems. Dabei bringt Padura keinen platten   Antikommunismus zum Ausdruck, man sp&#252;rt die Verbundenheit des Autors zu   Kuba. Und doch ist seine Kritik am Stalinismus im Kern eine b&#252;rgerlich   Kritik am Sozialismus. Denn er versteht den Stalinismus als ein System,   das im Namen gro&#223;er Ideale verbrecherisch wurde und seine Verbrechen aus   der &#220;berzeugung f&#252;r h&#246;here Werte zu handeln ableitete. Padura schreibt   oft davon, dass die Stalinisten den Kommunismus pervertiert h&#228;tten.   Tats&#228;chlich hat die durch Stalin verk&#246;rperte herrschende B&#252;rokratenkaste   in der Sowjetunion den Sozialismus und Kommunismus aber verraten, ja   mehr: eine politische Konterrevolution gegen die durch die   Oktoberrevolution an die Macht gelangte Arbeiterklasse durchgef&#252;hrt, die   diese jeder demokratischen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben   beraubte. Es ist schade, dass gerade in einem Trotzki-Roman dessen   materialistische Analyse der Stalinisierung Russlands nicht wirklich   erfasst und wiedergegeben wird.<\/p>\n<p>  Paduras Blick wird im letzten Kapitel seines Buches deutlich, als er   einen Freund Iv&#225;ns sagen l&#228;sst: &#8222;&#8230;zum Teufel mit Trotzki, der in   seinem blinden Fanatismus und seiner Besessenheit, historisch zu sein,   nicht an die Existenz pers&#246;nlicher Trag&#246;dien glaubte, sondern nur an die   Ver&#228;nderungen von sozialen Epochen, die &#252;ber den Menschen stehen. Und   was ist mit den Menschen? Hat jemand von denen irgendwann einmal an die   Menschen gedacht? Haben sie mich gefragt, haben sie Iv&#225;n gefragt, ob wir   bereit waren, unsere Tr&#228;ume, unser Leben und alles andere   hintanzustellen, bis sich alles (&#8230;) in der historischen Erm&#252;dung und der   pervertierten Utopie aufl&#246;sen w&#252;rde?&#8220;<\/p>\n<p>  Dieses Zitat macht deutlich, dass Padura keinen qualitativen Unterschied   zwischen Trotzki und Stalin (bzw. den Stalinisten) sieht. Der Gedanke,   dass Trotzkis Opposition gegen den Stalinismus ein Kampf gegen die   Geister war, die er selbst herauf beschworen hat, zieht sich durch das   gesamte Buch. Damit stellt sich Padura in eine Linie verschiedenster   b&#252;rgerlicher und kleinb&#252;rgerlicher Autoren, wie zuletzt der britische   Trotzki-Biograph Robert Service, die eine direkte Linie vom   Bolschewismus zum Stalinismus ziehen und in der Diktatur des   Generalsekret&#228;rs und seinem Terrorregime die logische Konsequenz der   bolschewistischen Politik zu Lenins und Trotzkis Zeiten in den Jahren   w&#228;hrend und kurz nach dem B&#252;rgerkrieg zu erkennen glauben (wobei Padura   daf&#252;r, abgesehen von der Niederschlagung des Kronst&#228;dter Aufstands 1921   kaum konkrete Belege liefert).<\/p>\n<p>  Dieser Gedanke ist nicht neu. Neu ist nur, dass Padura ihn Trotzki   selber in den Kopf schreibt. So hei&#223;t es in einem der ersten Kapitel des   Buches, das sich mit Trotzki besch&#228;ftigt: &#8222;Auch wenn er es niemals   &#246;ffentlich zugeben w&#252;rde, beklagte er seit mehreren Jahren die Momente,   in denen er sich unabh&#228;ngig von den angestrebten Zielen von der Gewalt   hatte hinrei&#223;en lassen. (&#8230;) Auf seinen Schultern lastete die   Verantwortung daf&#252;r, Gewerkschaftsf&#252;hrer abgesetzt, die Demokratie   innerhalb der Arbeiterorganisationen abgeschafft und sie so in amorphe   Vereinigungen verwandelt zu haben, derer sich die B&#252;rokraten Stalins   jetzt nach Belieben bedienten, (&#8230;). Als Teil des Machtapparates hatte er   zur Ermordung der Demokratie beigetragen, die er aus der Opposition   heraus jetzt vehement forderte. Nicht weniger besch&#228;mend erschien ihm   seine Rolle bei der Niederschlagung des Matrosenaufstandes in Kronstadt   im unseligen M&#228;rz 1921. (&#8230;) In Kronstadt, dar&#252;ber war sich Lew   Dawidowitsch sehr wohl im Klaren, hatte die Revolution begonnen, ihre   Kinder zu fressen , und ihm war die traurige Ehre zuteilgeworden, den   Befehl zur Er&#246;ffnung des Banketts zu geben. Die Unerbittlichkeit, mit   der er &#8211; mit Lenins Unterst&#252;tzung &#8211; gehandelt hatte, mochte vielleicht   in jenen Jahren gerechtfertigt gewesen sein. Doch wenn er sein handeln   heute &#252;berdachte, musste er sich fragen, ob nicht auch er sich nach   Lenins Tod schamlos auf die Macht gest&#252;rzt hatte, im Begriff gewesen   war, sich in einen pseudo-kommunistischen Zaren zu verwandeln.&#8220; (Seite   77-79)<\/p>\n<p>  Wir haben an <a href=\"\/?p=12172\">anderer   Stelle<\/a> den Unterschied zwischen den formell antidemokratischen   Notma&#223;nahmen der bolschewistischen Regierung in Zeiten des B&#252;rgerkriegs   und der systematischen Zerst&#246;rung der Arbeiterdemokratie durch die   Stalinisten erkl&#228;rt. Ersteres waren vor&#252;bergehende Notmittel zur   Verteidigung des ersten und bis dahin einzigen Arbeiterstaates (und   damit die Aufrechterhaltung einer Perspektive auf sozialistische   Arbeiterdemokratie) angesichts eines brutalen B&#252;rgerkriegs und des   Einmarsches der imperialistischen Armeen zur Wiederherstellung des   Kapitalismus, letzteres war die eigenn&#252;tzige Machtkonzentration in den   H&#228;nden einer Minderheit von Partei- und Staatsfunktion&#228;ren, die   politische Konterrevolution gegen die Arbeiterdemokratie, zur Wahrung   und Vermehrung von Macht und materiellen Privilegien.<\/p>\n<p>  Zweifellos kann man im historischen Seminar eine Debatte dar&#252;ber f&#252;hren,   ob alle Ma&#223;nahmen der Bolschewiki, die in den Jahren des B&#252;rgerkriegs   und kurz danach die Demokratie eingeschr&#228;nkt haben, in dieser Form   notwendig waren, ob es Alternativen gegeben h&#228;tte und inwiefern diese es   der Machteroberung der stalinistischen B&#252;rokratie leichter gemacht   haben. Auch in der trotzkistischen Bewegung gab und gibt es dazu   Debatten (siehe Ernest Mandels Kapitel &#8222;1920-21: Die dunklen Jahre   Lenins und Trotzkis&#8220; in &#8222;Macht und Geld &#8211; eine marxistische Theorie der   B&#252;rokratie&#8220; und Daniel Behruzis &#8222;Sowjetunion 1917 &#8211; 1924, beides   ISP-Verlag). Und nat&#252;rlich hat Trotzki selber darauf hingewiesen, dass   Stalin bestimmte Ma&#223;nahmen, wie das 1921 ausgesprochene Fraktionsverbot   innerhalb der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), ausnutzen   konnte. Trotzki hat aber auch darauf hingewiesen, dass diese formell   gleichen Ma&#223;nahmen unter Stalin einen v&#246;llig anderen politischen Inhalt   hatten, wie unter Lenin. Und gerade hinsichtlich der Niederschlagung des   Kronst&#228;dter Matrosenaufstands hat Trotzki auch noch in den Jahren, die   Padura in seinem Roman beschreibt, viel Zeit und Energie darauf   verwendet, die Darstellung der Ereignisse, die Padura sich zu eigen   macht, zu widerlegen (siehe dazu Artikel von Leo Trotzki <a href=\"http:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1937\/11\/kronstadt.htm\">hier<\/a>   und <a href=\"http:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1938\/01\/kronstadt.htm\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>  Nicht diskutabel ist aber der Gedanke, Trotzki habe sich nach Lenins Tod   &#8222;genauso schamlos auf die Macht gest&#252;rzt&#8220;. Denn genau das hat er nicht   getan, da er sich bewusst war, dass es nicht um die Macht von Stalin   oder Trotzki geht, sondern dass Stalin und Trotzki unterschiedliche   politische Richtungen und auch soziale Interessen repr&#228;sentierten.   Deshalb hat Trotzki, der ehemals Kriegskommissar war, seinen enormen   Einfluss in der Roten Armee nicht ausgenutzt, um die Macht von Stalin   und seiner Fraktion zu brechen und darauf noch verzichtet, als   Antonow-Owsejenko, damals Chef der Politabteilung des Milit&#228;rrates   Sowjetrusslands, ihm den Gedanken eines milit&#228;rischen Putsches gegen   Stalin antrug. Trotzki war sich klar, dass er dadurch nur eine   Milit&#228;rb&#252;rokratie schaffen w&#252;rde, die unter den gegebenen   gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen eine &#228;hnliche Entwicklung nehmen w&#252;rde,   wie die stalinistische Parteib&#252;rokratie. F&#252;r ihn war der Schl&#252;ssel im   Kampf gegen Stalin die Basis der Partei und die Arbeiterklasse, die er   zu kritischem Denken und selbst&#228;ndigem Handeln bringen wollte.<\/p>\n<h4>  Demokratischer und b&#252;rokratischer Zentralismus<\/h4>\n<p>  Padura setzt auch das Organisationsprinzip der bolschewistischen Partei,   den demokratischen Zentralismus, mit der Struktur der stalinisierten   Kommunistischen Parteien in den drei&#223;iger Jahren und sp&#228;ter gleich. Doch   deren b&#252;rokratischer Zentralismus hatte mit dem lebendigen, von offenen   Debatten gepr&#228;gten Organisationsleben der Bolschewiki vor und nach der   Oktoberrevolution nichts gemein.<\/p>\n<p>  Ein Dialog zwischen Mercader und seinem direkten Vorgesetzten im   sowjetischen Geheimdienst ist hier vielsagend:<\/p>\n<p>  &#8222;Apropos, wie oft hast du in den letzten Tagen das Wort &quot;Gehorsam&quot;   geh&#246;rt?&#8220;<\/p>\n<p>  &#8222;Wei&#223; nicht, sehr oft.&#8220;<\/p>\n<p>  &#8222;Und du wirst es noch tausendmal h&#246;ren, weil es n&#228;mlich das wichtigste   Wort ist. Danach kommen Treue und Verschwiegenheit. Das ist die heilige   Dreieinigkeit, und du musst sie deinem Gehirn einh&#228;mmern.&#8220;<\/p>\n<p>  Diese Vasallentreue gegen&#252;ber den leitenden Strukturen in den   stalinistischen Parteien, letztlich gegen&#252;ber Moskau und dem dort   ans&#228;ssigen Generalsekret&#228;r, war den Bolschewiki fremd. Disziplin und   Einheit basierten im Bolschewismus nicht auf Gehorsam, sondern auf   politischer &#220;berzeugung in der offenen und demokratischen Debatte, auf   der Wahrheit und der Einsicht in die Notwendigkeit, aber eben der freien   und nicht der erzwungenen Einsicht. Betrachtet man die Debatten, die im   Jahr 1917 und in den ersten Jahren des jungen Arbeiterstaats in der   Partei stattfanden, wird das deutlich. Selbst Lenin musste sich im April   1917, nach seiner R&#252;ckkehr nach Russland, in langen und scharfen   Debatten gegen die gro&#223;e Mehrheit der F&#252;hrung der Partei mit seiner   Politik der Machteroberung durch die Arbeiter- und Soldatenr&#228;te   durchsetzen. Sinowjew und Kamenew, zwei der gro&#223;en K&#246;pfe der Partei,   sprachen sich gegen den Oktoberaufstand aus. Nach der Revolution gab es   offene und kontroverse Debatten zum Friedensschluss in Brest-Litowsk,   zur Strategie im B&#252;rgerkrieg, zur Gewerkschaftsfrage und zu vielem mehr.   Vergleicht man das mit der Vasallentreue, mit der die F&#252;hrungen der   kommunistischen Parteien Stalins Zick-Zacks nachvollzogen, bis hin zu   seinem Pakt mit Nazi-Deutschland, ist unschwer zu erkennen, dass   Bolschewismus und Stalinismus zwei grundverschiedene politische   Ph&#228;nomene waren (und sind).<\/p>\n<h4>  Trotzkis Ideen<\/h4>\n<p>  Padura gelingt es nicht das Denken und die politischen Ideen Trotzkis   umfassend darzustellen und zu erfassen. An einigen Stellen   misinterpretiert er ihn. Das gilt vor allem f&#252;r Trotzkis Vorschl&#228;ge zum   Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland. W&#228;hrend   Trotzki diesen Kampf als eine Form des Klassenkampfes verstand und eine   Arbeitereinheitsfront von KPD, SPD und anderen Arbeiterorganisationen   forderte, spricht Padura wiederholt davon, Trotzki habe der KPD ein   B&#252;ndnis mit den Linken und der &#8222;Mitte&#8220; bzw. &#8222;den Demokraten&#8220;   vorgeschlagen &#8211; also eine Politik, die die stalinisierten   Kommunistischen Parteien nach dem Desaster des 30. Januar 1933 und einer   der typischen pl&#246;tzlichen Wendungen der Moskauer B&#252;rokratie, nach dem   f&#252;nften Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1935, in Form   der so genannten Volksfrontpolitik angewendet hat. Genau diese Politik,   die den Kampf gegen den Faschismus nicht mehr als einen Klassenkampf   verstand und &#8211; wie Padura selber treffend beschreibt &#8211; zum Ausverkauf   der sozialen Revolution in Spanien durch die Kommunistische Partei   f&#252;hrte, bek&#228;mpfte Trotzki aber vehement.<\/p>\n<p>  Andere Fragen stellt Padura korrekt und interessant dar, zum Beispiel   Trotzkis Haltung f&#252;r die Freiheit der Kunst (und des K&#252;nstlers), die in   den Debatten mit dem franz&#246;sischen Surrealisten Andr&#233; Breton dargestellt   wird oder Trotzkis Haltung f&#252;r die Verteidigung der Sowjetunion gegen   imperialistische Aggressionen und sein Festhalten an der Idee, das   stalinistische Russland sei, trotz aller b&#252;rokratischer Entartungen,   aufgrund seiner wirtschaftliche (aus der Oktoberrevolution erwachsenen)   Basis weiterhin ein, wenn auch entarteter, Arbeiterstaat.<\/p>\n<p>  Die in dem Buch beschriebene Geschichte des Ram&#243;n Mercader ist eine   Geschichte der v&#246;lligen Selbstaufgabe f&#252;r eine vermeintliche Idee. Hier   versucht sich Padura in Psychologie und es gelingt ihm nur zum Teil eine   Erkl&#228;rung daf&#252;r zu finden, dass es M&#228;nner wie Ram&#243;n Mercader und Frauen   wie seine Mutter Caridad gab, die sich der stalinistischen Bewegung   v&#246;llig hingaben und jede Wendung des &#8222;gro&#223;en Steuermanns&#8220; entweder ohne   mit der Wimper zu zucken oder doch zumindest nur mit sehr kurzzeitigen   Zweifeln mitmachten. Jede psychologische Erkl&#228;rung muss jedoch zu kurz   fassen, wenn man die historische Situation nicht als Grundlage nimmt:   die tiefe Weltkrise des Kapitalismus seit 1929, der Siegeszug des   Faschismus in Italien und Deutschland, Verelendung und Klassenk&#228;mpfe auf   breiter Front &#8211; und die Existenz eines Staates, der erst wenige Jahre   zuvor das Joch von Zarismus, Gro&#223;grundbesitz und Kapitalismus   abgesch&#252;ttet hatte und sich als Verfechter der sozialistischen   Weltrevolution pr&#228;sentierte. Die aus der siegreichen Oktoberrevolution   und dem Erfolg im B&#252;rgerkrieg erwachsene Autorit&#228;t der Sowjetunion (und   damit der Kommunistischen Parteien und der Moskauer B&#252;rokratie) kann   kaum &#252;bersch&#228;tzt werden. Die Verteidigung der Sowjetunion, f&#252;r die ja   auch Trotzki &#8211; nur mit einer anderen Politik &#8211; eintrat, erschien als das   oberste Gebot f&#252;r jeden Kommunisten. Deshalb sind weitaus gr&#246;&#223;ere   K&#228;mpfer und Denker als Ram&#243;n Mercader vor Stalin eingeknickt und haben   den Kampf f&#252;r eine Arbeiterdemokratie in Russland aufgegeben.<\/p>\n<p>  Aber in der Person Mercader wird auch die Tragik der kommunistischen   Bewegung deutlich, die ihren kritischen Geist durch die Befolgung der   Order aus Moskau ersetzt hat und intellektuell, politisch und moralisch   verkam. Denn Mercader ist einerseits ja Kommunist, der eine andere,   gerechtere Ordnung herbeisehnt und bereit ist daf&#252;r in den Spanischen   B&#252;rgerkrieg zu ziehen und sogar sein Leben v&#246;llig in den Dienst dieser   Sache zu stellen. Und er ist doch auch kein Kommunist, nicht nur, weil   er an Stalin mehr glaubt als an alles andere auf der Welt, sondern weil   er sich die F&#228;higkeit der Kritik hat nehmen lassen, das unabh&#228;ngige   Denken, das Hinterfragen aufgegeben hat &#8211; und selbst, wenn ihm Zweifel   kamen, hat er diese weggewischt.<\/p>\n<p>  Der fiktive Mercader sagt nach seiner Entlassung aus dem Gef&#228;ngnis in   einem Gespr&#228;ch, dort habe er Trotzkis Schriften (Verratene Revolution   und Stalins Verbrechen) gelesen und wenn er diese vor seiner Tat gelesen   h&#228;tte, so h&#228;tte er diese nicht begangen. Das ist zu bezweifeln, hatte er   doch direkten Zugang zu Trotzki, konnte mit ihm Gespr&#228;che f&#252;hren und   selbst erfahren, dass an den Vorw&#252;rfen gegen ihn (faschistischer Agent   etc.) nichts dran war bzw. zumindest seine ihm gegen&#252;ber ge&#228;u&#223;erten   Positionen nicht darauf schlie&#223;en lie&#223;en, dass er auf den Spuren der   Wehrmacht eine Marionettenregierung in der UdSSR bilden wollte &#8211; was   Mercader durch seine Auftraggeber eingeh&#228;mmert wurde.<\/p>\n<p>  Die Begegnung von Ram&#243;n Mercader Jahre nach seiner Entlassung aus dem   Gef&#228;ngnis mit seinem ehemaligen Mentor im sowjetischen Geheimdienst (der   mittlerweile zwei S&#228;uberungen zum Opfer gefallen war und keine Rolle   mehr f&#252;r die sowjetischen Machthaber spielen durfte) ist wiederum ein   Glanzst&#252;ck des Buchs. Zwei ausgemusterte, aus zuf&#228;lligen Gr&#252;nden am   Leben gelassene, Schergen Stalins k&#246;nnen auf ihr verpfuschtes Leben   zur&#252;ck blicken. Mercader wird von Trotzkis Schrei, als er ihm den   Eispickel in den Kopf rammte, sein ganzes Leben lang verfolgt und auch   die Narbe, die Trotzkis Biss in seine Hand hinterlie&#223;, schmerzt immer   wieder. Sein Mentor, der viele Namen trug, ist zum Meister des Zynismus   geworden. Sie erkennen, dass sie von Stalin missbraucht wurden, dass sie   &#252;ber Trotzkis Absichten angelogen wurden. Sie bleiben aber Teil des   Systems, dessen T&#228;ter und Opfer sie beide waren und sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Leonardo Paduras neuer Roman: &#8222;Der Mann, der Hunde liebte&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14367"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14367"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14367\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}