{"id":14349,"date":"2011-07-08T00:00:00","date_gmt":"2011-07-08T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14349"},"modified":"2011-07-08T00:00:00","modified_gmt":"2011-07-08T00:00:00","slug":"14349","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/07\/14349\/","title":{"rendered":"Ein Jahr Massenproteste gegen Stuttgart 21"},"content":{"rendered":"<p>  Am Beginn eines neuen &#8222;hei&#223;en Sommers&#8220;<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Als die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 letztes Jahr Fahrt   aufnahm, &#8222;erhob Kanzlerin Angela Merkel den schw&#228;bischen Bahnhofsneubau   zur Schicksalsfrage&#8220; (DER SPIEGEL 27\/2011). Damit stilisierte sie die   Landtagswahl zu einer generellen Abstimmung &#252;ber Schwarz-Gelb hoch.   Zieht sich die Bundesregierung nun nach dem Wahldebakel aus dem Projekt   zur&#252;ck? Will der Bahn-Vorstand nur noch die Ausstiegskosten in die H&#246;he   treiben? Danach sieht es gegenw&#228;rtig &#252;berhaupt nicht aus. Die   baden-w&#252;rttembergische Landesvorsitzende des BUND, Brigitte Dahlbender,   meinte angesichts der forcierten Baut&#228;tigkeiten von R&#252;diger Grube und   Co.: &#8222;Wenn die Bahn so unbeeindruckt von allem weiterbaut, glaube ich,   dass uns ein hei&#223;er Sommer ins Haus steht.&#8220;<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm<\/i><\/h4>\n<p>  An der ersten Samstagsdemonstration nach dem Amtsantritt der   Kretschmann-Regierung nahmen &#8211; verglichen mit den Gro&#223;demos von   Zehntausenden &#8211; nur 7.000 S21-Gegner teil. Eine konjunkturelle   Erscheinung? Oder handelt es sich bei den j&#252;ngsten Protesten lediglich   um Nachhutsgefechte? Die beste Beteiligung an einer Montagsdemonstration   seit etlichen Wochen am 20. Juni &#8211; die erste Montagsdemo nach der   offiziellen Wiederaufnahme der Bauarbeiten durch die Deutsche Bahn AG &#8211;   spricht eine andere Sprache. Und die anschlie&#223;ende Besetzung der   Baustelle vom Grundwassermanagement durch 1.500 Montagsdemo-Teilnehmer,   darunter RentnerInnen und Familien mit Kindern, dr&#252;ckt den wachsenden   Drang aus, den Bauherren aktiv in die Parade zu fahren. Der ehemalige   Chefreporter der Stuttgarter Zeitung, Josef-Otto Freudenreich, schrieb   am 24. Juni in &#8222;KONTEXT&#8220; enthusiastisch: &#8222;Seit Montag, den 20. Juni 2011   liegen die Dinge anders. Was viele nicht mehr geglaubt haben: Die   Bewegung lebt, die Gegner sind zur&#252;ck.&#8220;<\/p>\n<p>  Aber welche Wirkung hat die Hysterie des b&#252;rgerlichen Bl&#228;tterwaldes &#252;ber   angebliche &#8222;Randale&#8220; auf die Bev&#246;lkerung? Kommt es zu einer Spaltung der   S21-Gegnerschaft? Welche Konsequenzen hat die Regierungsbeteiligung der   Gr&#252;nen?<\/p>\n<h4>  Eine Stadt in Aufruhr<\/h4>\n<p>  Vor gut einem Jahr, am 12. Juni 2010, startete nicht nur Argentinien mit   Diego Maradona in die Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft. An jenem Samstag fanden   auch zwei &#252;berregionale Demonstrationen unter der Losung &#8222;Wir zahlen   nicht f&#252;r Eure Krise&#8220; statt, eine in Berlin, eine in Stuttgart. Beim   Protest im S&#252;dwesten ereignete sich seinerzeit Ungew&#246;hnliches. Damit   sind nicht die 20.000 TeilnehmerInnen gemeint; das war beachtlich, aber   im Rahmen der Erwartungen. Auch dass gewerkschaftliche Kr&#228;fte im Vorfeld   den Redebeitrag eines SPD-Landeschefs durchsetzten, war nichts   Einmaliges. Ebenso der Umstand, dass dieser Pfiffe und Buhrufe   provozierte &#8211; auch das hatte man schon h&#228;ufig erlebt. Nein, es war etwas   anderes, was denkw&#252;rdig war: Jener Claus Schmiedel wurde nicht von   Hunderten, sondern von Tausenden erbarmungslos niedergeschrien. Nicht   nur linke AktivistInnen geh&#246;rten zu denen, die regelrecht in Rage   gerieten, sondern eine gro&#223;e Zahl von StuttgarterInnen. Als auf dem   Schlossplatz ein ohrenbet&#228;ubender L&#228;rm einsetzte, erkundigte sich bei   mir damals ein &#228;lterer Passant mit Gehstock: &#8222;Sagen Sie mal, was ist   denn da los?&#8220; Und fragte dann von sich aus: &#8222;Ist das etwa ein SPDler,   der da schw&#228;tzt?&#8220; Als ich ihm das best&#228;tigte, wich sein Verwunderung.   Jeder, der als Ausw&#228;rtiger diesen Proteststurm gegen einen Protagonisten   des Stuttgart-21-Vorhabens erleben durfte, konnte ahnen, dass sich am   Neckar etwas zusammenbraute, was an St&#228;rke und Breite so manche fr&#252;heren   Proteste gegen Gro&#223;projekte bei weitem in den Schatten stellen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Nach jenem 12. Juni gingen am 10. Juli erneut 20.000 Menschen auf die   Stra&#223;e &#8211; diesmal zur zweiten landesweiten Demonstration gegen das   geplante Milliardengrab. Schon in den Vormonaten und Vorjahren hatte es   einzelne Mobilisierungen von mehreren tausend Stuttgart-21-Gegnern   gegeben, darunter eine Menschenkette von 4.000 im Oktober 2008. Von   November 2009 an zog man an den Montagen zum Bahnhof, erst zu Dutzenden,   dann zu Hunderten, schlie&#223;lich waren es &#252;ber Monate hinweg an die 3.000.   Am 24. April 2010 demonstrierten erstmals 20.000<\/p>\n<p>  Am Montag, den 26. Juli sandte der Widerstand einen deutlichen   Warnschuss an die S-21-Mafia ab: W&#228;hrend der gew&#246;hnlichen Montagsdemo   besetzten 55 Protestierer den Nordfl&#252;gel des Hauptbahnhofs &#8211; eine   Aktion, die damals viel Beifall fand. Am Ende der gleichen Woche setzte   dann eine qualitative Zuspitzung des Konflikts ein: Als in der Nacht von   Freitag auf Samstag beim Nordausgang ein Bauzaun aufgestellt wurde,   kamen dort in kurzer Zeit 5.000 zu einer Sitzblockade zusammen. Am   Wochenende ging es dann hoch her: Spontandemos, St&#252;rmung des Rathauses,   &#220;bertreten der Bannmeile vor dem Landtag. Schon eine Woche sp&#228;ter   konstatierte Achim W&#246;rner in der Stuttgarter Zeitung: &#8222;Einen derart   intensiven Protestmarathon hat es in der Geschichte Stuttgarts noch   nicht gegeben. Fast t&#228;glich und mit ungeahnter Verve deklamieren dieser   Tage mal Hunderte, mal ein paar Tausend B&#252;rger gegen Stuttgart 21.&#8220; Am   Freitag abend, den 13. August waren es dann bereits 20.000   StuttgarterInnen, die stundenlang durch die Stadt bis zum Marktplatz   zogen.<\/p>\n<p>  Als die Bahn am 25. August ernst machte und tats&#228;chlich mit dem Abriss   des Seitenfl&#252;gels begann, gab es kein Halten mehr. Zehntausende legten   f&#252;r Stunden die Innenstadt lahm, sogar Z&#252;ge wurden blockiert.<\/p>\n<h4>  Solch ein Proteststurm &#8211; warum ausgerechnet in Stuttgart?<\/h4>\n<p>  Ein Faktor f&#252;r das Ausma&#223; der Gegenwehr ist sicherlich das Ausma&#223; dieses   Projektes: Kosten im zweistelligen Milliardenbereich, Aussicht auf eine   Dauerbaustelle in der Innenstadt, Zerst&#246;rung der &#8222;gr&#252;nen Lunge&#8220; der   Stadt und die Gef&#228;hrdung der zweitgr&#246;&#223;ten Mineralquellen Europas.   Trotzdem kam zu diesem &#8222;objektiven&#8220; auch ein bedeutsamer &#8222;subjektiver&#8220;   Faktor hinzu: Schon Mitte der neunziger Jahre hatte sich ein Kreis von   AktivistInnen gefunden, der &#252;ber anderthalb Jahrzehnte hinweg   unerm&#252;dlich vor den Folgen dieses gigantomanischen Projektes warnen   sollte. Dies stellt eine nicht zu untersch&#228;tzende Lehre f&#252;r den   Widerstand gegen k&#252;nftige Vorhaben der Herrschenden dar: Es macht einen   erheblichen Unterschied, ob die Bewegung entschlossen ein Thema besetzt   und &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum in der Bev&#246;lkerung beharrlich   Aufkl&#228;rungsarbeit leistet.<\/p>\n<p>  Eminent wichtig war zudem, dass ein Teil der Protestbewegung fr&#252;hzeitig   vor eine Beschr&#228;nkung auf rein symbolische Formen der Gegenwehr warnte.   So wurden bald Diskussionen &#252;ber &#8222;zivilen Ungehorsam&#8220;, &#252;ber   Park-Besetzungen und Blockadeaktionen ermutigt. Das widerspiegelte sich   bei dem Zulauf f&#252;r die &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220;, die im letzten Herbst bereits   20.000 (heute &#252;ber 32.000) Unterst&#252;tzerInnen z&#228;hlten. Als bei der   Kundgebung am 18. September vergangenen Jahres der sogenannte   Aktionskonsens der &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220; verlesen wurde, gab es frenetischen   Zuspruch f&#252;r den Satz: &#8222;Gesetze und Vorschriften, die nur den   reibungslosen Projektablauf sch&#252;tzen, werden wir nicht beachten.&#8220; Auch   die von SAV-Mitgliedern mitinitiierte &#8222;Jugendoffensive gegen S21&#8220; hatte   mit der Vorbereitung des Sch&#252;lerstreiks und der Thematisierung von   Streikma&#223;nahmen Anteil daran, dass viele S21-Gegner Bauma&#223;nahmen nicht   nur kritisieren, sondern real be- und verhindern wollen.<\/p>\n<p>  Die Offenheit gegen&#252;ber radikaleren Kampfformen geht im Mittleren   Neckarraum mit einer gewissen politischen Radikalisierung einher. Das   galt im &#252;brigen nicht erst seit dem 30. September, dem &#8222;schwarzen   Donnerstag&#8220;, als die schwarz-gelbe Landesregierung die Polizei anwies,   mit rabiater H&#228;rte den Schlossgarten zu r&#228;umen, um mit der Baumrodung zu   beginnen. Bereits im von der Stuttgarter Zeitung am 4. August 2010   ver&#246;ffentlichten &#8222;Leserforum&#8220; wird in den Beitr&#228;gen aufgrund der hier   gesammelten Erfahrungen die Unabh&#228;ngigkeit der Justiz bezweifelt, das   Vorgehen des Polizeiapparates problematisiert und von einer   &#8222;parlamentarischen Diktatur&#8220; gesprochen. Der Begriff &#8222;L&#252;genpack&#8220; ist in   den schw&#228;bischen Sprachschatz aufgenommen worden und steht f&#252;r den Filz   von Politikern, Bahn-Vorstand, Banken-Chefs, Immobilienhaien und   Gro&#223;unternehmern (vorrangig aus der Automobilindustrie).<\/p>\n<p>  Der damalige CDU-Ministerpr&#228;sident Stefan Mappus und seine Ministerriege   zielten mit der Polizeibrutalit&#228;t am 30. September darauf ab, die   Bewegung massiv einzusch&#252;chtern und ihr damit einen entscheidenden   Schlag zu versetzen. Das ging gr&#252;ndlich daneben. Die Ereignisse des 30.   September katapultierten den Protest auf eine neue Stufe: pl&#246;tzlich   waren 100.000 Menschen &#8211; fast jeder f&#252;nfte Stuttgarter &#8211; auf den Beinen.   Der Kampf um Stuttgart 21 wurde bundesweit ein Beispiel f&#252;r Widerstand   gegen Gro&#223;projekte (und schaffte es sogar ins Micky-Maus-Heft&#8230;).<\/p>\n<p>  Auf die Massendemonstrationen folgte im Sp&#228;therbst die &#8222;Schlichtung&#8220;   unter Heiner Gei&#223;ler (CDU). Zwar wurde der Protest erstmal   runtergekocht. Aber zu den drei Samstagsdemonstrationen vor der   Landtagswahl kamen erneut 40.000 bis 60.000 TeilnehmerInnen. Am   Wahlabend feierten Zehntausende in ausgelassener Stimmung. Die Gr&#252;nen   r&#228;umten bekanntlich gerade in Stuttgart ab, holten drei von vier   Direktmandate und konnten zum erstenmal in einem Bundesland den   Ministerpr&#228;sidentenposten ergattern.<\/p>\n<p>  Bei der Gro&#223;demo von 50.000 am 11. Dezember mit &#252;berregionaler   Beteiligung lautete das Motto: &#8222;Stuttgart ist &#252;berall&#8220;. In der Tat l&#228;sst   sich der Proteststurm im L&#228;ndle nicht mit dem vermeintlichen Geiz der   Schwaben erkl&#228;ren, die sich erbost dar&#252;ber zeigen, dass Steuermilliarden   hirnrissig verbuddelt werden sollen. Nein, der Protest fu&#223;t auf einer   allgemeinen Wut gegen &#8222;die da oben&#8220; &#8211; gen&#228;hrt vom Unmut dar&#252;ber, dass in   der Stadt mit den meisten Million&#228;ren Deutschlands jedes siebte Kind in   Armut aufw&#228;chst. Gen&#228;hrt aber auch ganz allgemein vom Frust &#252;ber Agenda   2010, Bildungsk&#252;rzungen, Umweltzerst&#246;rung, abgehobene Politiker, bei   gleichzeitigen Geschenken f&#252;r Banken und Konzerne. In dieser Hinsicht   kann Stuttgart &#252;berall sein. Dass es aber gerade in der   Schwabenmetropole knallte, ist das Resultat spezieller zus&#228;tzlicher   Faktoren.<\/p>\n<h4>  &#8222;Sie wissen, was sie tun&#8220;<\/h4>\n<p>  Am Freitag, den 17. Juni 2011 prosteten der &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220;-Sprecher   Matthias von Hermann und weitere Mitstreiter einander mit Sektgl&#228;sern   zu. Sie feierten das &#8222;Phantom-Loch&#8220; beim Planetarium und meinten damit   den dort im Rahmen der S21-Bauarbeiten geplanten Abwasserkanal, an den   sich nach wie vor angeblich keine Baufirma rantraut. Damit verwiesen   sie, wie des &#246;fteren in der letzten Zeit, auf die dem gesamten Vorhaben   zu Grunde liegenden eklatanten Widerspr&#252;che, die schlie&#223;lich zum   Scheitern des Projektes f&#252;hren w&#252;rden. An diesem sp&#228;ten Freitag   nachmittag stellten sich zur gleichen Zeit 50 Blockierer Baufahrzeugen   entgegen, die &#252;berraschend gr&#246;&#223;erere Mengen Rohre f&#252;r das   Grundwassermanagement transportierten. Nat&#252;rlich geh&#246;ren die   &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220; zu den zentralen und verl&#228;sslichen Aktivposten des   S21-Widerstands. Aber es ist f&#252;r den Aufbau der Bewegung wenig dienlich,   permanent zu beteuern, dass Stuttgart 21 schon aufgrund der eigenen   Unzul&#228;nglichkeiten Schiffsbruch erleiden m&#252;sse. Der stern-Reporter Arno   Luik hat Recht, wenn er sagt: &#8222;Sie wissen, was sie tun, und sie tun es   trotzdem.&#8220;<\/p>\n<p>  Zweifellos hat die Bewegung schon einige Punktsiege verbuchen k&#246;nnen.   Offensichtlich br&#246;ckelt die S21-Front. Mappus, seine Umweltministerin   Tanja G&#246;nner und das schwarz-gelbe Kabinett wurden bei der Landtagswahl   abserviert. Im konservativen Lager tun sich Zweifel auf, so bedauerte   Leo Klimm in der &#8222;Financial Times Deutschland&#8220; vom 7. Juni, dass Grube   den Baustopp nicht nutzte, &#8222;um elegant und einvernehmlich aus einem   Projekt auszusteigen, das sein Geld nicht wert ist&#8220;. Au&#223;erdem rollten   einige K&#246;pfe: so Udo Andriof (CDU), als Sprecher des   S21-Kommunikationsb&#252;ros (lange vor ihm hatte ja schon Wolfgang Drexler   von der SPD als &#8222;Mister 21&#8220; kapitulieren m&#252;ssen), Michael F&#246;ll als   CDU-Kreisvorsitzender, Siegfried Stumpf als Stuttgarter Polizeipr&#228;sident   und Mitte Mai nun auch Hany Azer, immerhin der Gesamtleiter des Projekts.<\/p>\n<p>  Allerdings zeigt der Fall Azer auch, dass die Bahn-Spitze eisern an   Stuttgart 21 festhalten will. Offiziell wurde Azers R&#252;cktritt mit   &#8222;pers&#246;nlichen Anfeindungen bis hin zu Drohungen&#8220; begr&#252;ndet. Die mag es   gegeben haben, aber wohl eher seitens des inneren S21-Zirkels als durch   die S21-Gegner. So schildert Arno Luik im &#8222;stern&#8220; 23\/2011 von einem   Krisengipfel der S21-Entscheidungstr&#228;ger am Freitag, den 13. Mai &#8211;   nachdem die von Azer in Auftrag gegebene Studie &#8222;Chancen und Risiken&#8220;   potenzielle Mehrkosten von 1,264 Milliarden Euro erwarten lie&#223;: &#8222;Nach   einer Stunde soll Azer an jenem Freitag aus dem Konferenzraum gewiesen   worden sein. Er habe, so der Insider, &#8222;auf stur gestellt&#8220;, der &#8222;Versuch,   mit ihm zu reden&#8220;, habe nicht geklappt.&#8220;<\/p>\n<p>  Der offiziell verl&#228;ngerte Baustopp bis zur Wahl des neuen   Ministerpr&#228;sidenten ist nicht das Produkt eines Sinneswandels seitens   Grubes. Ihm war nur klar, dass er nach Landtagswahl und   Regierungswechsel so etwas wie eine &#8222;Charmeoffensive&#8220; starten musste.   Aber das hielt er nicht lange durch; l&#228;ngst wirft er den Gr&#252;nen   &#8222;Volksverdummung&#8220; vor. Ein Angeh&#246;riger des Bahn-Vorstands soll davon   gesprochen haben, dass nur &#8222;b&#252;rgerkriegs&#228;hnliche Zust&#228;nde&#8220; das Projekt   kippen k&#246;nnten.<\/p>\n<p>  Und auch die Bundesregierung lie&#223; Winfried Kretschmann abblitzen, als er   am 3. Juni in Berlin Klinken putzen ging und von Bundesverkehrsminister   Peter Ramsauer (CSU) eine Verl&#228;ngerung des Baustopps erbetteln wollte.   &#8222;Stuttgart 21 darf nicht sterben &#8211; so lautete die Botschaft f&#252;r den   gr&#252;nen Hauptstadtbesucher.&#8220; DER SPIEGEL sieht in seiner Ausgabe 23\/2011   aber noch einen weiteren Grund f&#252;r die Haltung der Merkel-Regierung:   &#8222;Der Untergrundbahnhof in Baden-W&#252;rttemberg erf&#252;llt f&#252;r Union und FDP   l&#228;ngst einen Zweck, der &#252;ber Verkehrspolitik hinausgeht. Die Berliner   Koalition will das umstrittene Bahnprojekt auch nutzen, um die   Durchhaltef&#228;higkeit der neuen Regierung in Stuttgart zu testen.   Stuttgart 21 soll zum Stresstest f&#252;r Gr&#252;n-Rot werden.&#8220;<\/p>\n<p>  Neben DB-Vorstand und Bundesregierung bleiben auch die S21-Drahtzieher   in der Industrie stur. Der Tunnelbohrer Herrenknecht, der die   S21-Parteien CDU und SPD im Jahr 2009 reichlich beschenkt hatte, drohte   j&#252;ngst mit einer Verlagerung seines Firmensitzes. Warum sollte die   S21-Mafia auch von dem Projekt abr&#252;cken, haben sie doch jahrelang   daraufhin gearbeitet. V&#246;llig abwegig, darauf zu hoffen, dass die   Profiteure freiwillig auf den &#8222;Transfer von zehn Milliarden Steuergelder   in private Kassen&#8220; (wie es der Schriftsteller Wolfgang Schorlau treffend   formulierte) verzichten k&#246;nnten.<\/p>\n<p>  Dar&#252;ber hinaus w&#228;re aus ihrer Sicht ein Scheitern von Stuttgart 21 ein   fatales bundesweites Signal: Der Widerstand gegen das b&#252;rgerliche   Establishment bek&#228;me Aufwind. Anderswo k&#246;nnte man sich ermutigt f&#252;hlen,   den StuttgarterInnen nachzueifern.<\/p>\n<h4>  &#8222;Nai h&#228;mmer g&quot;sait&#8220; (Parole der Wyhler Anti-AKW-Bwegung der 1970er Jahre)<\/h4>\n<p>  Nach dem Wahlsonntag vom 27. M&#228;rz ging die Beteiligung an den   Demonstrationen gegen Stuttgart 21 deutlich zur&#252;ck. Allerdings w&#228;re es   verk&#252;rzt, nur beschr&#228;nkt die Monate April bis Juni zu betrachten und   daraus s&#228;mtliche Schl&#252;sse f&#252;r den weiteren Verlauf der   Auseinandersetzung ziehen zu wollen. Wie jede reale Bewegung (also ein   Protest, der sich nicht auf vereinzelte Demonstrationen oder &#228;hnliches   reduziert, sondern breitere Teile der Gesellschaft erfasst und   nachhaltig genug ist, l&#228;ngere Zeit anzudauern) vollzieht sich auch der   Konflikt um Stuttgart 21 als Prozess, der in mehreren Phasen &#8211; mit   verschiedenen Aufs undf Abs &#8211; von statten geht.<\/p>\n<p>  Seit die Massenbewegung vor einem Jahr Gestalt annahm, l&#228;sst sich die   Bewegung in vier Phasen unterteilen. Die erste Phase markiert den   st&#252;rmischen Aufschwung der Proteste von Sommer bis Herbst 2010, die nach   dem 30. September eskalierten und die Gro&#223;demos auf 100.000   TeilnehmerInnen anwachsen lie&#223;en. Die zweite Phase war die Zeit der   &#8222;Schlichtung&#8220;, in der die Live-&#220;bertragungen der Schlichtungsgespr&#228;che   zwar einen Effekt auf die politischen Debatten in der Stadt hatten, die   Bewegung jedoch runtergekocht wurde; zudem wurde vielen mit dem   Schlichterspruch zun&#228;chst Sand in die Augen gestreut, schlie&#223;lich   dachten nicht wenige tats&#228;chlich, dass sich beide Seiten nun auf   &#8222;Stuttgart 21 plus&#8220; (was &#8222;wie ein Staubsauger oder ein Kloreiniger   klinge&#8220;, wie Theaterregisseur Volker L&#246;sch ver&#228;chtlich anmerkte)   verst&#228;ndigt h&#228;tten. Die dritte Phase fiel mit dem Landtagswahlkampf im   ersten Vierteljahr 2011 zusammen, in der sich die Bewegung von den   Tricksereien der Schlichtung wieder erholte und bis zur   Samstagsdemonstration am 19. M&#228;rz erneut auf 60.000 hochschnellte. Die   vierte Phase, die Monate April bis Juni, waren von der gr&#252;n-roten   Regierungsbildung, Erwartungen vieler in die Gr&#252;nen und dem offiziell   verl&#228;ngerten Baustopp der Bahn gepr&#228;gt.<\/p>\n<p>  In den Wochen vor der Landtagswahl wurde auf den Demos immer   vorgerechnet, wie oft man noch schlafen m&#252;sse, bis Wahltag und   Regierungswechsel erreicht seien. Obwohl die SPD ja zu den entschiedenen   S21-Bef&#252;rwortern z&#228;hlt, schwang bei einem gro&#223;en Teil der   DemonstrantInnen die Hoffnung mit, &#252;ber den Wahlausgang das Projekt   besiegen zu k&#246;nnen. Am 4. Mai erkl&#228;rte Gangolf Stocker, S21-Gegner der   ersten Stunde, laut Stuttgarter Zeitung: &#8222;Stuttgart 21 wird nicht mehr   gebaut.&#8220;<\/p>\n<p>  Bei vielen setzte sich eine abwartende Haltung durch. Es wurde aber auch   nicht die Notwendigkeit gesehen, den Widerstand zu intensivieren.   Schlie&#223;lich fanden keine gr&#246;&#223;eren (und spektakul&#228;reren) Baut&#228;tigkeiten   statt, vor allem wurden Rohre f&#252;r das Grundwassermanagement (GWM)   angeliefert und die Entkernung des S&#252;dfl&#252;gels fortgesetzt. Ma&#223;nahmen,   die irreversible Sch&#228;den verursachten, fanden ein dreiviertel Jahr (seit   dem Abriss des Nordfl&#252;gels und dem Abholzen der Schlossgarten-B&#228;ume   sowie einzelner weiterer B&#228;ume am Nordausgang) nicht statt (bis auf das   Entfernen von B&#228;umen am Nordfl&#252;gel im Februar, die offiziell nicht   gef&#228;llt, sondern verpflanzt wurden).<\/p>\n<p>  Bemerkenswert ist viel mehr, dass im Fr&#252;hjahr dennoch w&#246;chentlich   Tausende zu den Montagsdemos kamen. Vor allem hielt die Politisierung   an: So str&#246;mten &#252;ber 500 Menschen zu einer Veranstaltung mit Arno Luik   vom &#8222;stern&#8220; am 20. April ins Rathaus, Hunderte kamen zum Widerstandscamp   vom 21. bis 24. Mai (beim Auftritt von Konstantin Wecker im Zirkuszelt   waren 800 G&#228;ste), 3.000 f&#252;llten den Marktplatz bei der ersten   &#8222;B&#252;rgerversammlung&#8220; mit Winfried Kretschmann, 150 waren bei einer   Veranstaltung der Cannstatter Initiative gegen S21, 200 bei einer   sonnt&#228;glichen Begehung des Rosensteinparks (wegen der Mineralquellen).   Auch bei der Gemeinderat-Sitzung zum B&#252;rgerbegehren ging es hoch her,   die Besucherempore war brechend voll. Au&#223;erdem rennen viele in das neue   S21-Theaterst&#252;ck von Volker L&#246;sch &#8222;Metropolis&#8220;.<\/p>\n<p>  Neben der anhaltenden Politisierung ist auch die Bildung neuer   Strukturen zu verzeichnen. So wurde der Parksch&#252;tzer-Rat geschaffen.   Mehrere Schwabenstreich-Gruppen, gerade im Stuttgarter Westen,   verst&#228;rkten ihre Aktivit&#228;ten (die Schwabenstreich-Gruppe   &#8222;Gau&#223;stra&#223;e\/Zeppelinstra&#223;e&#8220; bereitet zu ihrem 300. Schwabenstreich am   23. Juli ein Stra&#223;enfest vor).<\/p>\n<p>  In diesen verhalteneren Fr&#252;hlingsmonaten zeigte sich aber auch noch   etwas anderes: das Potenzial f&#252;r gr&#246;&#223;ere Blockadeaktionen. So   beteiligten sich an der l&#228;nger angek&#252;ndigten Blockade im Anschluss an   das Widerstandscamp 1.500 Menschen. Der Redebeitrag f&#252;r das Camp bei der   Montagsdemo wurde mit viel Applaus quittiert (im &#252;brigen ein Novum, dass   auf der Montagsdemo in einer Rede die Blockaden direkt thematisiert   wurden). Am Dienstag nach Pfingsten blockierten wiederum 300 Personen,   darunter Hannes Rockenbauch (Sprecher des Aktionsb&#252;ndnisses) die   Baustelle vom Grundwassermanagement. Auch die sogenannten &#8222;Unternehmer   gegen Stuttgart 21&#8220; f&#252;hrten eine medienwirksame Blockade durch (so lie&#223;   man sich in Anzug und Krawatte von Polizisten wegschleppen), an der sich   80 aktiv beteiligten und weitere Hunderte zus&#228;tzlich vor Ort waren.   &#220;brigens handelt es sich bei diesen &#8222;Unternehmern&#8220; einfach um   Freiberufler, oft um kleine Selbst&#228;ndige, Handwerker und andere. Weitere   &#8222;Motto&#8220;-Blockaden sind geplant. Darunter auch eine vom emeritierten   Berliner FU-Professor Peter Grottian initiierte &#8222;Prominienten-Blockade&#8220;   f&#252;r Mitte Juli.<\/p>\n<p>  Bei der Wertung der Teilnehmerzahlen muss eines beachtet werden: Im   Fr&#252;hjahr wurden, wie bereits ausgef&#252;hrt, keine gr&#246;&#223;eren Bauanstrengungen   unternommen. Manchmal war das schon traditionell an den Dienstagen   stattfindende Blockierer-Fr&#252;hst&#252;ck blo&#223; &#8222;Trockenschwimmen&#8220;, meistens   konnten aber Liefertransporte f&#252;r ein paar Stunden verz&#246;gert werden.   R&#252;diger Soldt in der FAZ vom 15. Juni sah f&#252;r die kommenden Monate drei   Szernarien als vorstellbar an: &#8222;Die Proteste nehmen bis zur   Ver&#246;ffentlichung des Stresstests am 14. Juli und auch danach an   Heftigkeit zu und die Bahn entscheidet sich, den Bahnhof nicht gegen so   massiven Widerstand zu bauen.&#8220; Als &#8222;zweite M&#246;glichkeit&#8220; sieht Soldt,   &#8222;dass es tats&#228;chlich zu einer Volksabstimmung kommt und diese dann   vermutlich zugunsten des Projekts ausginge oder angesichts des hohen   Quorums ung&#252;ltig w&#228;re&#8220;. Und: &#8222;Die dritte M&#246;glichkeit w&#228;re das Scheitern   des f&#252;r die Volksabstimmung vorbereiteten Ausstiegsgesetzes.&#8220; Es zeigt   sich l&#228;ngst, dass es Bahn-Chef Grube viel zu heikel ist, sich auf die   m&#246;gliche Volksabstimmung zu verlassen. Vor allem kann er sich &#8211; nach den   enormen Verz&#246;gerungen im letzten dreiviertel Jahr &#8211; nicht erlauben, die   Baut&#228;tigkeiten weiter um ein halbes Jahr zu vertagen. Baufirmen scharren   schlie&#223;lich mit den Hufen, hohe Konventionalstrafen w&#252;rden sich   aufstauen, vor allem aber w&#252;rde die S21-Front weiter br&#246;ckeln, wenn die   Bau- oder korrekter Zerst&#246;rungsma&#223;nahmen bis November nicht voran kommen   sollten. Damit werden aber mit Sicherheit &#8222;die Proteste an Heftigkeit   zunehmen&#8220;. Ein kleiner Vorgeschmack darauf war eben die Besetzung der   GWM-Baustelle nach der Montagsdemo vom 20. Juni.<\/p>\n<h4>  &#8222;Randale?&#8220;<\/h4>\n<p>  Wie in einem Brennglas verdichtet offenbarten sich am Montag, den 20.   Juni die verschiedenen Tendenzen beim Streit um das Wahnsinnsprojekt.   Erstens hatte die Bahn nicht nur den vorherigen offiziellen Baustopp   beendet, sondern am Freitag vor dieser Montagsdemo gr&#246;&#223;ere Rohrmengen   geliefert und mit der Aufstellung der Stelzen (noch nicht der Rohre)   begonnen. Zweitens verbuchte diese Montagsdemo mit etwa 6.000   TeilnehmerInnen die beste Beteiligung seit mehreren Wochen. Drittens   widerspiegelte sich bei der an die Kundgebung anschlie&#223;enden Besetzung   der Baustelle des Grundwassermanagements der Drang vieler   DemonstrantInnen, konkret gegen den Bau vorzugehen und nicht nur   symbolisch seine Ablehnung zu bekunden. So waren es nicht nur ein paar   Dutzend, die zu den &#8222;Besetzern&#8220; (oder eigentlich &#8222;Befreiern&#8220;) z&#228;hlten,   sondern bis zu 1.500; hinzu kam die Unterst&#252;tzung weiterer   Demoteilnehmer, die die niedergerissenen Z&#228;une nicht selber &#252;bertraten.   Teils ungl&#228;ubig, teils schockiert hei&#223;t es in Joachim Dorfs Kommentar   &#8222;B&#252;rger auf Abwegen&#8220; in der Stuttgarter Zeitung vom 22. Juni: &#8222;Rentner,   die Sand in die Tanks von Spezialbaumaschinen f&#252;llen, M&#252;tter mit kleinen   Kindern an der Hand, die mithelfen, den Bauzaun umzust&#252;rzen,   Familienv&#228;ter, die Paletten umwerfen und Reifen zerstechen &#8211; das Bild   des b&#252;rgerlichen Widerstands gegen das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart   21 hat am Montagabend neue, ungeahnte Facetten erhalten.&#8220; Bei SPIEGEL   Online &#252;berschrieb Simone Kaiser ihren Beitrag mit den Worten &#8222;Lust auf   Attacke&#8220; und stellte fest: &#8222;Die Zahl derer, die offen mit&#8220;, wie sie es   nennt, &#8222;Randalierern sympathisieren (&#8230;) &#8211; sie ist sp&#252;rbar gewachsen&#8220;.<\/p>\n<p>  Ja, gro&#223;e Teile der B&#252;rgerlichen waren definitiv entsetzt und vor allem   besorgt, als sie die Bilder vom Montagabend sahen: Keine Autonomen,   sondern Hunderte &#8222;normaler B&#252;rger&#8220; (so Dorfs in der Stuttgarter   Zeitung). Nachdem sie einen Moment in Schockstarre verharrten,   versuchten sie mit aller Perfidie dagegen anzuschreiben, anzuhetzen und   so einmal mehr der Bezeichnung vom &#8222;L&#252;genpack&#8220; alle Ehre zu machen. So   war von &#8222;Randale&#8220;, &#8222;Ausschreitungen&#8220;, sogar vom &#8222;schwarzen Montag&#8220; die   Rede. Auch die FAZ titelte auf Seite 1 vom 22. Juni gro&#223;: &#8222;Stuttgart 21:   Ermittlungen wegen versuchten Totschlags&#8220; und gab die Behauptungen der   Polizei &#8211; acht Polizisten, die angeblich Opfer eines Knalltraumas   wurden, ein Polizist, der in Lebensgefahr geschwebt haben soll, und   Sachschaden von 1,5 Millionen Euro &#8211; wieder, ohne sich im auf Seite 2   noch fortgesetzten Artikel auch nur ann&#228;hrend die M&#252;he zu machen, diese   Unterstellungen irgendwie zu verifizieren. Alles mit der Intention: Wenn   man mit viel Dreck um sich schmei&#223;t, dann bleibt vielleicht irgendwas   h&#228;ngen.<\/p>\n<p>  Der Montag, der 20. Juni warf aber auch ein grelles Licht auf die   Schw&#228;chen der Bewegung: Mangelnde Strukturen, Koordination und   Diskussionsebenen &#8211; um solche Aktionen wirksamer und besser organisiert   durchzuf&#252;hren, aber auch demokratisch auszuwerten und gemeinsam die   Konsequenzen daraus f&#252;r die weiteren Aktivit&#228;ten zu ziehen. Vor allem   offenbarten sich aber auch die politischen Schw&#228;chen des Protests. So   war es zwar positiv, dass die &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220; und das Aktionsb&#252;ndnis am   Freitag nach dem 20. Juni eine gemeinsame Pressekonferenz durchf&#252;hrten,   in der sie auch die eklatanten Widerspr&#252;chlichkeiten der   Polizeidarstellung anprangerten. Allerdings traten sie extrem defensiv   auf, &#252;berboten sich mit Entschuldigungen, anstatt klar zu vermitteln:   Was ist das Niederrei&#223;en eines Zauns gegen die Zerst&#246;rung von Park,   B&#228;umen und Quellen? (Im Brechtschen Sinne: &#8222;Was ist ein Einbruch in eine   Bank gegen die Gr&#252;ndung einer Bank?&#8220;) Und auf die neue Landesregierung   gem&#252;nzt: Warum werden 1.000 neue Polizisten, aber keine neuen   LehrerInnen eingestellt? Warum buttert das Land weiter 1,5 Milliarden   Euro in das Gesamtprojekt statt sofort die Studiengeb&#252;hren abzuschaffen   und mehr Geld in Bildung, Soziales und Umwelt zu stecken?<\/p>\n<p>  DIE LINKE Bad Cannstatt, in der auch SAV-Mitglieder dem Vorstand   angeh&#246;ren, verteilte bei der Cannstatter Demonstration am 2. Juli (bei   der laut Polizei 650 Menschen teilnahmen) ein Flugblatt, in dem es   hei&#223;t: &#8222;Die Besetzung war die richtige Antwort darauf, dass die Polizei   am Morgen des 20. Juni die Stra&#223;e vor dem Grundwassermanagement   abgesperrt hatte und damit damit das Versammlungsrecht f&#252;r die   Baustelleneinfahrt ausgehebelt hat. Die Baustelle am   Grundwassermanagement hat f&#252;r den Widerstand gegen Stuttgart 21 einen   hohen symbolischen Wert. Er war der Ort des &#8222;schwarzen Donnerstags&#8220;. Er   war der Ort, an dem am 30. September schwerste Gewalt gegen Mensch und   Natur ver&#252;bt wurde. (&#8230;)<\/p>\n<p>  Wir wollen keine Gewalt. Wir wollen die gewaltsame Zerst&#246;rung unseres   Bahnhofs, unseres Parks und unserer Mineralquellen verhindern. Wenn   Argumente, Fakten und Demonstrationen nicht ausreichen, wenn uns ein   B&#252;rgerentscheid in Stuttgart verweigert wird, bleibt uns nichts anderes   &#252;brig, als durch zivilen Ungehorsam die Mittel lahm zu legen, mit denen   unsere Stadt zerst&#246;rt wird. Das ist ein Akt politischer Notwehr.&#8220;<\/p>\n<p>  Leider traten die &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220; und das Aktionsb&#252;ndnis nach dem 20.   Juni nicht mit dieser Haltung an die &#214;ffentlichkeit. Der aktivere Teil   der S-21-Bewegung zeigte sich von der Medienpropaganda jedoch   unbeeindruckt. F&#252;r eine Reihe galt vielmehr, was Stefanie Brekerbohm,   eine 50-j&#228;hrige &#8222;Kauffrau aus Esslingen&#8220; (wie der SPIEGEL staunend   festh&#228;lt), offen aussprach: &#8222;Das war ein Befreiungsschlag, nach all dem,   was wir erdulden mussten.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Teilnehmerzahlen der beiden anschlie&#223;enden Montagsdemos waren trotz   br&#252;tender Hitze hoch. Die Blockadeaktivit&#228;ten wurden ebenfalls   fortgesetzt: so waren bei der Aktion von &#8222;GewerkschafterInnen gegen   Stuttgart 21&#8220; am 4. Juli 250 Protestierer pr&#228;sent, zur Blockade von den   &#8222;Senioren f&#252;r K21&#8220; und anderen kamen am 5. Juli 150 (ein 86-j&#228;hriger   Rentner lie&#223; sich an diesem Morgen von der Polizei wegtragen).<\/p>\n<p>  Die vielen selbstgemalten Schilder lassen darauf schlie&#223;en, dass die   offensichtlichen Falschdarstellungen das Blut noch mehr in Wallung   bringen. So war auf den Aufschriften der 81. Montagsdemo unter anderem   zu lesen: &#8222;Warum z&#228;hlt die Polizei immer halb so viele Demonstranten?   Weil die andere H&#228;lfte Polizisten in zivil sind!&#8220;, &#8222;Sauerei! Stuttgarter   Polizei z&#252;ndete den Sprengsatz&#8220;, &#8222;Presse von der Bahn gekauft&#8220; und &#8222;Nein   zur Stuttgarter Zeitung: Plagiat bestrafen, Abo k&#252;ndigen&#8220;. Alexandra   Braun, eine 34-j&#228;hrige Steuerberaterin, wird bei SPIEGEL Online mit den   Worten zitiert: &#8222;Ein Gro&#223;teil der Bewegung hat ernsthafte Zweifel daran,   ob die Darstellung der Polizei &#252;berhaupt korrekt ist.&#8220;<\/p>\n<p>  Es besteht allerdings die Gefahr, dass die Hysterie der Medien bei   denjenigen, die diese Ereignisse nur aus der Ferne mitbekamen, eine   gewisse Wirkung erzielen konnte. Viele stellen sich manche die Frage:   &#8222;Gingen die S21-Gegner am 20. Juni nicht doch zu weit?&#8220;, &#8222;Ist das die   Sache wert?&#8220;<\/p>\n<p>  Die Bewegung steht derzeit vor der Aufgabe, den Protest wieder zu   steigern, die Teilnehmerzahlen bei den Demonstrationen zu erh&#246;hen und   mehr und mehr f&#252;r Blockaden und m&#246;gliche k&#252;nftige (besser vorbereitete   und eventuell sogar l&#228;nger andauernde) Besetzungen von Baustellen oder   Parkabschnitten zu gewinnen. In der &#8222;Solidarit&#228;t&#8220; f&#252;r Juli und August   machen wir Vorschl&#228;ge, wie wir hier Fortschritte erzielen k&#246;nnen:   &#8222;Weiter die st&#228;ndig neu bekannt werdenden Argumente gegen Stuttgart 21   in die Bev&#246;lkerung tragen und neue Schichten der Bev&#246;lkerung zu Demos   mobilisieren (wie es die &#8222;Cannstatter gegen Stuttgart 21&#8220; mit ihrer   Mineralquellen-Demo am 2. Juli gemacht haben), weitere   Stuttgart21-GegnerInnen zur Teilnahme am zivilen Ungehorsam gewinnen,   wie bei der Platzbesetzung am 20. Juni oder bei den morgendlichen   Blockade-Besuchen von &#8222;GewerkschafterInnen gegen S21&#8220; oder &#8222;SeniorInnen   f&#252;r K21&#8220; und die Bewegung politisch zu st&#228;rken durch die Verbindung mit   Themen wie der Rekommunalisierung der Energie- und Wasserversorgung.&#8220;<\/p>\n<h4>  Die S21-Bewegung &#8211; keine homogene Masse<\/h4>\n<p>  Im norditalienischen Val di Susa wehrt sich die &#246;rtliche Bev&#246;lkerung   ebenfalls gegen ein Gro&#223;projekt &#8211; in dem Fall gegen den Bau einer   Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke, und das seit &#252;ber 20 Jahren. Dort sind   die Widerstandsaktionen militanter gewesen als bisher in Stuttgart: 2005   konnte sogar ein von der Polizei bereits besetztes Gel&#228;nde durch   Massenproteste wieder befreit werden. Es kam sogar zu   Arbeitsniederlegungen. So auch nach dem brutalen Polizeieinsatz vom 27.   Juni; die Metallarbeitergewerkschaft FIOM und andere Gewerkschaften   riefen als Reaktion darauf zu Proteststreiks auf. Die Stuttgarter   BlockiererInnen haben Recht, wenn sie in ihrer Solidarit&#228;tserkl&#228;rung   schreiben: &#8222;Wir denken, dass wir viel von Euren Erfahrungen lernen   k&#246;nnen. Zum Beispiel sind Gewerkschaften, die zu Streiks gegen Stuttgart   21 aufrufen, f&#252;r uns noch Zukunftsmusik.&#8220;<\/p>\n<p>  Dass der S21-Protest in dieser Hinsicht noch hinter der No-Tav-Bewegung   in Val di Susa zur&#252;ckbleibt, h&#228;ngt auch mit der Zusammensetzung des   Widerstands zusammen. Zwar greift das von den Medien bis heute   gezeichnete Bild vom &#8222;B&#252;rgeraufstand am Neckar&#8220; zu kurz. Schlie&#223;lich   k&#246;nnen bei Kundgebungen von Zehntausenden nicht nur Rechtsanw&#228;lte und   Architekten unter den DemonstrantInnen sein, sondern &#252;berwiegend   abh&#228;ngig Besch&#228;ftigte (wie wir schon im August 2010 analysierten und in   der Studie von Berliner Politikwissenschaftlern im letzten Sp&#228;therbst   best&#228;tigt wurde, gr&#246;&#223;tenteils Angestellte und verbeamtete LehrerInnen,   weniger MetallarbeiterInnen). &#220;berhaupt zeigt sich hier eine   Kampfbereitschaft, die von den Gewerkschaftsoberen bedauerlicherweise   seit Jahren kaum genutzt wird. Wegen dem Kurs der F&#252;hrung der   &#8222;Arbeitnehmervertretungen&#8220; wird die potenzielle Macht in den Betrieben,   die Macht der Arbeiterklasse, wenig erkannt (ein Ph&#228;nomen, das im   &#252;brigen nicht nur auf Stuttgart beziehungsweise die Bundesrepublik   zutrifft; auch anderswo wurden in den letzten Jahren militante   Boykott-Kampagnen organisiert oder Blockaden unterst&#252;tzt statt st&#228;rker   auf das Mittel des Streiks zu setzen).<\/p>\n<p>  Die Zusammensetzung der Bewegung ist eine Sache, die Zusammensetzung der   F&#252;hrung eine andere. Diese ist in der S21-Bewegung sehr kleinb&#252;rgerlich   gepr&#228;gt. Die Gr&#252;nen konnten, nicht ausschlie&#223;lich, aber doch ma&#223;geblich,   den Ton setzen; nicht zuletzt, weil die Linkspartei in den   Auseinandersetzungen denkbar blass blieb. So erschwerte es die   Steigerung der Proteste beispielsweise, dass die Moderation der   Montagsdemos (seitens der damaligen Gr&#252;nen-Kreisvorsitzenden) im August   2010 vor Spontandemos (und einmal sogar vor einem angeblichen &#8222;schwarzen   Block&#8220;) warnte, dass die prominenten Gr&#252;nen die S&#252;dfl&#252;gel-Besetzung   verurteilten, dass sie bewusst auf die Schlichtung setzten, um die   Bewegung zu bes&#228;nftigen, dass Werner W&#246;lfle, der mit einer   Oberb&#252;rgermeister-Kandidatur lieb&#228;ugelt, zur R&#228;umung der mehreren   Dutzend Zelte von S21-Gegnern im Schlossgarten aufruft, oder dass ihr   baden-w&#252;rttembergischer Frontmann die Einstellung vertritt: &#8222;Wir kommen   aus den Protestbewegungen, sind heute aber eine gestaltende Kraft,   unsere Aufgabe ist es, Br&#252;cken zu bauen&#8220; (Winfried Kretschmann am 23.   M&#228;rz in der FAZ). Oder dass ihr Bundesvorsitzender Cem &#214;zdemir nach dem   20. Juni erkl&#228;rte, dass man Politik nicht auf der Stra&#223;e machen k&#246;nne.<\/p>\n<p>  Allerdings sind solche und &#228;hnliche Spr&#252;che auch nicht ganz neu, sondern   waren von Beginn an Begleitmusik. Schon am 7. August 2010 war ein   sogenannter &#8222;Stuttgarter Appell&#8220; gestartet worden, der als Anzeige in   der Lokalpresse geschaltet wurde. In diesem &#8222;Offenen Brief an die   Bef&#252;rworter und Gegner des Projekts&#8220; hie&#223; es: &#8222;Geht die Eskalation auf   diese Weise weiter, wird es nur Verlierer geben.&#8220; Zu den   UnterzeichnerInnen geh&#246;rten mehrere K&#252;nstler, aber auch der ehemalige   SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi, der auch bei der Schlichtung   involivert war. Das ist ein Beispiel von vielen. In den vergangenen   zw&#246;lf Monaten wurde immer wieder aufs Neue seitens bestimmten   S21-Gegnern solch ein Ton angeschlagen.<\/p>\n<p>  Neben den Gr&#252;nen und ihrem Umfeld existieren jedoch von Anfang an auch   andere relevante Kr&#228;fte, die weitgehend nicht aus dem proletarischen   Lager stammen, aber den festen Willen haben, Stuttgart 21 zu stoppen &#8211;   und daf&#252;r auch Formen des zivilen Ungehorsams guthei&#223;en. Dazu z&#228;hlen   nat&#252;rlich die &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220;, die &#8222;Blockierergruppe&#8220;, aber auch andere   Aktive.<\/p>\n<h4>  Nicht gr&#252;n mit dem Widerstand<\/h4>\n<p>  Nachdem die Gr&#252;nen sich auf eine Regierung mit den S21-Bef&#252;rwortern der   SPD eingelassen haben, zeichnen sie sich mit verantwortlich, dass   seitens des Landes etwa 1,5 Milliarden Euro f&#252;r den Tiefbahnhof und die   Neubaustrecke Wendlingen &#8211; Ulm hingebl&#228;ttert werden. Auch diese   Administration setzt Polizei ein, nicht um den Baufirmen Einhalt zu   gebieten (die widerrechtlich vorgehen, da das Planfestellungsverfahren   nicht ge&#228;ndert wurde, nachdem feststand, dass die doppelte Menge   Grundwasser abgepumpt wird), sondern gegen DemonstrantInnen. Und auch   dieses Kabinett schiebt den Konzernen Steuergelder zu anstatt diese f&#252;r   Bildung, Soziales und Umwelt zu investieren (wobei das unter gr&#252;nen   Ministern landauf, landab zum Alltag geh&#246;rt).<\/p>\n<p>  Die Gr&#252;nen von Stuttgart und Baden-W&#252;rttemberg hatten darauf spekuliert,   dass die immensen Unstimmigkeiten und Rechtsverst&#246;&#223;e dieses Projekts zum   Scheitern f&#252;hren m&#252;ssten. Nun erfahren sie einmal mehr, dass in diesem   System nicht Fakten und Argumente entscheiden, sondern Macht und Profite.<\/p>\n<p>  Hinzu kommt der Faktor, dass die Gr&#252;nen (selbst eine etablierte Partei,   die durch und durch kapitalistisch ist) durch ihren H&#246;henflug in Land   und Bund anderen b&#252;rgerlichen Parteien beim Zugang zu den Fleischtr&#246;gen   immer h&#228;ufiger im Wege stehen. Aus dem Grund hat die parteipolitische   Konkurrenz ein besonderes Interesse daran, die Gr&#252;nen bei Stuttgart 21   vorzuf&#252;hren mit dem Ziel, dass die Partei Federn lassen muss.<\/p>\n<p>  Nach der Landtagswahl verabschiedeten sich die Gr&#252;nen nicht aus dem   Aktionsb&#252;ndnis, aber gaben ihre Sprecher-Position auf (aktuell haben   jetzt Hannes Rockenbauch von S&#214;S und Brigitte Dahlbender vom BUND diese   Posten inne). Zudem sind die Gr&#252;nen deutlich schw&#228;cher als vor dem 27.   M&#228;rz bei den Montagsdemos vertreten. Gleichzeitig finden nun die   B&#252;rgerversammlungen&#8220; auf dem Markplatz statt, bei denen Kretschmann und   Co. nat&#252;rlich ihre Regierungspolitik verkaufen, sich zur selben Zeit   jedoch auch der weiteren Unterst&#252;tzung versichern m&#246;chten.<\/p>\n<p>  Dass unter einem gr&#252;nen Ministerpr&#228;sidenten S21-Bauarbeiten weiter   voranschreiten, w&#228;hrend die Partei parallel dazu bei den Protesten   weniger Pr&#228;senz zeigt, wird manch einen nachdenklicher und kritischer in   Bezug auf den Wahlsieger vom 27. M&#228;rz werden lassen. Dennoch ist es nur   ein kleiner Teil des S21-Widerstands, der keine Illusionen besa&#223;   beziehungsweise die Gr&#252;nen entschieden ablehnt. Ein weiterer ebenfalls   kleiner Teil nimmt eine komplett unkritische Haltung ein und stellt die   Interessen der Gr&#252;nen &#252;ber die Interessen der Bewegung. Die gro&#223;e   Mehrheit hingegen sympathisiert weiterhin mehr oder weniger ausgepr&#228;gt   mit Vertretern der Gr&#252;nen, sieht keine klare Alternative zu ihrem   Agieren, st&#246;rt sich aber auch an manchen zu offensichtlichen   Konzessionen gegen&#252;ber der SPD oder den Bauherren. Des &#246;fteren h&#246;rt man   S&#228;tze wie: &#8222;Die lassen sich ja von Grube im Nasenring durch die Arena   f&#252;hren. Das muss doch nicht sein.&#8220;<\/p>\n<p>  Winfried Kretschmann hielt eine unter den B&#252;rgerlichen viel beachtete   Regierungserkl&#228;rung. In dieser lie&#223; er keinen Zweifel daran aufkommen,   welchen Blickwinkel er einnimmt: so f&#252;hrte er die Unternehmerfamilie von   Bosch als Vorbild &#8222;sozialer und &#246;kologischer Denkweise&#8220; an und schw&#228;rmte   von seiner Vision eines gr&#252;nen Kapitalismus. Trotzdem ist die jetzige   Landesregierung aufgrund der S21-Komplikation alles andere als die   Wunschregierung von gro&#223;en Teilen des Kapitals.<\/p>\n<p>  Dazu kommt, dass mit Winfried Hermann einer der seit Jahren   prominentesten S21-Gegner das Verkehrsministerium bekleidet. F&#252;r die   S21-Mafia bedeutet Hermann ein enormes &#196;rgernis. Ein Minister, der sich   mit den &#8222;Parksch&#252;tzern&#8220; trifft, AktivistInnen animiert, den Protest   auszuweiten, offensiv eine K21-Pr&#252;fung im Rahmen des Stresstests   postuliert und permanent querschie&#223;t, ist nicht gerade das, was das   b&#252;rgerliche Establishment gebrauchen kann. Hinter den Kulissen wird   Hermann sicherlich massiv bearbeitet werden. Nicht ausgeschlossen, dass   er in der kommenden Zeit zum R&#252;cktritt gezwungen wird oder irgendwann   entnervt die Flinte ins Korn wirft. Erinnert sei nur daran, wie die   Ackerm&#228;nner 1999 Himmel und H&#246;lle in Bewegung setzten, als Oskar   Lafontaine in seiner Funktion als frisch gek&#252;rter   SPD-Bundesfinanzminster laut &#252;ber m&#246;gliche Regulierungsschritte auf dem   Finanzmarkt nachdachte. (Die zweite Zielscheibe der Medienkampagne war   damals Umweltminister Trittin, der anders als Lafontaine nicht   zur&#252;cktrat, sondern einknickte und Castor-Transporte durchsetzte.)<\/p>\n<h4>  Vor einer entscheidenden Phase<\/h4>\n<p>  Nat&#252;rlich k&#246;nnte die S21-Riege ins Kalk&#252;l ziehen, dass die Bewegung   wieder abflaut, wenn essenziellere Baut&#228;tigkeiten noch einmal vertagt   werden sollten. Auch lie&#223;e sich darauf hoffen, &#252;ber die Gr&#252;nen in der   Regierung eine Schicht der Gegnerschaft weichzuklopfen oder zu   entt&#228;uschen. F&#252;r die Bahn-Spitze ist das aber keine ernsthafte Option.   Aus ihrer Sicht m&#252;ssen dringend Fakten geschaffen werden. Schlie&#223;lich   haben sie aufgrund des Protestansturms seit vergangenen Sommer viel Zeit   und Geld verloren; gerade mal der Nordfl&#252;gel und einige Parkb&#228;ume   konnten plattgemacht, eine Reihe von Auftr&#228;gen vergeben werden.<\/p>\n<p>  Die f&#252;r die Bahn kommenden, notwendigen Ma&#223;nahmen beschr&#228;nken sich nicht   auf das jetzige Baugel&#228;nde. Ohne die Verlegung des 17 Kilometer langen   Rohrnetzes, nicht nur entlang von Bahngleisen, sondern auch vor dem   Hauptbahnhof, im Park und &#252;ber zwei Kilometer hinweg durchs Wohngebiet   kommen sie nicht weiter (zumal das Grundwassermanagement offiziell erst   ein Jahr nach der Errichtung des Leitungsnetzes in Betrieb genommen   werden darf). Das wird &#8211; wie schon im Fall des Nordfl&#252;gels und erst   recht der B&#228;ume &#8211; nicht sang- und klanglos &#252;ber die B&#252;hne gehen.   M&#246;glich, dass parallel dazu in den Folgewochen auch der S&#252;dfl&#252;gel   zerst&#246;rt wird. Nicht ausgeschlossen, dass die treibenden Kr&#228;fte von S21   sich ab dem 1. Oktober (wie im Vorjahr das rechtlich fr&#252;hestm&#246;gliche   Datum daf&#252;r) auch wieder an den B&#228;umen vergreifen &#8211; in der Hoffnung,   nach einer unvermeidlichen kurzfristigen Eskalation die S21-Bewegung   demoralisiert zu haben und damit perspektivisch Ruhe einkehren lassen zu   k&#246;nnen. (Eine &#228;hnliche &#220;berlegung hatten sie im Sommer 2010 angestellt,   als sie den urspr&#252;nglich f&#252;r Herbst geplanten Abriss des Nordfl&#252;gels auf   August vorzogen).<\/p>\n<p>  Bereits jetzt sickert durch, dass f&#252;r den Bahn-Vorstand das Ergebnis des   sogenannten Stresstests schon lange feststeht. Die nur notd&#252;rftig   kaschierten Tricksereien erz&#252;rnen l&#228;ngst viele StuttgarterInnen. Die   Pr&#228;sentation am 14. Juli unter dem Schlichter Heiner Gei&#223;ler, den man   auch nicht in allerbester Erinnerung hat, und die von R&#252;diger Grube,   Volker Kefer und Konsorten angepeilte rasche Auftragsvergabe, gerade von   lukrativen Tunnelbauten, unmittelbar im Anschluss an diese   Show-Veranstaltung wird Wut und Teilnehmerzahlen bei den Protesten   wahrscheinlich deutlich ansteigen lassen.<\/p>\n<p>  Eine Herausforderung der Bewegung besteht darin, nicht nur von 5.000 auf   8.000 oder 10.000 DemonstrantInnen an den Montagen und von 100-200 auf   300-400 BlockiererInnen an den Dienstagsterminen zu wachsen, sondern &#8211;   durch effektive Aufkl&#228;rungs- und Mobilisierungsarbeit, durch die   Verbindung des S21-Kampfes mit den Fragen von Bildung und Soziales &#8211;   st&#228;rker in die Stadt und in das Umland zu wirken.<\/p>\n<p>  Als Pyrrhussieg k&#246;nnte sich die Baden-W&#252;rttemberg-weite Volksabstimmung   erweisen. Lange von der Bewegung gefordert und auf Dr&#228;ngen der SPD   seitens der neuen Regierung f&#252;r den Herbst geplant, macht sie auf   jetziger Grundlage ein Quorum n&#246;tig, das f&#252;r die S21-Gegner nur extrem   schwer wenn &#252;berhaupt zu meistern w&#228;re (ein Drittel der   Stimmberechtigten, etwa 2,5 Millionen Menschen m&#252;ssten f&#252;r den Ausstieg   des Projekts votieren). Eine Niederlage bei dieser Volksabstimmung   k&#246;nnte im schlimmsten Fall einen &#8222;moralischen Genickbruch&#8220; f&#252;r die   Bewegung bedeuten. &#8222;K&#246;nnte&#8220; &#8211; der Konjunktiv ist wichtig, h&#228;ngt der   Verlauf (wenn nicht sogar &#252;berhaupt die Durchf&#252;hrung) stark von den   weiteren Entwicklungen in diesem Sommer (aber auch von der Fragestellung   und anderen Faktoren) ab. Anders als noch vor einem guten halben Jahr   sind die v&#246;llig undemokratischen Bedingungen dieser Volksabstimmung mehr   und mehr StuttgarterInnen inzwischen vertraut. So dass sich gro&#223;e Teile   der Stadtbev&#246;lkerung m&#246;glicherweise nicht an ein solch   scheindemokratisches Verfahren, noch dazu bei einer Verweigerung eines   B&#252;rgerentscheids f&#252;r Stuttgart selber, gebunden f&#252;hlen k&#246;nnten. &#8211; Wenn   es bei der Volksabstimmung eine relative Mehrheit gegen S21 geben   sollte, dann sollte der Widerstand auch ein Nichterreichen des Quorums   wegstecken k&#246;nnen (was sehr wohl denkbar ist, da die Bef&#252;rworter es   nicht so einfach haben werden, ihr Klientel in Baden oder am Bodensee   scharenweise zur Stimmabgabe motivieren zu k&#246;nnen, erst recht nach dem   Wahldebakel der Union; auch wenn sie auf Landesebene nat&#252;rlich bessere   Karten haben als nur auf Stuttgart und Umgebung bezogen).<\/p>\n<p>  Trotz der faszinierenden Beharrlichkeit und Originalit&#228;t der Bewegung   muss man sich ihrer Defizite bewusst sein. Gewerkschaften und   betriebliche Vertretungen spielen keine gro&#223;e Rolle. Soziale Fragen   stehen nicht im Vordergrund. Jugendliche sind unterrepr&#228;sentiert;   MigrantInnen (die immerhin fast 30 Prozent der Stuttgarter Bev&#246;lkerung   ausmachen) ebenfalls. Die Gr&#252;nen haben, im Gegensatz zur LINKEN, starken   Einfluss &#8211; und, auch dank der Bewegung, Ministerposten. Trotzdem richtet   sich die Auseinandersetzung direkt gegen die Interessen der Autolobby,   der Immobilienunternehmen und m&#228;chtiger Baufirmen. Und beim Aufbau der   Bewegung gab es von Anfang an einen Fl&#252;gel, der auf Konfrontation an   Stelle symbolischer Handlungen orientierte. Wyhl und Wackersdorf haben   gezeigt, dass (verbunden mit Massenmobilisierungen) Blockaden und   Besetzungsaktionen &#8211; wenn sie nicht von versprengten Kr&#228;ften betrieben   werden und wenn sie den R&#252;ckhalt gr&#246;&#223;erer Teile der &#214;ffentlichkeit haben   &#8211; solche Gro&#223;projekte stoppen k&#246;nnen. Bei S21 kommt noch hinzu, dass   hier die Durchsetzung eines jahrelangen riesigen Bauvorhabens mitten im   Stadtzentrum gegen den Willen der erkl&#228;rten Bev&#246;lkerungsmehrheit   versucht wird.<\/p>\n<p>  Auch wenn die n&#228;chsten Monate entscheidend f&#252;r die Zukunft von S21 sein   d&#252;rften, muss sich das Schicksal dieses Projekts noch nicht im zweiten   Halbjahr entscheiden. Selbst wenn die Bewegung weitere Erfolge erringen   sollte, werden die Herrschenden sicherlich den Eindruck vermeiden   wollen, vor Massenprotesten einzuknicken. Denkbar ist also auch, dass   sie selbst bei gewaltigen R&#252;ckschl&#228;gen erst Jahre sp&#228;ter die endg&#252;ltige   Beerdigung des Vorhabens mit irgendwelchen Bodenproben oder   Finanzproblemen begr&#252;nden k&#246;nnten (auch als Margaret Thatcher &#252;ber die   Anti-Poll-Tax-Bewegung st&#252;rzte, mussten Konflikte in der Europa-Frage   als offizielle Sprachregelung f&#252;r ihren R&#252;cktritt herhalten).<\/p>\n<p>  Noch ist der Kampf um S21 nicht entschieden. In den n&#228;chsten Monaten   wird es darauf ankommen, die Dimension dieses Projekts (und Alternativen   dazu) gr&#246;&#223;eren Teilen der Bev&#246;lkerung &#8211; in den Stadtteilen, Betrieben,   Schulen, Unis &#8211; zu vermitteln, mehr Menschen f&#252;r den Widerstand bis hin   zu Blockaden und Besetzungsaktionen zu gewinnen und den Zusammenhang   zwischen S21 und den allgemeinen Privatisierungspl&#228;nen aufzuzeigen,   dar&#252;ber auch den Kampf f&#252;r die Rekommunalisierung von Wasser und Strom   zu st&#228;rken und so daf&#252;r zu sorgen, dass Stuttgart 21 nicht als Symbol   f&#252;r horrende Gewinne, Luxush&#228;user und Hochgeschwindigkeitsrennstrecken,   sondern als Symbol f&#252;r erfolgreichen Widerstand in Erinnerung bleiben   wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Am Beginn eines neuen &#8222;hei&#223;en Sommers&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[58],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14349"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14349"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14349\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}