{"id":14340,"date":"2011-07-24T00:00:00","date_gmt":"2011-07-24T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14340"},"modified":"2011-07-24T00:00:00","modified_gmt":"2011-07-24T00:00:00","slug":"14340","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/07\/14340\/","title":{"rendered":"Ein halbes Jahr Revolution in &#196;gypten"},"content":{"rendered":"<p>  Milit&#228;r und Muslimbr&#252;der-F&#252;hrung gegen grundlegende Ver&#228;nderungen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die Ergebnisse der ersten Monate seit dem Beginn der Revolution in   &#196;gypten Ende Januar sind widerspr&#252;chlich. Ein Diktator wurde durch eine   Milit&#228;rjunta (Oberster Rat der Streitkr&#228;fte) ersetzt. F&#252;r viele hat sich   die materielle Lage noch weiter verschlechtert. Die Muslimbr&#252;derschaft,   die unter Husni Mubarak auf Opposition machte, ist jetzt die st&#228;rkste   Bremse. Auf der anderen Seite gibt es eine anhaltende Politisierung der   Bev&#246;lkerung und den Beginn von Organisierung.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Die Revolution begann am 25. Januar 2011 mit Protesten der Jugend. Im   Februar gab es eine anschwellende Welle von Streiks, die dem   Mubarak-Regime den Todessto&#223; versetzte.<\/p>\n<p>  Schon vor dem Sturz Mubaraks versuchte der gem&#228;&#223;igte Teil der Bewegung,   das Milit&#228;r als eine die ganze Nation vertretende, neutrale Institution   darzustellen. Damit wurde der Boden bereitet, die Diktatur Mubaraks   durch die Diktatur einer Milit&#228;rjunta zu ersetzen. Tats&#228;chlich ist die   Armee durch die wirtschaftlichen Verflechtungen f&#252;hrender Offiziere und   die US-Milit&#228;rhilfe (&#196;gypten ist ein Hauptempf&#228;nger von US-Milit&#228;rhilfe)   sowohl mit dem &#228;gyptischen Kapitalismus als auch mit dem Imperialismus   eng verbunden.<\/p>\n<p>  Es hat sich im Februar ein B&#252;ndnis aus Milit&#228;rf&#252;hrung, b&#252;rgerlichen   Liberalen, ehemaligen Mubarak-Anh&#228;ngern und Muslimbr&#252;dern   herausgebildet, die gemeinsam daran arbeiten, dass nur ein paar K&#246;pfe   ausgetauscht werden, aber sich die wirklichen Machtverh&#228;ltnisse nicht   &#228;ndern.<\/p>\n<h4>  Muslimbr&#252;der<\/h4>\n<p>  Dabei spielen die Muslimbr&#252;der mit ihren ausgebauten   Organisationsstrukturen eine Schl&#252;sselrolle. Als die Revolution in   &#196;gypten begann, waren die Muslimbr&#252;der gespalten und handlungsunf&#228;hig.   Sie unterst&#252;tzten die Proteste offiziell nicht, aber Teile von ihnen,   vor allem ihrer Jugend, waren engagiert dabei.<\/p>\n<p>  Als das Milit&#228;r nur ein paar kleine &#196;nderungen an der   Diktatur-Verfassung von 1971 vornehmen wollte, statt durch eine   konstituierende Versammlung eine neue Verfassung demokratisch   ausarbeiten zu lassen, nahmen Vertreter der Muslimbr&#252;derschaft an der   Verfassungskommission teil und machten Werbung f&#252;r die Annahme der   ge&#228;nderten Verfassung.<\/p>\n<p>  Sie setzen auf schnelle Wahlen und hoffen, wegen ihres schlagkr&#228;ftigen   Apparates dabei gut abzuschneiden und an die Futtertr&#246;ge des   Staatsapparats zu kommen.<\/p>\n<h4>  Konflikte<\/h4>\n<p>  Aber die Massen sind im Februar nicht f&#252;r eine Milit&#228;rdiktatur auf die   Stra&#223;e gegangen. Dass die Milit&#228;rpolizei zunehmend als   Unterdr&#252;ckungsorgan auftritt und Oppositionelle foltert, passt schlecht   zum M&#228;rchen vom &quot;neutralen Milit&#228;r&quot;. Auch die soziale Lage ist unter der   Milit&#228;rherrschaft keineswegs besser geworden.<\/p>\n<p>  Am 27. Mai gab es deshalb erneut Massenproteste mit Hunderttausenden   TeilnehmerInnen. Dabei zeigte sich, dass das B&#252;ndnis der Muslimbr&#252;der   mit der Armee Konflikte birgt. Die Muslimbr&#252;der diffamierten die   Demonstrationen des 27. Mai im Vorfeld. Trotzdem unterst&#252;tzten Teile   ihrer Basis, vor allem der Jugend, die Demos. Als Reaktion entzogen die   Muslimbr&#252;der ihrem Vertreter in der &quot;Revolution&#228;ren Jugendkoalition&quot; die   Anerkennung.<\/p>\n<h4>  Klasseninteressen<\/h4>\n<p>  Dieser Konflikt zeigt, dass es innerhalb der Muslimbr&#252;der verschiedene   Klasseninteressen gibt. Im Kampf gegen Mubarak waren die Arbeiterklasse,   gro&#223;e Teile der Jugend, der Stadtarmut und auch die Teile des   B&#252;rgertums, die sich unter dem Mubarak-Regime benachteiligt f&#252;hlten,   vereinigt gewesen. Nachdem das gemeinsame Ziel des Sturzes von Mubarak   erreicht war, musste dieses B&#252;ndnis auseinander brechen. Die b&#252;rgerliche   Opposition hatte ihr Ziel erreicht und sah in einem Fortgang der   Revolution eine Bedrohung ihrer Gesch&#228;fte. Deshalb scharten sich   b&#252;rgerliche Liberale, bisherige Mubarak-Anh&#228;nger und die F&#252;hrung der   Muslimbr&#252;derschaft um das Milit&#228;r.<\/p>\n<p>  Aber die Massenbasis der Muslimbr&#252;der geh&#246;rt nicht zum B&#252;rgertum,   sondern zu den Schichten, deren Hoffnungen bisher entt&#228;uscht wurden.   Deshalb sind weitere Auseinandersetzungen innerhalb der Muslimbr&#252;der zu   erwarten.<\/p>\n<h4>  Streikbewegungen<\/h4>\n<p>  Die Streikwelle, die Mubarak st&#252;rzte, ebbte danach zun&#228;chst keineswegs   ab, sondern konzentrierte sich auf wirtschaftliche Forderungen. Darin   kam zum Ausdruck, dass das wirtschaftliche Elend und speziell der   Preisanstieg f&#252;r G&#252;ter des t&#228;glichen Bedarfs im Winter 2010\/2011 neben   der Unterdr&#252;ckung eine zentrale Triebkraft f&#252;r die Bewegung war. Erst   nachdem der noch von Mubarak ernannte Regierungschef Ahmed Schafik am 4.   M&#228;rz ebenfalls gekippt wurde, flaute die Bewegung merklich ab.   Argumente, der neuen Regierung erst mal eine Chance zu geben und die   Wirtschaft nicht &quot;kaputt zu streiken&quot;, stie&#223;en auf einen gewissen   Widerhall.<\/p>\n<p>  Die sich verschlechternde Wirtschaftslage schw&#228;chte ebenfalls die   Kampfbereitschaft. Andererseits wurden zahlreiche unabh&#228;ngige   Gewerkschaften gegr&#252;ndet. Anfang Juni kam es dann wieder zu einer   deutlichen Zunahme von Streiks &#8211; auf die das Regime mit der Ank&#252;ndigung   reagierte, das Anti-Streik-Gesetz vom M&#228;rz jetzt anwenden zu wollen.   Eine Zunahme von Arbeitsniederlegungen und damit verbundene   Konfrontationen mit dem Regime und mit Kapitalisten, die zugleich   Muslimbr&#252;der sind, k&#246;nnen die Klassenpolarisierung innerhalb der   Muslimbr&#252;derschaft weiter vorantreiben.<\/p>\n<h4>  Wie weiter?<\/h4>\n<p>  Neben unabh&#228;ngigen Gewerkschaften (und teils von deren AktivistInnen)   wurden auch linke Parteien und Organisationen gebildet. Ein B&#252;ndnis   zwischen ihnen, auch als Alternative zu den Muslimbr&#252;dern zu den f&#252;r   September geplanten Wahlen, &#8211; verbunden mit Forderungen nach einem   Mindestlohn, einem kostenlosen Gesundheitswesen, ein Wohnungsbauprogramm   und f&#252;r mehr demokratische Rechte &#8211; w&#228;re ein wichtiger Fortschritt.   MarxistInnen w&#252;rden in solch einem B&#252;ndnis f&#252;r ein sozialistisches   Programm einschlie&#223;lich der Forderung nach einer Regierung der   ArbeiterInnen und Bauernschaft &#8211; als Alternative zu den   Unternehmerinteressen der anderen Parteien &#8211; eintreten.<\/p>\n<h2>  Augenzeugenbericht aus Kairo<\/h2>\n<p>  Anfang Juni besuchte ein CWI-Mitglied &#196;gypten und traf sich dort mit   mehreren AktivistInnen. Hier folgen Ausz&#252;ge aus einem Bericht &#252;ber die   Stimmung im Land f&#252;nf Monate nach Beginn des Aufstands:<\/p>\n<p>  In einem kleinen Bahnhofsladen zeigten sich vier junge M&#228;nner entt&#228;uscht   von den Ergebnissen der Revolution. &quot;Was haben wir dadurch bisher   erreicht? Ich war auf dem Tahrir-Platz dabei, aber jetzt habe ich meinen   Job verloren&quot;, sagte einer, dessen Chef das Gesch&#228;ft aufgab, nachdem   General Motors seine Investitionen nach &#196;gypten im Zuge der Revolution   drosselte.<\/p>\n<p>  Nur eine Stra&#223;e weiter unterhielten sich vier andere &#252;ber die ver&#228;nderte   Situation. &quot;Inzwischen siehst du viel mehr Menschen, die Tageszeitungen   lesen&quot;, meinte einer. &quot;Die ganze Zeit wird &#252;ber Politik diskutiert.&quot;   Einem anderen entfuhr: &quot;Die Revolution ist nicht vorbei. Ein paar   Gesichter wechselten, aber das alte Regime ist weiter an der Macht.&quot;<\/p>\n<p>  Solchen Gespr&#228;chen kann man heute im ganzen Land lauschen. Auf der einen   Seite zeigen sich die Leute entt&#228;uscht, auf der anderen Seite wachsen   Frust und Zorn.<\/p>\n<p>  Musiksender im Fernsehen sind normalerweise nicht sehr politisch. Aber   &quot;Mazika&quot; zeigt jetzt pl&#246;tzlich Videos mit Bildern von der Revolution. In   einem wird der S&#228;nger von der Polizei angegriffen, geschlagen und von   Hunden im Knast bedroht, bevor gro&#223;e Menschenmengen Mubarak zu Fall   bringen.<\/p>\n<p>  Einige Tage lang blockierten Hunderte von Wohnungssuchenden das zentrale   Geb&#228;ude des staatlichen Fernsehsenders. Ein Obdachloser war ertrunken,   als er im Nil sein Hemd waschen wollte, nachdem es ihm und anderen von   den Beh&#246;rden untersagt worden war, die nahe gelegenen Waschr&#228;ume nutzen   zu d&#252;rfen. Diese Wohnungssuchenden sind zumeist Angeh&#246;rige von   Bauarbeitern und Kleinbus-Fahrern, die w&#228;hrend der Revolution keine   L&#246;hne bezahlt bekamen und deshalb aus ihren Wohnungen in El-Nahda und   El-Salam rausgeschmissen wurden. Seit Februar hausen sie unter   entsetzlichen Bedingungen in Zeltlagern. Ein obdachloser Vater sagte:   &quot;Die Regierung des korrupten Tyrannen nahm ihren Hut, blo&#223; um von einer   neuen ersetzt zu werden, die keinen Deut besser ist.&quot;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Milit&#228;r und Muslimbr&#252;der-F&#252;hrung gegen grundlegende Ver&#228;nderungen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[239],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14340"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14340"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14340\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}