{"id":14328,"date":"2011-07-08T00:00:00","date_gmt":"2011-07-08T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14328"},"modified":"2012-06-27T09:30:32","modified_gmt":"2012-06-27T07:30:32","slug":"14328","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/07\/14328\/","title":{"rendered":"Unter Emp\u00f6rten"},"content":{"rendered":"<p>Ein Augenzeugenbericht aus Spanien<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p><strong>Anna sitzt vor dem Computer. Fieberhaft arbeitet sie am Entwurf f\u00fcr ein Flugblatt f\u00fcr ihre lokale Asamblea in Barcelona. Asambleas sind Nachbarschaftskomitees, die nun in ganz Spanien aus dem Boden schie\u00dfen. Wir diskutieren eifrig \u00fcber den Inhalt. Verstehen die Leute, wenn wir schreiben, die PolitikerInnen handeln nur im Interesse \u201edes Kapitals\u201c? Sollen wir nicht lieber \u201eder Banken und Gro\u00dfkonzerne\u201c schreiben? Morgen muss das Flugblatt fertig sein, es gibt eine \u201eCassolada\u201c, ein Topfschlagen, mit dem die Nachbarschaft ihren Protest gegen die kommunalen K\u00fcrzungen ausdr\u00fcckt. An der Schule neben dem Wohnblock, in dem ich bei einem Genossen von Socialismo Revolucionario (CWI in Spanien) wohne, h\u00e4ngen selbst gemachte Transparente: \u201eBei der Bildung sparen hei\u00dft bei der Zukunft sparen\u201c <\/strong><\/p>\n<h4><em>von Sebastian Kugler, SLP-Jugend<\/em><\/h4>\n<p>Die \u201eBewegung des 15. Mai\u201c (\u201e15-M\u201c) hat die spanische Politik schwer ersch\u00fcttert. Eine lang aufgestaute Wut \u00fcber Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und das Versagen der korrupten politischen Eliten hat sich entladen. In allen gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten Spaniens sind zentrale Pl\u00e4tze besetzt und Camps aufgebaut, Zigtausende beteiligen sich an den Demonstrationen. Die \u201eIndignados\u201c (Emp\u00f6rte), wie sich DemonstrantInnen nennen, stellen sofort Forderungen nach Verstaatlichung der Banken und Nichtzahlung der Schulden auf. Auf Barcelonas Stra\u00dfen findet sich ein Grafitti: \u201eViva la fucking revolution\u201c, \u00fcberall ist eine \u201eDiesmal aber wirklich!\u201c-Stimmung zu sp\u00fcren. Hier ist eine Generation aufgestanden, deren Gro\u00dfeltern den B\u00fcrgerInnenkrieg gegen den Faschismus verloren haben, und deren Eltern beim \u00dcbergang zur \u201eDemokratie\u201c belogen und betrogen wurden. \u201eDas sind dieselben, die damals mit Franco paktiert haben. Das sind die Nachfolger von denen, die meine Gro\u00dfeltern ermordet haben\u201c, sagt Anna. Ihre Gro\u00dfeltern gaben im spanischen B\u00fcrgerkrieg im Kampf gegen Franco ihr Leben. Ich erz\u00e4hle ihr von meinen Urgro\u00dfeltern, die im \u00f6sterreichischen B\u00fcrgerkrieg auf Seite der ArbeiterInnen gek\u00e4mpft haben und von den vielen, die nach der Niederlage nach Spanien gingen, um dort den Faschismus zu stoppen. \u201eTja, leider haben wir dann auch verloren\u201c, sagt sie traurig. Vor zwei Monaten hat sie sich noch als unpolitisch bezeichnet, erkl\u00e4rt mir ihr Lebensgef\u00e4hrte grinsend.<\/p>\n<p>Anna ist arbeitslos, wie so viele andere hier auch. Der Besitzer des kleinen Lebensmittelladens nebenan erkennt sofort, dass ich nicht von hier bin. Er fragt mich sofort: \u201eBist du wegen Jobs hier? Hier gibt es keine Jobs. Ich bin ausgebildeter IT-Techniker. Aber hier findet niemand einen Job. Deswegen mache ich das hier.\u201c 15-M hat vielen dieser Leute eine Perspektive gegeben. Menschen, die sonst in der Lethargie der Langzeitarbeitslosigkeit zu versinken drohen, spr\u00fchen pl\u00f6tzlich vor Kreativit\u00e4t. Anna und ich basteln uns Schilder f\u00fcr die n\u00e4chste gro\u00dfe Demo, wir ben\u00fctzen alten Karton und Filzstift. Die Bewegung wird wegen ihrer Masse an selbstgemachten Schildern auch \u201eKartonrevolution\u201c genannt.<\/p>\n<p>Am 19. Juni sind in Barcelona ungef\u00e4hr 300.000 Menschen auf der Stra\u00dfe, die Flugbl\u00e4tter und Zeitungen von Socialismo Revolucionario werden uns f\u00f6rmlich aus der Hand gerissen. Alle sind da, Familien mit kleinen Kindern, StudentInnen, Arbeitslose, ArbeiterInnen. 15-M ist l\u00e4ngst in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen. \u201eIhr habt recht, ein Generalstreik ist der einzig richtige n\u00e4chste Schritt\u201c, sagt ein \u00e4lterer Arbeiter zu mir beim Kauf einer Zeitung.<\/p>\n<p>Ich verlasse Barcelona und mache mich auf den Weg nach Sevilla. Ein letztes Mal besuche ich das Camp auf der Plaza Catalunya. Als Antwort auf die Medienhetze, die die Bewegung als gewaltt\u00e4tig darstellen will, h\u00e4ngen dort die Bilder der entlarvten Polizeiprovokateure (\u201eAchtung, gef\u00e4hrliche Gewaltverbrecher! Wenn ihr einen seht, meldet euch bei der Sicherheitskomission!\u201c) und Transparente, die sagen: \u201eGewalt sind 5 Millionen Arbeitslose. Gewalt sind t\u00e4gliche Delogierungen, wenn genug Wohnraum f\u00fcr alle da ist. Gewalt ist, Sozialleistungen zu streichen, um Profite zu sichern.&#8220;In Sevilla angekommen, traue ich meinen Augen nicht: Neben den \u00fcblichen Parolen, die in ganz Spanien an die H\u00e4userw\u00e4nde gesprayt sind, steht hier an der Au\u00dfenwand einer Bankfiliale: \u201e\u00a1No nos mires, unete!\u201c (H\u00f6r auf, uns anzustarren, reih dich ein!\u201c), einer der beliebtesten Demospr\u00fcche von 15-M. Aber nicht gesprayt, sondern h\u00fcbsch gedruckt. Die Bank wirbt um neue Kunden und missbraucht dabei eine Botschaft der Bewegung. Ich frage mich, ob die Glaswand die n\u00e4chste Demo heil \u00fcberstehen wird. Die Indignados in Sevilla treffen die letzten Vorbereitungen f\u00fcr den \u201eMarcha Popular Indignada\u201c, einen Sternmarsch aus allen gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten Spaniens auf Madrid, der dort in einer Gro\u00dfdemo endet. Socialismo Revolucionario Sevilla organisiert eine Veranstaltung mit mir an der Universit\u00e4t, um \u00fcber die Lehren der UniBrennt-Bewegung zu diskutieren. Alle TeilnehmerInnen sind sich einig: Vor dem Hintergrund der globalen Entwicklungen, der Krise und des wachsenden Widerstandes ist diese Bewegung eine gro\u00dfe Chance, dem Kapitalismus einen schweren Schlag zu versetzen. Und diesmal gewinnen wir, aber wirklich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein Augenzeugenbericht aus Spanien\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[44],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14328"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14328"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14328\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14328"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14328"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14328"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}