{"id":14324,"date":"2011-07-02T17:00:00","date_gmt":"2011-07-02T17:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14324"},"modified":"2011-07-02T17:00:00","modified_gmt":"2011-07-02T17:00:00","slug":"14324","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/07\/14324\/","title":{"rendered":"Syrien: Hundert Tage Aufstand!"},"content":{"rendered":"<p>  Geschichte der syrischen Opposition und die Revolution heute!<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die Revolutionen in Tunesien und &#196;gypten haben ein Erdbeben   ausgel&#246;st, das die ganze Region ersch&#252;ttert. Auch in Syrien gehen seit   M&#228;rz hunderttausende, wenn nicht Millionen auf die Stra&#223;e. Sie fordern   den Sturz des Regimes, soziale und demokratische Rechte. Was sind die   Hintergr&#252;nde der Bewegung und welche Perspektiven hat sie?<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Georg Maier, Sozialistische LinksPartei (&#246;sterreichische   Schwesterorganisation der SAV)<\/i><\/h4>\n<p>  Um die aktuelle Situation in Syrien verstehen zu k&#246;nnen ist es notwendig   einen Blick auf die Geschichte und die Entwicklung des Baath-Regimes zu   werfen. Nach der Macht&#252;bernahme durch die Baath-Partei im Jahre 1963   wurde ein ambitionierter Wirtschaftsplan gestartet. Er beinhaltete die   Verstaatlichung der Schl&#252;sselindustrien, massive Unterst&#252;tzung aus den   L&#228;ndern des Warschauer Paktes und den Entwurf von variierenden   Mehrjahrespl&#228;nen f&#252;r die Wirtschaft. Der Aufschwung lie&#223; die   Bev&#246;lkerungszahl rapide anschwellen. Millionen verlie&#223;en ihre Felder im   Norden und Osten und zogen in die westlichen Metropolen wie Aleppo,   Damaskus, Homs, Hama, etc. Dort fanden sie Arbeit in der sich   entwickelnden Industrie aber auch Elend in den neu entstandenen Slums in   den Vororten der gro&#223;en St&#228;dte, die dem Ansturm nicht gewachsen waren.<\/p>\n<p>  Die verzweifelte soziale Situation f&#252;hrte ab der Mitte der 70er Jahre   und zu Beginn der 80er Jahre zur Entwicklung von neuen   Oppositionsbewegungen gegen das Regime von Hafez Al-Assad. Der &#8222;L&#246;we von   Damaskus&#8220; kam 1970 durch eine Palastrevolte in der Baath-Partei an die   Macht. Um der trotz Repressionen zunehmend erstarkenden Kommunistischen   Partei Syriens das Wasser abzugraben, wurde sie in die &#8222;Nationale   Fortschrittsfront&#8220;, die neue Einheitsliste unter F&#252;hrung der Baath   integriert. Die stalinistische Partei propagierte nach ihrer   &#8222;Etappentheorie&#8220; diese Zusammenarbeit mit b&#252;rgerlichen Kr&#228;ften.<\/p>\n<p>  Laut Verfassung steht der NFF eine zwei Drittel Mehrheit in der   Nationalversammlung zu. Sie &#8222;f&#252;hrt Staat und Nation&#8220; (Paragraph 8 der   syrischen Verfassung). Innerhalb der NFF werden die KandidatInnen nicht   durch Wahlen sondern durch b&#252;rokratische Absprachen zwischen den   einzelnen Parteien unter dem Diktat der allm&#228;chtigen Baath-Partei   bestimmt. So sichert sich Baath immer die absolute Mehrheit und muss   sich um parlamentarische Opposition keine Sorgen machen (aktuell h&#228;lt   sie 134 von 250 Sitzen im Parlament). <\/p>\n<p>  Der Mangel an &#8222;echter&#8220; Opposition f&#252;hrte zu einer St&#228;rkung   religi&#246;s-fundamentalistischer Str&#246;mungen. Da politische Debatten in der   &#214;ffentlichkeit fast unm&#246;glich waren, verlagerte sich das   Oppositionsleben zunehmend in die Moscheen, die kaum durch den   Staatsapparat zu kontrollieren waren. Die Muslimbruderschaft, eine   Organisation des rechten politischen Islam, fand hier ihre Basis. Die   sozialen Forderungen wurden in ein religi&#246;ses Gewand geh&#252;llt. Als   Reaktion auf einen gescheiterten Mordanschlag auf ihn, lie&#223; der   Pr&#228;sident &#252;ber Nacht bis zu 1.000 Anh&#228;ngerInnen der Muslimbruderschaft   in ihren Gef&#228;ngniszellen erschie&#223;en. Daraufhin wurde im Februar 1982 von   den Minaretten Hamas zum Aufstand gegen die Regierung gerufen. Die   Muslimbruderschaft &#252;bernahm die Stadt. Die Antwort Al-Assads hie&#223;   Vernichtung. Nach Sch&#228;tzungen der UN wurden bis zu 40.000 Aufst&#228;ndische   und vor allem ZivilistInnen in Hama in der dreiw&#246;chigen Erst&#252;rmung der   Stadt get&#246;tet. In Folge zog sich die Muslimbruderschaft offiziell aus   Syrien zur&#252;ck. <\/p>\n<p>  Das Massaker von Hama war der Ausgangspunkt f&#252;r eine neue breit   angelegte Welle der Repression durch das Regime. Die beiden   Parteizeitungen der KP An-Nour (das Licht) und Nidal ash-Sha&#8217;b (der   Volkskampf) wurden vor&#252;bergehend verboten. Zehntausende   RegimegegnerInnen wurden in den folgenden Jahren verhaftet. Tausende   wurden in den ber&#252;chtigten Gef&#228;ngnissen Tadmor und Mezzeh inhaftiert und   gefoltert. Laut j&#252;ngsten Berichten lie&#223; Hafez al-Assad im Laufe seiner   Herrschaft 17.000 SyrerInnen &#8222;verschwinden&#8220;. <\/p>\n<h4>  <b>&#214;konomische Sackgasse<\/b><\/h4>\n<p>  Die wirtschaftliche Entwicklung der 70er Jahre stand auf t&#246;nernen F&#252;&#223;en.   Die industrielle Entwicklung war aus den &#214;leinnahmen querfinanziert. Mit   dem R&#252;ckgang des &#214;lpreises in den 90er Jahren und dem Zusammenbruch der   Sowjetunion, dem wichtigsten Handels- und B&#252;ndnispartners Syriens, kam   es zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Krise. Die staatliche   Industrie war nicht konkurrenzf&#228;hig, vor allem, weil der wichtigste   Absatzmarkt, die UdSSR, wegfiel. Die &#214;lf&#246;rderung fiel kontinuierlich.   1996 wurden noch 590.000 Barrel pro Tag gef&#246;rdert. 2008 wurde die   &#214;lf&#246;rderung auf nur noch 376.500 Barrel pro Tag gesch&#228;tzt. Das   &#214;lf&#246;rdermaximum ist l&#228;ngst &#252;berschritten. Es wird gesch&#228;tzt, dass Syrien   etwa ab dem Jahr 2015 gezwungen sein wird, &#214;l zu importieren, um den   eigenen Bedarf zu decken. <\/p>\n<p>  Das bedeutet eine weitere wirtschaftliche Schw&#228;chung und ist vor allem   f&#252;r die riesige Zahl der Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen Dienst eine   Bedrohung. Der Staatsapparat verbunden mit einem gro&#223;en staatlichen   Sektor in der Industrie, versorgte in der Vergangenheit gesch&#228;tzte 50%   der arbeitenden Bev&#246;lkerung mit relativ sicheren Arbeitspl&#228;tze und   Einkommen. Mit dem rapiden R&#252;ckgang der &#214;leinnahmen in den 90er und   2000er Jahren stagnierten die Einnahmen der Besch&#228;ftigten. In   Kombination mit massiven Preisanstiegen in allen Lebens- und   Wirtschaftsbereichen bedeutete dies einen anhaltenden Verlust von Lohn   und Lebensstandard. So wurde im Dezember 2008 der Preis f&#252;r Diesel um   357% (!) angehoben. <\/p>\n<p>  1980 lag das Pro-Kopf Einkommen in Syrien noch bei 12,17% von dem der   USA, 2005 nur noch bei 3,7%. Die Arbeitslosigkeit wird auf 20%   gesch&#228;tzt. Real d&#252;rfte sie deutlich dar&#252;ber liegen. Die Situation   versch&#228;rft sich laufend. Die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerung ist unter 25 Jahre   alt. J&#228;hrlich erh&#246;ht sich die Zahl der Menschen, am Arbeitsmarkt um 5%.   Das syrische Regime hat vor allem jungen Menschen keine Perspektive   anzubieten. Viele gehen in den Libanon, um dort als billige   Hilfsarbeitskr&#228;fte ausgebeutet zu werden und das oft unter Bedrohung   ihres Lebens. Im Dezember 2009 wurde in Tripolis Bus mit syrischen   ArbeiterInnen angegriffen. Zwei Arbeiter verloren ihr Leben. <\/p>\n<p>  Seit 2000, als Bashar Al-Assad das Pr&#228;sidentenamt von seinem   verstorbenen Vater &#252;bernahm setzt das Regime auf Deregulierungen und   Privatisierungen. 2001 wurde das staatliche Bankenmonopol aufgehoben.   Mittlerweil operieren 13 private Banken in Syrien. 2009 wurde die B&#246;rse   in Damaskus er&#246;ffnet. Das staatliche Monopol in der Bauindustrie wurde   aufgehoben. Das Resultat war ein kurzfristiger Bauboom privater Firmen.   Das half aber nicht bei der Beseitigung der Wohnungsnot, da vor allem   Luxuswohnungen f&#252;r die neuen und alten Eliten errichtet wurden. Der   gr&#246;&#223;te Syrische &#214;lf&#246;rderer Al-Furat Petroleum Company, der bis vor   wenigen Jahren noch im 100% Besitz der staatlichen Syrian Petroleum   Company war, wurde teilprivatisiert. Mittlerweile halten Royal Dutch   Shell und Petro-Canada zusammen 50%. 2003 wurde ein Streik der   &#214;larbeiterInnen gegen die gef&#228;hrlichen Arbeitsbedingungen brutal von   Seiten des Regimes unterdr&#252;ckt. Profitiert hat davon nur eine   verschwindend kleine Schicht. Die meisten Profiteure sind direkt   famili&#228;r mit dem Pr&#228;sidenten verbunden. Symbolisch f&#252;r diese Leute steht   Rami Makhlouf. Makhlouf ist einer der Cousins von Bashar Al-Assad und   einer der gr&#246;&#223;ten Profiteure der wirtschaftlichen Liberalisierung der   letzten Jahre. Er besitzt einige zentrale Konzerne, Banken, Medien und   die Mobiltelefongesellschaft Syriatel. Einem Bericht des   US-Finanzministeriums aus dem Jahr 2008 zur Folge ist es f&#252;r   ausl&#228;ndische InvestorInnen unm&#246;glich in Syrien Gesch&#228;fte zu machen, ohne   der Beteiligung von Rami Makhlouf. Bei allen Gesch&#228;ften redet er bzw.   seine Konzerne mit. Er gilt als einer der reichsten M&#228;nner der gesamten   Region. So wurde Rami Makhlouf seit Beginn der Proteste zu einem Symbol   f&#252;r Ausbeutung und Korruption. Filialen seiner Unternehmen wie Syriatel   wurden Ziele von Angriffen w&#252;tender DemonstrantInnen. <\/p>\n<p>  Das syrische Regime war immer ein kapitalistisches. Gleichzeitig bestand   aber immer ein massiver Staatssektor, der vielen Menschen Arbeit und   Unterhalt sicherte. Das Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystem war im   Vergleich mit anderen arabischen L&#228;ndern sehr gut ausgebaut und   kostenlos. Syrien wurde als &#8222;arabisch-sozialistisches&#8220; Land betrachtet &#8211;   was sich vor allem in der Rhetorik niederschlug. Mit den neoliberalen   Reformen von Pr&#228;sident Bashar Al-Assad verabschiedete sich das Regime   vom &#8222;sozialistischen&#8220; Teil des Programms &#8211; selbst in der Rhetorik.   Herrschte in der Vergangenheit zwar auch Unfreiheit, gab es doch   zumindest ein gewisses Ma&#223; an sozialer Sicherheit. In den letzten Jahren   bedeuteten die wirtschaftlichen Liberalisierungen f&#252;r viele den Verlust   der sozialen Sicherheit &#8211; die Unterdr&#252;ckung hielt an.<b> <\/b><\/p>\n<h4>  <b>&#8222;Wir sind nicht Kurden, Araber, Christen oder Moslems &#8211; wir sind   Syrien!&#8220; (Demospruch in Homs)<\/b><\/h4>\n<p>  Das Regime wirft der Opposition vor, die Nation zu spalten und das Land   in ethnischen und religi&#246;sen B&#252;rgerkrieg zu st&#252;rzen. Tatsache ist   allerdings, dass das Baath-Regime selbst f&#252;r die Spaltung der   Bev&#246;lkerung verantwortlich ist und nach dem Prinzip &#8222;Teile und Herrsche&#8220;   arbeitet. Der Laizismus des Regimes betrifft nur die Religion als   solche. Das Regime betreibt allerdings eine bewusste ethnische und   religi&#246;se Spaltung. Die syrische Bev&#246;lkerung ist aus zahlreichen   verschiedenen ethnischen und religi&#246;sen Gruppen zusammengesetzt. Die   Mehrheit der SyrerInnen sind AraberInnen. Etwa 9% der Bev&#246;lkerung sind   KurdInnen. Dazu kommen zahlreiche andere nationale Minderheiten, etwa   TurkmenInnen, AssyrerInnen, DrusInnen, ArmenierInnen. <\/p>\n<p>  Das Baath-Regime versuchte sich auf die arabische Mehrheitsbev&#246;lkerung   zu st&#252;tzen und betrieb brutalen Rassismus gegen die kurdische   Minderheit. 1962 wurden im Zuge einer Volksz&#228;hlung 20% der kurdischen   Bev&#246;lkerung die Staatsb&#252;rgerschaft aberkannt. Insgesamt etwa 250.000   Menschen leben als Staatenlose und haben kaum M&#246;glichkeiten Arbeit zu   finden oder Sozialleistungen zu bekommen. Im Zuge der &#8222;Arabisierung der   Dschasaria&#8220; wurden in den 70er Jahren wurden gesch&#228;tzte 140.000   KurdInnen aus ihren traditionellen Siedlungsgebieten in der N&#228;he der   t&#252;rkischen Grenze in die s&#252;dliche W&#252;ste bei Al-Raad deportiert. Die   kurdische Sprache, Kultur und traditionelle Bekleidung sind verboten. Im   Jahr 1986 schossen Sicherheitskr&#228;fte mit scharfer Munition in eine die   Menge von tausenden KurdInnen, die friedlich und in nationaler Tracht   das kurdische Fr&#252;hlingsfest feierten. <\/p>\n<p>  Kurdisch zu sprechen reicht oft schon aus um verhaftet zu werden.   KurdInnen spielen eine wichtige Rolle in der aktuellen revolution&#228;ren   Bewegung. Zehntausende demonstrierten in Qamishli und anderen St&#228;dten   und D&#246;rfern mit starker kurdischer Bev&#246;lkerung. Das Regime versprach   schon kurz nach Beginn der Massenbewegung einem gro&#223;en Teil der   staatenlosen KurdInnen die Staatsb&#252;rgerschaft. Bis jetzt scheint das   Versprechen noch nicht realisiert worden zu sein. Auf jeden Fall hat es,   wie die meisten anderen Zugest&#228;ndnisse des Regimes, nicht dazu gef&#252;hrt,   dass die Proteste enden, sondern vor allem dazu, dass den Menschen   bewusst wurde, dass es sich auszahlt zu k&#228;mpfen und sie weiter in die   Offensive gehen m&#252;ssen. Bemerkenswert ist die direkte Verbindung   zwischen der ma&#223;geblich von AraberInnen getragenen Massenbewegung und   den K&#228;mpfen der KurdInnen. Ganz gezielt arbeitet die Bewegung daran   KurdInnen und AraberInnen zusammenzuschlie&#223;en. So wurde einer der gro&#223;en   Freitagsproteste, die immer unter einem bestimmten &#8222;Motto&#8220; stehen,   &#8222;Azadi-Tag&#8220; genannt. &#8222;Azadi&#8220; ist das kurdische Wort f&#252;r &#8222;Freiheit&#8220;.   Hunderttausende marschierten in Hama, Homs, Baniyas, Dara&#8217;a, Dair   Az-Zour und anderen St&#228;dten mit dem Ruf &#8222;Huriya-Azadi&#8220; (&#8222;Freiheit&#8220; auf   Arabisch und Kurdisch), um die Einheit der Massen &#252;ber die ethnischen   Grenzen hinweg zu demonstrieren. Von kurdischer Seite aus wird bewusst   versucht die L&#252;gen des Regimes, die KurdInnen w&#252;rden sich abspalten   wollen, zu widerlegen. Auf den Demonstrationen in den KurdInnengebieten   wird meist auf die kurdische Fahne verzichtet, stattdessen werden   syrische mitgetragen. Transparente sind mehrsprachig, die Demospr&#252;che   meist arabisch und beide dr&#252;cken vor allem die Verbundenheit mit dem   Kampf der arabischen Massen aus. V&#246;llig korrekterweise hat die kurdische   Bewegung gesehen, dass nationale, soziale und demokratische Rechte   letztlich nur im gemeinsamen Kampf mit den Massen des gesamten Landes   erreicht werden k&#246;nnen. Um die Massen der KurdInnen in den Kampf zu   bringen, ist es n&#246;tig von Seiten der arabischen Bewegung ihnen volle   Rechte zuzugestehen, bis zum Recht auf Gr&#252;ndung eines eigenen Staates.<\/p>\n<p>  Ca. 74% der Bev&#246;lkerung sind SunnitInnen. Die herrschende Familie der   Al-Assads ist allerdings alewitisch (ca. 12% der Bev&#246;lkerung; ein   Ableger des schiitischen Islam). Die zentralen Machtpositionen in der   Baath-Partei, in der B&#252;rokratie, der Wirtschaft, dem Milit&#228;r sind mit   VerteterInnen der alewitischen Bev&#246;lkerungsgruppe besetzt. So sicherte   sich Hafez Al-Assad und ebenso sein Sohn die Loyalit&#228;t der Spitzen des   Landes. Auch die christliche Minderheit (ca. 10%) wurde hofiert und   stellt einen bedeutenden Anteil der H&#228;ndlerInnen, UnternehmerInnen und   der B&#252;rokratie. Die permanent gesch&#252;rte Gefahr einer Macht&#252;bernahme   durch sunnitische FundamentalistInnen f&#252;hrte dazu, dass die religi&#246;sen   Minderheiten auf Grund der Angst nach einem Machtwechsel die   privilegierten Stellungen zu verlieren oder sogar unterdr&#252;ckt zu werden,   teilweise eine relativ enge Bindung zum Regime haben. Das betrifft   allerdings nicht die Massen der jeweiligen Religionsgruppen sondern   prim&#228;r ihre F&#252;hrung. So riefen zwar die Bisch&#246;fe der verschiedenen   christlichen Kirchen in Damaskus zur Unterst&#252;tzung des Regimes auf,   gleichzeitig wurde allerdings, zum Beispiel am Karfreitag, von Seiten   der Bewegung gezielt darauf gesetzt, ChristInnen und Moslems   zusammenzuschlie&#223;en. Es d&#252;rfte kein Zufall gewesen sein, dass das bis   dahin gr&#246;&#223;te Massaker an DemonstrantInnen mit &#252;ber 120 Toten am   Karfreitag stattfand. Das Regime hat von Anfang an behauptet, bei den   DemonstrantInnen w&#252;rde es sich um FundamentalistInnen handeln. Die   gr&#246;&#223;te Angst des Regimes ist die &#220;berbr&#252;ckung der ethnischen und   religi&#246;sen Gr&#228;ben und ein gemeinsamer Kampf der Massen unabh&#228;ngig ihrer   Ethnie und religi&#246;sem Hintergrund.<b> <\/b><\/p>\n<h4>  <b>Unterdr&#252;ckung und Widerstand<\/b><\/h4>\n<p>  Von Anfang an kannte das Regime nur eine Antwort auf die Proteste &#8211;   blutige Unterdr&#252;ckung. Bis jetzt wurden nach verschiedenen Angaben   zwischen 1.300 und 1.600 Menschen get&#246;tet. Die reale Zahl k&#246;nnte   allerdings deutlich h&#246;her liegen. Schon in den ersten Tagen der Proteste   wurde bekannt, dass der Geheimdienst wenige Stunden nach Demonstrationen   die Krankenh&#228;user der jeweiligen Stadt &#252;bernahm und alle, die   offensichtlich von Sicherheitskr&#228;ften verwundet wurden, also   DemonstrantInnen waren, wurden abgef&#252;hrt. In Dara&#8217;a gab es sogar   Berichte, dass die PatientInnen noch direkt beim Krankenhaus erschossen   wurden. Diese Berichte f&#252;hrten dazu, dass viele Verwundete sich nicht   mehr in die Krankenh&#228;user trauen. Ohne akkurate &#228;rztliche Versorgung   sterben viele unbekannt. Die Familien geben aus Angst vor Repressionen   oft nicht bekannt, dass ein Angeh&#246;riger von Sicherheitskr&#228;ften   erschossen wurde. Mehr als 10.000 Menschen fl&#252;chteten bisher in die   T&#252;rkei oder in den Libanon. Bis jetzt wurden &#252;ber 10.000 Oppositionelle   verhaftet. Jene, die wieder freigelassen wurden, berichten von Folter   und Misshandlungen. Keiner wei&#223;, wie viele Oppositionelle in den Kerkern   der Geheimdienste zu Tode gefoltert wurden. Der Fall des   dreizehnj&#228;hrigen Hamza Al-Khatib steht symbolisch f&#252;r zahlreiche   Unbekannte. Er wurde in Dara&#8217;a am Rande einer Demonstration verhaftet.   Im Gef&#228;ngnis wurde er zu Tode gefoltert, seine v&#246;llig entstellte Leiche   Wochen sp&#228;ter seinen Eltern &#252;bergeben.<i> <\/i><\/p>\n<p>  Bis jetzt scheint das Regime nicht in der Lage zu sein mit der   Vernichtungspolitik die Bewegung zu brechen. Tats&#228;chlich wird jedes   Begr&#228;bnis zu einer neuen Machtdemonstration der Bewegung. Jeder neue   Tote f&#252;hrt den Menschen die Barbarei des Regimes vor Augen und bringt   sie wieder dazu, auf die Stra&#223;e zu gehen.<\/p>\n<p>  Tagt&#228;glich gehen Tausende auf die Stra&#223;e. H&#246;hepunkte der Proteste sind   jeweils die Massendemonstrationen am Freitag. Am 1. Juli kam es zu den   bislang gr&#246;&#223;ten Demonstrationen in Syrien. Allein in Hama sollen &#252;ber   200.000 Menschen auf der Stra&#223;e gewesen sein. In den Moscheen sammeln   sich die Menschen, um nach dem Gebet durch die Stadt zu ziehen, um gegen   das Regime zu demonstrieren. Das dr&#252;ckt nicht aus, dass es sich bei den   DemonstrantInnen um religi&#246;se FanatikerInnen handelt, sondern vor allem,   dass sich au&#223;er den Moscheen kaum R&#228;ume und M&#246;glichkeiten finden, um zu   diskutieren, sich zu sammeln und gemeinsam auf die Stra&#223;e zu gehen.   Christliche und andere nicht-muslimische DemonstrantInnen organisieren   freitags oft eigene Demonstrationsz&#252;ge, die sich dann mit denen aus den   Moscheen vereinigen. Zunehmend setzt die Bewegung auf neue   Aktionsformen, wie Demos bei Nacht, um den Scharfsch&#252;tzen zu entgehen   oder Sit-Ins. Aktuell wird dazu aufgerufen, die Rechnungen f&#252;r Strom,   Wasser, etc. nicht mehr zu bezahlen &#8211; unter dem Motto &#8222;Wir sind nicht   dazu bereit f&#252;r die Kugeln zu zahlen, mit denen ihr uns niederschie&#223;t.&#8220;   Die Streik-Aufrufe der letzten Monate wurden lokal sehr unterschiedlich   aufgegriffen. In Hama legte ein dreit&#228;giger Generalstreik, der aus   Protest gegen die Ermordung von DemonstrantInnen ausgerufen wurde die   ganze Stadt lahm. W&#228;hrend auch andere St&#228;dte wie Homs tagelang   paralysiert wurden tat sich in den &#246;konomischen Zentren Damaskus und   Aleppo wenig bis nichts. Das liegt zum Teil an der massiven   Polizeipr&#228;senz, die unter anderem LadenbesitzerInnen dazu zwang, die   Gesch&#228;fte offen zu halten und sowohl die prek&#228;re &#246;konomische Lage vieler   als auch eine real existierende Unterst&#252;tzung in manchen Teilen der   Bev&#246;lkerung f&#252;r das Regime. Das liegt sowohl an der Propaganda des   Regimes als auch an der realen Angst davor was nach einem Ende des   Baath-Regimes kommen w&#252;rde. Weite Teile der B&#252;rokratie, der neuen   UnternehmerInnen und H&#228;ndlerInnen sind &#246;konomisch und politisch vom   jetzigen Regime abh&#228;ngig, bzw. verdanken ihm den eigenen Aufstieg. Mit   Blick auf den in sektiererischer Gewalt versinkenden Irak und den durch   religi&#246;se Spaltung und jahrzehntelangen B&#252;rgerkrieg gepr&#228;gten Libanon   bef&#252;rchten viele nach einem Umbruch ethnische und religi&#246;se   Auseinandersetzungen. Das Regime &#252;bt auch Druck auf die Besch&#228;ftigten im   &#246;ffentlichen Dienst aus, an den Jubeldemonstrationen f&#252;r Al-Assad   teilzunehmen.<\/p>\n<p>  Aber auch in Aleppo und Damaskus ist es letztlich eine Frage der Zeit   bis sich die Verh&#228;ltnisse wenden und auch dort Massenproteste   ausbrechen. In den ArbeiterInnen- und Elendsvierteln am Rande von   Damaskus kam es von Anfang an zu riesigen Demonstrationen gegen das   Regime, das darum bem&#252;ht hat eine Ausbreitung in das Stadtzentrum zu   verhindern.<\/p>\n<h4>  Situation der Armee<\/h4>\n<p>  Immer mehr Soldaten sind nicht mehr dazu bereit auf friedliche   DemonstrantInnen zu schie&#223;en. Von Anfang an gab es Desertionen. Mit der   Versch&#228;rfung der Repression scheint sich das deutlich zu verst&#228;rken. Das   Regime reagiert auch hier mit aller H&#228;rte. Es gibt zahlreiche Berichte   davon, dass Deserteure sofort von ihren Offizieren erschossen wurden.   Immer mehr weigern sich zu schie&#223;en und fl&#252;chten. Anders als in Tunesien   und &#196;gypten verh&#228;lt sich die Milit&#228;rf&#252;hrung nicht &#8222;neutral&#8220; gegen&#252;ber   den Protesten sondern schl&#228;gt sie nieder. Die Spaltung der Armee   vollzieht sich ma&#223;geblich zwischen einfachen Soldaten und den   Offizieren. Es sind &#252;berwiegend Wehrpflichtige die desertieren. Die   Berichte, die sie abliefern &#228;hneln einander stark. Sie werden nie in den   Landesteilen eingesetzt, aus denen sie kommen. Sie werden von der   Bev&#246;lkerung isoliert in Baracken untergebracht und es wird ihnen   erz&#228;hlt, sie m&#252;ssten die Menschen gegen IslamistInnen und ausl&#228;ndische   AgentInnen verteidigen. Mit der Realit&#228;t konfrontiert verweigern sie den   Befehl. In Jisr Ash-Shugur kam es zu milit&#228;rischen Auseinandersetzungen   zwischen verschiedenen Armeeeinheiten und Polizisten auf der einen Seite   und der Vierten Brigade, einer Eliteeinheit unter Kommando des   Pr&#228;sidentenbruders Maher Al-Assad auf der anderen Seite. Soldaten der   regul&#228;ren Einheiten und Polizisten hatten sich entschlossen die   DemonstrantInnen gegen den Beschuss durch Mahers Truppen zu verteidigen.   Die 120 toten Sicherheitskr&#228;fte wurden den Medien dann als Opfer   terroristischer Banden pr&#228;sentiert. In einem anderen Ort im Nordwesten   des Landes lief verschiedenen AugenzeugInnenberichten zur Folge sogar   eine ganze Panzereinheit zu den DemonstrantInnen &#252;ber. Die Besatzungen   deckten die Flucht der Menschen in die nahe T&#252;rkei und versuchten dann   selbst &#252;ber die Grenze zu fl&#252;chten. Wer nicht entkam, wurde sofort   erschossen. Zus&#228;tzlich berichten Deserteure, dass Mitglieder der   Geheimdienste in Zivilkleidung selbst auf Polizisten und Soldaten   schossen. Bilder davon wie diese angeblichen &#8222;Terroristen&#8220; auf   Sicherheitskr&#228;fte schie&#223;en, gelangten schnell in das staatliche   Fernsehen. Die Berichte decken sich mit einem Dokument des   Geheimdienstes, das im M&#228;rz durchsickerte. Dabei wird klargestellt, man   solle auch Sicherheitskr&#228;fte erschie&#223;en, um der &#214;ffentlichkeit den   terroristischen Charakter der Bewegung zu zeigen und einen Vorwand f&#252;r   das milit&#228;rische Vorgehen zu haben. Es kursieren auch Videos, die   zeigen, wie Soldaten Waffen neben erschossenen ZivilistInnen platzieren,   um sie dann sp&#228;ter im Fernsehen als erschossene TerroristInnen zu   pr&#228;sentieren.<\/p>\n<p>  Die Propaganda des Regimes von den &#8222;bewaffneten Banden&#8220; ist leicht als   L&#252;ge zu entlarven. Beinahe l&#228;cherlich wirken die Versuche des Regimes   immer wieder neue &#8222;TerroristInnen&#8220; zu erfinden. Mal behauptet Al-Assad   hinter den angeblichen &#8222;bewaffneten Banden&#8220; w&#252;rde Al-Qaida stehen, ein   anderes Mal angeblich CIA oder Mossad oder sogar bewaffnete   Beduinenst&#228;mme. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Gruppen von   Oppositionellen, die sich bewaffnen. Dabei handelt es sich teilweise   auch um reaktion&#228;re Elemente, wie die Muslimbruderschaft. Mitte Juni   gelangen einem t&#252;rkischen Journalisten in Nordwestsyrien Aufnahmen einer   kleinen schlecht bewaffneten Gruppe die sich selbst als Mitglieder der   Muslimbruderschaft ausgaben. Es bedeutet eine Gefahr f&#252;r die Bewegung,   wenn sich religi&#246;se FanatikerInnen bewaffnen, denn diese vertreten eine   Politik, die sich letztlich gegen die Interessen der Massen richtet.   Allgemein d&#252;rfte die Zahl der Oppositionellen, die sich bewaffnet haben,   verschwindend gering sein. Und es ist auch nachvollziehbar, dass immer   mehr Menschen nicht mehr dazu bereit sind sich einfach abschie&#223;en zu   lassen sondern sich verteidigen wollen. Das ist legitim, sollte aber am   besten in Form demokratischer Organisationen geschehen und nicht   Einzelpersonen und Gruppen &#252;berlassen werden. Bis jetzt haben diese   Gruppen allerdings noch keine Rolle gespielt. Der Kampf gegen das Regime   wird auch letztlich nicht auf einer milit&#228;rischen sondern einer   politischen Ebene gef&#252;hrt. Notwendig w&#228;ren demokratische bewaffnete   Organisationen der ArbeiterInnenklasse, der Armen und der Jugend um die   Bewegung zu verteidigen.<\/p>\n<h4>  Die Frage der Organisation<\/h4>\n<p>  Da das Land weitgehend abgeriegelt ist, ist es schwierig von au&#223;en zu   beurteilen wer die entscheidenden Kr&#228;fte in der Massenbewegung sind. Bis   jetzt konnten verschiedenste illegale linke Organisationen, kurdische   Gruppen und b&#252;rgerlich-demokratische Gruppen beobachtet werden. Schwer   einzusch&#228;tzen ist die Rolle der Muslimbruderschaft. Nach dem Massaker in   Hama 1982 stellte sie offiziell s&#228;mtliche T&#228;tigkeiten in Syrien ein.   Zahlreiche Mitglieder waren schon vor den Protesten in Haft. In der   Opposition im Ausland wie der T&#252;rkei scheint sie eine wichtigere Rolle   zu spielen, als in Syrien selbst. Die massive Unterdr&#252;ckung s&#228;mtlicher   oppositioneller Organisationen in den vergangenen Jahrzehnten hat dazu   gef&#252;hrt, dass sich die oppositionelle Linke und ArbeiterInnenbewegung   kaum organisieren konnte und sie keine Strukturen und Infrastruktur   haben. Es besteht die Gefahr, dass religi&#246;se Gruppen versuchen, das   Vakuum in der F&#252;hrung der Bewegung zu f&#252;llen. Bis jetzt scheint das   allerdings nicht der Fall zu sein.<\/p>\n<p>  Eine besch&#228;mende Rolle spielt der offizielle syrische   Gewerkschaftsverband. Er organisiert &#252;berwiegend ArbeiterInnen aus der   &#214;l- und Gasindustrie, von denen bekannt ist, dass sie sich in mehreren   F&#228;llen an Demonstrationen, etwa in Dair Az-Zour, einem Zentrum der &#214;l-   und Gasindustrie beteiligten. In den Stellungnahmen der   Gewerkschaftsf&#252;hrung wurde von einer &#8222;ausl&#228;ndischen Verschw&#246;rung&#8220;   gesprochen und dazu aufgerufen, auf &#8222;die Weisheit der F&#252;hrung&#8220; (gemeint   ist Al-Assad) zu vertrauen. Auch wenn der &#214;l- und Gassektor an Bedeutung   verloren hat, so haben die ArbeiterInnen dieser Bereiche immer noch die   potentielle &#246;konomische Macht der Regierung einen entscheidenden Schlag   zu versetzen. Entscheidend daf&#252;r sind Organisationen der   ArbeiterInnenklasse. Gerade die &#228;gyptische Revolution hat gezeigt,   welche zentrale Rolle unabh&#228;ngige k&#228;mpferische Gewerkschaften spielen   k&#246;nnen. Die gilt es auch in Syrien aufzubauen und mit ihnen Streiks zu   organisieren.<\/p>\n<p>  Besonders erb&#228;rmlich ist die Rolle der &#8222;Kommunistischen&#8220; Partei. Die KP   ist Mitglied der &#8222;Nationalen Fortschrittsfront&#8220; unter F&#252;hrung der   Baath-Partei. Ihre Stellungnahmen sto&#223;en in dasselbe Horn, wie die des   Pr&#228;sidenten. Im Kommuniqu&#233; des Zentralkomitees vom 4. Juni schreibt sie   von einer &#8222;internationalen Verschw&#246;rung&#8220; der &#8222;zionistischen,   imperialistischen Kr&#228;fte&#8220; in Zusammenarbeit mit der Muslimbruderschaft.   Im Kommuniqu&#233; des ZK vom 25. M&#228;rz wurde &#8222;volle Unterst&#252;tzung f&#252;r die   Ma&#223;nahmen des Pr&#228;sidenten&#8220; ausgedr&#252;ckt. &#196;hnlich verhalten sich auch die   stalinistischen Apologeten des Regimes im Westen. Zum Beispiel hat die   &#8222;Junge Welt&#8220; die Meldungen der amtlichen syrischen Nachrichtenagentur   SANA fast w&#246;rtlich widergegeben. In Reproduktion alter Freund-Feind   Schemata aus dem Kalten Krieg l&#252;gen sich die &#8222;linken&#8220; FreundInnen des   syrischen Regimes im Westen die Realit&#228;t zurecht. So wird etwa die   Zeitung &#8222;Al-Watan&#8220;, die Al-Assads Cousin Rami Makhlouf geh&#246;rt, als   &#8222;unabh&#228;ngige&#8220; Quelle angef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Politik nach dem Motto &#8222;Der Feind meines Feindes ist mein Freund&#8220; hat   nichts mit Kampf gegen Imperialismus zu tun und f&#252;hrt in Sackgassen, in   denen reaktion&#228;re Regime wie das von Ahmadinejad im Iran oder Al-Assads   in Syrien gegen die Massenbewegung verteidigt wird. Aber selbst unter   solchen Kriterien f&#228;llt es zumindest fragw&#252;rdig Al-Assads Regime als   &#8222;antiimperialistisch&#8220; zu charakterisieren. Bei aller scheinbaren   antiimperialistischen Rhetorik des Regimes und seiner Apologeten ist und   bleibt Al-Assad ein blutiger Unterdr&#252;cker der syrischen Massen. In der   Vergangenheit paktierte das Regime auch mit dem Imperialismus. Etwa als   Teil der US-gef&#252;hrten Koalition gegen den Irak im ersten Golfkrieg.   W&#228;hrend des B&#252;rgerkriegs im Libanon wurde phasenweise sogar ein   inoffizielles B&#252;ndnis mit Israel, in Unterst&#252;tzung der   christlich-rechtsextremen Falange gegen die PLO, eingegangen.<\/p>\n<h4>  Intervention des Westens<\/h4>\n<p>  Aktuell steht eine westliche Milit&#228;rintervention, &#228;hnlich wie in Libyen   nicht auf der Tagesordnung. Zwar gibt es vor allem aus Frankreich immer   wieder Kommentare in diese Richtung, der Imperialismus scheint im Moment   allerdings nicht auf eine Intervention hinzuarbeiten. Auch das dr&#252;ckt   die Heuchelei der westlichen Regierungen aus. W&#228;hrend man in Libyen   vorgibt die Menschenrechte herbeizubomben gibt es in Syrien keine   Konsequenzen. Aktuell unterst&#252;tzen vor allem China und Russland das   Regime. Dabei geht es darum sich im Gegensatz zum Westen in eine bessere   Position zu bringen. Auch die T&#252;rkei versucht ihren Einfluss in der   Region zu verst&#228;rken. Zwar wird die Gewalt mittlerweile verurteilt, aber   sehr lange stand die Regierung in Ankara dem syrischen Regime sehr nahe.   Erdogan bezeichnete Bashar Al-Assad bis vor wenigen Monaten noch als   engen Freund. Gerade bei der Unterdr&#252;ckung der KurdInnen gibt es starke   gemeinsame Interessen zwischen Ankara und Damaskus.<\/p>\n<p>  Sollte es einen imperialistischen Angriff aus irgendwelchen   vorgeschobenen &#8222;humanit&#228;ren&#8220; Gr&#252;nden geben, w&#228;re das eine Katastrophe   f&#252;r die Bewegung. Die Folge w&#228;re, dass sich die L&#252;gen des Regimes, die   Protestbewegung w&#228;re aus dem Ausland gesteuert, scheinbar bewahrheiten   w&#252;rde. Die syrische Armee w&#252;rde mit ungekannter Brutalit&#228;t gegen die   &#8222;ausl&#228;ndischen AgentInnen vorgehen&#8220; und der Bewegung w&#252;rde real das   R&#252;ckgrat gebrochen werden. Eine ausl&#228;ndische Intervention in Syrien, ein   Land das sich seit Jahrzehnten im Konflikt mit dem Imperialismus   befindet und in dem ein breites antiimperialistisches Bewusstsein   besteht w&#252;rde f&#252;r s&#228;mtliche RegimegegnerInnen eine Katastrophe bedeuten.   F&#252;r den Imperialismus w&#228;re es im &#220;brigen ein nicht zu gewinnender Krieg.<\/p>\n<h4>  Wie weiter?<\/h4>\n<p>  Zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht vorhersagbar, welche Entwicklung die   syrische Revolution einschlagen wird. Dem Regime gelingt es zwar immer   wieder Kleinst&#228;dte zu &#8222;s&#228;ubern&#8220; und damit zu &#8222;befrieden&#8220;, aber selbst in   Dara&#8217;a gibt es trotz der Besetzung durch das Milit&#228;r und hunderten Toten   weiterhin Proteste. Wenn Al-Assad versuchen wollte Protesthochburgen wie   Hama, wo jeden Freitag hunderttausende demonstrieren, zu &#8222;befrieden&#8220;,   m&#252;sste er wohl zu Ma&#223;nahmen greifen, die sein Vater vor zwei Jahrzehnten   eben dort angewandt hat, n&#228;mlich die Vernichtung der gesamten Stadt. Ob   das im Moment eine reale Option aus Sicht der Herrschenden ist, ist   unklar. Andere Versuche die Bewegung zu beenden, haben nicht gefruchtet.   Die Zugest&#228;ndnisse des Regimes an die DemonstrantInnen, wie etwa die   Aufhebung des seit 1963 geltenden Ausnahmezustandes, Amnestien oder   Lohnerh&#246;hungen haben nicht zu einer Beruhigung gef&#252;hrt. Im Gegenteil,   sie d&#252;rften von vielen als Zeichen gesehen werden, dass das Regime in   der Defensive ist und als Ansporn f&#252;r weitere Proteste.<\/p>\n<p>  Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass sich innerhalb der Herrschenden Klasse   Spaltungen auftun. Bis jetzt sind die noch nicht in Erscheinung getreten   und es ist auch nicht absehbar an welchen Linien sie sich auftun werden.   Die Bourgeoisie ist in Syrien auch auf Grund ethnischer und religi&#246;ser   Beziehungen enger an das Regime gebunden als in Tunesien oder &#196;gypten.   Auch ist aktuell nicht absehbar, dass die F&#252;hrung des Milit&#228;rs dieselbe   Rolle wie in den beiden L&#228;ndern einnehmen wird. Es kann entlang von   Forderungen nach Demokratie zu Spaltungen kommen, bzw. k&#246;nnen Teile des   Regimes sich vor die Wahl gestellt sehen entweder mit Al-Assad zu   brechen oder mit ihm unterzugehen. Solche Spaltungen k&#246;nnen wichtige   Faktoren f&#252;r die Entwicklung der Revolution sein.<\/p>\n<p>  Es besteht die reale Gefahr eines Totlaufens der Bewegung. Das zeichnet   sich aktuell zwar noch nicht ab, aber wenn es keine konkreten Schritte   zum Sturz des Regimes gibt kann es sein, dass ab einem gewissen   Zeitpunkt viele Menschen nicht mehr bereit sein werden Tag f&#252;r Tag auf   der Stra&#223;e ihr Leben zu riskieren. Bis jetzt ist auch noch keine   personelle Alternative zu Al-Assad in Erscheinung getreten. Es kann   sein, dass bei dem Auftreten einer solchen Figur Al-Assad abgedr&#228;ngt und   durch eine neue Person ersetzt wird, w&#228;hrend die Politik der   Herrschenden weitgehend gleich bleibt. Auch das ist eine Gefahr mit der   sich die Bewegung konfrontiert sehen k&#246;nnte. In jedem Fall spielt das   Regime auch auf Zeit und hofft, dass die Bewegung, &#228;hnlich wie im Iran   2009 langsam zur&#252;ckgehen wird. Es stehen anders als in anderen   arabischen L&#228;ndern kaum oppositionelle b&#252;rgerliche Kr&#228;fte zur Verf&#252;gung,   die aus Sicht der Bourgeoisie passable Nachfolger Al-Assads sein   k&#246;nnten. Zweifelsohne w&#228;ren aber nach einem Sturz von Bashar Al-Assad   pro-kapitalistische &#8222;Pers&#246;nlichkeiten&#8220; im In- und Ausland bereit, seinen   Platz einzunehmen. M&#246;glich ist auch, dass Teile der Armee versuchen   w&#252;rden in so einer Situation (sp&#228;t aber doch) eine &#228;hnliche Rolle wie in   &#196;gypten einzunehmen. F&#252;r die Massen kann das Ziel nicht sein ein   ausbeuterisches, unterdr&#252;ckerisches Regime durch ein anderes zu   ersetzen. Letztlich braucht es eine Regierung der ArbeiterInnen, Armen   und jungen Menschen. Ein demokratisches, sozialistisches System in dem   der Reichtum Syriens der Masse der Bev&#246;lkerung zu Gute kommen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Letztlich ist die einzige Alternative eine Macht&#252;bernahme durch die   Masse der ArbeiterInnenklasse, Armen und Jugend. Das verlangt aber   politische Organisierung. Die syrischen ArbeiterInnen, Armen und   Jugendlichen haben heute keine Organisation um den Kampf gegen die   Diktatur und f&#252;r soziale und demokratische Rechte zu f&#252;hren. Es ist eine   entscheidende Frage, ob es den Massen gelingt sich im Kampf ihre eigenen   neuen Organisationen zu schaffen. Teile der &#8222;alten&#8220; Opposition, vor   allem Intelektuelle, die bereits vor den aktuellen Protesten aktiv waren   wurden Mitte Juni vom Pr&#228;sidenten zu Gespr&#228;chen eingeladen (auch das ein   Zeichen der Schw&#228;che von Al-Assad). Ziel ist es offensichtlich die   Opposition zu spalten. Wie viel Einfluss die &#8222;alte&#8220; Opposition hat, ist   schwer zu beurteilen, die Mehrheit vor allem der jungen DemonstrantInnen   ist allerdings nicht zu &#8222;Gespr&#228;chen&#8220; mit dem Regime bereit.   Verhandlungen &#252;ber einen &#8222;demokratischen &#220;bergang&#8220; scheinen ihnen &#8211; zu   Recht &#8211; nutzlos wenn Armee, Polizei und Geheimdienste derweil weiter auf   Demonstrationen schie&#223;en, weiter verhaftet und gefoltert wird. &#8222;Keine   Verhandlungen mit dem Schl&#228;chter!&#8220; und &#8222;Keine Zugest&#228;ndnisse, keine   Verhandlungen &#8211; Hau ab Bashar!&#8220; waren die Slogans mit denen viele der   DemonstrantInnen auf die Nachrichten &#252;ber die &#8222;Gespr&#228;che&#8220; reagierten.<\/p>\n<p>  Seit einiger Zeit entstehen in den meisten St&#228;dten Lokale   Koordinationskomitees. Wie weit genau deren Einfluss in den einzelnen   Regionen reicht kann von au&#223;en schwer beurteilt werden. Bekannt ist   aber, dass etwa in Hama und Homs AktivistInnen der verschiedensten   religi&#246;sen und ethnischen Bev&#246;lkerungsteile vertreten sind und das   Komitee eine zentrale Rolle bei der Organisierung der Proteste spielen   d&#252;rfte. Diese Basisorganisationen k&#246;nnen in der n&#228;chsten Zeit die   entscheidenden Organisationsformen sein um den Kampf gegen die Diktatur   weiterzuentwickeln und zum Sieg zu f&#252;hren. Sie k&#246;nnen auch der Kern f&#252;r   eine neue revolution&#228;re Massenpartei sein, der es gelingt den Kampf   erfolgreich zu organisieren. Trotz zahlreicher Streiks und regionaler   Generalstreiks (in Hama, Homs, etc.) hat die ArbeiterInnenklasse noch   nicht als Klasse die B&#252;hne betreten. Das bewusste Eingreifen der   ArbeiterInnenklasse in den revolution&#228;ren Prozess mit sozialistischen   Forderungen w&#228;re der entscheidende Punkt f&#252;r den Erfolg der Bewegung.<\/p>\n<p>  Welchen Weg die Revolution gehen wird ist aktuell nicht genau   absch&#228;tzbar. Klar ist aber auf jeden Fall, dass das Regime von Bashar   Al-Assad nicht dauerhaft bestehen kann und wird. Die Widerspr&#252;che   innerhalb des Landes sind zu gro&#223; als dass sie, jetzt da sie   aufgebrochen sind durch Repression oder kleinere Zugest&#228;ndnisse wieder   &#252;berbr&#252;ckt werden k&#246;nnten. Selbst wenn es gel&#228;nge die revolution&#228;re   Bewegung dieses Mal noch zu vernichten, so w&#228;ren neue Wellen   revolution&#228;rer Erhebungen letztlich nur eine Frage der Zeit. Das   kapitalistische Regime von Bashar Al-Assad hat den ArbeiterInnen, Armen   und Jugendlich nichts anzubieten als Armut, Perspektivenlosigkeit und   barbarische Unterdr&#252;ckung. Ausger&#252;stet mit einem demokratischen   nicht-sektiererischen, sozialistischen Programm kann die Massenbewegung   die Diktatur st&#252;rzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Geschichte der syrischen Opposition und die Revolution heute!\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14324"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14324"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14324\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14324"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14324"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14324"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}