{"id":14311,"date":"2011-06-26T00:00:00","date_gmt":"2011-06-25T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14311"},"modified":"2012-07-18T14:43:41","modified_gmt":"2012-07-18T12:43:41","slug":"14311","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/06\/14311\/","title":{"rendered":"Fu&#223;ball-WM: Fanbegeisterung, Vermarktung und Sexismus"},"content":{"rendered":"<p>  Frauenfu&#223;ball damals und heute<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Am 26. Juni ist Ansto&#223; Nigeria vs. Frankreich und Deutschland vs.   Kanada. Dass &#252;ber 700.000 Karten verkauft wurden und Millionen sich zum   Public-Viewing treffen und das Spiel verfolgen, dass Frauenfu&#223;ball   breiter akzeptiert wird, ist von Sportlerinnen und Fans erk&#228;mpft worden.   Dennoch wird die WM von einer Welle sexistischer &#196;u&#223;erungen und Artikel   begleitet. Die Vermarktungsmaschine versucht zudem, aus dem Sport den   h&#246;chsten Profit zu schlagen.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Michael Koschitzki, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Frauenfu&#223;ball begann international bereits Anfang des 20. Jahrhunderts   popul&#228;rer zu werden. In Gro&#223;britannien wurden manche Spiele im Jahre   1920 von &#252;ber 50.000 ZuschauerInnen besucht. In Deutschland blieb es   zun&#228;chst ein Sport, der vor allem von Studentinnen betrieben wurde.   Jedoch beschwerte sich die Deutsche Studentenvereinigung schon fr&#252;h,   dass dieses Spiel in kurzen Hosen &#8222;k&#252;nftigen deutschen Akademikerinnen   unangemessen&#8220; sei. In Gro&#223;britannien wurde Frauenfu&#223;ball bereits 1921   von den Pl&#228;tzen verbannt. In Deutschland wurde Frauenfu&#223;ball im   Faschismus nicht zugelassen.<\/p>\n<h4>  Frauenfu&#223;ball nach 1954<\/h4>\n<p>  In den 50er Jahren bildeten sich erneut Frauenmannschaften innerhalb der   bestehenden Vereine oder gr&#252;ndeten eigene Vereine. Der Sport nahm mit   der allgemeinen WM-Euphorie 1954 einen enormen Aufschwung. Doch weil   Frauenfu&#223;ball angeblich nicht ins g&#228;ngige Rollenbild passte, verbot der   DFB 1955 Frauenmannschaften mit der Begr&#252;ndung, &#8222;dass diese   Kampfsportart der Natur des Weibes im wesentlichen fremd ist.&#8220; Angeblich   w&#252;rde die Geb&#228;hrf&#228;higkeit beeintr&#228;chtigt werden.<\/p>\n<p>  Doch zahlreiche Mannschaften nahmen dieses Verbot nicht hin, was zu   Auseinandersetzungen f&#252;hrte. Bereits am 30. Juli 1955 kam es zu einem   Zwischenfall, bei dem der niederrheinische Fu&#223;ballverband das Spiel   zwischen DFC Duisburg-Hamborn und Gruga-Essen r&#228;umen lies. Vor allem im   Ruhrgebiet waren die Vereine stark, wo fast alle spielenden Frauen   erwerbst&#228;tig waren. Die st&#228;rkste Mannschaft war Fortuna Dortmund.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig wurden inoffiziell L&#228;nderspiele organisiert und eine   deutsche Nationalmannschaft aufgestellt. Am 28. Juli findet 1957 vor   11.000 ZuschauerInnen ein L&#228;nderspiel gegen England im Stuttgarter   Neckarstadtion statt. Bis 1963 gibt es &#252;ber 70 L&#228;nderspiele. Teilweise   mussten die Spielerinnen mit Polizeipr&#228;senz und Repressionen rechnen. In   Deutschland bildete sich 1957 der Deutsche Damen-Fu&#223;ball-Bund &#8211; auf   internationaler Ebene die International Ladies Football Association.<\/p>\n<h4>  Langer Weg zur Akzeptanz<\/h4>\n<p>  Im Zuge der 68er Bewegungen, K&#228;mpfe f&#252;r Gleichberechtigung und   Revolutionen weltweit, erlebte Frauenfussball einen Aufschwung und die   Vereine und Zusammenschl&#252;sse gewannen an Bedeutung. In Zuge dess konnten   die Spielerinnen ein Ende des Verbots erk&#228;mpfen. In Gro&#223;britannien wurde   das Verbot 1971 parallel zur Empfehlung der UEFA aufgehoben &#8211; in   Deutschland bereits ein Jahr zuvor. Die offiziellen Verb&#228;nde mussten   f&#252;rchten, dass sich der Frauenfussball an ihnen vorbei weiter   entwickelt. Au&#223;erdem entdeckten kommerzielle Firmen die   Vermarktungsm&#246;glichkeiten des Sports. Die erste inoffizielle   Weltmeisterschaft wurde vom Spirituosenhersteller Martini &amp; Rossi   organisiert.<\/p>\n<p>  Trotzdem galten die alten Vorurteile weiterhin. Laut DFB h&#228;tten die   Frauen eine &#8222;schw&#228;chere Natur&#8220;. Deshalb dauerte das Spiel 70 Minuten,   die B&#228;lle waren leichter und es musste eine strenge sechs-monatige   Winterpause eingehalten werden.<\/p>\n<p>  Siebzehn Jahre sp&#228;ter schaffte die deutsche Nationalmannschaft die   Qualifikation zur Europameisterschaft und errang ein Jahr sp&#228;ter den   Titel. Als Siegpr&#228;mie bekam jede Spielerin ein Kaffeeservice. Erst seit   1993 gilt die gleiche Spielzeit von 45 Minuten pro H&#228;lfte auch f&#252;r   Frauenfu&#223;ball. Nur mit den hart erarbeiteten Erfolgen, den errungenen   Weltmeistertiteln und dem Kampf gegen Vorurteile gegen&#252;ber Frauenfu&#223;ball   konnte Frauenfu&#223;ball in Deutschland zunehmend Akzeptanz erk&#228;mpfen.<\/p>\n<h4>  Sexismus in der WM<\/h4>\n<p>  Jedoch sind DFB und FIFA weit davon entfernt heute f&#252;r   Gleichberechtigung einzutreten, sondern reproduzieren zur WM   Rollenklischees und Vorurteile. Im Pressetext zur WM &#8222;20Elf von seiner   sch&#246;nsten Seite&#8220; hei&#223;t es: &#8222;Jeder soll dabei sein, wenn im Jahr 2011 die   besten Frauen der Welt die sch&#246;nste (Neben)sache der Welt zelebrieren.   In der f&#252;r Frauen typischen Art und Weise: elegant, dynamisch, technisch   versiert, leicht und locker&#8230;kurzum: sch&#246;n.&#8220; und &#8222;Dem Gleichklang   zwischen Emotion und Aktion, zwischen den Empfindungen, Stimmungen und   Gef&#252;hlen, die der Fussball weckt, einerseits und den dynamischen,   technisch ungemein ambiti&#246;sen und sehenswerten Elementen des   Frauenfussballs als der femininen Auspr&#228;gung des sch&#246;nsten Sports der   Welt anderseits. Weil er auf die Leichtigkeit und Leidenschaft verweist,   mit dem h&#252;bsche Frauen und M&#228;dchen in aller Welt in immer gr&#246;&#223;er   werdender Zahl dem runden Leder hinterher jagen.&#8220; (Markierungen d.A.)<\/p>\n<p>  Den Spielerinnen wird Kraft, Kampfgeist und Durchsetzungsverm&#246;gen   abgesprochen. Ihnen werden aufgrund ihres Geschlechts Eigenschaften zu-   oder abgesprochen, um Frauen insgesamt als &#8222;schw&#228;cheres Geschlecht&#8220;   dazustellen und zu diskriminieren. Die Aussagen lie&#223;en sich endlos   aneinander reihen, wie zum Beispiel von Fifa-Pr&#228;sident Blatter, der   schw&#228;rmt: &quot;Ich sehe gerne Frauenfu&#223;ball, wenn er gespielt wird mit den   Qualit&#228;ten einer Frau. Wenn das T&#228;nzerische und nicht das k&#228;mpferische   Element &#252;berwiegt.&quot;<\/p>\n<h4>  Werbung und Medien<\/h4>\n<p>  Die b&#252;rgerlichen Medien haben in der WM ein gefundenes Fressen f&#252;r   sexistische Darstellungen gefunden. Ein Hamburger Radiosender sucht die   &#8222;sch&#228;rfste Fu&#223;ballerin Hamburgs&#8220;: &#8222;Daf&#252;r m&#252;ssen Sie nur eins tun: scharf   aussehen. Bewerben Sie sich mit einem sexy Foto im Fu&#223;balloutfit.&#8220; Statt   &#252;ber Sport und Leistungsf&#228;higkeit wird verst&#228;rkt &#252;ber das Aussehen der   Spielerinnen geschrieben: &#8222;Die US-Girls &#252;berzeugen n&#228;mlich nicht nur mit   ihren fu&#223;ballerischen Qualit&#228;ten, sondern sind auch Abseits des Platzes   echte Hingucker.&#8220; (Abendblatt).<\/p>\n<p>  Neben der Berichterstattung hat auch die Werbebranche ihr Interesse an   der WM gefunden. W&#228;hrend die WM enorm kommerzialisiert wird, werden mit   der Vermarktung von Kosmetik, Klamotten, Schuhen etc. g&#228;ngige   Sch&#246;nheitsideale reproduziert. Auf die Spielerinnen wird Druck ausge&#252;bt,   dass sie wegen ihres Sports noch zeigen m&#252;ssen, dass sie Frauen sind.<\/p>\n<p>  Diese Strategie ist eigentlich genauso sexistisch und diskriminierend   wie die Haltung, dass Frauen, die Fu&#223;ball spielen unweiblich und keine   &#8222;echten&#8220; Frauen sind, denn in beiden F&#228;llen wird mit reaktion&#228;ren   Vorstellungen von Geschlechterrollen gearbeitet. Die Frage ist nicht, ob   eine Fu&#223;ballerin die aus einer sexistischen Grundhaltung heraus   gestellten Forderung, ihre &#8222;Weiblichkeit&#8220; zu beweisen, erf&#252;llen kann   oder nicht. Vielmehr gilt es, diese Vorstellungen an sich zu kritisieren   und zu &#252;berwinden.<\/p>\n<h4>  F&#252;r Fu&#223;ball und Gleichberechtigung<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend Milliarden Summen bei M&#228;nner-Profi-Fu&#223;ball ausgegeben werden,   leidet der gesamte Breitensport. K&#252;rzungen der Kommunen verschlechtern   die Situation im Jugend- und Amateursport. Es wird weniger in Bau und   Pflege von Sportanlagen investiert, Vereine haben Probleme ihre   Sportanlagen, Ausr&#252;stung und TrainerInnen zu organisieren bzw. zu   finanzieren. Angesichts von zunehmenden Arbeitszeiten und Stress haben   ehrenamtliche TrainerInnen es schwer Zeit und Energie zu finden, um sich   f&#252;r Sport zu engagieren.<\/p>\n<p>  Spielerinnen sind bei K&#252;rzungen oft zu erst betroffen. Eine Trainerin   gab an, sie kenne massenweise M&#228;dchen, die Fu&#223;ball spielen wollen, aber   es fehlen die Trainer. So muss sie als alleinerziehende Mutter zweier   Kinder, die auch noch berufst&#228;tig ist, alleine rund 20 M&#228;dchen im Alter   zwischen 10 und 14 trainieren, w&#228;hrend im gleichen Verein die Jungs   teilweise drei Erwachsene Trainer\/Betreuer pro Mannschaft haben und   nirgendwo mehr als 2 Jahre Unterschied zwischen dem &#228;ltesten und dem   j&#252;ngsten Spieler sind. Solche Zust&#228;nde m&#252;ssen wir &#252;berwinden.<\/p>\n<h4>  Sport f&#252;r Alle<\/h4>\n<p>  Wir brauchen Spitzensport der sich nach den Interessen und Bed&#252;rfnissen   von SpielerInnen und Fans richtet und nicht nach Pay-TV Quoten und   Werbeblocks. Breitensport muss ausreichend finanziert und   gleichberechtigt ausgebaut sein. Frauenmannschaften brauchen Anspr&#252;che   auf gen&#252;gend Felder und Trainingszeiten. Kampf f&#252;r Gleichberechtigung   bedeutet sowohl gegen Vorurteile und Sexismus im Fu&#223;ball zu k&#228;mpfen, als   auch diejenigen zu entmachten, die ein Interesse daran haben, M&#228;nner und   Frauen zu spalten, damit sie sich nicht gemeinsam gegen die Auswirkungen   des Kapitalismus wehren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Frauenfu&#223;ball damals und heute\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[69],"tags":[270,239],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14311"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14311"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14311\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}