{"id":14307,"date":"2011-06-24T11:00:00","date_gmt":"2011-06-24T09:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14307"},"modified":"2013-06-04T14:25:42","modified_gmt":"2013-06-04T12:25:42","slug":"14307","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/06\/14307\/","title":{"rendered":"Nach den Parlamentswahlen in der T&#252;rkei"},"content":{"rendered":"<p>  Fast 50 Prozent f&#252;r die AKP. &#220;berraschunsgerfolg f&#252;r die kurdische BDP.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b><i>Vorbemerkung:<\/i><\/b><\/p>\n<p>  <i>Nach Abgabe dieses Artikels hat der hohe Wahlrat der T&#252;rkei, YSK, dem   f&#252;hrenden kurdischen Abgeordnete Hatip Dicle sein Mandat aberkannt. Die   Abgeordneten des Wahlblocks der kurdischen BDP und einiger   SozialistInnen haben sich daraufhin f&#252;r einen Parlamentsboykott   entschieden. Dies f&#252;hrt jetzt zu einer gr&#246;&#223;eren Auseinandersetzung.   Einen Bericht dazu gibt es in der <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2011\/06-23\/029.php\">jungen   Welt<\/a> . <\/i>    <\/p>\n<p>  <b>Bei den t&#252;rkischen Parlamentswahlen am 12. Juni bekam die   konservativ-islamische AKP fast 50 Prozent der abgegebenen Stimmen.   Damit wurde der st&#228;rksten Vertreterin der neoliberalen Politik zum   dritten Mal in Folge eine Alleinregierung erm&#246;glicht. Ein B&#252;ndnis rund   um die kurdische Partei BDP und einigen t&#252;rkischen SozialistInnen hatte   unabh&#228;ngige KandidatInnen aufgestellt und einen sehr gutes Wahlergebnis   erreicht. 36 KandidatInnen gelang der Sprung ins t&#252;rkische Parlament.   Sechs von ihnen sind sogar noch im Gef&#228;ngnis und m&#252;ssen nun freigelassen   werden. <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Nihat Boyraz, Bremen<\/i><\/h4>\n<p>  Die AKP kam das erste Mal vor neun Jahren in einer wirtschaftlichen   Aufschwungphase an die Macht. Damals wollten die Kapitalisten ihre Krise   von 2001 auf Kosten der Arbeiterklasse &#252;berwinden. Der einseitige   Waffenstillstand seitens der PKK sowie eine relative Stabilit&#228;t im Land   beg&#252;nstigten die AKP. Die Diskussionen um EU &#8211;Beitritt, die Haltung   gegen die Milit&#228;rb&#252;rokratie und die kleinen Reformen, bei der kurdischen   Frage, hatten der AKP ein fortschrittliches Image in den Augen gro&#223;er   Teile der Bev&#246;lkerung verliehen. Die kemalistische Oppositionspartei   CHP, die als Status-Quo- Partei gesehen wird, stellte sich ganz offen   auf die Seite des Milit&#228;rs.<\/p>\n<h4>  Wie sieht die T&#252;rkei heute aus?<\/h4>\n<p>  Auf der einen Seite sieht man die Entstehung eine neuen sich schnell   bereichernden Bourgeoisie. Auf der anderen Seite sieht man   Arbeitslosigkeit, schlechte und unsichere Arbeitsbedingungen,   Leiharbeit, Hungerl&#246;hne; Jugendliche ohne Perspektiven und Arme, die   immer &#228;rmer werden.<\/p>\n<p>  Als die t&#252;rkische Wirtschaft in Folge der Finanzkrise enorm geschrumpft   war (2002-2007: +7%; 2008: + 0,7 %; 2009: -4,7%), hatte die AKP bei den   Kommunalwahlen 2009 nur noch 39% bekommen (2007: 47%). Folge der Krise   war nicht nur, dass Erdo&#287;ans Partei acht Punkte bei den Wahlen verloren   hatte; es entwickelten sich auch Arbeitsk&#228;mpfe, wie der bedeutsame   Tekel-Streik.<\/p>\n<p>  Weil es keine sichtbare politische Kraft mit einem klaren Programm gibt,   mit dem die Interessen der ArbeiterInnen und Erwerbslosen verteidigt   werden und keine Alternative zu den bestehenden Verh&#228;ltnissen aufgezeigt   wird, w&#228;hlt ein gro&#223;er Teil der Menschen weiterhin die AKP. Das ist   verbunden mit der Hoffnung, dass vielleicht durch den jetzigen   Aufschwung (2010: + 8,9%) die Probleme gel&#246;st werden k&#246;nnten.<\/p>\n<h4>  Das Ziel von Erdo&#287;an<\/h4>\n<p>  Dass Erdo&#287;ans AKP die Wahlen haushoch gewinnen w&#252;rde, war schon von   Anfang an unumstritten. Die AKP hat ihre Macht mit einer   Verfassungs&#228;nderung im letzten Jahr weiter ausgebaut. Dadurch verf&#252;gt   sie heute &#252;ber mehr Einfluss auf die Gerichte und andere Institutionen.   Die AKP will ihre Macht mit einer neuen Verfassung weiter festigen.   Erdo&#287;an strebt ein Pr&#228;sidialsystem an. Im Wahlkampf versuchte die AKP   alles, um die f&#252;r eine Verfassungs&#228;nderung notwendigen 330 Sitze im   Parlament zu erreichen. Vor allem versuchte Erdo&#287;an, mit einer   nationalistischen Rhetorik die Stimmen von der ultranationalistischen   Partei MHP zu bekommen. W&#228;re die MHP an der Zehn-Prozent-Wahlh&#252;rde   gescheitert, w&#228;re es f&#252;r die AKP leichter geworden. Sie hat jetzt nur   326 Sitze in Parlament und ruft nach Vers&#246;hnung und Zusammenarbeit aller   Parteien an der neuen Verfassung. Es ist aber nicht ausgeschlossen, das   sie weiterhin versucht, die fehlende vier, f&#252;nf Sitze dadurch zu   bekommen, dass sie Abgeordnete der MHP abwirbt und f&#252;r die AKP gewinnt.   Das w&#252;rde weitere Spannungen zwischen beiden Parteien bedeuten und   gleichzeitig die nationalistische Haltung der AKP verst&#228;rken.<\/p>\n<h4>  Die CHP und ihre Niederlage<\/h4>\n<p>  Die kemalistische CHP gilt als sozialdemokratische Partei und ist auch   Mitglied in der s.g. Sozialistischen Internationale (SI). Ihre   chauvinistisch und pro-milit&#228;rische Politik in den letzten Jahren ging   so weit, dass sogar die SI dar&#252;ber nachgedacht hatte sie auszuschlie&#223;en.   Vor einem Jahr folgte auf skandal&#246;se Sex-Enth&#252;llungen auf Youtube ein   F&#252;hrungswechsel in der Partei. Der neue Vorsitzende Kemal K&#305;l&#305;&#231;daro&#287;lu   sollte der Partei wieder ein neues Image geben. Seit einem Jahr versucht   sich die CHP als Partei f&#252;r soziale Gerechtigkeit zu profilieren. Aber   ihr pro-kapitalistisches Programm und ihre Politik &#252;berzeugte die   Menschen nicht. Es gibt keinen Grund f&#252;r die Leute, die CHP zu w&#228;hlen.   Wenn es um die Verwaltung des System geht, ist man bei der AKP genauso   gut aufgehoben. Daher das schlechte Wahlergebnis von 26 Prozent. F&#252;r   eine Partei, die den t&#252;rkischen Staat jahrzehntelang beherrschte, ist   das eine schwere Niederlage. Trotzdem ist zu erwarten, dass ein Teil der   Kapitalistenklasse weiterhin die CHP unterst&#252;tzt, um ein zweites   Standbein und Gegengewicht gegen&#252;ber der AKP aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<h4>  Wahlblock f&#252;r Arbeit, Demokratie und Freiheit<\/h4>\n<p>  Die Zehn-Prozent-H&#252;rde in der T&#252;rkei wurde nach dem Milit&#228;rputsch von   1980 in die Verfassung aufgenommen. Diese wurde bis jetzt nicht   ge&#228;ndert, vor allem um den Einzug der kurdischen Parteien ins Parlament   unm&#246;glich zu machen. Weil die kurdische Partei BDP im Westen der T&#252;rkei   keine Chance hat, kann sie T&#252;rkei-weit die zehn Prozent nicht erreichen.   Deshalb ist sie schon bei den vorigen Parlamentswahlen mit einzelnen   &#8222;unabh&#228;ngigen&#8220; KandidatInnen angetreten. Trotz dieser sehr m&#252;hsamen und   schwierigen Methode konnten sie w&#228;hrend der letzten Legislaturperiode   mit zwanzig Abgeordneten eine Fraktion bilden. Dieses Mal ist es der BDP   und linken Kr&#228;ften gelungen, mit t&#252;rkischen SozialistInnen ein breiteres   Wahlb&#252;ndnis zu bilden. So hat es der Block geschafft mit 36 Gew&#228;hlten   ein gutes Ergebnis zu erreichen. Hinter diesem gro&#223;en Erfolg steht   zweifellos die gro&#223;artige Entschlossenheit und das hohe politische   Bewusstsein bei kurdischen Jugendlichen, Frauen und M&#228;nnern. Es war   nicht nur die passive Unterst&#252;tzung mit Stimmabgabe, sondern eine   politische Bewegung mit Demos, Aktionen, Protesten. Schon vor den   Wahlen, als die Wahlbeh&#246;rde versuchte, die Kandidatur vieler prominenter   kurdischer Politiker nicht zuzulassen, gingen die Menschen massenhaft   auf die Stra&#223;e. Nach heftigem Widerstand musste die Wahlbeh&#246;rde ihre   (zuvor noch &#8222;endg&#252;ltige&#8220;!) Endscheidung zur&#252;cknehmen.<\/p>\n<h4>  Wie weiter zu einer neuen linken Arbeiterpartei?<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend sich die Bewegung in Kurdistan in den letzten zehn Jahren   verbreitert und einen Massencharakter bekommen hat, ist die Linke im   Westen der T&#252;rkei sehr zersplittert und klein. Seit langem wird unter   machen Linken und KurdInnen &#252;ber die Einheit der kurdischen Bewegung mit   verschiedenen t&#252;rkischen sozialistischen Kr&#228;ften diskutiert. Der Streik   der Tekel-Arbeiter war ein sehr gutes Beispiel f&#252;r Klasseneinheit und   hat gezeigt, was f&#252;r eine enorme Kraft entstehen k&#246;nnte. In dem   Zusammenhang wird jetzt die Frage aufgeworfen, ob es auf der der Basis   dieses Wahlerfolges m&#246;glich ist, die Idee eine Dachpartei zu   konkretisieren. Bist jetzt gibt es Gespr&#228;che &#252;ber die Zusammenarbeit   verschiedener linker Gruppen mit der BDP. Da zwanzig Abgeordnete f&#252;r   eine Fraktion ausreichen, wird &#252;ber die Gr&#252;ndung eines sozialistischen   Abgeordnetenblocks nachgedacht. Nach den gro&#223;en Streiks der letzten   Jahre und den machtvollen Demonstrationen am 1. Mai dr&#228;ngt sich die   Frage einer neuen linken Arbeiterpartei auf. Jeder Schritt in diese   Richtung ist begr&#252;&#223;enswert! Eine solche Partei muss aber mehr sein, als   nur ein Dach f&#252;r Kooperation oder Verschmelzung verschiedener linker   Gruppen. Dieses Modell ist in Form der &#214;DP bereits gescheitert und kaum   attraktiv f&#252;r kurdische und t&#252;rkische ArbeitnehmerInnen. Neben einer   konkreten Absprache ist eine Orientierung auf die bestehenden   Klassenk&#228;mpfe und die Integration k&#228;mpferischer GewerkschafterInnen   besonders wichtig. Die neu gewonnenen Mandate im Parlament k&#246;nnen daf&#252;r   genutzt werden und eine wichtige Rolle spielen.<\/p>\n<p>  Klar ist: Neue Angriffe der Erdo&#287;an-Regierung im Interesse des Kapitals   auf die Arbeiter und Jugendliche werden kommen. Der Wahlerfolg der BDP   wird au&#223;erdem viele kurdische AktivistInnen befl&#252;geln.<\/p>\n<p>  Eine neue Partei mit einem klarem sozialistischen Programm, und der   Verteidigung aller demokratischen und kulturellen Rechte der Kurden &#8211;   inklusive dem Selbstbestimmungsrecht bis hin zu einem eigenst&#228;ndigen   Staat &#8211; w&#228;re da ein gro&#223;er Fortschritt. Wenn dar&#252;ber hinaus sicher   gestellt ist, dass sich diese neue Kraft auf K&#228;mpfe wie den Tekel-Streik   st&#252;tzt, und sie versucht, mit Massendemonstrationen und Streiks die   Rechte der ArbeiterInnen und Jugendlichen zu verteidigen, k&#246;nnte sich in   den n&#228;chsten Monaten eine neue linke Alternative entwickeln. Neben den   Gespr&#228;chen zur Zusammenarbeit sollte eine offene Konferenz f&#252;r eine neue   Arbeiterpartei, bei der die n&#228;chsten Schritte beratschlagt werden,   einberufen werden. Aufgrund der K&#228;mpfe der letzten Jahre w&#252;rde der   Vorschlag f&#252;r eine solche Konferenz gro&#223;en Widerhall unter t&#252;rkischen   und kurdischen ArbeiterInnen, GewerkschafterInnen und sozialen   AktivistInnen finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Fast 50 Prozent f&#252;r die AKP. &#220;berraschunsgerfolg f&#252;r die kurdische BDP.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[45],"tags":[329],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14307"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14307"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14307\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}