{"id":14306,"date":"2011-06-22T15:00:00","date_gmt":"2011-06-22T15:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14306"},"modified":"2011-06-22T15:00:00","modified_gmt":"2011-06-22T15:00:00","slug":"14306","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/06\/14306\/","title":{"rendered":"Stuttgart-21-Baustelle besetzt"},"content":{"rendered":"<p>  Was passierte nach der letzten Montagsdemo wirklich?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Letzte Woche verk&#252;ndete die Bahn, den Bau von Stuttgart 21 wieder   aufzunehmen. Selbst linke Medien sinnierten dar&#252;ber, warum das nicht zu   gr&#246;&#223;eren Protesten f&#252;hrte und beachteten nicht, dass wir   Stuttgart-21-GegnerInnen mit gutem Grund die Bahn der Rubrik &#8222;L&#252;genpack&#8220;   zuordnen. Tats&#228;chlich hat es nie einen v&#246;lligen Baustopp gegeben.<\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Seit 6. Juni werden die Baut&#228;tigkeiten wieder hochgefahren. Das hat dazu   gef&#252;hrt, dass S-21-GegnerInnen verst&#228;rkt blockieren. Ab der zweiten   Juni-Woche wurden oft und bis zu acht Baufahrzeuge mit bis zu 300   Blockierern stundenlang blockiert. Um Blockaden zu erschweren, sperrte   die Polizei am 20. Juni die Stra&#223;e zwischen S&#252;dfl&#252;gel und Park ab.<\/p>\n<h4>  Hintergrund<\/h4>\n<p>  Der S&#252;dfl&#252;gel ist in den letzten Wochen teilweise entkernt worden. Seine   v&#246;llige Entkernung und sein Abriss werden f&#252;r die n&#228;chsten Monate   bef&#252;rchtet. Der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) ist seit dem 1. April 2010   geschlossen. Das Gel&#228;nde wurde eingez&#228;unt und zum Deponieren f&#252;r   Material f&#252;r S21-Bauarbeiten verwendet. Direkt daneben liegt der Teil   des Schlossgartens, in dem in der Nacht zum 1. Oktober 2010 nach dem   brutalen Polizeieinsatz des &#8222;schwarzen Donnerstags&#8220; die B&#228;ume gef&#228;llt   wurden.<\/p>\n<p>  Dort wurde seitdem das Geb&#228;ude f&#252;r das &#8222;Grundwassermanagement&#8220;   errichtet. Mit dem &#8222;Grundwassermanagement&#8220; soll das Grundwasser   abgesenkt werden, um die Bauarbeiten f&#252;r den unterirdischen Bahnhof f&#252;r   S21 zu erm&#246;glichen. Daf&#252;r sollen 17 km R&#246;hren in der Innenstadt verlegt   werden. Das &#8222;Grundwassermanagement&#8220; gef&#228;hrdet die Parkb&#228;ume in der   Umgebung und die zweitgr&#246;&#223;ten Mineralquellen Europas. Au&#223;erdem will die   Bahn mehr als doppelt so viel Wasser abpumpen, wie ihr genehmigt wurde.   Ein Gutachten des Umweltministeriums besagt, dass daf&#252;r ein neues   Planfeststellungsverfahren erforderlich ist. Trotzdem will die Bahn   bauen und Rohre verlegen. Welchen Durchmesser die Rohre haben m&#252;ssen,   soll wohl sp&#228;ter gekl&#228;rt werden?<\/p>\n<h4>  Montag, der 20. Juni am Vormittag<\/h4>\n<p>  Kein Wunder, dass die Stra&#223;ensperrung durch die Polizei am 20. Juni von   den Stuttgart-21-GegnerInnen als besondere Provokation empfunden wurden.<\/p>\n<p>  Montag Morgen wurde der &#8222;Parksch&#252;tzer-Alarm&#8220; ausgel&#246;st. Auf der Ende   2009 gestarteten Parksch&#252;tzer-Website k&#246;nnen sich AktivistInnen   eintragen, wenn sie den Stuttgarter Schlossgarten sch&#252;tzen wollen.   Bisher haben das 32.700 gemacht. Sie k&#246;nnen auch eine Handy-Nummer   angeben und erhalten dann in dringenden F&#228;llen eine SMS. Von dieser   M&#246;glichkeit haben auch viele Tausende Gebrauch gemacht, die dann am   Montag morgen mobilisiert wurden.<\/p>\n<p>  Der Parksch&#252;tzer-Alarm funktionierte am 30. September ausgezeichnet, als   2.000 Sch&#252;lerInnen zwei Stra&#223;en weiter demonstrierten und in wenigen   Minuten im Park waren und &#8222;die Stellung hielten&#8220;, bis weitere   AktivistInnen sie verst&#228;rkten. In anderen F&#228;llen, so auch am Montag   Morgen, war die Zeit zu kurz, um gr&#246;&#223;ere Zahlen von AktivistInnen   rechtzeitig zu mobilisieren.<\/p>\n<p>  Faktisch blockierten am Montag Morgen die AktivistInnen, die unabh&#228;ngig   vom Parksch&#252;tzer-Alarm, aufgrund der Ank&#252;ndigungen der Vortage, gekommen   waren. Die Polizei erteilte den BlockiererInnen, die die Blockade nicht   r&#228;umten, einen pauschalen Platzverweis bis Mittwoch 24.00 Uhr.<\/p>\n<p>  In den folgenden Stunden kamen ein paar Hundert weitere AktivistInnen.   Da es sich zeigte, dass sich vor Ort gerade nicht so viel machen lie&#223;,   einigte man sich auf eine Spontandemo zum Rathaus, um dort gegen den   Polizeieinsatz zu demonstrieren. Dort lie&#223; sich sogar   Ordnungsb&#252;rgermeister Martin Schairer (CDU) herab, mit den   DemonstrantInnen zu sprechen. So weit, die an ihn gestellten Fragen   ernsthaft zu beantworten, ging seine Kooperation allerdings nicht.<\/p>\n<h4>  79. Montagsdemo<\/h4>\n<p>  Am Abend fand die 79. Montagsdemo statt. Da in der Woche zuvor wegen   Pfingstmontag keine Montagsdemo stattgefunden hatte, war es die erste   Montagsdemo seit dem offiziellen Bau-Neubeginn. Die Beteiligung war   deutlich gr&#246;&#223;er als in den Wochen zuvor und die Stimmung k&#228;mpferisch.   Selbst der Moderator trat k&#228;mpferisch auf und forderte nur leicht   verklausuliert zur Teilnahme an Blockaden auf &#8211; obwohl er Stadtrat der   Gr&#252;nen ist.<\/p>\n<p>  Joe Bauer, Kolumnist der ansonsten Stuttgart-21-freundlichen Stuttgarter   Nachrichten (also eine Art wei&#223;er Rabe), begann seinen Redebeitrag mit   dem Hinweis, dass der 20. Juni der Todestag von Clara Zetkin ist, die   viele Jahre in Stuttgart gelebt hatte. Nachdem er Clara Zetkin f&#252;r den   Weitblick gelobt hatte, den sie mit ihrem Austritt aus der SPD bewies,   zog er &#252;ber die aktuelle Stuttgarter Politik vom Leder. Er beendete   seinen Redebeitrag mit dem Hinweis auf einen anderen Jahrestag: Der 14.   Juli ist nicht nur der Tag der Bekanntgabe des Stresstests, sondern auch   der Jahrestag des Sturms auf die Bastille.<\/p>\n<h4>  Platzbesetzung<\/h4>\n<p>  Geplant war im Anschluss eine Kurzdemonstration zum S&#252;dfl&#252;gel, wo ein   kurzer Vortrag von Dr. Norbert Bongartz (ehemaliger Mitarbeiter des   aufgel&#246;sten Landesdenkmalamts) &#252;ber den Hauptbahnhof-S&#252;dfl&#252;gel   stattfinden sollte. Aber offenbar waren einige DemonstrantInnen der   Ansicht, dass der abgez&#228;unte ehemalige ZOB auf der anderen Stra&#223;enseite   keine Bastille ist und man deshalb nicht auf den 14. Juli zu warten   braucht.<\/p>\n<p>  Der Bauzaun wurde in eine horizontalere Lage gebracht und mindestens   1.000 Leute besetzten den Platz. Die Menschen auf dem Platz waren ein   bunter Querschnitt der Bewegung gegen S21. RentnerInnen, Menschen mit   Anzug und Krawatte, Familien mit Kindern und andere. Unter anderem sah   ich mehrere Betriebsr&#228;te aus Metallbetrieben und einen emiritierten   Universit&#228;tsprofessor. Einige besetzten auch das Dach des   Grundwassermanagement-Geb&#228;udes nebenan und lie&#223;en Transparente (unter   anderem von der &#8222;Jugendoffensive gegen Stuttgart 21&#8220;) herab.<\/p>\n<p>  Die Stimmung war ausgezeichnet. Vielen AktivistInnen war anzumerken,   dass sie davor Sorgen gehabt hatten, der Widerstand k&#246;nnte sich in eine   falsche Richtung entwickeln, und ihnen jetzt ein Stein vom Herzen fiel.<\/p>\n<p>  Die Polizei war mit einem Gro&#223;aufgebot da, beschr&#228;nkte sich aber die   ersten Stunden darauf, zu verhindern, dass mehr Leute zum GWM-Geb&#228;ude   vordringen konnten. Nach etwa zwei Stunden gab es einen neuen   Parksch&#252;tzer-Alarm, durch den aufgefordert wurde, zur Unterst&#252;tzung zu   kommen.<\/p>\n<p>  Die Besetzung konnte trotzdem nicht die ganze Nacht aufrechterhalten   werden. Sie war aber eine ernste Warnung an Grube, Schuster und Co.   Viele S-21-Gegnerinnen und Gegner, die am Montag die Baustelle besetzten   hatten, h&#228;tten sich das vor einer Woche noch nicht vorstellen k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Propaganda-Offensive<\/h4>\n<p>  Die Bef&#252;rworter von S21 wissen auch, dass ihr Projekt ernsthaft   gef&#228;hrdet ist, wenn gr&#246;&#223;ere Schichten von S21-GegnerInnen zu zivilem   Ungehorsam bereit sind und nicht passiv abwarten, ob das Projekt an   seinen inneren Widerspr&#252;chen scheitert.<\/p>\n<p>  Deshalb versuchten sie mit Berichten &#252;ber angebliche Gewalt bei der   Platzbesetzung wieder in die Offensive zu kommen. Nat&#252;rlich gab es   &#8222;Gewalt gegen Sachen&#8220;. Einen Bauzaun bringt man nicht mit Worten zum   Umfallen. Au&#223;erdem kam es &#8211; neben dem Malen von Parolen mit Kreide auf   dem Boden oder dem Anbringen von Anti-S21-Aufklebern an Baufahrzeugen &#8211;   auch zum Verringern des Luftdrucks in Reifen von Baufahrzeugen, dem   Abf&#252;llen von Sand in Spezialbaumaschinen und &#228;hnlichem. Ob dadurch   wirklich eine Million Euro Sachschaden entstanden ist, ist offen. Selbst   wenn es so w&#228;re, w&#228;re es ein Klacks gegen die durch die bei der   Verwirklichung von Stuttgart 21 drohenden Sch&#228;den.<\/p>\n<p>  Nach Polizei-Angaben sind auch neun Polizisten verletzt worden, acht   davon durch den Knall bei der Explosion eines B&#246;llers. Seltsam ist nur,   dass auf Videos zu sehen ist, dass DemonstrantInnen viel n&#228;her bei dem   B&#246;ller standen&#8230; Warum haben sie keine H&#246;rsch&#228;den davon getragen? Wer   den B&#246;ller mitgebracht und gez&#252;ndet hat, wissen wir nicht. Er hat sicher   die Leute, die auf der Stra&#223;e neben dem besetzten Platz standen, nicht   animiert, sich an der Besetzung zu beteiligen. Dass das das Werk eines   Polizeiprovokateurs war, k&#246;nnen wir nicht ausschlie&#223;en.<\/p>\n<p>  Bei dem neunten Polizist handelte es sich um einen Polizisten in zivil,   der sich unter die BesetzerInnen gemischt hatte und offenbar als   Provokateur t&#228;tig war. Als er enttarnt wurde &#8211; er hatte seine   Dienstwaffe dabei! &#8211; wurde er von PlatzbesetzerInnen weg begleitet. Auf   Videos ist zu sehen, dass einzelne dabei handgreiflich wurden, w&#228;hrend   andere ihn abzuschirmen versuchten. Die Aufnahmen lassen die   Polizeiaussagen von schweren Verletzungen aber als v&#246;llig unglaubw&#252;rdig   erscheinen. Wenn jetzt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wegen   &#8222;versuchtem Totschlag&#8220; ermittelt, dann sagt das nichts &#252;ber die   Ereignisse vom Montag und alles &#252;ber den Charakter der Stuttgarter   Staatsanwaltschaft aus, die unter Oberstaatsanwalt Bernhard H&#228;ussler die   ganze Zeit versucht, die Bewegung gegen S21 zu kriminalisieren, w&#228;hrend   Ermittlungen wegen der Polizeigewalt vom 30. September reihenweise   eingestellt wurden. (Oberstaatsanwalt H&#228;ussler fiel schon die letzten   Jahre dadurch auf, dass er durchgestrichene und zerschlagene Hakenkreuze   als verbotene nationalsozialistische Symbole verfolgen lie&#223; und dass er   seit &#252;ber neun Jahren die Anklage gegen Mitglieder der 16.   SS-Panzerdivision wegen der Ermordung von 560 EinwohnerInnen des   italienischen Dorfs Sant&#8217;Anna di Stazzema verschleppt.)<\/p>\n<p>  Dass die Stuttgart-21-Bef&#252;rworter alles aufgreifen, was sie f&#252;r   politisch nutzbar halten, ist verst&#228;ndlich. Aber die Bewegung gegen S21   sollte sich davon nicht in die Defensive dr&#228;ngen lassen, sondern lieber   thematisieren, warum auch unter einem gr&#252;nen Ministerpr&#228;sidenten weiter   Polizeiprovokateure gegen Stuttgart-21-Proteste eingesetzt werden und   der neue SPD-Innenminister mit dem erneuten Einsatz von Wasserwerfern   droht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Was passierte nach der letzten Montagsdemo wirklich?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[58],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14306"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14306"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14306\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14306"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14306"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14306"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}