{"id":14291,"date":"2011-09-05T00:00:00","date_gmt":"2011-09-04T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14291"},"modified":"2012-07-18T15:42:30","modified_gmt":"2012-07-18T13:42:30","slug":"14291","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/09\/14291\/","title":{"rendered":"Clara Thalmann &#8211; &#220;ber die Rolle der Frau in der Spanischen Revolution"},"content":{"rendered":"<p>  aus dem Buch: Der Spanische B&#252;rgerkrieg 1936-1939<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Das folgende, hier nur auszugsweise abgedruckte Interview f&#252;hrte Karin   Buselmeier im August 1976 mit Clara Thalmann. Sie wuchs als Kind einer   zehnk&#246;pfigen ArbeiterInnenfamilie in Basel auf. Schon fr&#252;hzeitig wurde   sie Mitglied der Kommunistischen Jugend, wo sie auch ihren sp&#228;teren   Lebensgef&#228;hrten Pavel, alias Paul Thalmann (Franz Heller) kennen lernte.   1929 wurden beide wegen ihrer ablehnenden Haltung gegen&#252;ber Stalins   Politik aus der Partei ausgeschlossen. Im Sommer 1936 reiste sie als   Delegierte des Schweizer Arbeiter-Schwimmclubs zur &#8222;Spartakiade&#8220;, der   proletarischen Gegenolympiade nach Barcelona und wurde, dort kaum   angekommen, in den Sog der revolution&#228;ren Ereignisse gerissen. Sie und   ihr Lebensgef&#228;hrte k&#228;mpften im B&#252;rgerkrieg auf Seiten der POUM und   sp&#228;ter in der von den deutschen Anarcho-Syndikalisten aufgestellten   Hundertschaft, die zur Kolonne Durruti an der Aragon-Front geh&#246;rte. Im   Zuge der Verfolgung der POUM wurden sie von der stalinistischen   Geheimpolizei verhaftet und wochenlang gefangen gehalten. Im Sp&#228;tsommer   1937 erhielten sie schlie&#223;lich, weil die spanischen Beh&#246;rden sich in   ihrem Fall durchsetzen konnten, die Ausreisegenehmigung. In Frankreich   schlossen sie sich der Resistance an und organisierten f&#252;r politische   Fl&#252;chtlinge von Paris aus Schiffspassagen. Nach dem Krieg lie&#223;en sich   Clara und Pavel Thalmann in Nizza nieder, wo sie sich mit dem Verkauf   von Blumen und journalistischen Arbeiten &#252;ber Wasser hielten. Ihre   politischen Erinnerungen haben Clara und Pavel Thalmann in dem Buch &#8222;Wo   die Freiheit stirbt. Stationen eines politischen Kampfes (&#214;lten und   Freiburg i.Br. 1974)&#8220; niedergeschrieben.<\/p>\n<h4>  Karin Buselmeier: Es gibt mittlerweile auch in der Bundesrepublik viele   Publikationen zum Spanischen B&#252;rgerkrieg und speziell zum spanischen   Anarcho-Syndikalismus. Aufgefallen ist mir, dass in all diesen B&#252;chern   wenig oder nichts &#252;ber die Rolle der Frauen in der Sozialen Revolution   von 1936 zu finden ist. K&#246;nntest Du &#252;ber Deine Erfahrungen berichten,   gerade auch in dieser Hinsicht. (&#8230;)<\/h4>\n<p>  Clara Thalmann: (&#8230;) Als wir am 18. Juli 1936 an der Grenze ankamen, da   war eine gro&#223;e Aufregung: es ist etwas passiert in Spanien, man wusste   noch nicht genau was. An der franz&#246;sischen Grenze waren nat&#252;rlich die   franz&#246;sischen Polizisten und Grenzposten, aber bei den Spaniern Arbeiter   und Bauern mit schwarz-rotem Band: CNT. &#8222;Ja, bei uns ist die Revolution.   Jetzt geht&quot;s los!&#8220; Die Eisenbahnen fuhren nicht, es war Generalstreik.   Aber ich wollte nun ja erst recht nach Spanien hinein: &#8222;Ich will doch   zur Spartakiade&#8220;, sagte ich. &#8222;Spartakiade, Spartakiade. Jetzt spielt   sich die Spartakiade in den Stra&#223;en ab.&#8220; Wir wurden durchgelassen. Wir   haben nat&#252;rlich nicht gesagt, dass wir Marxisten sind. Dass die bei der   CNT nicht angesehen sind, das wusste ich schon. Pavel und ich waren ja   1932 lange in Spanien gewesen (&#8230;) Dann sind wir empfangen worden im   ayuntamiento, im B&#252;rgermeisteramt. Aber da gab es keinen B&#252;rgermeister   mehr, den hatten sie zum Teufel gejagt, die Gro&#223;grundbesitzer ebenso,   oder andere waren geflohen. Es gab nur Arbeiter und Bauern, nur noch   companeros (Genossen). Jeder mit einem Jagdgewehr, alle waren sehr   aufgeregt; sie haben diskutiert: was wird jetzt geschehen, wie   organisieren wir uns. Jetzt wird das richtige Leben anfangen, wir werden   eine Kollektivit&#228;t aufbauen, wir wollen eine neue, eine freie   Gesellschaft. Im ersten Dorf nach der Grenze! Eine v&#246;llig ver&#228;nderte   Situation. Und einfache Bauern!<\/p>\n<h4>  Karin: (..) Wenn Du sagst: im B&#252;rgermeisteramt waren nur M&#228;nner, dann   bedeutet das doch: diese Separierung blieb unangetastet. Man   diskutierte, wie das Gemeinwesen neu gestaltet, wie alles anders werden   sollte &#8211; und die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerung blieb ausgeschlossen. Ich finde   es doch merkw&#252;rdig, dass nicht wenigstens versucht wurde, die Frauen in   die Diskussion der zentralen Fragen, wie sie auf dem B&#252;rgermeisteramt   gef&#252;hrt wurden, einzubeziehen.<\/h4>\n<p>  Clara: Das ist gar nicht so merkw&#252;rdig. Was hatte die Frau denn bis   jetzt zu sagen in Spanien? Sie hatte zu gehorchen. Ihr Gebiet war eben   das Haus, waren die Kinder. Zu Hause, da ist die Mutter die Regierung.   Sie entscheidet &#252;ber alles. Sie ist die angebetete Mutter, la madre, das   ist das H&#246;chste, da gibt es keinen Widerspruch. Wenn die madre sagt: das   und das muss gemacht werden, so sagt auch der Mann nichts dagegen.   H&#246;chstens z.B. wenn ein M&#228;dchen heiratet, da spricht der Mann nat&#252;rlich   auch sein Wort. Die Frauen mussten mitarbeiten auf dem Feld, und   selbstverst&#228;ndlich waren sie gegen die Grundbesitzer. Die hatten ja   riesige Latifundien, und die Bauern mussten immer abliefern. Da waren   die Frauen schon einverstanden, dass gestohlen wurde oder sonst   sabotiert, auch schon lange vorher. Aber jetzt waren die Frauen   insgesamt doch eher ver&#228;ngstigt. Sie sind ja erst allm&#228;hlich aufgewacht.   Und diese Diskussionen im ayuntamento, das war ja noch keine   festgesetzte Sache, alles war noch in der Entwicklung. Die Hauptsache   war: der Priester ist weg, der B&#252;rgermeister ist weg, der   Gro&#223;grundbesitzer ist weg. Darum ging es doch. Jetzt konnte man alles   neu organisieren, die Leute hatten einen ungeheuren Enthusiasmus.<\/p>\n<p>  (&#8230;) Auf dem Dorf &#8211; auch wenn die M&#228;nner sehr revolution&#228;r waren &#8211; ist   doch eine sehr strenge Tradition gewesen, von der Kirche aus vor allem.   Die Priester haben doch die Frauen beherrscht. Da konnten die M&#228;nner mit   ihren anarchistischen revolution&#228;ren Ideen sehr wenig ausrichten. Die   Frauen h&#228;tten doch nicht gewagt, gegen den Mann oder gegen die Kirche   irgendetwas zu machen. Die M&#228;nner rannten doch gegen eine Mauer. Du   musst Dir das vorstellen, was das ist: ein Dorf. Das ist nicht nur so in   Spanien, sondern genauso im katholischen Italien, in S&#252;ditalien, in   allen katholischen L&#228;ndern. Da kannst Du von der Bauersfrau nicht   erwarten, dass sie nun auch mit auf die Stra&#223;e geht oder auf politischen   Versammlungen mitdiskutiert. Mit der Zeit hat sich das dann ge&#228;ndert,   mit der praktischen Arbeit, mit dem praktischen Kollektivieren, und auf   dem Lande doch sehr langsam (&#8230;)<\/p>\n<h4>  In Barcelona<\/h4>\n<p>  Clara: Wir sind dann noch einmal zur Grenze gegangen &#8211; inzwischen waren   ja auch die anderen Teilnehmer der Spartakiade angekommen. Die meisten   wollten zur&#252;ck nach Hause, aber einige von den Sportlern wollten nun in   Spanien bleiben wie wir. Es war nun klar, dass etwas ganz   Au&#223;ergew&#246;hnliches im Gang war. Wir h&#246;rten Radio-Nachrichten &#252;ber K&#228;mpfe   in Barcelona. Aber wie dahin kommen? Die Eisenbahnen fuhren nicht; die   Autos der reicheren Leute waren beschlagnahmt, aber es gab nicht sehr   viele. Schlie&#223;lich wurden wir mitgenommen. An jeder Dorfgrenze eine   Kontrolle. Wir hatten den Passierschein von der CNT, und so kamen wir   immer durch, ohne Schwierigkeiten. Je weiter man ins Land kam, desto   mehr hat man gesp&#252;rt, dass eine neue Welt angebrochen ist (&#8230;)<\/p>\n<p>  In Barcelona, da war ein ganz anderes Bild gegen fr&#252;her &#8211; ich kannte die   Stadt ja schon. Fr&#252;her war es ausgeschlossen, dass eine Frau allein auf   die Stra&#223;e ging. Sie musste immer begleitet sein von der halben Familie:   die beh&#252;tete Frau, das beh&#252;tete M&#228;dchen. Das war sicher noch der   maurische Einfluss, zus&#228;tzlich zu der katholischen Tradition. Jetzt sah   man die Frauen &#8211; was nie passiert w&#228;re fr&#252;her &#8211; im Cafehaus sitzen,   diskutieren, mit dem Gewehr zwischen den Knien.<\/p>\n<p>  (&#8230;) Das waren Arbeiterm&#228;dchen, zum Teil auch Dirnen. Frag&quot; einen   Spanier, der w&#252;rde verstehen. Die Frauen diskutierten: was machen wir,   gehen wir an die Front? Was k&#246;nnen wir tun? Und hier hat jeder mit jedem   gesprochen, kein Unterschied ob Mann oder Frau. Man hat immer gedacht,   die Probleme w&#252;rden in Spanien vor allem von den M&#228;nnern diskutiert.   Aber hier war f&#252;r jeden die Frage: wie werden wir das weiterf&#252;hren? Wo   sind wir am n&#252;tzlichsten f&#252;r die Revolution? (&#8230;) Die Frauen waren so   urpl&#246;tzlich frei. Auf einmal hast Du gemerkt: die interessiert sich ja   auch f&#252;r alle Fragen. Die Fenster, die ganzen Stra&#223;en entlang, waren mit   schwarz-roten Fahnen beh&#228;ngt. Einzelne Frauen standen am Fenster und   winkten den M&#228;nnern zu und riefen herunter: von da ist geschossen   worden. &#8211; Es gab ja noch Scharm&#252;tzel, aber das Wichtigste war erledigt,   und es war klar, dass die Putschisten geschlagen waren, in Barcelona.<\/p>\n<h4>  R&#228;te und ArbeiterInnenkontrolle<\/h4>\n<p>  Clara: Und was mich so beeindruckt hat, das waren diese consejos, die   R&#228;te, die Komitees, die sich &#252;berall gebildet haben, die sofort die   Arbeit organisiert haben. Das t&#228;gliche Leben, z.B. das Essen, das   klappte phantastisch. Die gro&#223;en Hotels, Ritz usw., waren sofort   beschlagnahmt worden. Jeder, der nicht in der Familie gegessen hat,   konnte umsonst essen gehen und wurde bedient, als w&#228;ren wir die Herren.   Die Kellner waren companeros. Wir haben gefragt, wieso kriegt jeder zu   essen. Ihr wisst doch gar nicht, wer ich bin. Da bekamen wir zur   Antwort: &#8222;H&#246;r mal, einer, der genug gegessen hat, kommt nicht ein   zweites Mal. Und jeder muss doch essen.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Nahrungsmittelbetriebe und die Gesch&#228;fte, die B&#228;ckereien z.B. auch,   das wurde sofort kontrolliert. Und da haben die Frauen eine gro&#223;e Rolle   gespielt. Frauen, die vorher sich nur um die eigene Familie gek&#252;mmert   haben, haben jetzt bestimmt: Das Mehl, das die B&#228;ckerei bekam, da musste   soundsoviel Brot dabei rauskommen. Sie haben Stra&#223;en- und   Preiskontrollen gemacht, mit den Kontrollkommissionen zusammen, die   eingriffen, wenn es sich um schwierige F&#228;lle handelte. Sonst haben das   die Frauen allein gemacht.<\/p>\n<p>  (&#8230;) Nat&#252;rlich waren in diesen consejos auch M&#228;nner. Aber die Frauen   fingen an, sich zu beteiligen, im &#246;ffentlichen Leben mitzuarbeiten. Das   war ganz spontan und so selbstverst&#228;ndlich. Man muss sehen: die M&#228;nner   dieser Frauen waren meist milicianos, und denen ging es ja nie zuvor so   gut: jeder miliciano bekam 10 Peseten, und an der Front brauchte man   nichts, da war f&#252;r alles gesorgt. Die M&#228;nner konnten Geld nach Hause   schicken, und so sympathisierten die Frauen nat&#252;rlich mit dieser   Revolution. Und sie mussten sich ja beteiligen, fast automatisch, weil   der Mann nicht da war. Sobald es an praktische Probleme ging, haben die   Frauen sich ungeheuer eingesetzt. &#8211; Es ist &#252;berhaupt so. meine ich, dass   Frauen mehr einen praktischen Sinn haben.<\/p>\n<p>  Solange die Kontrolle der Frauen und der Arbeiter existierte, gab es   jeden Tag Brot. Sonst, bei jeder Revolution, bei jedem Krieg: das   Problem der Lebensmittelverteilung, der schlechten Organisation. Und die   Preise waren stabil. Erst im Januar 1937 &#8211; da hatte sich der Spie&#223; ja   schon gewendet &#8211; da hat die katalanische Regierung bestimmt: man kann   nicht die kleinen Betriebe kollektivieren, man muss sie den Eigent&#252;mern   zur&#252;ckgeben, sie diesen &#8222;Wilden&#8220; abnehmen &#8211; und schon wurden die   Lebensmittel teurer, es gab Schlangen, es gab den Schwarzmarkt.<\/p>\n<h4>  In der Miliz<\/h4>\n<p>  Clara: F&#252;r uns stand nun die Frage: was machen wir? Die Miliz hatte sich   schon gebildet, in den verschiedenen Organisationen. Wir haben also   Kontakt aufgenommen zur POUM &#8211; wir wussten, dass das die kommunistische   Opposition zur KP war. Und wir haben Kontakt aufgenommen zu CNT und FAI,   also zur anarchosyndikalistischen Gewerkschaft mit ihrer langen   Tradition in Spanien, und zur Iberischen Anarchistischen F&#246;deration, die   man aber &#8211; das muss ich doch noch einmal betonen &#8211; nicht als &#8222;Partei&#8220; im   sozialdemokratischen oder kommunistischen Sinn interpretieren darf, an   deren &#8222;Linie&#8220; die entsprechende Gewerkschaft sich zu halten hatte. Zu   den Kommunisten gingen wir nicht &#8211; ich war ja auch schon Jahre zuvor   ausgeschlossen worden aus der Schweizer KP -, zu den Republikanern auch   nicht.<\/p>\n<p>  Du konntest zu jeder Organisation gehen und Dich informieren. Das war   alles ganz offen. Alle Organisationen hatten gleich in den ersten Tagen   die gr&#246;&#223;ten H&#228;user besetzt, die POUM z.B. das Hotel Falcon an den   Ramblas, die CNT das Haus des fr&#252;heren Unternehmer-Verbandes von   Katalonien an der Via Layetana. Das war ein riesiges Geb&#228;ude; die   verschiedenen Gewerkschaften hatten ihre R&#228;ume, da war die   Bauarbeitergewerkschaft, die Holzarbeitergewerkschaft, die haben da alle   getagt. Es war noch Generalstreik und es wurde beraten: wir m&#252;ssen   sozialisieren, die Betriebe &#252;bernehmen. Es kamen Delegationen: wir haben   unseren Betrieb besetzt, was sollen wir nun weiter tun? Auch Frauen   kamen, aus der Textilindustrie vor allem.<\/p>\n<p>  Man hat uns gesagt, es w&#228;re sehr interessant f&#252;r uns, die Entwicklung   auf dem Lande zu sehen. Auch kulturell brauchte man Leute. Die Freunde,   die mit mir waren, waren geschulte Soldaten, konnten mit Gewehren und   Maschinengewehren umgehen und kannten die technischen Details, wie man   ein Gewehr auseinander nimmt, repariert und so. Und ich &#252;berlegte:   Krankenschwester &#8211; Quatsch, B&#252;ro &#8211; auch Quatsch. Ich wollte an die   Front. Ich war ja etwas ausgebildet im Umgang mit dem Gewehr. Ich hatte   ja auch zuvor, bei der POUM, schon Schie&#223;kurse gegeben. Da kamen ja   immer wieder Leute, die noch nie eine Waffe in der Hand gehabt hatten,   aber die jetzt gegen die Faschisten k&#228;mpfen wollten.<\/p>\n<p>  (&#8230;) Wir haben uns also eingeschrieben, bekamen unsere Papiere als   milicianos, und dann wurde gruppiert, was sehr rasch ging. In zwei bis   drei Tagen war die Hundertschaft zusammen. Wir waren eingeschrieben in   der Columna Durruti. Wir mussten noch etwas warten, bis gen&#252;gend Gewehre   da waren. Es gab von Anfang an zu wenig Waffen, obwohl aus den Kasernen   schon rausgeholt worden war, was drin war. Auch die Metallfabriken, die   dann auf Kriegsproduktion umgestellt wurden, waren sofort sozialisiert   worden. Trotzdem: die Waffen, das war immer ein Problem. Oft hatten wir   uralte Gewehre, und die Munition passte auch nicht immer.<\/p>\n<h4>  Karin: Nach welchen Kriterien wurden die Hundertschaften   zusammengestellt?<\/h4>\n<p>  Clara: Nach politischer Zusammengeh&#246;rigkeit nat&#252;rlich, obwohl bei uns   nicht alle Anarchisten waren; viele hatten einfach etwas gegen die   regul&#228;re Armee, gegen die milit&#228;rische Disziplin. Auch in den   POUM-Milizen waren nicht nur POUM-Anh&#228;nger; da hat sich schon einiges an   anarchistischen Vorstellungen durchgesetzt. Das brauchte nat&#252;rlich eine   gewisse Erziehung, einen bestimmten Protest. Und sonst wurde gruppiert   der Reihe nach, wer sich angemeldet hatte. D.h. es wurde doch nach   F&#228;higkeiten eingeteilt, nach Berufen. Da war z.B. ein deutscher   Schullehrer dabei, der ausgezeichnet Spanisch konnte &#8211; das war wichtig   f&#252;r die Bildungsarbeit &#8211; oder &#196;rzte, z.B. ein deutsches Ehepaar: sie war   Krankenschwester, er Arzt. Die kamen dann im Sanit&#228;tswagen.<\/p>\n<h4>  Karin: Abgesehen von der Krankenschwester, wie viele Frauen waren au&#223;er   Dir noch in Deiner Hundertschaft? Das hat mich &#252;berhaupt gewundert, als   ich die ersten Bilder von milicianas sah: mit der Waffe k&#228;mpfende   Frauen, ausgerechnet in Spanien. In der russischen Oktoberrevolution gab   es das ja auch, in Vietnam nat&#252;rlich, aber z.B. von der deutschen   Novemberrevolution wei&#223; ich nichts Entsprechendes. &#8211; Wie viele Frauen   k&#228;mpften insgesamt an der Front, ungef&#228;hr?<\/h4>\n<p>  Clara: Zwei bis drei Prozent. In Spanien war das ein Volkskrieg, das   darfst Du nicht vergessen &#8211; in der Novemberrevolution wurde doch alles   sehr schnell kanalisiert, nach den ersten Aufst&#228;nden. Bei uns, in   unserer Hundertschaft, waren au&#223;er mir noch zwei spanische   Arbeiterinnen, etwas &#252;ber 20 Jahre alt: die Montserrat in meiner   Zehnergruppe, von der anderen wei&#223; ich den Namen nicht mehr. Die   Montserrat war verheiratet, ihr Mann war dabei, ist dann aber gleich bei   der ersten Attacke gefallen.<\/p>\n<h4>  Karin: Ehepaare konnten also in der gleichen Hundertschaft sein? Man   h&#228;tte doch bef&#252;rchten k&#246;nnen, dass das als Bevorzugung empfunden wird.<\/h4>\n<p>  Clara: Nein, aber wir waren sehr puritanisch, also bei uns jedenfalls.   Die andere Spanierin hatte dann einen Freund, in der gleichen   Hundertschaft. Aber sie schliefen nie zusammen &#8211; im Urlaub nat&#252;rlich,   aber das war etwas anderes. Wir schliefen ja immer zu zehnt, im   Bauernhof meistens. Und sogar wenn wir Wache standen, war ich nie mit   meinem Mann zusammen &#8211; also sp&#228;ter, als Pavel auch an der Front war.   Einige haben sogar gesagt: da gibt&quot;s ein Zimmer, da k&#246;nnt Ihr doch   zusammen schlafen. Aber das wollten wir nicht. Keine Privilegien. F&#252;r   uns war das eine Sache der Selbstdisziplin: wir sind hier nicht zur   sexuellen Befriedigung, sondern wir sind hier, um zu k&#228;mpfen. &#8211; In   einigen Hundertschaften gab es Prostituierte, aber das ist ein   besonderes Kapitel.<\/p>\n<p>  Wir fuhren dann nach Barbastro, an die Aragon-Front. Barbastro, das war   so eine Art Hauptquartier; da wurde an die verschiedenen Frontabschnitte   zugeteilt, wo&quot;s am n&#246;tigsten war oder wenn Gruppen abgel&#246;st werden   sollten, um in Urlaub zu gehen. Nat&#252;rlich kamen anarchistische   Hundertschaften an anarchistische Frontabschnitte, kommunistische an   kommunistische Abschnitte usw. Diese Trennung war von Anfang an da, die   Leute wollten das ja auch selber. Es kam aber schon mal vor, dass eine   Gruppe in den anderen Sektor musste.<\/p>\n<p>  (&#8230;) Wir hatten guten Kontakt zu den Bauern, wir haben ja zum Gro&#223;teil   bei ihnen geschlafen. Eine Zeitlang haben wir selbst gekocht in den   Zehnergruppen. Dann sp&#228;ter haben wir mit den Bauern zusammengearbeitet   in den Gefechtspausen, auf den Feldern, haben an den Versammlungen   teilgenommen usw. Und dann haben wir gesagt: ist doch Bl&#246;dsinn, dass wir   alle alleine kochen &#8211; man muss das zusammen machen, dann kommen wir viel   besser in Verbindung mit den Bauern. (&#8230;) Wir haben alles gemeinsam   gemacht, wir Frauen waren in jeder Hinsicht genauso geachtet wie die   M&#228;nner. Und &#8211; das war interessant: die Bauersfrauen haben zuerst   gestaunt, als sie M&#228;nner beim Kochen sahen. Aber dann haben sie gesagt:   jawohl, ist richtig, M&#228;nner k&#246;nnen auch Essen machen und Geschirr   abwaschen.<\/p>\n<h4>  Das Dorfkomitee<\/h4>\n<p>  Clara: Bei den Versammlungen wurde beraten, was angebaut werden sollte   -&#160; und: in dieser Gegend hatte man beschlossen: es gibt kein Geld mehr.   Wir arbeiten f&#252;r eine neue Welt, Geld spielt keine Rolle mehr, wenn wir   blo&#223; zu essen haben. Die Verteilung ging folgenderma&#223;en: Damals war   Ernte, es wurde vor allem Weizen angebaut und Gem&#252;se, und das Komitee   hat dann den Austausch organisiert. &#8211; Die Kollektive haben ja dreimal so   viel Ertrag gehabt wie fr&#252;her. Ich erinnere mich z.B. an einen Austausch   mit einer Schuhfabrik. Da kam ein ganzer Lastwagen voll Schuhe, es waren   Stiefel. Und die spanischen Bauern haben ja meist nur so zugeschnittene   Autopneus an den F&#252;&#223;en und sonntags alpargatos, also aus Stroh. Und   jetzt kamen richtige Schuhe zur Verteilung! Es kam dann vor, dass Frauen   sich zwei oder drei Paar ausgew&#228;hlt haben &#8211; nein, hat man gesagt, nimm   erst mal nur ein Paar. Das ging alles so friedlich, obwohl doch alle so   hei&#223; interessiert waren. Und es wurde nat&#252;rlich auch gegen Geld gekauft   und verkauft. Das Komitee hat dann beraten: soundsoviel haben wir   ausgegeben, soundsoviel ist uns geblieben, was kaufen wir damit?<\/p>\n<h4>  Karin: Wie wurde so ein Komitee gew&#228;hlt, meinetwegen in einem Dorf mit   3000 Einwohnern wie in La Zaida?<\/h4>\n<p>  Clara: Die Bauern haben sich versammelt und haben ihre Leute gew&#228;hlt,   meistens die, die lesen und schreiben konnten. Und da waren auch Frauen,   weniger nat&#252;rlich.<\/p>\n<h4>  Karin: Das ganze Dorf hat sich versammelt? Von einer gewissen Gr&#246;&#223;e an   geht das ja nicht mehr &#8211; und allgemeines Interesse vorausgesetzt. Dann   muss man Delegierte w&#228;hlen f&#252;r die n&#228;chst gr&#246;&#223;eren Versammlungen &#8211; das   R&#228;temodell.<\/h4>\n<p>  Clara: Es waren nicht alle da, man hat nat&#252;rlich Abteilungen gemacht,   nach Feldern, wer das und jenes gearbeitet hat. Ich kann mich z.B. an   eine Versammlung erinnern, so 700 Leute. Sie sollte zuerst im   B&#252;rgermeisteramt sein, aber dann waren so viele Menschen da, dann sind   sie einfach auf den Dorfplatz gegangen. Da wurde dann diskutiert und   auch gew&#228;hlt: den wollen wir, den auch.<\/p>\n<h4>  Karin: Wurden Frauen gew&#228;hlt?<\/h4>\n<p>  Clara: Wenige, weil viele Analphabeten waren und auch nicht so aktiv.   Die Frauen waren ja viel genierter, die M&#228;nner waren viel freier im   Reden, weil&quot;s die Frauen nicht gewohnt waren. Aber es gab auch ganz   einfache Bauersfrauen, die redeten &#8211; oft ganz pl&#246;tzlich. Wenn sie mit   etwas nicht einverstanden waren, haben sie dazwischen gerufen: nein,   nein, das ist nicht richtig. So ganz spontan und waren dann selbst   erschrocken. Dann haben die andern gesagt: Jetzt red&quot; weiter, nat&#252;rlich!   Gerade bei praktischen Fragen, die Frauen mussten sich ja um das   t&#228;gliche Leben k&#252;mmern.<\/p>\n<h4>  &#8222;Nat&#252;rlich sind die milicianos ins Bordell gegangen.&#8220;<\/h4>\n<p>  Karin: Du hast vorhin gesagt, es gab auch Prostituierte bei der Miliz.   Das wird ja auch des &#214;fteren anz&#252;glich-anekdotisch berichtet, z.B. in   einer Artikelserie des &#8222;Stern&#8220; vom letzten Jahr. Wurde nicht versucht zu   verhindern, dass Prostituierte mit an die Front kamen?<\/p>\n<p>  Clara: Nein, am Anfang nicht; das sind auch Menschen, die wollen auch   k&#228;mpfen gegen die Faschisten. Und man wusste ja nicht von vornherein,   dass das Huren sind. Die Prostituierten waren ja ungeheuer rabiat,   revolution&#228;r. Im barrio chino, dem Hafenviertel von Barcelona, gab es   heftige K&#228;mpfe, und da standen die Prostituierten fast alle auf der   Seite der milicianos: der und der ist ein Faschist, der hat noch Waffen.   Und Anarchisten und Frauen haben Zuh&#228;lter umgebracht, erschossen.   &#220;berhaupt: die Bordellmutter und die Zuh&#228;lter wurden zum Teufel gejagt,   und dann gab es eine Freinacht f&#252;r jeden miliciano.<\/p>\n<h4>  Karin: Ja, das ist aber doch der Widerspruch: das Metier als solches   bestand fort. Vordergr&#252;ndig mag es revolution&#228;r erscheinen, wenn man   sich nicht mehr die H&#228;lfte des Verdienstes abzwacken l&#228;sst durch die   Bordellmutter oder durch den Zuh&#228;lter. Aber eigentlich ist das doch eine   perverse &#220;bernahme der allgemeinen Forderung: jetzt nehmen wir alles in   die eigene Hand. Hat sich nicht&#160; wenigstes bei einigen auch im Kopf   etwas bewegt: dass die Frauen also Schluss machen sollten mit dieser   Art, ihren Lebensunterhalt zu verdienen?<\/h4>\n<p>  Clara: Da wurde doch einiges zur Ver&#228;nderung getan. Das musst Du doch   anerkennen. (&#8230;) Ich habe Dir ja schon gesagt: die Frauenfrage als   spezielles Problem, das habe ich nicht beachtet. F&#252;r mich war das   Entscheidende: die revolution&#228;re Bewegung.<\/p>\n<h4>  Karin: Das verstehe ich auch (&#8230;) denn in solch einer revolution&#228;ren   Situation ist das erste: der Sieg &#252;ber den gemeinsamen Gegner. (&#8230;) Und   doch irritiert es mich, wenn ich feststelle, dass offensichtlich nur   Frauen die tagt&#228;gliche Gewalt, die Frauen von M&#228;nnern angetan wurde,   herausstellen, die psychischen Dimensionen der Unterdr&#252;ckung der Frau,   wo doch allseits von einer v&#246;lligen Ver&#228;nderung des gesamten Lebens   Zusammenhangs die Rede war (&#8230;)<\/h4>\n<p>  Clara: Wenn unsere milicianos zum Urlaub gingen nach Barcelona, dann   wurde diskutiert: gehen wir ins barrio chino &#8211; gehen wir nicht? und   nat&#252;rlich sind sie gegangen. Nein, da wurde unten getanzt, etwas   zusammen getrunken, und dabei wurden die Beziehungen gekn&#252;pft: wer geht   mit wem schlafen? Es war schon etwas ge&#228;ndert, muss ich sagen, gegen   fr&#252;her. Und: Ein Bekannter von uns hatte ein festes Verh&#228;ltnis mit einer   Prostituierten, und er wollte nicht, dass sie &#8222;ihren Beruf&#8220; weiter   aus&#252;bt; er hat ihr ein Zimmer gemietet, ihr Geld geschickt. Aber sie   sagte: ich glaub&quot; Dir doch nicht, dass Du mich heiraten willst &#8211; ich bin   doch eine Hure, eines Tages wirst Du mich doch fallen lassen. Und so hat   sie weitergemacht. Aber er, er hat sie geliebt, und er wollte sie   heiraten. Das war doch ein Schritt &#8211; bei der spanischen Tradition. Und   das war kein Einzelfall, ich kannte mehrere milicianos, die ganz ehrlich   ein festes Verh&#228;ltnis mit einer Dirne hatten und mit ihr zusammen   bleiben wollten.<\/p>\n<h4>  Karin: Aber nochmals: warum sind die Anarchisten &#252;berhaupt ins Bordell   gegangen? In den Schriften ist immer viel von Freier Liebe die Rede &#8211;   warum sind sie denn nicht zu ihren Freundinnen gegangen?<\/h4>\n<p>  Clara: Die hatten sie ja nicht! Die Deutschen, die wir in Spanien   getroffen haben und die schon lange im Land gelebt hatten, die haben uns   gesagt: Sehen Sie, das ist der Unterschied: In Deutschland braucht man   ein Motorrad; das M&#228;dchen sitzt hinten auf, und man f&#228;hrt los. In   Frankreich braucht man ein Auto, weil da vielleicht der Bruder oder die   Schwester oder die Freundin mitkommt. In Spanien braucht man einen   Lastwagen: wenn Du eine Freundin hast, kommt die Mutter mit, der Vater,   der Bruder &#8211; die ganze Familie musst Du aufladen.<\/p>\n<h4>  Karin: Diesem einen Artikel in &#8222;Ruta&#8220; zufolge scheinen doch sehr viele   Dirnen mit an die Front gegangen zu sein.<\/h4>\n<p>  Clara: Ja, ich wei&#223; es nur vom H&#246;rensagen, doch recht viele. Obwohl: die   haben mitgek&#228;mpft, die waren sehr rabiat, sehr mutig. Aber dann &#8211; in den   Gefechtspausen &#8211; gab es doch sehr viele Geschichten: Eifersuchtsszenen.   Aber das war nat&#252;rlich: Frauen, die provoziert haben. Das war einfach   ihre langj&#228;hrige Gewohnheit. Und Geschlechtskrankheiten &#8211; Mika hatte da   auch immer wieder ihre Schwierigkeiten damit als Verantwortliche ihrer   Milizgruppe. Aber &#8211; was haben die Anarchisten gemacht? Sie haben eine   Versammlung einberufen mit allen milicianos und milicianas &#8211; wenn man so   will &#8211; und haben diskutiert: wir sind hier, um zu k&#228;mpfen, wir haben   nicht genug &#196;rzte, es ist doch nicht gut f&#252;r die Front, wenn es sehr   viele ansteckende Krankheiten gibt. Nach langen Diskussionen wurde den   Dirnen dann doch empfohlen, wieder zur&#252;ck zu gehen, einen Beruf zu   ergreifen, sich im Hinterland f&#252;r die Revolution einzusetzen. Viele   wurden dann auch angelernt, und viele gingen nat&#252;rlich auch zur&#252;ck in   ihr barrio chino. Aber dass Dirnen eine Evolution mitgemacht haben, das   ist sicher.<\/p>\n<h4>  Karin: Mit Prostituierten, hast Du gesagt, gab&quot;s &#8222;Geschichten&#8220;, und in   Bezug auf milicianas wie Du oder die Montserrat, da hast Du vorhin   hervorgehoben, dass Ihr Euch sehr puritanisch verhalten habt. &#8211; Das war   von Eurer Seite aus. Von der Seite mancher milicianos aus, gab&quot;s da   nicht doch so etwas, das h&#252;bsche milicianas etwas bevorzugt, hofiert   wurden, w&#228;re ja verst&#228;ndlich.<\/h4>\n<p>  Clara: Sicherlich gab es das da und dort, dass ihnen der Hof gemacht   wurde, und nat&#252;rlich, dass sich ein M&#228;dchen in einen miliciano verliebt   hat und umgekehrt. Aber dass da im Ganzen eine sehr strenge puritanische   Moral war bei den Anarchisten, das w&#252;rde ich sagen. Bei uns gab es   eigentlich nie so eine sexuelle Bevorzugung. Gilberte (sie war zur   gleichen Zeit in Nizza) hat mich ja gefragt, ob wir Frauen an der Front   so eine Art Neutrum waren. &#8211; Vielleicht. Ja, doch. Und dass Mika sich so   verhalten hat, das machte auch ihre Autorit&#228;t gegen&#252;ber den M&#228;nnern aus,   neben ihrer M&#252;tterlichkeit und ihren organisatorischen F&#228;higkeiten.<\/p>\n<p>  Es war ein kameradschaftliches Verh&#228;ltnis, und die Spanier achteten uns.   Die Montserrat war eine sehr ernste Frau, wie Mika hatte sie ihren Mann   gleich zu Anfang verloren. Keiner h&#228;tte es gewagt, ihr zu nahe zu   kommen. Es kam auf unser Verhalten an &#8211; die K., wie die hier (in Nizza)   immer ihre Br&#252;ste frei herumtr&#228;gt, die w&#228;re nat&#252;rlich glatt vergewaltigt   worden. Dann muss man bedenken: die ganze Tagesordnung war ja   organisiert. In den Gefechtspausen, neben der Arbeit, hat man z.B.   Theaterst&#252;cke vorgef&#252;hrt, man hat gesungen, wir haben Ch&#246;re organisiert,   sehr viel kulturelle Arbeit. &#220;berhaupt &#8211; das vergisst man immer zu   sagen, man redet viel zu tierisch ernst &#8211; das war eine sehr fr&#246;hliche   Revolution, alle waren viel freier, und wir haben viel Lustiges zusammen   erlebt.<\/p>\n<h4>  &#8222;Dass die Frauen Riesenschritte gemacht haben in der Gesellschaft, das   wir auch eine der gro&#223;en Lehren der spanischen Revolution.&#8220;<\/h4>\n<p>  Clara: Es gab Bildungsabende, auch &#252;ber sexuelle Aufkl&#228;rung, bei der   Miliz, &#252;ber sexuelle Freiheit, Freie Liebe, vor allem &#252;ber die Achtung   des Mannes gegen&#252;ber der Frau und umgekehrt. Erziehungsfragen. (&#8230;) Und   dass &#252;berhaupt &#252;ber Sexualit&#228;t gesprochen wurde, das war schon eine   Revolution in Spanien. Aber eben vor allem Erziehung zu gegenseitiger   Achtung, zu Menschlichkeit &#8211; die anarchistische Ethik.<\/p>\n<h4>  Karin: Also doch eher auf einer sehr allgemeinen Ebene. &#8211; Wei&#223;t Du, ich   habe zunehmend den Verdacht, dass das Prinzip der Freien Liebe vor allem   gegen die Eingriffe staatlicher- oder kirchlicherseits gerichtet ist und   auch &#8211; gerade in Spanien &#8211; gegen die Bevormundung durch die Familie,   w&#228;hrend zu wenig reflektiert wurde, wie viel bei jedem einzelnen getan   werden muss, um eine wirkliche Gleichberechtigung, gleiche Achtung   beider Geschlechter zu erreichen, wie viel dabei gerade die M&#228;nner   umdenken m&#252;ssen.<\/h4>\n<p>  Clara: F&#252;r mich war immer klar, dass die Frau sich ihre Freiheit selbst   erk&#228;mpfen muss. Und in der Arbeiterbewegung ist immer gesagt worden,   dass das eine lange Erziehung braucht, auch der M&#228;nner. Das war bei den   Anarchisten, so wie ich sie gekannt habe, auch immer selbstverst&#228;ndlich,   und sie haben sich &#8211; nicht alle &#8211; auch bem&#252;ht, das durchzusetzen. Aber   wieder darfst Du nicht vergessen: das ging ja durch die ganze   b&#252;rgerliche Gesellschaft durch: die Frau ist das Tierwesen, die Mutter   der Kinder usw. Das kennen wir ja zur Gen&#252;ge. Aber dass die Anarchisten   sich mehr um die Frage der Befreiung der Frau gek&#252;mmert haben als die   anderen, die anderen Richtungen im Kampf gegen die Faschisten, das w&#252;rde   ich doch sagen. Und dass der Versuch da war, nicht nur der Versuch,   sondern der Wille, dass die Frauen &#252;ber ihr eigenes Bild springen. Und   sehr viele haben das fertig gebracht, die Frauen sind viel bewusster   geworden durch die Revolution, sie haben sehr viel Verantwortung   &#252;bernommen &#8211; was vorher undenkbar gewesen w&#228;re.<\/p>\n<h4>  Karin: Besteht nicht die Gefahr, dass Du im R&#252;ckblick etwas   idealisierst, in Bezug auf die spanische Revolution insgesamt?<\/h4>\n<p>  Pavel: (Claras Lebensgef&#228;hrte, der gegen Schluss des Gespr&#228;chs dazukam):   Man darf die Anarchisten auch nicht idealisieren. Zwischen Theorie und   Praxis bestanden auch bei ihnen sehr oft gro&#223;e Unterschiede.<\/p>\n<p>  Clara: Gemessen an der Tradition in Spanien war der Fortschritt viel   gewaltiger als in anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern, industrialisierten   L&#228;ndern, wo die Frau schon sozial besser gestellt war. Dass die Frauen   Riesenschritte gemacht haben, das war auch eine der gro&#223;en Lehren der   spanischen Revolution.<\/p>\n<p>  Und ich w&#252;rde sagen, dass ich heute eher etwas kritischer bin als   damals. Gerade die gro&#223;en Fehler: dass die katalanische Regierung unter   Companys, die ja gar keine Macht hatte, keine Basis, entgegen dem ganz   alten anarchistischen Prinzip nicht abgesetzt wurde &#8211; man brauchte keine   Regierung; oder dass die Anarchisten dann selbst in die Regierung   gegangen sind, in der Hoffnung, sie k&#228;men dann auch an die russischen   Waffen ran. Und vor allem, dass Federica Montseny und Garcia Oliver im   Mai 1937 zu der Bev&#246;lkerung von Barcelona gesagt haben: &#8222;Legt die Waffen   weg, erst m&#252;ssen wir die Faschisten besiegen, mit den Stalinisten werden   wir dann schon fertig.&#8220;<\/p>\n<h4>  Das Dekret, wonach Frauen nicht mehr an der Front k&#228;mpfen sollten<\/h4>\n<h4>  Karin: Wie kam es eigentlich zu dem Verbot, dass Frauen nicht mehr in   der Miliz k&#228;mpfen durften?<\/h4>\n<p>  Clara: Das war der prinzipielle Kampf der republikanischen Seite: die   Miliz sollte aufgel&#246;st werden; man wollte wieder eine normale   b&#252;rgerliche Armee &#8211; wieder Offiziere, Salutieren, der Sold wurde   gestaffelt. Die Faschisten hatten eine moderne Armee, und so wurde   argumentiert: um die Faschisten zu schlagen, brauchen wir eine ebenso   moderne Armee. Und auch das war nat&#252;rlich gegen die Anarchisten   gerichtet &#8211; keine Soziale Revolution, sondern eine b&#252;rgerliche Republik.   Aber eine moderne Armee den Faschisten entgegenzusetzen, mit ihrer   riesigen Unterst&#252;tzung durch die Italiener und die Deutschen, das war ja   gar nicht m&#246;glich. Man musste den Krieg auf revolution&#228;re Weise   gewinnen. Und da haben wir das Beispiel Guadalajara.<\/p>\n<p>  Die Miliz wurde umgestellt, und wer nicht in die Armee wollte, also POUM   und die Anarchisten, der bekam einfach keine Waffen mehr. Darum haben   die Anarchisten dann nachgegeben. Trotz &#8222;moderner Armee&#8220; gab es aber   keinen einzigen Sieg. Der einzige Sieg, das war Guadalajara. Die   milicianos &#8211; oder nein, das war ja jetzt die Armee &#8211; sind auf die B&#228;ume   gestiegen und haben revolution&#228;re Lieder gesungen: ,,Bandiera Rossa&#8220;,   weil die Italiener vis-a-vis waren. Und sie haben hin&#252;bergerufen: Warum   kommt Ihr, um gegen Eure eigenen Interessen zu k&#228;mpfen? Wir k&#228;mpfen f&#252;r   eine neue Gesellschaft. Das hat die italienischen Soldaten   demoralisiert, und sie sind in gro&#223;en Massen &#252;bergelaufen. &#8211; Das wurde   immer wieder gesagt: Unsere Mittel sind die Propaganda, die Aufkl&#228;rung,   dann wird es auch im Hinterland Sabotage geben und Demoralisierung bei   den gegnerischen Truppen.<\/p>\n<p>  Pavel: Ich glaube, ein Grund war auch, dass der Krieg einfach zu hart   wurde. Das war die Einstellung der Regierung, und zum Teil haben die   Anarchisten das akzeptiert. Sie waren ja in der Regierung.<\/p>\n<p>  Clara: Mit gro&#223;em Widerstand.<\/p>\n<p>  Pavel: An der Basis, ja.<\/p>\n<p>  Clara: Nat&#252;rlich war es auch ungeheuer wichtig, im Hinterland zu   arbeiten, in Spit&#228;lern z.B. Da haben die Frauen sich wirklich   aufgeopfert, viele Ausl&#228;nderinnen auch. Aber wenn Frauen schon mit der   Waffe k&#228;mpfen wollten, und dies auch verstanden, dann sollte man sie   lassen. Das war ein Bruch mit den anarchistischen Traditionen, ein   Einbruch dieser b&#252;rgerlichen Vorstellungen, der Einfluss des Auslandes   auch: Frauen k&#228;mpfen mit &#8211; das ist ja furchtbar. Frauen geh&#246;ren doch ins   Hinterland. Aber: das Verbot konnte bei den anarchistischen Milizen nie   ganz durchgesetzt werden. Und auch Mika &#8211; sie war so verwachsen mit   ihrer Einheit, dass die Leute das einfach nicht akzeptiert haben: Wenn   die weg muss, dann gehen wir auch. Sie war bis 1939 an der Front, ist   zum capitaine ernannt worden. Aber dass sie bleiben konnte &#8211; das war   dieser &#8222;resistance&#8220; (Widerstand) der milicianos.<\/p>\n<h4>  Karin: (&#8230;) Du hast mehrfach gesagt, dass f&#252;r Dich die Frauenfrage von   sekund&#228;rer Bedeutung ist, das Wichtigste sei die &#246;konomische Umw&#228;lzung,   alles andere komme dann im Lauf der Zeit, auch das Verhalten der   Menschen zueinander.<\/h4>\n<p>  Clara: Nat&#252;rlich finde ich es wichtig, dass die Frauen jetzt schon f&#252;r   ihre Rechte k&#228;mpfen. In unserer Gesellschaft ist die Frau doch in   untergeordneter Stellung, muss sich verteidigen auch gegen den Mann. Und   da ist die heutige Frauenbewegung doch sehr wichtig. Dass sie manchmal   &#252;bertreibt &#8211; z.B. habe ich geh&#246;rt: die Frauenbewegung lehnt jeden Mann   ab&#8230;<\/p>\n<h4>  Karin: Teile der Frauenbewegung.<\/h4>\n<p>  Clara: Das sind &#220;bertreibungen, die zu verstehen sind. Und manchmal sind   &#252;berspitzte Forderungen sehr n&#252;tzlich, weil sie das Bewusstsein   vorantreiben. In der Umgestaltung unserer Gesellschaft wird sich, auch   durch die praktischen Arbeiten, durch die praktische Beteiligung und   Verantwortung der Frauen, eine Gleichberechtigung (&#8230;) einarbeiten,   w&#252;rde ich sagen. Und nat&#252;rlich geht das viel weiter: Mitverantwortung in   allen Fragen des Lebens.<\/p>\n<p>  <i>Das Interview erscheint mit freundlicher Genehmigung des Verlages und   stammt aus: <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Cornelia Krasser u. Jochen Schm&#252;ck (Hrsg.): Frauen in der Spanischen   Revolution 1936-1939. Libertad Verlag 1984, anarchistische texte 32\/33,   S. XY-XY [Neuauflage als eBook unter: www.libertadverlag.de]<\/i><\/p>\n<p>  <a href=\"http:\/\/shop.sozialismus.info\/shop\/article_36\/Der-Spanische-B%C3%BCrgerkrieg.html\">Das   Buch im Online-Shop der SAV kaufen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      aus dem Buch: Der Spanische B&#252;rgerkrieg 1936-1939\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[97],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14291"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14291"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14291\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14291"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14291"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14291"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}