{"id":14290,"date":"2011-08-25T00:00:00","date_gmt":"2011-08-24T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14290"},"modified":"2012-07-18T15:20:46","modified_gmt":"2012-07-18T13:20:46","slug":"14290","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/08\/14290\/","title":{"rendered":"Die Rolle des Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p>  aus dem Buch: Der Spanische B&#252;rgerkrieg 1936-1939<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  &#8222;Das Proleteriat von Barcelona verhinderte die &#220;bergabe der Republik an   die Faschisten. Am 19. Juli st&#252;rmten sie, nahezu mit blo&#223;en H&#228;nden,   erfolgreich die ersten Kasernen. Am n&#228;chsten Tag, um 2 Uhr nachmittags,   waren sie die Herren von Barcelona.&#8220; (1)<\/p>\n<p>  Unter hohen Opfern konnten die Franco-Faschisten zur&#252;ckgeschlagen   werden. Die spontane Bewegung von haupts&#228;chlich anarchistisch   organisierten ArbeiterInnen &#252;bernahm mit gro&#223;em Elan das Transportwesen,   gro&#223;e Teile der Industrie und die Flotte unter eigene Kontrolle.   Verkehrsbetriebe, Eisenbahnen, &#214;lgesellschaften, die Montagewerke von   Ford und der Hispano-Suiza, die Hafenanlagen, Kraftwerke, Warenh&#228;user,   Theater und Kinos, Metallfabriken, Textilindustrie, Exportfirmen f&#252;r   landwirtschaftliche Produkte und die gro&#223;en Weinkellereien wurden von   den ArbeiterInnen beschlagnahmt und kollektiviert. An den Grenzposten   wurde der Zoll durch bewaffnete ArbeiterInnenkomitees ersetzt. Mehr als   vier Monate lang wurden die Betriebe Barcelonas von ArbeiterInnen   verwaltet.<\/p>\n<h4>  Das Programm<\/h4>\n<p>  Der Anarchosyndikalismus hatte in Spanien eine starke, militante und   antikapitalistische Tradition. Die anarchistische Gewerkschaft CNT war   bei den LandarbeiterInnen Andalusiens und den Industriezentren   Kataloniens verankert. Sie hatte 1933 nach unterschiedlichen Angaben 1   bis 1,6 Millionen Mitglieder.<\/p>\n<p>  Das Programm der CNT sprach sich gegen die Beteiligung an Politik und an   den Wahlen aus. Sie &#252;bten Opposition gegen&#252;ber jeglicher staatlichen   Regierungsform. Gewerkschaften sollten den Kampf gegen den Kapitalismus   aufnehmen. Als Mittel wurde der spontane Kampf der ArbeiterInnen in   militanten Massenaktionen oder individuelle Terrorakte gegen Vertreter   des Staatsapparates gew&#228;hlt. Den Stalinismus in der UDSSR lehnten sie   als &#8222;Einparteien-Diktatur&#8220; ab. Sie forderten stattdessen den   &#8222;libert&#228;ren&#8220; Kommunismus.<\/p>\n<h4>  Die Praxis<\/h4>\n<p>  Sobald sich die revolution&#228;re Situation in Spanien zuspitzte wurde ein   Prinzip nach dem anderen gebrochen. Zuerst wurde der Wahlboykott   aufgegeben. Die CNT rief zuerst zu den Wahlen auf und nahm dann selbst   daran teil. Dabei unterst&#252;tzte sie die Volksfrontregierung. Im September   1936 sa&#223; die CNT in der katalanischen Regierung in Barcelona. Kurze Zeit   darauf auch in der Zentralregierung Madrids. Mit ihren Stimmen wurde die   Aufl&#246;sung des katalanischen Zentralkomitees der Milizen beschlossen.   Wenig sp&#228;ter wurde die Aufl&#246;sung aller lokalen R&#228;te und Komitees in   Katalonien durchgef&#252;hrt. Auch bei der Aufl&#246;sung der Milizen, sowie dem   Verbot vom Tragen von Waffen in der &#214;ffentlichkeit stimmte die CNT zu.<\/p>\n<p>  In den Mai-Tagen 1937 rief die CNT-F&#252;hrung ihre Anh&#228;ngerInnen zur&#252;ck,   die einen spontanen Aufstand gegen eine stalinistische Provokation   organisieren. Es gab 500 Tote und viele Gefangene in Barcelona. &#8222;Der   CNT-Minister Garcia Oliver erkl&#228;rt: &gt;Wir k&#246;nnen nichts anderes tun, als   die Ereignisse abwarten und uns ihnen auf die bestm&#246;gliche Art und Weise   anpassen. Damit war dem spanischen Anarchismus das R&#252;ckgrat gebrochen;   die CNT f&#252;hrte fortan nur noch ein Schattendasein und sah ohnm&#228;chtig zu,   wie die Reste der spanischen Revolution liquidiert wurden.&#8220; (2) Trotzki   verglich die anarchistische Doktrin mit einem durchl&#246;cherten   Regenmantel: sie taugte gerade dann nichts, wenn es regnete.<\/p>\n<h4>  Gefangen in der Volksfront<\/h4>\n<p>  Nichts von den anarchistischen Prinzipien blieb letztlich &#252;brig. Wie   konnte sich diese starke Organisation mit langer Tradition und   Verankerung in die politische Bedeutungslosigkeit man&#246;vrieren?<\/p>\n<p>  Die CNT-F&#252;hrerInnen sahen sich gerne als Opfer der stalinistischen   Machtspiele. Richtig ist, dass Stalin kein Interesse an einer   erfolgreichen Revolution in Spanien hatte und f&#252;r die Niederlage gegen   die Faschisten verantwortlich ist. Eine bittere Wahrheit ist jedoch   auch, dass Stalin dazu ohne die Mithilfe der anarchistischen F&#252;hrerInnen   nicht in der Lage gewesen w&#228;re. Am 1. Mai 1936 konnten die   AnarchistInnen in Barcelona ohne viel Aufwand 100.000 ArbeiterInnen   mobilisieren, die spanischen KommunistInnen im Vergleich dazu nur   6-7.000. Bereitwillig haben die anarchistischen F&#252;hrerInnen sich vor den   Karren der Stalinisten spannen lassen und mit der leeren Versprechung   Waffen aus der UDSSR zu bekommen, jeder entscheidenden politischen   Ma&#223;nahme zugestimmt. In allen Punkten haben die F&#252;hrerInnen der   Anarchosyndikalisten sich von der Volksfront erpressen lassen und eine   eigene offensive Politik aufgegeben. Zuerst sollte der Krieg gewonnen,   dann &#252;ber die Revolution nachgedacht werden. Kein Misstrauen durfte bei   den in der Republik verbliebenen B&#252;rgerlichen und im b&#252;rgerlichen   Ausland geweckt werden. Somit wurde auf alle revolution&#228;ren Forderungen   verzichtet.<\/p>\n<h4>  Durruti &#8211; das andere Gesicht des Anarchismus<\/h4>\n<p>  Im Gegensatz zu der Volksfronttheorie sah Durruti, der anarchistische   F&#252;hrer der Milizen in Aragon, den Krieg eng mit der sozialen Revolution   verzahnt. Seine Miliz wusste wof&#252;r sie k&#228;mpfte. Es ging ihnen um die   Enteignung des Landes, der Fabriken, der Transportmittel, des Brotes und   einer neuen Kultur. Ihre Zukunft hing von dem Sieg der Milizen ab. Trotz   miserabler Bedingungen an der Front und chronischem Waffenmangel konnte   er einen erfolgreichen Weg aufzeigen. Sein Feldzug war der einzige   wesentliche milit&#228;rische Vormarsch des gesamten B&#252;rgerInnenkriegs.<\/p>\n<p>  Sobald seine Kolonne die Faschisten aus einem Dorf verjagt hatte, wurden   Dorfversammlungen einberufen. Hypotheken und alle Eigentumsdokumente   wurden in einem gro&#223;en Freudenfeuer vernichtet. Alle L&#228;ndereien,   Vorr&#228;te, Vieh und Getreide wurden enteignet und der Dorfversammlung   unterstellt. Alle wichtigen Fragen wurden hier er&#246;rtert und entschieden.   Die Produktion wurde auf eine neue Grundlage gestellt und in Kollektiven   organisiert. Der Ertrag der Landwirtschaft steigerte sich in kurzer Zeit   um 30-45%. Mit dem &#220;berschuss in der Produktion wurden Schulen   subventioniert. Es wurden Milizen zur Verteidigung des Dorfes aufgebaut.   Gefangene Reaktion&#228;re wurden der Dorfversammlung vorgef&#252;hrt. So wurde   aus jedem Dorf eine Festung der Revolution. Sein Programm war   erfolgreich, aber es stellte nicht nur einen Bruch mit der   Volksfrontpolitik sondern auch mit der klassischen anarchistischen   Herangehensweise dar.<\/p>\n<p>  Er hielt den Aufbau von Sowjets und staatliche Repression gegen die   Konterrevolution f&#252;r notwendig. Ohne sich um die Reaktionen des   b&#252;rgerlichen Auslands zu scheren, gegen den Willen der   Volksfrontvertreter und seiner eigenen Organisation setzte er den Rat   von Aragon durch. Die Wirtschaft sollte durch die Verbindung der   verschiedenen Kommunen effektiver organisiert werden k&#246;nnen. Die   Bed&#252;rfnisse der B&#228;uerInnen besser ber&#252;cksichtigt und das unabh&#228;ngige   Agieren der verschiedenen Dorfversammlungen miteinander abgestimmt   werden.<\/p>\n<p>  Nach dem Tod Durrutis gr&#252;ndete sich eine Gruppe &#8222;Die Freunde Durrutis&#8220;,   die sich in dieser Tradition sah. Sie grenzten sich &#246;ffentlich von den   CNT-Ministern ab und warfen ihnen Kollaboration mit der Bourgeoisie vor.   Sie konnten jedoch in den schnellen Zeiten der Revolution ihren Einfluss   nicht schnell genug ausbauen, um noch wesentlich einzugreifen.<\/p>\n<h4>  Die praktische Politik der CNT:<\/h4>\n<h4>  Keine Sowjets, keine Nationalisierung, keine Machtergreifung<\/h4>\n<p>  Auf dem Land hatte die CNT die Losung ausgegeben: &#8222;Kollektivierung von   gro&#223;en Landbesitzungen und die Achtung des kleinen Landbesitzes&#8220;. Mit   dieser Einschr&#228;nkung wurde das Privateigentum nicht g&#228;nzlich   abgeschafft. Landkauf sowie -verkauf war weiterhin m&#246;glich. Hinzu kam,   dass das bundesweite Dekret nicht in Frage gestellt wurde, welches nur   die Kollektivierung der faschistischen L&#228;ndereien vorsah. Die   kollektivierten Betriebe wurden nach vier Monaten durch ein Dekret der   katalanischen Regierung anerkannt. Es wurde aber gleichzeitig ein   Versuch unternommen, erste Beschr&#228;nkung einzuf&#252;gen. Betriebe, die   weniger als 100 Besch&#228;ftigte hatten, sollten von der Kollektivierung   ausgenommen werden. Dies waren zu der Zeit 70% aber aller Betriebe in   Katalonien!<\/p>\n<h4>  Kein Aufbau von Sowjets<\/h4>\n<p>  Die Nationalisierung des Bankenwesens, eine der ersten und wichtigsten   Ma&#223;nahmen in der russischen Revolution, wurde bis auf weiteres vertagt.   Damit wurde ein gewaltiges Mittel aus der Hand gegeben die Produktion   umzugestalten und auf eine neue Grundlage zu stellen. Die besetzten   Betriebe waren weiterhin abh&#228;ngig von ihren Kreditgebern und konnten   somit stark unter Druck gesetzt werden.<\/p>\n<p>  Die fehlende Vernetzung der Betriebe untereinander f&#252;hrte dazu, dass sie   vereinzelt und verstreut waren. Es entstand eine Ungleichheit zwischen   Betrieben, die gut liefen und welche, die Schwierigkeiten hatten. Eine   &#252;bergeordnete Planung war nicht m&#246;glich und sollte so auch verhindert   werden. Es entwickelte sich die Einstellung unter den Gewerkschaften und   teilweise unter den ArbeiterInnen, die die Besetzung durchf&#252;hrten, sich   als Eigent&#252;mer des Betriebes zu sehen. Die besetzten Betriebe begannen   als unabh&#228;ngige Produktionskooperativen zu verk&#252;mmern.<\/p>\n<p>  Felix Morrow schreibt, dass es keine revolution&#228;re Partei gab, die den   Aufbau von Sowjets k&#252;hn und energisch vorantrieb. &#8222;Er (der   Arbeiterstaat) wurde niemals in nationalen Soldaten- und Arbeiterr&#228;ten   zentralisiert, wie es in Russland 1917, in Deutschland von 1918 bis 1919   gewesen war (&#8230;) trotz der Tatsache, dass die wirkliche Macht des   Proletariats weit gr&#246;&#223;er war, als die von den Arbeiter in der deutschen   Revolution ausge&#252;bten Macht, oder, in der Tat, als jene, die die   russischen Arbeiter vor dem November aus&#252;bten.&#8220; (1)<\/p>\n<h4>  Der Staat und die Macht<\/h4>\n<p>  Die Anarchosyndikalisten, die den Staat abschaffen wollten, haben sich   blenden lassen. Der b&#252;rgerliche Staat ist intakt geblieben. Er ist   vor&#252;bergehend aus der Sichtweise verschwunden. Er ist jedoch weder   zerschlagen, noch &#252;bernommen oder durch einen ArbeiterInnenstaat ersetzt   worden. Die eigentlichen Grundlagen des kapitalistischen Systems wurden   nicht angetastet. So konnten die alten Zust&#228;nde schnell wieder   eingef&#252;hrt werden, als sich das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zu Ungunsten der   Revolution &#228;nderte.<\/p>\n<p>  Die anarchistischen F&#252;hrer wollten die Macht nicht ergreifen. Sie waren   gegen jegliche Diktatur, auch gegen ihre Eigene. Trotzki schrieb dazu:   &#8222;Auf die Eroberung der Macht zu verzichten, hei&#223;t, freiwillig die Macht   dem zu &#252;berlassen, der sie besitzt, daher den Ausbeutern.&#8220; (3)<\/p>\n<h4>  Quellen:<\/h4>\n<p>  (1) Morrow, Felix: Revolution und Konterrevolution in Spanien<\/p>\n<p>  (2) Enzensberger, Hans Magnus: Der kurze Sommer der Anarchie<\/p>\n<p>  (3)Trotzki, Leo: Die Spanische Lehre &#8211; eine letzte Warnung<\/p>\n<p>  <a href=\"http:\/\/shop.sozialismus.info\/shop\/article_36\/Der-Spanische-B%C3%BCrgerkrieg.html\">Das   Buch im Online-Shop der SAV kaufen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      aus dem Buch: Der Spanische B&#252;rgerkrieg 1936-1939\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[131],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14290"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14290"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14290\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}