{"id":14288,"date":"2011-07-30T00:00:00","date_gmt":"2011-07-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14288"},"modified":"2016-02-12T10:38:23","modified_gmt":"2016-02-12T09:38:23","slug":"14288","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/07\/14288\/","title":{"rendered":"Leo Trotzki: Klasse, Partei und F&#252;hrung: Warum wurde das spanische       Proletariat besiegt?"},"content":{"rendered":"<p>  aus dem Buch: Der Spanische B&#252;rgerkrieg 1936-1939<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  In welchem Ausma&#223; die Bewegung der Arbeiterklasse zur&#252;ckgeworfen worden   ist, l&#228;sst sich nicht nur am Zustand der Massenorganisationen ablesen,   sondern auch der ideologischen Gruppierungen und der theoretischen   Untersuchungen, mit denen sich so viele Gruppen besch&#228;ftigen. In Paris   erscheint eine Zeitschrift Que faire (Was tun), die sich aus irgendeinem   Grunde f&#252;r marxistisch h&#228;lt, in Wirklichkeit aber v&#246;llig im Rahmen des   Empirismus der linken b&#252;rgerlichen Intellektuellen und jener isolierten   Arbeiter bleibt, die all die Laster der Intellektuellen angenommen haben.<\/p>\n<p>  Wie alle Gruppen, denen eine wissenschaftliche Grundlage fehlt, ohne   Programm und ohne jede Tradition, versuchte diese kleine Zeitschrift,   sich an die Rocksch&#246;&#223;e der POUM zu h&#228;ngen &#8212; die den k&#252;rzesten Weg zu   den Massen und zum Sieg zu er&#246;ffnen schien. Das Resultat dieser   Bindungen an die spanische Revolution erscheint zun&#228;chst v&#246;llig   unerwartet: die Zeitschrift hat sich nicht weiterentwickelt, sondern ist   im Gegenteil verk&#252;mmert. Tats&#228;chlich aber liegt das ganz in der Natur   der Dinge. Die Widerspr&#252;che zwischen kleinb&#252;rgerlichem Konservatismus   und den Anforderungen seitens der proletarischen Revolution haben sich   aufs &#228;u&#223;erste zugespitzt. Es ist nur nat&#252;rlich, dass die Verteidiger und   Interpreten der Politik der POUM theoretisch und politisch weit   zur&#252;ckgeworfen wurden. Die Zeitschrift Que faire ist an und f&#252;r sich   ohne jede Bedeutung. Sie ist aber von symptomatischem Interesse. Aus   diesem Grunde scheint es uns n&#252;tzlich, bei der W&#252;rdigung der Ursachen   f&#252;r das Scheitern der spanischen Revolution zu verweilen, wie sie von   dieser Zeitung gegeben wird, da diese W&#252;rdigung sehr plastisch die   heutigen Grundz&#252;ge am linken Fl&#252;gel des Pseudo-Marxismus aufzeigt.<\/p>\n<h4>  &quot;Was tun&quot; erkl&#228;rt<\/h4>\n<p>  Wir beginnen mit einem w&#246;rtlichen Zitat aus einer Besprechung (in Que   faire) der Brosch&#252;re Verratenes Spanien unseres Genossen Casanova: Warum   wurde die Revolution niedergeschlagen? &quot;Weil&quot;, erwidert der Verfasser   (Casanova), &quot;die Kommunistische Partei eine falsche Politik betrieben   hat, der die revolution&#228;ren Massen ungl&#252;cklicherweise folgten.&quot; Ja, und   warum, in Teufels Namen, scharten sich die revolution&#228;ren Massen, die   ihre bisherige F&#252;hrung verlassen hatten, um das Banner der   Kommunistischen Partei? &quot;Weil keine echte revolution&#228;re Partei   existierte.&quot; Uns wird eine reine Tautologie geliefert. Eine falsche   Politik der Massen, eine unreife Partei zeigen entweder einen bestimmten   Zustand der gesellschaftlichen Kr&#228;fte an (Unreife der Arbeiterklasse,   R&#252;ckst&#228;ndigkeit der Bauern), was von den Tatsachen her, die unter   anderem von Casanova selbst geliefert werden, erkl&#228;rt werden muss, oder   es ist das Produkt der Handlungen gewisser b&#246;sartiger Individuen oder   Gruppen von Individuen &#8212; Handlungen, denen die Anstrengungen   &quot;ernsthafter Individuen&quot;, die allein f&#228;hig sind, die Revolution zu   retten, nicht gewachsen sind. Nachdem Casanova den ersten und   marxistischen Weg fl&#252;chtig angesprochen hat, beschreitet er den zweiten.   Wir werden in ein von D&#228;monen allein beherrschtes Reich gef&#252;hrt. Der f&#252;r   die Niederlage Verantwortliche ist der Obersatan Stalin, umringt von den   Anarchisten und all den anderen kleinen Teufeln: der Gott der   Revolution&#228;re schickte ungl&#252;cklicherweise keinen Lenin oder Trotzki nach   Spanien, wie er es im Jahre 1917 in Russland tat.<\/p>\n<p>  Dann kommt die Schlussfolgerung: Das passiert, wenn man mit aller Macht   die verkn&#246;cherte Orthodoxie einer Sekte den Tatsachen aufzwingen will.   Dieser theoretische Hochmut ist umso bemerkenswerter, als es fast   unvorstellbar ist, wie so viele abgedroschene, platte und falsche, f&#252;r   einen konservativen Philister charakteristische Bemerkungen in so wenig   Zeilen untergebracht werden konnten. Der Verfasser des oben angef&#252;hrten   Zitats h&#252;tet sich, auch nur die geringste Erkl&#228;rung f&#252;r die Niederlage   der spanischen Revolution zu geben; er begn&#252;gt sich damit, man m&#252;sse auf   grundlegendere Erkl&#228;rungen wie den &quot;Zustand der gesellschaftlichen   Kr&#228;fte&quot; zur&#252;ckgreifen. Es ist kein Zufall, dass jede Erkl&#228;rung vermieden   wird. Die Kritiker des Bolschewismus sind allesamt theoretische   Feiglinge, aus dem einfachen Grund, weil sie keinen festen Boden unter   ihren F&#252;&#223;en sp&#252;ren. Um ihren Bankrott nicht anzumelden, jonglieren sie   mit Tatsachen und st&#246;bern in den Meinungen anderer herum. Sie   beschr&#228;nken sich auf Andeutungen und Halbwisserei, als ob sie nur nicht   die Zeit h&#228;tten, ihre ganze Weisheit abzuladen. In Wirklichkeit jedoch   besitzen sie &#252;berhaupt keine Weisheit. Ihr Hochmut ist gepaart mit   intellektueller Scharlatanerie.<\/p>\n<p>  Analysieren wir einmal nacheinander die Andeutungen und Halbheiten   unseres Autors. Nach ihm kann eine falsche Politik der Massen nur   dadurch erkl&#228;rt werden, dass sie &quot;einen bestimmten Zustand der   gesellschaftlichen Kr&#228;fte anzeigt&quot;, namentlich die &quot;Unreife der   Arbeiterklasse&quot; und die &quot;R&#252;ckst&#228;ndigkeit der Bauern&quot;. Wer auf   Tautologien aus ist, k&#246;nnte nirgends eine seichtere Finden. Eine   &quot;falsche Politik der Massen&quot; wird erkl&#228;rt durch die &quot;Unreife&quot; der   Massen. Aber was bedeutet &quot;Unreife&quot; der Massen? Offensichtlich ihre   Empf&#228;nglichkeit f&#252;r falsche Politik. Worin nun die falsche Politik   bestand, und wer sie initiierte: die Massen oder die F&#252;hrer &#8212; das wird   schweigend von unserem Autor &#252;bergangen. Mit Hilfe einer Tautologie   schiebt er die Verantwortung auf die Massen. Besonders emp&#246;rend ist   dieser klassische Trick aller Verr&#228;ter, Deserteure und deren Anw&#228;lte in   Verbindung mit dem spanischen Proletariat.<\/p>\n<h4>  Die Sophistik der Verr&#228;ter<\/h4>\n<p>  Im Juli 1936 &#8212; um nicht noch weiter zur&#252;ckzugreifen &#8212; wehrten die   spanischen Arbeiter den Angriff der Offiziere ab, die ihre konspirativen   Pl&#228;ne unter dem Deckmantel der Volksfront geschmiedet hatten. Die Massen   improvisierten Milizen und errichteten Arbeiterkomitees, die Grundfesten   ihrer zuk&#252;nftigen Diktatur. Ihrerseits halfen die f&#252;hrenden   Organisationen des Proletariats der Bourgeoisie, diese Komitees zu   zerst&#246;ren, die Angriffe der Arbeiter auf das Privateigentum zu   liquidieren und die Milizen unter das Kommando der Bourgeoisie zu   stellen, wobei sich die POUM &#252;berdies an der Regierung beteiligte und   damit die direkte Verantwortung f&#252;r das Werk der Konterrevolution auf   sich nahm.<\/p>\n<p>  Was bedeutet &quot;Unreife&quot; des Proletariats in diesem Fall? Offenbar doch   nur, dass es den Massen, obwohl sie die richtige Linie gew&#228;hlt hatten,   nicht gelang, die Koalition der Sozialisten, Stalinisten, Anarchisten   und der POUM mit der Bourgeoisie zu zerbrechen. Dieses St&#252;ck Sophistik   geht von der Vorstellung etwa einer absoluten Reife, d.h. einem   perfekten Zustand der Massen aus, in welchem sie nicht nur keine   korrekte F&#252;hrung brauchen, sondern auch dar&#252;ber hinaus &#8212; entgegen ihrer   eigenen F&#252;hrung &#8212; siegreich sein k&#246;nnen. Eine solche Reife gibt es   nicht und kann es nicht geben. Unsere Weisen geben zu bedenken: &quot;Aber   warum sollen sich Arbeiter, die einen so sicheren revolution&#228;ren   Instinkt und so hervorragende Kampfeseigenschaften zeigen, einer   verr&#228;terischen F&#252;hrung unterordnen?&quot; Unsere Antwort lautet: nicht einmal   andeutungsweise gab es eine derartige Unterordnung. Die Marschlinie der   Arbeiter wich immer von der Linie der F&#252;hrung in einem gewissen Winkel   ab, und in den kritischsten Momenten betrug der Winkel 180 Grad. Die   F&#252;hrung hat dann bei der gewaltsamen Niederwerfung der Arbeiter direkt   oder indirekt Hilfe geleistet.<\/p>\n<p>  Im Mai 1937 erhoben sich die Arbeiter Kataloniens nicht nur ohne ihre   eigene F&#252;hrung, sondern gegen sie. Die anarchistischen F&#252;hrer &#8212;   pathetische und ver&#228;chtliche Bourgeois, oberfl&#228;chlich als Revolution&#228;re   getarnt &#8212; haben in ihrer Presse hunderte Male wiederholt, die CNT h&#228;tte   ohne Schwierigkeit die Macht im Mai ergreifen und ihre Diktatur   errichten k&#246;nnen, wenn sie nur gewollt h&#228;tte. Diesmal sagen die   Anarchisten die reine Wahrheit. Die POUM-F&#252;hrung befand sich in   Wirklichkeit im Schlepptau der CNT, nur dass sie ihre Politik mit einer   anderen Phraseologie verdeckte. Es war dieser Tatsache und nur ihr   allein zuzuschreiben, dass es der Bourgeoisie gelang, den Maiaufstand   des &quot;unreifen&quot; Proletariats niederzuwerfen.<\/p>\n<p>  Man muss schon absolut gar nichts auf dem Gebiet der gegenseitigen   Beziehungen zwischen der Klasse und Partei, zwischen den Massen und der   F&#252;hrung begriffen haben, um die leere Phrase nachzuplappern, die   spanischen Massen seien einfach ihren F&#252;hrern gefolgt. Sie versuchten zu   jeder Zeit, auf den richtigen Weg zu gelangen. Das einzige was gesagt   werden kann, ist, dass es &#252;ber die Kraft der Massen ging, mitten im   Kampf eine neue F&#252;hrung aufzubauen, die den Erfordernissen der   Revolution entsprochen h&#228;tte. Wir stehen vor einem zutiefst dynamischen   Prozess, wo die verschiedenen Stadien der Revolution sehr schnell auf   einander folgen, wo die F&#252;hrung oder verschiedene Teile der F&#252;hrung   pl&#246;tzlich zum Klassenfeind &#252;berlaufen &#8212; und da ergehen sich unsere   Weisen in einer rein statischen Diskussion: warum folgte die   Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit einer schlechten F&#252;hrung?<\/p>\n<h4>  Wie man an diese Frage dialektisch herangeht<\/h4>\n<p>  Es gibt einen alten Spruch, der die evolution&#228;re und liberale Auffassung   von der Geschichte widerspiegelt: jedes Volk hat die Regierung, die es   verdient. Die Geschichte zeigt jedoch, dass ein- und dasselbe Volk   innerhalb einer relativ kurzen Epoche sehr verschiedene Regierungen   haben kann (Russland, Italien, Deutschland, Spanien usw.) und dass   dar&#252;ber hinaus die Reihenfolge der Regierungen sich keineswegs in ein-   und dieselbe Richtung bewegt: vom Despotismus zur Freiheit, wie sich das   die evolution&#228;ren Liberalen vorstellen. Das Geheimnis liegt darin, dass   ein Volk sich aus feindlichen Klassen zusammensetzt und die Klassen   selbst sich in verschiedene und teilweise antagonistische Schichten   gliedern, die eigene F&#252;hrungen besitzen; &#252;berdies ist jedes Volk den   Einfl&#252;ssen anderer V&#246;lker ausgesetzt, die auch wieder aus Klassen   bestehen. Regierungen dr&#252;cken nicht die systematisch wachsende &quot;Reife&quot;   eines &quot;Volkes&quot; aus, sondern sie sind ein Produkt des Kampfes zwischen   verschiedenen Klassen und den verschiedenen Schichten innerhalb ein und   derselben Klasse, und schlie&#223;lich der Einfl&#252;sse &#228;u&#223;erer Kr&#228;fte &#8212;   B&#252;ndnisse, Konflikte, Kriege usw. Au&#223;erdem muss noch hinzugef&#252;gt werden,   dass eine Regierung, wenn sie erst einmal am Ruder ist, sich viel l&#228;nger   halten kann als das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis, dem sie entstammt. Genau aus   diesem historischen Widerspruch gehen Revolutionen, Staatsstreiche,   Konterrevolutionen usw. hervor.<\/p>\n<p>  Die gleiche dialektische Methode muss bei der Behandlung des Problems   der F&#252;hrung einer Klasse angewandt werden. Unsere Weisen imitieren die   Liberalen und akzeptieren stillschweigend das Axiom, dass jede Klasse   die F&#252;hrung hat, die sie verdient. In Wirklichkeit ist die F&#252;hrung   durchaus nicht die &quot;einfache Widerspiegelung&quot; einer Klasse oder das   Produkt ihrer eigenen sch&#246;pferischen Kraft. Eine F&#252;hrung wird vielmehr   im Prozess der Zusammenst&#246;&#223;e zwischen den verschiedenen Klassen oder der   Reibung zwischen den verschiedenen Schichten einer gegebenen Klasse   geformt. Einmal aufgestiegen, erhebt sich die F&#252;hrung stets &#252;ber die   Klasse und wird dadurch den Einfl&#252;ssen und dem Druck anderer Klassen   ausgesetzt. Das Proletariat kann f&#252;r lange Zeit eine F&#252;hrung &quot;dulden&quot;,   die schon eine vollst&#228;ndige innere Degeneration durchgemacht hat, die   jedoch noch nicht die Gelegenheit hatte, dies angesichts gro&#223;er   Ereignisse zu zeigen.<\/p>\n<p>  Ein gro&#223;er historischer Schock ist notwendig, um in aller Sch&#228;rfe die   Widerspr&#252;che zwischen der F&#252;hrung und der Klasse zu enth&#252;llen. Die   m&#228;chtigsten historischen Schocks sind Kriege und Revolutionen. Genau aus   diesem Grunde wird die Arbeiterklasse oft unversehens von Krieg und   Revolutionen &#252;berrascht. Aber sogar dann, wenn die alte F&#252;hrung ihre   innere Korruption offenbart hat, kann die Klasse sich nicht aus dem   Stegreif eine neue F&#252;hrung schaffen, zumal wenn sie nicht aus der   vorangegangenen Periode starke revolution&#228;re Kader ererbt hat, die f&#228;hig   sind, sich den Zusammenbruch der alten f&#252;hrenden Partei zunutze zu   machen. Die marxistische, d.h. dialektische und nicht scholastische   Interpretation der gegenseitigen Beziehungen zwischen einer Klasse und   ihrer F&#252;hrung l&#228;sst von der legalistischen Sophistik unseres Autors   keinen Stein auf dem anderen.<\/p>\n<h4>  Wie der russische Arbeiter heranreifte<\/h4>\n<p>  Er denkt sich die Reife des Proletariats als etwas rein Statisches.   Dabei ist w&#228;hrend einer Revolution die Entwicklung des Bewusstseins   einer Klasse der dynamischste Prozess, der direkt den Verlauf der   Revolution bestimmt. War es im Januar 1917 oder sogar im M&#228;rz, nach dem   Sturz des Zarismus, m&#246;glich, die Frage zu beantworten, ob das   Proletariat in acht bis neun Monaten gen&#252;gend f&#252;r die Machtergreifung   &quot;gereift&quot; sein w&#252;rde?<\/p>\n<p>  Zu dieser Zeit war die Arbeiterklasse sozial wie politisch h&#246;chst   heterogen. In den Kriegsjahren hatte sie sich zu 30-40% erneuert, aus   den Reihen des vielfach reaktion&#228;ren Kleinb&#252;rgertums, aus den   zur&#252;ckgebliebenen Bauern, den Frauen und der Jugend. Im M&#228;rz 1917 folgte   der Bolschewistischen Partei nur eine unbedeutende Minderheit der   Arbeiterklasse, und dar&#252;ber hinaus wurde die Partei selbst von inneren   Unstimmigkeiten beherrscht. Die &#252;berwiegende Mehrzahl der Arbeiter   unterst&#252;tzte die Menschewiki und die &quot;Sozialrevolution&#228;re&quot;, also   konservative Sozialpatrioten. In Bezug auf die Armee und die   Bauernschaft war die Situation noch ung&#252;nstiger. Dazu kamen noch das   allgemein niedrige Niveau im Lande und das Fehlen politischer   Erfahrungen unter den breitesten Schichten des Proletariats, besonders   in der Provinz, ganz zu schweigen von der Bauernschaft und den Soldaten.<\/p>\n<p>  Was war der &quot;Aktivposten&quot; des Bolschewismus? Am Anfang der Revolution   hatte nur Lenin eine klare und konsequent durchdachte revolution&#228;re   Konzeption. Die russischen Kader der Partei waren verstreut und zu einem   betr&#228;chtlichen Grade verwirrt. Aber die Partei genoss Autorit&#228;t unter   den fortschrittlichen Arbeitern. Lenin hatte gro&#223;e Autorit&#228;t bei den   Parteikadern. Lenins politische Konzeption entsprach der tats&#228;chlichen   Entwicklung der Revolution und wurde durch jedes neue Ereignis   bekr&#228;ftigt. Diese Vorteile wirkten Wunder in einer revolution&#228;ren   Situation, das hei&#223;t unter den Bedingungen eines erbitterten   Klassenkampfes. Die Partei richtete ihre Politik rasch nach Lenins   Konzeption aus, d.h. nach dem tats&#228;chlichen Verlauf der Revolution.   Dadurch gelang es ihr, die feste Unterst&#252;tzung von Zehntausenden von   fortschrittlichen Arbeitern zu gewinnen. Auf die Entwicklung der   Revolution gest&#252;tzt, war es der Partei m&#246;glich, innerhalb weniger Monate   die Mehrheit der Arbeiter von der Richtigkeit ihrer Parolen zu   &#252;berzeugen. Da die Mehrheit in Sowjets organisiert war, war sie   imstande, die Soldaten und Bauern anzuziehen.<\/p>\n<p>  Wie kann dieser dynamische, dialektische Prozess durch eine Formel der   &quot;Reife&quot; oder &quot;Unreife&quot; des Proletariats ersch&#246;pft werden? Ein kolossaler   Faktor f&#252;r die Reife des russischen Proletariats im Februar oder M&#228;rz   1917 war Lenin. Er war nicht vom Himmel gefallen. Er verk&#246;rperte die   revolution&#228;re Tradition der Arbeiterklasse. Damit Lenins Parolen ihren   Weg zu den Massen finden konnten, mussten Kader existieren, selbst wenn   es anfangs nur wenige waren; die Kader mussten Vertrauen in die F&#252;hrung   haben, ein Vertrauen, das auf der gesamten Erfahrung der Vergangenheit   basierte. Diese Elemente aus seinen Berechnungen auszuklammern, bedeutet   einfach, die lebendige Revolution zu ignorieren, sie durch eine   Abstraktion, das &quot;Kr&#228;fteverh&#228;ltnis&quot;, zu ersetzen. Denn die Entwicklung   der Revolution besteht gerade darin, dass sich das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis   unaufh&#246;rlich und pl&#246;tzlich ver&#228;ndert: unter dem Einfluss der   Ver&#228;nderungen im Bewusstsein des Proletariats, der Anziehung   r&#252;ckst&#228;ndiger Schichten durch die fortgeschrittenen, die wachsende   Zuversicht der Klasse in ihre eigene St&#228;rke. Das wichtigste, lebendige   Element in diesem Prozess ist die Partei, genau wie im Mechanismus der   Partei das wichtige und lebendige Element die F&#252;hrung ist. Die Rolle und   die Verantwortung der F&#252;hrung in einer revolution&#228;ren Epoche ist enorm.<\/p>\n<h4>  Die Relativit&#228;t der &quot;Reife&quot;<\/h4>\n<p>  Der Oktober-Sieg ist ein ernstes Zeugnis f&#252;r die &quot;Reife&quot; des   Proletariats. Aber diese Reife ist relativ. Wenige Jahre sp&#228;ter lie&#223;   dasselbe Proletariat zu, dass eine B&#252;rokratie, die aus seinen eigenen   Reihen heranwuchs, die Revolution erw&#252;rgte. Ein Sieg ist keineswegs die   reife Frucht der &quot;Reife&quot; des Proletariats. Der Sieg ist eine   strategische Aufgabe. Die g&#252;nstigen Umst&#228;nde einer revolution&#228;ren Krise   m&#252;ssen dazu genutzt werden, die Massen zu mobilisieren; der gegebene   Stand ihrer &quot;Reife&quot; muss als Ausgangspunkt genommen werden, um sie   weiter vorw&#228;rts zu treiben, um ihnen klarzumachen, dass der Feind   keineswegs allm&#228;chtig ist, dass er von Widerspr&#252;chen zerrissen ist, dass   hinter der imponierenden Fassade Panik herrscht. H&#228;tte die   Bolschewistische Partei gegen&#252;ber dieser Aufgabe versagt, so h&#228;tte vom   Sieg der proletarischen Revolution nicht einmal die Rede sein k&#246;nnen.   Die Sowjets w&#228;ren von der Konterrevolution hinweggefegt worden, und die   kleinen Weisen aller L&#228;nder h&#228;tten Artikel und B&#252;cher geschrieben mit   dem Grundtenor, da&#223; nur entwurzelte Schw&#228;rmer in Russland von der   Diktatur des Proletariats tr&#228;umen k&#246;nnten, das doch zahlenm&#228;&#223;ig so   schwach und so unreif ist.<\/p>\n<h4>  Die Hilfestellung der Bauern<\/h4>\n<p>  Genau so abstrakt, pedantisch und falsch ist der Hinweis auf die   &quot;R&#252;ckst&#228;ndigkeit&quot; der Bauernschaft. Wann und wo hat unser Weiser in der   kapitalistischen Gesellschaft je eine Bauernschaft mit einem   unabh&#228;ngigen revolution&#228;ren Programm oder mit der F&#228;higkeit zu   unabh&#228;ngiger revolution&#228;rer Initiative beobachtet? Die Bauernschaft kann   eine sehr gro&#223;e Rolle in der Revolution spielen, aber eben nur   Hilfestellung geben. Die spanische Bauernschaft hat in vielen F&#228;llen   k&#252;hn gehandelt und mutig gek&#228;mpft. Um aber die gesamte Bauernschaft   aufzuwiegeln, haue das Proletariat mit einer entschiedenen Erhebung   gegen die Bourgeoisie ein Beispiel geben und unter den Bauern den   Glauben an die M&#246;glichkeit des Sieges sch&#252;ren m&#252;ssen. W&#228;hrenddessen   wurde die revolution&#228;re Initiative des Proletariats selbst bei jedem   Schritt durch seine eigenen Organisationen gel&#228;hmt.<\/p>\n<p>  Die &quot;Unreife&quot; des Proletariats, die &quot;R&#252;ckst&#228;ndigkeit&quot; der Bauernschaft   sind weder endg&#252;ltige noch grundlegende Faktoren bei historischen   Ereignissen. Hinter dem Bewusstsein der Klassen stellen die Klassen   selbst, ihre zahlenm&#228;&#223;ige St&#228;rke, ihre Rolle im wirtschaftlichen Leben.   Hinter den Klassen steht ein spezifisches Produktionssystem, das   wiederum durch den Entwicklungsstand der Produktivkr&#228;fte bestimmt ist.   Warum dann nicht erkl&#228;ren, die Niederlage des spanischen Proletariats   w&#228;re durch den niedrigen Stand der Technologie bestimmt?<\/p>\n<h4>  Die Rolle der Pers&#246;nlichkeit<\/h4>\n<p>  Unser Autor ersetzt die dialektische Bedingtheit des historischen   Prozesses durch einen mechanischen Determinismus. Daher auch die   billigen Albereien &#252;ber die Rolle von &#8212; guten und schlechten &#8212;   Individuen. Die Geschichte ist ein Prozess von Klassenk&#228;mpfen. Aber die   Klassen bringen ihr volles Gewicht nicht automatisch und gleichzeitig   zum Tragen. Im Verlauf des Kampfes entwickeln die Klassen verschiedene   Organe, die eine wichtige und unabh&#228;ngige Rolle spielen und   Deformationen unterworfen sind. Das bildet auch die Grundlage f&#252;r die   Rolle von Pers&#246;nlichkeiten in der Geschichte. Es gibt nat&#252;rlich   gewaltige objektive Ursachen f&#252;r die autokratische Herrschaft Hitlers,   aber nur stumpfsinnige Pedanten des &quot;Determinismus&quot; k&#246;nnen heute Hitlers   enorme historische Rolle leugnen.<\/p>\n<p>  Die Ankunft Lenins in Petrograd am 3. April 1917 brachte die   rechtzeitige Wendung der Bolschewistischen Partei und bef&#228;higte sie, die   Revolution zum Siege zu f&#252;hren. Unsere Weisen m&#246;gen behaupten, dass,   w&#228;re Lenin Anfang 1917 im Ausland gestorben, die Oktoberrevolution   &quot;genauso&quot; stattgefunden h&#228;tte. Dem ist aber nicht so. Lenin   repr&#228;sentierte eines der lebendigen Elemente des historischen Prozesses.   Er verk&#246;rperte die Erfahrung und die Einsicht des aktivsten Teils des   Proletariats. Sein zeitiges Erscheinen in der Arena der Revolution war   notwendig, um die Avantgarde zu mobilisieren und ihr eine g&#252;nstige   Gelegenheit zu verschaffen, die Arbeiterklasse und die Bauernschaft um   sich zu sammeln. In den entscheidenden Momenten historischer Wendungen   kann die politische F&#252;hrung ein genauso entscheidender Faktor werden wie   das Oberkommando in den kritischen Momenten eines Krieges. Geschichte   ist kein automatischer Prozess. Warum sonst F&#252;hrer? Warum Parteien?   Warum Programme? Warum theoretische Auseinandersetzungen?<\/p>\n<h4>  Der Stalinismus in Spanien<\/h4>\n<p>  &quot;Aber warum, zum Teufel&quot;, fragte der Autor, wie wir schon geh&#246;rt haben,   &quot;scharten sich die revolution&#228;ren Massen, die ihre alten F&#252;hrer   verlassen hatten, um das Banner der Kommunistischen Partei?&quot; Die Frage   ist falsch gestellt. Es stimmt nicht, dass die revolution&#228;ren Massen all   ihre alten F&#252;hrer verlie&#223;en. Die Arbeiter, die verlier mit bestimmten   Organisationen verbunden waren, blieben weiterhin Anh&#228;nger dieser   Organisationen, w&#228;hrend sie beobachteten und pr&#252;ften. Arbeiter brechen   gew&#246;hnlich nicht ohne weiteres mit der Partei, die sie zum bewussten   Leben erweckt hat. &#220;berdies lullte sie das System gegenseitiger Schonung   innerhalb der Volksfront ein: da jeder einverstanden war, musste alles   in Ordnung sein. Die neuen und frischen Massen wandten sich   selbstverst&#228;ndlich der Komintern zu als der Partei, welche die einzige   siegreiche proletarische Revolution zustandegebracht hatte, und von der   man erwartete, dass sie Spanien mit Waffen versorgen k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Au&#223;erdem war die Komintern der eifrigste Verfechter der Idee der   Volksfront; das fl&#246;&#223;te den unerfahrenen Schichten der Arbeiter Vertrauen   ein. Innerhalb der Volksfront war die Komintern der eifrigste Vertreter   des b&#252;rgerlichen Charakters der Revolution; das weckte das Vertrauen der   Klein- und teilweise der Mittelbourgeoisie. Darum &quot;scharten sich die   Massen um das Banner der Kommunistischen Partei.&quot; Unser Autor stellt die   Sache so dar, als ob das Proletariat in einem gut sortierten   Schuhgesch&#228;ft w&#228;re und ein neues Paar Stiefel auszusuchen h&#228;tte. Selbst   diese einfache Operation l&#228;uft nicht immer erfolgreich ab, wie man wei&#223;.   In Bezug auf eine neue F&#252;hrung ist die Auswahl sehr begrenzt. Nur   schrittweise, nur auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrung durch   mehrere Stadien hindurch k&#246;nnen die breiten Schichten der Massen sich   schlie&#223;lich davon &#252;berzeugen, dass eine neue F&#252;hrung entschlossener,   verl&#228;sslicher, ergebener ist als die alte. Freilich, in einer   Revolution, d.h. wenn sich die Ereignisse &#252;berschlagen, kann eine   schwache Partei rasch zu einer m&#228;chtigen heranwachsen, falls sie klar   den Verlauf der Revolution begreift und zuverl&#228;ssige Kader besitzt, die   sich nicht an Phrasen berauschen und nicht durch Verfolgungen   einsch&#252;chtern lassen. Aber eine solche Partei muss schon vor der   Revolution bestehen, weil der Erziehungsprozess der Kader eine   betr&#228;chtliche Zeit in Anspruch nimmt, und die Revolution diese Zeit   nicht gew&#228;hrt.<\/p>\n<h4>  Der Verrat der POUM<\/h4>\n<p>  Links von all den &#228;ndern Parteien in Spanien stand die POUM, welche   zweifellos revolution&#228;re proletarische Elemente umfasste, die nicht   vorher fest mit dem Anarchismus verbunden gewesen waren. Aber gerade   diese Partei spielte in der Entwicklung der spanischen Revolution eine   verh&#228;ngnisvolle Rolle. Sie konnte keine Massenpartei werden, denn dazu   w&#228;re es notwendig gewesen, erst einmal die alten Parteien zu zerbrechen,   und das h&#228;tte nur durch einen unvers&#246;hnlichen Kampf, durch   erbarmungsloses Anprangern ihres b&#252;rgerlichen Charakters erreicht werden   k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend die POUM jedoch die alten Parteien kritisierte, unterwarf sie   sich ihnen gleichzeitig in allen Grundfragen. Sie beteiligte sich am   &quot;Volks&quot;-Wahlblock, trat einer Regierung bei, die Arbeiterkomitees   liquidierte, k&#228;mpfte f&#252;r die Wiederherstellung dieser   Regierungskoalition, kapitulierte immer wieder vor der anarchistischen   F&#252;hrung, betrieb in diesem Zusammenhang eine falsche   Gewerkschaftspolitik und nahm eine schwankende und nichtrevolution&#228;re   Haltung gegen&#252;ber dem Mai-Aufstand von 1937 ein. Vom Standpunkt des   Determinismus im allgemeinen kann man nat&#252;rlich erkennen, dass die   Politik der POUM keine zuf&#228;llige war. Jedes Ding auf dieser Welt hat   seine Ursache. Jedoch die Reihe von Gr&#252;nden, die den Zentrismus der POUM   erzeugten, sind auf keinen Fall eine blo&#223;e Widerspiegelung des Zustandes   des spanischen oder katalonischen Proletariats. Zwei Reihen Ursachen   bewegten sich in einem Winkel aufeinander zu, und in einem bestimmten   Moment kollidierten sie.<\/p>\n<p>  Es ist m&#246;glich, politisch und psychologisch zu erkl&#228;ren, warum sich die   POUM als zentristische Partei entfaltete, wenn man vorherige   internationale Erfahrungen, den Einfluss Moskaus, den Einfluss einer   Anzahl von Niederlagen usw. in Betracht zieht. Aber das &#228;ndert nichts an   ihrem zentristischen Charakter, noch an der Tatsache, dass eine   zentristische Partei stets zu einer Bremse der Revolution wird, sich   jedes Mal ihren Kopf einrennen muss und den Zusammenbruch der Revolution   herbeif&#252;hren kann. Es &#228;ndert nichts an der Tatsache, dass die   katalonischen Massen weit revolution&#228;rer waren als die POUM, und diese   wiederum revolution&#228;rer als ihre F&#252;hrung. Unter diesen Bedingungen die   Verantwortung f&#252;r die falsche Politik auf die &quot;Unreife&quot; der Massen   abzuw&#228;lzen, ist eine Scharlatanerie, zu der politische Bankrotteure   gew&#246;hnlich Zuflucht nahmen.<\/p>\n<h4>  Die Verantwortung der F&#252;hrung<\/h4>\n<p>  Die historische Verf&#228;lschung besteht darin, die Verantwortung f&#252;r die   spanische Niederlage den arbeitenden Massen aufzuladen und nicht den   Parteien, die die revolution&#228;re Bewegung der Massen gel&#228;hmt oder einfach   zerbrochen haben. Die Anw&#228;lte der POUM leugnen einfach die Verantwortung   der F&#252;hrer, um sich damit vor ihrer eigenen Verantwortung dr&#252;cken zu   k&#246;nnen. Diese Philosophie der Ohnmacht, die versucht, Niederlagen als   notwendige Glieder in der Kette &#252;berirdischer Entwicklungen hinzunehmen,   ist total unf&#228;hig, Fragen nach solch konkreten Faktoren wie Programmen,   Parteien, Pers&#246;nlichkeiten, die die Organisatoren der Niederlagen waren,   &#252;berhaupt aufzuwerfen, und weigert sich, dies zu tun. Diese Philosophie   des Fatalismus und der Schw&#228;che ist dem Marxismus als der Theorie der   revolution&#228;ren Aktion diametral entgegengesetzt.<\/p>\n<p>  Der B&#252;rgerkrieg ist ein Prozess, in dem politische Ziele mit   milit&#228;rischen Mitteln erreicht werden. W&#228;re der Ausgang dieses Krieges   durch den &quot;Zustand der Klassenkr&#228;fte&quot; bestimmt, dann w&#228;re der Krieg   selbst nicht notwendig. Der Krieg hat seine eigene Organisation, seine   eigene Politik, seine eigenen Methoden, seine eigene F&#252;hrung, durch   welche sein Schicksal unmittelbar bestimmt wird. Nat&#252;rlich liefert der   &quot;Zustand der Klassenkr&#228;fte&quot; die Grundlage f&#252;r alle anderen politischen   Faktoren; aber genau wie das Fundament eines Geb&#228;udes nicht die   Bedeutung der W&#228;nde, Fenster, T&#252;ren, D&#228;cher herabsetzt, genauso wenig   verringert der &quot;Zustand der Klassenkr&#228;fte&quot; die Wichtigkeit von Parteien,   ihrer Strategie, ihrer F&#252;hrung. Indem sie das Konkrete im Abstrakten   aufl&#246;sten, machten unsere Weisen tats&#228;chlich auf halbem Wege halt. Die   &quot;gr&#252;ndlichste&quot; L&#246;sung des Problems w&#228;re die Feststellung gewesen, die   Niederlage des spanischen Proletariats sei der ungen&#252;genden Entwicklung   der Produktivkr&#228;fte zuzuschreiben. Eine solche Erkl&#228;rung versteht jeder   Schwachkopf.<\/p>\n<p>  Durch die Reduzierung der Bedeutung der Partei und der F&#252;hrung auf Null   leugnen unsere Weisen die M&#246;glichkeit eines revolution&#228;ren Sieges   &#252;berhaupt. Denn es gibt nicht den geringsten Grund, g&#252;nstigere   Bedingungen zu erwarten. Der Kapitalismus hat aufgeh&#246;rt, Fortschritte zu   machen, nicht das Proletariat w&#228;chst zahlenm&#228;&#223;ig, sondern das   Arbeitslosenheer: was die Kampfkraft des Proletariats nicht erh&#246;ht,   sondern verringert und negative Auswirkungen auf sein Bewusstsein hat.   Es gibt gleicherma&#223;en keinen Grund, zu glauben, dass die Bauernschaft   unter dem kapitalistischen Regime ein h&#246;heres revolution&#228;res Bewusstsein   erlangen kann. Die Schlussfolgerung aus der Analyse unseres Autors ist   also vollst&#228;ndiger Pessimismus, ein Abgehen von jeder revolution&#228;ren   Perspektive. Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss jedoch   gesagt werden: sie verstehen selbst nicht, was sie sagen.<\/p>\n<p>  Im Grunde genommen sind die Anspr&#252;che, die sie an das Bewusstsein der   Massen stellen, absolut phantastisch. Die spanischen Arbeiter wie die   spanischen Bauern gaben das Maximum dessen, was diese Klassen in einer   revolution&#228;ren Situation zu geben imstande sind: wir meinen damit gerade   eine Klasse, die sich aus Millionen und Abermillionen solchen Individuen   zusammensetzt. Que faire repr&#228;sentiert nur eine dieser winzigen Schulen   oder Kirchen oder Sekten, die sich aus Angst vor dem Verlauf der   Klassenk&#228;mpfe und den Schl&#228;gen der Reaktion in eine Ecke verkr&#252;meln, und   von dort aus ihre kleinen Zeitschriften und theoretischen Studien   ver&#246;ffentlichen, auf entlegenen Pfaden abseits der tats&#228;chlichen   Entwicklung des revolution&#228;ren Denkens, ganz zu schweigen von der   Bewegung der Massen.<\/p>\n<h4>  Die Unterdr&#252;ckung der spanischen Revolution<\/h4>\n<p>  Das spanische Proletariat fiel einer Koalition von Imperialisten,   spanischen Republikanern, Sozialisten, Anarchisten, Stalinisten und &#8212;   auf der linken Flanke &#8212; der POUM zum Opfer. Sie alle l&#228;hmten die   sozialistische Revolution, die das spanische Proletariat schon zu   realisieren begonnen hatte. Es ist nicht einfach, mit der   sozialistischen Revolution fertig zu werden. Niemand hat daf&#252;r bisher   andere Methoden gefunden als skrupellose Unterdr&#252;ckung, Massaker der   Avantgarde, Hinrichtung der F&#252;hrer usw. Nat&#252;rlich wollte die POUM das   nicht. Einerseits wollte sie an der republikanischen Regierung   teilnehmen und als loyale friedliebende Opposition dem allgemeinen Block   der herrschenden Parteien beitreten; und sie wollte andererseits   friedlich kameradschaftliche Beziehungen in einer Zeit unvers&#246;hnlichen   B&#252;rgerkriegs unterhalten. Genau deswegen fiel die POUM den Widerspr&#252;chen   ihrer eigenen Politik zum Opfer.<\/p>\n<p>  Die konsequenteste Politik im herrschenden Block wurde von den   Stalinisten betrieben. Sie waren die k&#228;mpfende Avantgarde der   b&#252;rgerlich-republikanischen Konterrevolution. Sie wollten den Bedarf   nach dem Faschismus beseitigen, indem sie der spanischen und der   Weltbourgeoisie bewiesen, dass sie selbst f&#228;hig waren, unter dem Banner   der &quot;Demokratie&quot; die proletarische Revolution zu erw&#252;rgen. Das war die   Substanz ihrer Politik. Die Bankrotteure der spanischen Volksfront   versuchen heute, die Schande auf die GPU abzuw&#228;lzen. Ich glaube, wir   k&#246;nnen nicht gerade der Nachsichtigkeit gegen&#252;ber den Verbrechen der GPU   bezichtigt werden. Aber wir sehen klar und sagen den Arbeitern, dass die   GPU in diesem Falle nur die entschlossenste Abteilung im Dienste der   Volksfront war. Darin lag die St&#228;rke der GPU, darin lag die historische   Rolle Stalins. Nur ignorante Philister k&#246;nnen das mit dummen kleinen   Witzen &#252;ber den &quot;Obersatan&quot; beiseite wischen<\/p>\n<p>  Diese Herren geben sich nicht einmal mit der Frage nach dem sozialen   Charakter der Revolution ab. Moskaus Lakaien tauften die spanische   Revolution zugunsten Englands und Frankreichs in eine b&#252;rgerliche   Revolution um. Auf diesem Betrug wurde die niedertr&#228;chtige Politik der   Volksfront errichtet, eine Politik, die selbst dann total falsch gewesen   w&#228;re, wenn es sich bei der spanischen Revolution wirklich um eine   b&#252;rgerliche gehandelt h&#228;tte. Dabei dr&#252;ckte die Revolution von Anfang an   viel deutlicher ihren proletarischen Charakter aus als die Revolution   von 1917 in Russland. In der F&#252;hrung der POUM sitzen heute Herren, die   meinen, die Politik Andres Nins sei zu &quot;linksradikal&quot; gewesen, das   einzig richtige war dagegen, die linke Flanke der Volksfront geblieben   zu sein. Das einzige Ungl&#252;ck bestand darin, da&#223; Nin, der sich hinter der   Autorit&#228;t Lenins und der Oktoberrevolution verbarg, sich nicht dazu   entschlie&#223;en konnte, mit der Volksfront zu brechen.<\/p>\n<p>  Victor Serge, der schnell dabei ist, sich durch eine leichtfertige   Haltung gegen&#252;ber ernsten Fragen blo&#223;zustellen, schreibt, Nin wollte   sich nicht Befehlen aus Oslo oder Coyoacan unterordnen. Kann ein   ernsthafter Mensch wirklich imstande sein, die Probleme des   Klassengehalts einer Revolution auf kleinlichen Klatsch zu reduzieren?   Die Weisen von Que faire wissen absolut keine Antwort auf diese Frage.   Sie verstehen nicht einmal die Bedeutung dieser Frage. Denn von welcher   Bedeutung ist nun schon die Tatsache, dass das &quot;unreife&quot; Proletariat   sich seine eigenen Machtorgane schuf, die Produktion zu regeln   versuchte, nachdem es die Betriebe &#252;bernommen hatte &#8212; w&#228;hrend die POUM   mit aller Kraft versuchte, einen Bruch mit den b&#252;rgerlichen Anarchisten   zu vermeiden, die, im B&#252;ndnis mit den b&#252;rgerlichen Republikanern und den   nicht minder b&#252;rgerlichen Sozialisten und Stalinisten, die proletarische   Revolution angriffen und abw&#252;rgten! Solche &quot;Lappalien&quot; k&#246;nnen   augenscheinlich nur f&#252;r Vertreter einer &quot;verkn&#246;cherten Orthodoxie&quot; von   Interesse sein. Die Weisen von Que faire besitzen stattdessen ein   Spezialinstrument, um die Reife des Proletariats und das   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis unabh&#228;ngig von allen Fragen revolution&#228;rer   Klassenstrategie messen zu k&#246;nnen&#8230;<\/p>\n<p>  <i>unvollendet, 20. August 1940 <\/i><\/p>\n<\/p>\n<p>  <a href=\"http:\/\/shop.sozialismus.info\/shop\/article_36\/Der-Spanische-B%C3%BCrgerkrieg.html\">Das   Buch im Online-Shop der SAV kaufen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      aus dem Buch: Der Spanische B&#252;rgerkrieg 1936-1939\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,91,97],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14288"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14288"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14288\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32250,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14288\/revisions\/32250"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}