{"id":14278,"date":"2011-06-13T14:00:00","date_gmt":"2011-06-13T14:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14278"},"modified":"2011-06-13T14:00:00","modified_gmt":"2011-06-13T14:00:00","slug":"14278","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/06\/14278\/","title":{"rendered":"Wut &#252;ber das Kaputtsparen"},"content":{"rendered":"<p>  Berlin, 9. Juni: Erneuter Bildungsprotest &#8211; aber leider auch eine Chance   verpasst<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Seit Jahren sorgt das Streichkonzert der Regierung von SPD und LINKEN   f&#252;r &#196;rger an den Berliner Schulen. Immer wieder kommt es zu   Protestaktionen. Am Dienstag, den 5. April tat sich Beachtliches: 6.000   LehrerInnen beteiligten sich an einem Warnstreik der GEW. Es brodelte,   die Stimmung n&#228;herte sich dem Siedepunkt. Nun, am 9. Juni,   demonstrierten wieder 5.000, dieses Mal vor allem Sch&#252;lerInnen, aber   auch einige Eltern. Allerdings fand dieser Ausstand gut zwei Monate nach   dem k&#228;mpferischen Warnstreik der LehrerInnen statt &#8211; damit hatte die   GEW-Spitze die Protestbewegung verschleppt und auch zu wenig   unternommen, die Lehrkr&#228;fte wieder in gro&#223;er Zahl ins Boot zu holen. So   ist die Gefahr gewachsen, dass der Unmut erst mal wieder verdampft.<\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Elternvertreter der   Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule im Prenzlauer Berg<\/i><\/h4>\n<p>  Das Duchschnittsalter der LehrerInnen an der Spree betr&#228;gt 50,3 Jahre.   Die Pflichtstundenzahl der Lehrkr&#228;fte wurde seit 1990 um vier Stunden   raufgesetzt.<\/p>\n<h4>  &#8222;Knallharter Konsolidierungskurs&#8220;<\/h4>\n<p>  In dieser Legislaturperiode senkte &#8222;Rot-Rot&#8220; den Personalschl&#252;ssel von   105,5 auf 100 Prozent ab (plus drei Prozent Krankheitsvertretung). Die   Folge: ein Krankenstand von zehn Prozent, 1.000 Langzeitkranke.   Angesichts dieser Entwicklung forderte die GEW beim Warnstreik im April   einen Personalschl&#252;ssel von 110 Prozent, die Absenkung der   Pflichtstunden und die Wiedereinf&#252;hrung der Altersteilzeit.<\/p>\n<p>  Zehn Jahre &#8222;Sparen, bis es quietscht&#8220; unter Klaus Wowereit (SPD) haben   nicht nur steigenden Unterrichtsausfall zur Folge, sondern f&#252;hren auch   zu einer immer dramatischeren Unterfinanzierung der Schulen sowie zu   einer maroden baulichen Situation.<\/p>\n<p>  Alle Sch&#252;lerInnen, Eltern und Lehrkr&#228;fte haben das Gef&#252;hl, es geht   bergab und die Regierenden treten dabei noch aufs Gaspedal: W&#228;hrend   Berlin sich am Bankenrettungspaket beteiligte und Prestigevorhaben wie   den Wiederaufbau des Stadtschlosses verfolgt, hat das Land weiterhin 60   Milliarden Euro Schulden. Jahr f&#252;r Jahr flie&#223;en &#252;ber 2,5 Milliarden Euro   Schuldzinsgelder an Banker und Spekulanten. Am 15. April verpflichtete   sich der Senat gegen&#252;ber der Bundesregierung &#252;ber einen   &#8222;Konsolidierungsvertrag&#8220; zur sogenannten Schuldenbremse. F&#252;r   Finanzsenator Ulrich Nu&#223;baum hei&#223;t das: Es gibt &#8222;keine Alternative zum   knallharten Konsolidierungskurs&#8220;.<\/p>\n<h4>  Berufskrankheit Schulstress<\/h4>\n<p>  Jeder macht seine eigenen Erfahrungen mit der Dauerbaustelle &#8222;Berliner   Bildungssystem&#8220;. Bevor mein Junge eingeschult wurde, freute er sich &#8211;   wie die meisten Kinder &#8211; riesig auf die Schule. Aber schon nach drei   Monaten fragte er eines Morgens niedergeschlagen: &#8222;Muss ich heute wieder   zur Arbeit?&#8220; In der 3. Klasse hatte er schon eine 40-Stunden-Woche:   Obwohl er in eine Ganztagsschule ging, sollten wir an den Nachmittagen   pl&#246;tzlich Diktate schreiben und das gro&#223;e Einmaleins pauken. In der 4.   Klasse konnten mehrere Mitsch&#252;lerInnen vor Klassenarbeiten keinen Schlaf   finden. Immer wieder h&#246;rte ich: &#8222;Ich habe Kopfweh&#8220; (ein Viertel aller   GymnasiastInnen klagt regelm&#228;&#223;ig &#252;ber Kopfschnerzen, so die Krankenkasse   DAK).<\/p>\n<p>  Nach der 4. Klasse gelang es uns, einen Platz in einer der wenigen   Berliner Gemeinschaftsschulen (gerade mal 17 in einer Stadt von 3,4   Millionen Menschen) zu ergattern &#8211; noch dazu einer, in der es bis Klasse   10 keine Noten gibt und die Lehrerin unserer Lerngruppe beim ersten   Elternabend meinte, das Ziel der Schule sei es nicht (wie Ochsen) zu   b&#252;ffeln, sondern &#8222;das Lernen zu lernen&#8220;.<\/p>\n<p>  Aber auch in unserer Schule wachsen die B&#228;ume nicht in den Himmel &#8211; wie   sollte das unter Schulsenator J&#252;rgen Z&#246;llner auch der Fall sein?!   Letzten Winter f&#252;hrte der vom Senat verordnete Personalschl&#252;ssel dazu,   dass ein Viertel aller LehrerInnen ausfiel &#8211; nachdem das Kollegium f&#252;r   einzelne Erkrankte wochenlang eingesprungen war und sich irgendwann von   der Unzahl an &#220;berstunden ersch&#246;pft zeigte. Eines der drei Schulgeb&#228;ude   und die Mensa sind seit zwei Jahren Dauerbaustellen.<\/p>\n<h4>  Der 9. Juni als eine M&#246;glichkeit, dem &#196;rger Luft zu machen<\/h4>\n<p>  F&#252;r die Wilhelm-von-Humboldt-Schule war der Protesttag am 9. Juni ein   wichtiger Termin. Zun&#228;chst hatten wir am 1. M&#228;rz eine mit 200   TeilnehmerInnen hervorragend besuchte Elterntagung &#252;ber die   bildungspolitische Misere. Dann diskutierten eine AG &#8222;Politische   Arbeit&#8220;, die Gesamtelternvertretung und ein &#8222;Protest-Ausschuss&#8220; die   Lage. Da die Schule erst vor drei Jahren gegr&#252;ndet wurde und die   &#228;ltesten Kinder zehn, h&#246;chstens elf Jahre sind, entschied man sich, am   5. April nicht teilzunehmen. Immerhin wurden ein halbes Dutzend   Transparente gemalt und in den Folgewochen aus den Fenstern des   Schulgeb&#228;udes geh&#228;ngt. Da jedoch der Bedarf stieg, seiner Emp&#246;rung auch   &#246;ffentlich &#8211; und gemeinsam mit anderen Betroffenen &#8211; Ausdruck zu   verleihen, wurden die Stimmen lauter, doch endlich am 9. Juni mit von   der Partie zu sein.<\/p>\n<p>  Aber alles nicht so einfach. Das Kollegium lie&#223; sich von den Androhungen   des Senats (Disziplinarma&#223;nahmen bis hin zur K&#252;ndigung) stark   einsch&#252;chtern. Dann entschieden sich eine Reihe von Eltern, die Kinder   mitzunehmen; allerdings hatte man vor drei Monaten zur Entlastung der   LehrerInnen bei der Zeugnisvorbereitung beschlossen, den 8. Juni zu   einem Elterntag zu machen. Da viele M&#252;tter und V&#228;ter schon an diesem Tag   frei nehmen mussten, konnten sie dann nicht auch noch am 9. Juni auf der   Matte stehen. Schlussendlich war die Schule bei der Demonstration dann   mit gut 40 Eltern und Kindern &#8211; und vielen selbstgebastelten Schildern   und Transparenten (&#8222;Bei den Banken sind sie fix, f&#252;r die Bildung tun sie   nix&#8220;, &#8222;Unser Schulessen stinkt zum Himmel&#8220;, &#8222;Mehr Lehrer und mehr Geld!&#8220;   und und und) vertreten.<\/p>\n<h4>  Chance vertan<\/h4>\n<p>  Beim Warnstreik der LehrerInnen am 5. April war deutlich geworden, wie   ernst die Lage ist. Immer mehr P&#228;dagogen m&#252;ssen &#252;ber H&#246;rst&#252;rze,   Herzinfarkte und Burn-Out-Syndrome klagen. Trotz Z&#246;llners Appell an die   Rektoren, &#8222;schwarze Listen&#8220; aller Streikwilligen zu erstellen, und der   Androhung von Gehaltseinbu&#223;en und Abmahnungen war jeder f&#252;nfte Lehrer   der Streikaufforderung gefolgt. Bei der anschlie&#223;enden Versammlung im   &#8222;Cubix&#8220;-Kino pochten viele darauf, diesem Warnstreik rasch weitere   Widerstandsaktionen folgen zu lassen. Die GEW-F&#252;hrung nutzte diese   Bereitschaft aber in keiner Weise, sondern bremste den Schwung wieder   ab. Erstens verlegte sie den n&#228;chsten Protest auf den 9. Juni &#8211;   zweieinhalb Wochen vor Beginn der Sommerferien. Zweitens unterlie&#223; sie   eine effektive Mobilisierung. Drittens verband sie den Demostart um   12.30 Uhr nicht mit einem Streikaufruf. Viertens lie&#223; sie sich vom Senat   einsch&#252;chtern &#8211; dabei hatte man den Repressionsdrohungen noch zwei   Monate zuvor erfolgreich stand gehalten.<\/p>\n<p>  Anders als am 5. April waren deshalb nur einige hundert LehrerInnen auf   den Beinen. Dabei hatte der Warnstreik bewiesen, dass das Potenzial f&#252;r   Arbeitsniederlegungen der P&#228;dagogen existiert. H&#228;tte die GEW   Entschlossenheit gezeigt, zum Streik aufgerufen und daf&#252;r mobilisiert,   w&#228;ren sicherlich Tausende LehrerInnen auch am 9. Juni aktiv geworden &#8211;   im Wissen, dass bei einer massenhaften Streikbeteiligung die Waffe des   Senats, &#8222;Sanktion&#8220;, stumpf geworden w&#228;re. Da der Landeselternausschuss,   die Sch&#252;lervertretung und die Initiative &#8222;Bildungsblockaden einrei&#223;en&#8220;   ebenfalls aufgerufen hatten, kam dann trotzdem eine Zahl von 5.000   Protestierenden zustande.<\/p>\n<p>  Ren&#233; Kiesel (Sch&#252;lervertreter am OSZ B&#252;rowirtschaft II in Lichtenberg,   Aktivist des B&#252;ndnisses &#8222;F&#252;r eine bessere Schule in Berlin&#8220; und   SAV-Mitglied) geh&#246;rte am 5. April und am 9. Juni zu den RednerInnen der   beiden Kundgebungen. Ren&#233; Kiesel hatte sich (wie die SAV Berlin in ihrem   aktuellen Flugblatt) daf&#252;r eingesetzt, die Bewegung weiter aufzubauen   und zu steigern. Nach dem erfolgreichen Warnstreik h&#228;tte wenige Wochen   sp&#228;ter, nicht erst im Juni, ein solcher Sternmarsch, also ein   machtvoller gemeinsamer Protest von Sch&#252;lerInnen, Eltern und streikenden   LehrerInnen folgen sollen &#8211; als Vorbereitung auf einen eint&#228;gigen   Streiktag des Lehrpersonals und der Sch&#252;lerInnen, unter Beteiligung   vieler Eltern. Da am 18. September die Abgeordnetenhauswahlen anstehen,   h&#228;tte man so massiven Druck auf die K&#252;rzungspolitiker aus&#252;ben k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Bedauerlicherweise will die GEW-Spitze an ihrem Kurs vereinzelter   Proteste festhalten und jetzt f&#252;r den 10. September (einen Samstag!) zur   n&#228;chsten Kundgebung aufrufen. Es gilt, die Politik der GEW-F&#252;hrung zu   problematisieren, weiter f&#252;r eine Steigerung der Proteste einzutreten   und f&#252;r einen gemeinsamen eint&#228;gigen Streiktag &#8211; vor dem Wahltermin am   18. September &#8211; zu argumentieren. Um darauf hinzuwirken, kann auch die   Schaffung von Schul- beziehungsweise Aktionskomitees aus Sch&#252;lerInnen,   LehrerInnen und Elternschaft hilfreich sein.<\/p>\n<h4>  Es brennt &#8211; an Schulen und Unis, bundesweit<\/h4>\n<p>  Der 9. Juni war der Tag der Kultusministerkonferenz (KMK). Aus diesem   Anlass waren neben den 5.000 in Berlin bundesweit insgesamt 70.000 auf   die Stra&#223;e gegangen. Die Unterfinanzierung betrifft im &#220;brigen nicht nur   Schulen, sondern auch die Universit&#228;ten. So zogen in Hamburg am 7. Juni   auch 15.000 Studierende gegen Etatk&#252;rzungen von sechs bis zehn Prozent   durch die Innenstadt!<\/p>\n<p>  Es brennt also an Schulen und Universit&#228;ten. Die verantwortlichen   Bildungspolitiker fungieren nicht als Feuerl&#246;scher, sondern als   Brandbeschleuniger. Folglich muss in der LINKEN und in den   Gewerkschaften f&#252;r eine offensive Ablehnung aller &#8222;Sparprogramme&#8220; und   f&#252;r einen k&#228;mpferische Ausrichtung gestritten werden. &#220;ber Initiativen   in den Gewerkschaften und &#252;ber Schul- beziehungsweise Aktionskomitees   kann die Vernetzung von Betroffenen gef&#246;rdert und auf den Aufbau einer   wirksamen Protestbewegung hingearbeitet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Berlin, 9. 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