{"id":14277,"date":"2011-06-11T00:00:00","date_gmt":"2011-06-10T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14277"},"modified":"2012-06-13T16:59:39","modified_gmt":"2012-06-13T14:59:39","slug":"14277","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/06\/14277\/","title":{"rendered":"Streik wirkt &#8211; auch im Krankenhaus"},"content":{"rendered":"<p>  Berliner Charit&#233;-Besch&#228;ftigte erk&#228;mpfen sich Verbesserungen &#8211; Bilanz und   Verlauf des Arbeitskampf<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>&#8222;Die M&#228;chtigen erscheinen nur gro&#223;, weil wir auf unseren Knien sind &#8211;   lasst uns aufstehen!&#8220; Dieses Zitat des irischen Arbeiterf&#252;hrers James   Larkin war das Motto des bedeutendsten Streiks in einem Krankenhaus in   der Geschichte der Bundesrepublik. Im Mai streikten &#252;ber 2.000   Besch&#228;ftigte der Charit&#233; in Berlin f&#252;r eine Angleichung ihres Einkommens   an das Bundesniveau. Im 300. Jahr des Bestehens der Charit&#233; wurde die   Forderung nach einer Lohnerh&#246;hung von 300 Euro aufgestellt: &#8222;300 Jahre &#8211;   300 Euro&#8220;!<\/b><\/p>\n<h4>  <i><b>von Sascha Stanicic, Berlin<\/b><\/i><\/h4>\n<p>  Das Ergebnis bedeutet eine materielle Verbesserung f&#252;r die   Besch&#228;ftigten. Es zeigt, dass es sich lohnt zu k&#228;mpfen. Allein die 150   Euro mehr ab 1. Juli bedeuten f&#252;r die Mehrheit der Besch&#228;ftigten zum   Beispiel eine Gehaltserh&#246;hung von f&#252;nf bis sieben Prozent &#8211; das Ergebnis   liegt auf das Jahr 2011 gerechnet weit &#252;ber dem, was ver.di in der   vergangenen Tarifrunde f&#252;r die L&#228;nderbesch&#228;ftigten erreicht hatte. Bis   2014 werden die Einkommen f&#252;r die meisten Entgeltgruppen in drei   Schritten an das Bundesniveau angeglichen. Die Festgeldforderung verhalf   gerade den unteren Lohngruppen zu deutlichen Lohnzuw&#228;chsen; und da es   keine bescheidene Forderung war, konnten auch Besch&#228;ftigte h&#246;herer   Lohngruppen mobilisiert werden.<\/p>\n<p>  Bis Ende 2012 werden zudem die Besch&#228;ftigten im Ostteil der Stadt auch   beim K&#252;ndigungsschutz und der Jahressonderzahlung ihren WestkollegInnen   gleichgestellt. Au&#223;erdem gibt es gewisse Verbesserungen der   Arbeitsbedingungen, wie die volle Schichtzulage f&#252;r Teilzeitbesch&#228;ftigte.<\/p>\n<h4>  <b>Debatte um Annahme des Ergebnisses<\/b><\/h4>\n<p>  Trotzdem war die Annahme dieses Ergebnisses umstritten. Betriebliche   Streikleiter, wie Carsten Becker und Stephan Gummert, hatten sich f&#252;r   eine Ablehnung und Wiederaufnahme des am 6. Mai ausgesetzten Streiks   ausgesprochen; vor allem weil sie eine schnellere Anpassung des   Einkommens an das Bundesniveau und eine k&#252;rzere Laufzeit des   Tarifvertrags forderten. Diese geht bis 2016. In einer Stellungnahme   bezeichneten sie dies als den Versuch des Arbeitgebers, &#8222;eine   kampfstarke und selbstbewusste Belegschaft (&#8230;) f&#252;nfeinhalb Jahre in   Geiselhaft zu nehmen&#8220;. Denn w&#228;hrend der Laufzeit gilt Friedenspflicht   und Streiks sind schwer m&#246;glich.<\/p>\n<p>  Sehr gut besuchte ver.di-Mitgliederversammlungen waren dieser   Argumentation gefolgt und hatten mit 70 Prozent f&#252;r eine Wiederaufnahme   des Streiks votiert. Da-raufhin wurde eine Mitgliederbefragung aller   ver.di-Mitglieder eingeleitet, die dann eine 75-Prozent-Mehrheit f&#252;r die   Annahme des Verhandlungsergebnisses erbrachte.<\/p>\n<p>  Wie ist das zu erkl&#228;ren? Offensichtlich dr&#252;ckt das Abstimmungsergebnis   aus, dass wesentliche materielle Verbesserungen erreicht wurden und   vielen KollegInnen die Bedeutung der langen Laufzeit des Tarifvertrags   nicht klar war. Der Befragung lag aber auch keine gleichberechtigte   Informierung der Mitglieder &#252;ber die verschiedenen Argumente und   Positionen zugrunde. Der ver.di-Apparat hatte es abgelehnt, ein   Positionspapier f&#252;r Streikfortsetzung an die Mitglieder zu schicken, so   dass diese nur eine einseitig positive Darstellung des   Verhandlungsergebnisses mitgeteilt bekamen, in der auf die lange   Laufzeit nicht klar hingewiesen wurde und das Votum der   Mitgliederversammlung nicht erw&#228;hnt wurde. Das Signal, dass die   Gewerkschaft nicht hinter einer Fortsetzung des Streiks steht, war   deutlich. Das untergr&#228;bt das Selbstbewusstsein, streiken zu k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  <b>Frage der Streikaussetzung<\/b><\/h4>\n<p>  Schon die Aussetzung des Streiks nach einer Woche rief Kontroversen   hervor, vor allem weil dadurch die gemeinsame Streikfront der Charit&#233;-   und CFM-Besch&#228;ftigten beendet wurde. Die CFM (Charit&#233; Facility   Management) ist die ausgegliederte Dienstleistungsfirma, bei der es gar   keinen Tarifvertrag gibt. Die CFM-Besch&#228;ftigten waren zeitgleich in den   Ausstand getreten und hatten diesen noch eine Woche l&#228;nger gef&#252;hrt, bis   sie die Zusage auf Tarifgespr&#228;che erhielten. Die Streikunterbrechung an   der Charit&#233; basierte auf einem Arbeitgeberangebot, das von vielen   KollegInnen als Verhandlungsgrundlage betrachtet wurde und auf der   Sorge, dass eine Fortsetzung des extrem wirkungsvollen Streiks nicht auf   dem hohen Niveau m&#246;glich war. Sie wurde auf Streikversammlungen von den   Streikenden beschlossen (siehe dazu verschiedene Texte auf   www.archiv.sozialismus.info).<\/p>\n<p>  Im Streik mussten 90 Prozent der Operationen abgesagt werden und 50   Prozent der Betten waren nicht belegt. Die t&#228;glichen Verluste f&#252;r die   Charit&#233; lagen bei circa einer Million Euro.<\/p>\n<h4>  <b>Rolle von ver.di<\/b><\/h4>\n<p>  Jetzt kommt es darauf an, die gro&#223;e Streikbeteiligung in die St&#228;rkung   einer k&#228;mpferischen ver.di-Betriebsgruppe zu verwandeln. W&#228;hrend des   Streiks sind 700 neue Mitglieder in die Gewerkschaft eingetreten. Das   zeigt: Wenn Gewerkschaften k&#228;mpfen und ihr Gebrauchswert f&#252;r   Besch&#228;ftigte deutlich wird, gewinnen sie auch Mitglieder.<\/p>\n<p>  Damit K&#228;mpfe, wie die Streiks bei der Charit&#233; und CFM, nicht die   Ausnahme bleiben, m&#252;ssen sich kritische und k&#228;mpferische KollegInnen   zusammenschlie&#223;en, um gemeinsam f&#252;r demokratische und k&#228;mpferische   Gewerkschaften zu k&#228;mpfen.<\/p>\n<h4>  <b>Wie weiter?<\/b><\/h4>\n<p>  Die n&#228;chsten K&#228;mpfe an der Charit&#233; und anderen Krankenh&#228;usern stehen an.   ver.di bereitet eine Kampagne zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in   Krankenh&#228;usern vor, die unter dem Titel &#8222;Der Druck muss raus&#8220; laufen   wird. Das erinnert an die Kampagne &#8222;Der Deckel muss weg&#8220;, die im   September 2008 zu einer Massendemonstration von mehr als 100.000   Besch&#228;ftigten gef&#252;hrt hatte, dann aber nicht gesteigert wurde. Diesmal   sollte zum Beispiel durch den Kampf f&#252;r einen Tarifvertrag zur   Personalbemessung eine bundesweite Streikf&#228;higkeit erlangt werden. Denn   das haben die Charit&#233;-Besch&#228;ftigten bewiesen: Macht- und wirkungsvolle   Streiks sind auch in Krankenh&#228;usern m&#246;glich!<\/p>\n<\/p>\n<h2>  <b>Eine beispielhafte Streikwoche bei der Charit&#233;<\/b><\/h2>\n<p>  Wann hat es das schon einmal gegeben? Ein unbefristeter Vollstreik in   einem Krankenhaus, noch dazu in einem Universit&#228;tsklinikum mit &#252;ber   10.000 nicht&#228;rztlichen Besch&#228;ftigten! Der zeitgleich gef&#252;hrte Kampf von   Besch&#228;ftigten der Charit&#233; und der ausgegliederten CFM hielt Berlin &#252;ber   Tage hinweg in Atem.<\/p>\n<h4>  <i><b>von Krischan Friesecke und Aron Amm, Berlin<\/b><\/i><\/h4>\n<p>  Die Ausgangsbedingungen waren denkbar schwer. In der Bundeshauptstadt   hatte der &#8222;rot-rote&#8220; Senat 2003 den Tarifvertrag f&#252;r das Land Berlin   einseitig gek&#252;ndigt. Den Besch&#228;ftigten wurden Lohnk&#252;rzungen aufgeb&#252;rdet,   jahrelang standen Stellenstreichungen auf der Agenda. 2006 kam es zudem   zur Ausgr&#252;ndung der seither tariflosen CFM (Charit&#233; Facility Mangement),   die heute 2.150 KollegInnen z&#228;hlt.<\/p>\n<p>  Vor diesem Hintergrund wurde unter F&#252;hrung der ver.di-Betriebsgruppe an   der Charit&#233; bereits 2006 ein zweiw&#246;chiger Erzwingungsstreik   durchgezogen, der allerdings bei weitem nicht die Zahl von Streikenden   wie 2011 erreichte. Damals war gerade das OP-Personal das R&#252;ckgrat des   Kampfes. Durchgesetzt wurde vor f&#252;nf Jahren schlie&#223;lich ein   Tarifvertrag, der eine weitgehende Angleichung der zuvor sehr   unterschiedlichen Arbeits- und Entlohnungsbedingungen vorsah.<\/p>\n<p>  Zwar konnte man dem Spardiktat des Senats Paroli bieten. Allerdings   blieben die L&#246;hne weit unter dem Niveau anderer Kliniken in Berlin und   im Bund. So lag das nicht&#228;rztliche Personal an den drei Standorten in   Steglitz, Mitte und Wedding vor dem Streik 2011 monatlich 300 Euro unter   dem bundesweiten Branchenniveau &#8211; die Charit&#233;-Belegschaft verdiente also   14 Prozent weniger als ihre KollegInnen in anderen H&#228;usern (wie bei   Vivantes in Berlin).<\/p>\n<h4>  <b>&#8222;300 Jahre &#8211; 300 Euro&#8220;<\/b><\/h4>\n<p>  &#8222;Wir retten und pflegen unsere Patienten und f&#252;r die Arbeit kriegen wir   einen Arschtritt&#8220;, emp&#246;rt sich Elke Thorwarth aus der An&#228;sthesie- und   Intensivpflege. Zwei Krankenschwestern am Weddinger Virchow-Klinikum   berichten, dass auf ihrer Station jeder zweite Kollege noch einen   Nebenjob macht. &#8222;Vom Lohn bei der Charit&#233; kommt man zwar irgendwie &#252;ber   die Runden. Aber wenn man sich mal einen sch&#246;nen Urlaub oder ein Auto   leisten will, dann kommt man mit dem Geld nicht hin.&#8220;<\/p>\n<p>  Folglich ist die Forderung nach 300 Euro mehr zum 300. Geburtstag des   Uniklinikums zentral. Es handelt sich um eine Festgeldforderung, wof&#252;r   linke GewerkschafterInnen seit Jahren argumentieren, weil davon gerade   die unteren Lohngruppen profitieren. &#8222;Wir fordern dies auch vor dem   Hintergrund von Entgeltsteigerungen beim &#228;rztlichen Dienst von 14,9   Prozent in den letzten zwei Jahren&#8220;, so Stephan Gummert von der   ver.di-Betriebsgruppe*. Eckpunkte des Forderungskatalogs sind zudem:   keine Unterschiede zwischen Ost und West im Tarifvertrag, bessere   Verg&#252;tung der Nachtarbeit, tarifliche Besserstellung von   Teilzeitkr&#228;ften, &#220;bernahme der Azubis und Verg&#252;tung auf dem Niveau des   &#214;ffentlichen Dienstes. Die CFM-Besch&#228;ftigten, die mit   Charit&#233;-KollegInnen eine gemeinsame Streikfront bilden wollen, haben das   Ziel, &#252;berhaupt erstmal einen Tarifvertrag zu erk&#228;mpfen.<\/p>\n<h4>  <b>Warnstreik<\/b><\/h4>\n<p>  Am Dienstag, den 15. M&#228;rz versammeln sich schon in den Morgenstunden   mehrere hundert Besch&#228;ftigte vor dem Eingang des Bettenhochhauses auf   dem Campus Mitte zu einer Auftaktkundgebung. Im Lauf des Tages werden   &#252;ber 2.000 Streikende gez&#228;hlt. Carsten Becker,   ver.di-Betriebsgruppenvorsitzender* (und SAV-Mitglied) berichtet, dass   praktisch s&#228;mtliche Abteilungen an allen drei Standorten vom   Arbeitskampf betroffen sind. Der eint&#228;gige Warnstreik dient der   ver.di-Betriebsgruppe als Stimmungsbarometer und Mobilisierungshilfe f&#252;r   den eigentlichen Streik Anfang Mai.<\/p>\n<p>  &#8222;Als wir im M&#228;rz mit der Warnstreikmobilisierung begonnen haben, f&#252;hlte   ich mich wie ein Fackeltr&#228;ger, der nur noch zur bereits gelegten   Z&#252;ndschnur gehen musste&#8220;, sagt Stephan Gummert gegen&#252;ber der   &#8222;Solidarit&#228;t&#8220;. &#8222;Viele Bereiche nutzen mittlerweile aktiv die   M&#246;glichkeiten zur Selbstinformation. Eine Facebook-Gruppe, die wir   anl&#228;sslich der drohenden Auseinandersetzung etablierten, explodierte im   Warnstreikverlauf von acht auf &#252;ber 300 Mitglieder.&#8220; In der Folgezeit   verdoppelt sich die Zahl noch einmal.<\/p>\n<p>  Angesichts dieser &#8222;explosiven Grundstimmung&#8220;, so Gummert, &#252;berrascht   dann auch das Votum von 92,9 Prozent f&#252;r Streik nicht. Bei der CFM   stimmen sogar 95 Prozent f&#252;r den Ausstand.<\/p>\n<h4>  <b>1. Mai<\/b><\/h4>\n<p>  Alles scheint so wie immer. Auf der &#8222;Stra&#223;e des 17. Juni&#8220; liegt der   Geruch von Bratwurst und Bier in der Luft. Auch der Letzte, der sich von   den Beitr&#228;gen auf der DGB-B&#252;hne noch irgendwas erhofft hat, wendet sich   &#8211; diesmal vom Geblubber des Gr&#252;nen-Mitglieds Annelie Buntenbach aus dem   DGB-Vorstand &#8211; gelangweilt ab. Fast nur noch Gewerkschaftshauptamtliche   und SPD-Spitzenpolitiker, darunter der Regierende B&#252;rgermeister Klaus   Wowereit mit einem Dutzend Bodygards, tummeln sich vor der B&#252;hne. Dann   pl&#246;tzlich wendet sich das Blatt. Zehn Charit&#233;-KollegInnen beleben mit   ihren Schildern und Transparenten f&#252;r Lohnerh&#246;hung und einen   CFM-Tarifvertrag die Kundgebung. Carsten Becker und Kati Ziemer von der   ver.di-Betriebsgruppe verk&#252;nden den Streikbeginn f&#252;r den n&#228;chsten Morgen   und stimmen Sprechch&#246;re an. Mehr und mehr KollegInnen kriegen mit, dass   es sich lohnt, doch nochmal zur B&#252;hne zu kommen. Nur Wowereit ist weg.<\/p>\n<h4>  <b>Erster Streiktag<\/b><\/h4>\n<p>  Montag, der 2. Mai: Von 6 Uhr fr&#252;h an befinden sich alle drei Standorte   im Ausstand. Ein Drittel aller Betten, fast alle OP-S&#228;le werden an   diesem Tag bestreikt. Kurz nach sieben Uhr &#252;berrascht eine Theatergruppe   die Streikenden des Bettenhauses in Mitte und f&#252;hrt im Foyer das   halbst&#252;ndige St&#252;ck &#8222;Raus bist du noch lange nicht&#8220; &#252;ber die   Fabrikbesetzung von INNSE in Mailand 2008\/2009 auf.<\/p>\n<p>  Eine halbe Stunde sp&#228;ter kann Carsten Becker bereits auf der ersten   Kundgebung verk&#252;nden: &#8222;Wir haben es geschafft, Kollegen aus allen   Bereichen herauszuholen. In der Kinderklinik werden fast 50 Prozent der   Betten bestreikt. Dort wurde von den Kaufm&#228;nnern schon gesagt, dass es   angesichts der Streikkosten besser gewesen w&#228;re, gleich das Geld, das   den Forderungen entspricht, zu bezahlen.&#8220; Im Lauf des Tages wird   festgestellt, dass sich gut 2.000 Besch&#228;ftigte am Streik beteiligen.   Weil es im Vorfeld K&#252;ndigungsdrohungen gab, tr&#228;gt jeder ein   Namensschild. Nun hei&#223;en alle &#8222;Schwester Sonnenschein&#8220; oder &#8222;Pfleger   Immerfroh&#8220;.<\/p>\n<p>  Aber von oben wird bereits am ersten Streikvormittag Druck gemacht. So   in Steglitz, wie Uwe Ostendorff mitteilt: &#8222;Laut Vereinbarung sollten   heute sieben Operationen stattfinden, nun sind schon neun angefragt und   es ist noch nicht mal Mittag&#8220; (&#8222;ver.di-publik&#8220;, Mai 2011). Nachdem   Carsten Becker davon Wind bekommt, ruft er dazu auf, auch im Bettenhaus   nochmal &#252;ber die Stationen zu gehen. Das Ergebnis: 70 weitere Betten   k&#246;nnen am Dienstag geschlossen werden.<\/p>\n<p>  Um 14 Uhr werden an allen drei Standorten Streikversammlungen   abgehalten. Im Anschluss finden Stadtteil-Demonstrationen statt.   Versammlungen und Demos werden in den Folgetagen feste Bestandteile des   Streiks.<\/p>\n<h4>  <b>Zweiter Streiktag<\/b><\/h4>\n<p>  Die Streikfront steht. &#8222;Wir haben in allen Bereichen noch eine Schippe   draufgelegt&#8220;, so Carsten Becker. Neben einem Demozug zum Vorstand der   Charit&#233; am Standort Mitte werden Transparente gemalt und weitere   &#246;ffentliche Aktionen diskutiert.<\/p>\n<p>  H&#246;hepunkt des zweiten Streiktags ist ein Sternmarsch von den Standorten   Mitte und Wedding zum Sitz von Bayer-Schering, einem der gr&#246;&#223;ten   Pharmakonzerne weltweit (auch Streikende vom weiter entfernt gelegenen   Benjamin Franklin in Steglitz sto&#223;en dazu). Mit der gemeinsamen   Kundgebung wird f&#252;r ein kollektives Gef&#252;hl der St&#228;rke gesorgt. 2.500   KollegInnen nehmen an einer der k&#228;mpferischsten Streik-Demonstrationen   seit langer Zeit teil. Eine Demo mit G&#228;nsehaut-Faktor: Hunderte von   Streikenden gehen zusammen auf die Knie, um sich dann lautstark zu   erheben &#8211; nach dem Motto des diesj&#228;hrigen Charit&#233;-Arbeitskampfs: &#8222;The   great only appear great, because we are on our knees &#8211; Let us rise&#8220;.<\/p>\n<p>  Von der LINKEN sind nur wenige bei dieser Gro&#223;demo.<\/p>\n<h4>  <b>Dritter Streiktag<\/b><\/h4>\n<p>  Nach der Gro&#223;demo am Dienstag ist die Stimmung bestens. Mittlerweile   sto&#223;en auch mehr CFM-Besch&#228;ftigte dazu. Zu Beginn des Ausstands sah es   hier noch etwas mau aus. Mehrere KollegInnen der CFM schildern in   Gespr&#228;chen, wie sie von den Vorgesetzten schikaniert werden. In der von   der CFM betriebenen K&#252;che sollen sogar illegalerweise Leiharbeiter   eingesetzt werden. Eine unr&#252;hmliche Rolle spielt die Gewerkschaft IG   BAU, die &#252;berwiegend Reinigungs- und Transportkr&#228;fte organisiert. Sie   unterst&#252;tzt den Streik nicht und nennt ihn sogar &#8222;illegal&#8220;.<\/p>\n<p>  &#8222;R&#246;sler raus! R&#246;sler raus!&#8220; skandieren mittags 200 KollegInnen, die den   Noch-Gesundheitsminister abpassen, nachdem er die Ausstellung im   Medizinhistorischen Museum er&#246;ffnet hat. Titel der Ausstellung ist   bezeichnenderweise: &#8222;Who cares?&#8220;<\/p>\n<p>  Zeitgleich findet das erste Gespr&#228;ch mit den Arbeitgebern seit Beginn   der Arbeitsniederlegung statt. Ein ernsthaftes Angebot wird aber nicht   unterbreitet.<\/p>\n<p>  Nachmittags wieder Kiez-Demonstrationen: In Steglitz tauchen ein halbes   Dutzend KollegInnen von der Betriebszeitung &#8222;Alternative&#8220; bei   Daimler-Marienfelde auf. Matthias Bender h&#228;lt ein Gru&#223;wort, Adressen   werden ausgetauscht.<\/p>\n<p>  Die Streikenden gehen jeden Tag nach drau&#223;en. Leider nutzt die   ver.di-Spitze ihre M&#246;glichkeiten nicht. Sie h&#228;tte es in der Hand, &#252;ber   eine stadtweite &#214;ffentlichkeitskampagne mit Zehntausenden von   Flugbl&#228;ttern und Plakaten die Argumente der Belegschaft bekannt zu   machen. Sie k&#246;nnte KollegInnen anderer Bereiche mobilisieren &#8211; zum   Beispiel, um vor den Zentralen von SPD und LINKE sowie dem Roten Rathaus   Krach zu schlagen.<\/p>\n<h4>  <b>Vierter Streiktag<\/b><\/h4>\n<p>  Von 3.200 Betten werden jetzt 1.540 bestreikt! Viele KollegInnen sind   aktiv, aber nur wenige geh&#246;ren zu den AktivistInnen, die den Streik   konkret organisieren. Carsten Becker ist kaum ansprechbar, eines seiner   Handys bimmelt immer. Mal geht es um die Notfallversorgung, mal um die   Einsch&#252;chterung von Streikenden, mal um Chef&#228;rzte, die Stress machen.   Gut w&#228;re es, wenn noch mehr KollegInnen in die Organisierung des   Ausstands einbezogen werden k&#246;nnten &#8211; zum Beispiel &#252;ber die Bildung von   Aktionsgruppen oder einen Delegiertenrat aus VertreterInnen der   einzelnen Stationen zur Unterst&#252;tzung der Streikleitung. So w&#228;re es   vielleicht auch m&#246;glich, zus&#228;tzlich zu den Streikversammlungen mehr   Diskussionen zu bef&#246;rdern. Aber bevor VertreterInnen der Streikleitung   sich dar&#252;ber auch nur einen Kopf machen k&#246;nnen, klingelt schon wieder   ein Mobiltelefon. Gerade deshalb w&#228;re die Einbeziehung weiterer   KollegInnen in die Streikorganisation umso wichtiger. Nat&#252;rlich leichter   gesagt als getan. Trotzdem wichtige Fragen f&#252;r die Vorbereitung und   Durchf&#252;hrung, auch von k&#252;nftigen K&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  Andere Krankenh&#228;user sind inzwischen &#252;berf&#252;llt. Schlaganfall-Patienten   m&#252;ssen bereits mehrere Kliniken anfahren, um irgendwo unterzukommen.<\/p>\n<p>  Am gr&#246;&#223;ten Standort, im Wedding, werden t&#228;glich Streiklieder gesungen,   dort wird sogar das Tanzbein geschwungen. Wie jeden Tag demonstriert man   auch heute nachmittag wieder mit hunderten Streikenden lautstark und   lebendig &#252;ber die See- und M&#252;llerstra&#223;e: &#8222;Wir sind hier, wir sind laut,   weil man uns die L&#246;hne klaut!&#8220; Oder: &#8222;Die CFM, das ist ein Hohn, sie   zahlt nur einen Sklavenlohn!&#8220; PassantInnen winken und gr&#252;&#223;en mit nach   oben gestreckten Daumen. Pl&#246;tzlich wird der Zug gestoppt. &#8222;Alarm, der   Patient bricht zusammen.&#8220; Die beiden im Krankenhausbett   mittransportierten Puppen werden von Pflegern herzmassiert,   Beatmungsb&#228;lger gedr&#252;ckt.<\/p>\n<p>  In Mitte organisieren SAV-Mitglieder ein kleines &#8222;Streik-Kino&#8220;, in dem   Videos bisheriger Aktionen gezeigt werden.<\/p>\n<p>  Auch 200 Studierende f&#252;hren an diesem Tag eine Solidarit&#228;tsdemonstration   durch.<\/p>\n<h4>  F&#252;nfter Streiktag<\/h4>\n<p>  In der Nacht bewegt sich der Arbeitgeber deutlich. Allerdings will er   von der ver.di-Verhandlungskommission bis sieben Uhr morgens eine   Antwort. Das lehnt die Streikleitung ab, weil sie Streikversammlungen   einberufen m&#246;chte, um dort gemeinsam mit den KollegInnen &#252;ber eine   Streik-Aussetzung und die Wiederaufnahme von Verhandlungen zu   entscheiden. Das Ultimatum des Arbeitgebers wird auf 12 Uhr verl&#228;ngert.<\/p>\n<p>  Am Vormittag finden an allen drei Standorten Streikversammlungen statt.   Hauptproblem ist die von der Arbeitgeberseite geschaffene Spaltung der   Belegschaft durch das Outsourcing der CFM; diese Spaltung wird von oben   weiter genutzt, in dem die von den CFM-Besch&#228;ftigten geforderten   Verhandlungen f&#252;r einen eigenen Tarifvertrag weiter ausgeschlagen   werden. Darum kommt es auf den Versammlungen zu lebhaften und zum Teil   kontroversen Diskussionen. In Steglitz wird f&#252;r eine Fortsetzung des   Ausstands gestimmt, in Mitte und Wedding entscheidet sich die Mehrheit   der Stationen f&#252;r die Aussetzung des Streiks und die Wiederaufnahme von   Verhandlungen.<\/p>\n<p>  Bei der CFM wird der Streik eine weitere Woche fortgesetzt, Proteste vor   Miteigent&#252;mer Dussmann und beim SPD-Parteitag organisiert, zudem wird   ein Solidarit&#228;tskomitee gegr&#252;ndet. Dann sichert der Arbeitgeber   Tarifgespr&#228;che zu.<\/p>\n<p>  Zu der Frage, ob das Aussetzen des Charit&#233;-Streiks richtig oder falsch   war, siehe auch die SAV-Stellungnahmen unter   www.archiv.sozialismus.info\/charite. Zum Verlauf der Vehandlungen, den   ver.di-Mitgliederversammlungen, der schriftlichen Abstimmung und dem   aktuellen Stand bei der CFM siehe Seite 8.<\/p>\n<p>  Was in jedem Fall bleibt, ist ein &#8222;ungew&#246;hnlich heftiger Streik&#8220;, so der   &#228;rztliche Direktor an der Charit&#233;, Ulrich Frei in der &#8222;&#196;rzte-Zeitung&#8220;.   Da 90 Prozent der OPs ausfielen, konnte auch in einem   Krankenhaus-Ausstand &#246;konomischer Druck ausge&#252;bt werden. Die erste   Mai-Woche markiert einen &#8222;historischen Streik&#8220;, so Stephan Gummert. Es   gilt, alle Lehren daraus zu ziehen und diesen Kampf f&#252;r k&#252;nftige   Auseinandersetzungen zu nutzen.<\/p>\n<h4>  <i>*Funktionsangaben dienen nur zur Kenntlichmachung der Personen<\/i><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Berliner Charit&#233;-Besch&#228;ftigte erk&#228;mpfen sich Verbesserungen &#8211; Bilanz und<br \/>\n      Verlauf des Arbeitskampf\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[270,238],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14277"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14277"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14277\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14277"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14277"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14277"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}