{"id":14276,"date":"2011-06-22T00:00:00","date_gmt":"2011-06-22T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14276"},"modified":"2011-06-22T00:00:00","modified_gmt":"2011-06-22T00:00:00","slug":"14276","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/06\/14276\/","title":{"rendered":"Welche Rolle spielt der islamische Fundamentalismus?"},"content":{"rendered":"<p>  Ein halbes Jahr nach Beginn der arabischen Revolution<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Jahrelang wurde die westliche Unterst&#252;tzung f&#252;r reaktion&#228;re und   korrupte Diktaturen mit der &#8222;Gefahr durch die islamischen   Fundamentalisten&#8220; begr&#252;ndet. Als in Tunesien und &#196;gypten die Autokraten   Zine el-Abidine Ben Ali und Hosni Mubarak gest&#252;rzt wurden, spielte der   Islamismus fast keine Rolle. Wie viel Einfluss werden Islamisten k&#252;nftig   auf die Entwicklungen in der Region nehmen? Und: In welchem Verh&#228;ltnis   stehen Islamismus und Imperialismus?<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Was steckt hinter dem sogenannten islamischen Fundamentalismus? Die   Unklarheiten fangen schon mit dem Begriff an. F&#252;r MarxistInnen bedeutet   der inflation&#228;r gebrauchte &#8222;islamischer Fundamentalismus&#8220; oder   Islamismus (genauer, aber im Deutschen nicht sehr gel&#228;ufig, w&#228;re   &#8222;rechter politischer Islam&#8220;) Bewegungen, die einen islamischen   &#8222;Gottesstaat&#8220; anstreben, auf eine m&#246;glichst buchstabengetreue Anwendung   der Vorschriften des Koran und der &#220;berlieferungen &#252;ber Mohammeds   Handlungen, Anweisungen, Empfehlungen, Warnungen (&#8222;Hadith&#8220;) bestehen und   als Konsequenz auf die Scharia, das &#8222;islamische Recht&#8220;, pochen. Eine   solche Ideologie, nach der nicht der menschliche Wille (auch nicht der   einer Mehrheit) z&#228;hlt, sondern nur der angebliche &#8222;Wille Allahs&#8220;, ist   zwangsl&#228;ufig undemokratisch und autorit&#228;r.<\/p>\n<h4>  Ursachen des Islamismus<\/h4>\n<p>  Gesellschaftlich ist der Aufstieg des Islamismus eine Folge von   Entwicklungen in vielen islamischen L&#228;ndern in den   Nachkriegsjahrzehnten. Es gab eine Verst&#228;dterung, aber die meisten   Zugezogenen vom Land lebten in Slums unter prek&#228;ren Verh&#228;ltnissen. Das   Bildungswesen wurde ausgebaut, aber seine Absolventen fanden oft keine   qualifizierte Arbeit. Die Islamisten finden oft gro&#223;en R&#252;ckhalt unter   diesen Schichten, die vom Land zugezogen sind und in den Armenvierteln   am Rand der Gro&#223;st&#228;dte leben und allenfalls Gelegenheitsjobs finden   (&#8222;Stadtarmut&#8220;), sowie unter Studierenden und HochschulabsolventInnen.<\/p>\n<p>  Politisch ist er eine Reaktion auf das Scheitern des b&#252;rgerlichen   Nationalismus, der in den K&#228;mpfen gegen den Kolonialismus dominierte.   Nicht zuletzt wegen der fatalen Rolle der Kommunistischen Parteien &#8211; ob   in Nordafrika, im Nahen Osten oder in Asien. Da die Kreml-Diktatur jede   Bestrebung in Richtung einer echten Arbeiterdemokratie als unmittelbare   Bedrohung f&#252;r ihre eigene Herrschaft ansah (und au&#223;erdem im Zweiten   Weltkrieg mit den Kolonialstaaten verb&#252;ndet war), trieb sie den   Unabh&#228;ngigkeitskampf nicht voran. Im Gegenteil. Ihre Kollaboration mit   den Imperialisten f&#252;hrte dazu, dass sich in mehreren L&#228;ndern andere   Kr&#228;fte an die Spitze setzten. Oft spielten &#8211; aufgrund der Schw&#228;che und   Feigheit der Gro&#223;grundbesitzer und Kapitalisten &#8211; Teile des Milit&#228;rs   eine Schl&#252;sselrolle. Diese erwiesen sich als unf&#228;hig, die   gesellschaftlichen Probleme zu l&#246;sen. Sie setzten, neben &#8222;Zuckerbroten&#8220;,   auf die Peitsche: auf Unterdr&#252;ckung und Korruption. Die Teile des   B&#252;rgertums, die das Gef&#252;hl haben, durch die Vetternwirtschaft   benachteiligt zu sein, geh&#246;ren ebenfalls h&#228;ufig zu den Unterst&#252;tzern des   Islamismus.<\/p>\n<p>  Ideologisch ist der Islamismus eine Gegenbewegung gegen die Ideen von   Aufkl&#228;rung und Modernisierung, die die Kolonialherren predigten und der   westliche Imperialismus formal bis heute vertritt. Die Mehrheit der   Intellektuellen und K&#228;mpfer gegen den Kolonialismus &#252;bernahm westliche   Ideen. Eine Minderheit betrachtete die europ&#228;ische Herrschaft &#252;ber   schlie&#223;lich (nach dem Ersten Weltkrieg) fast alle islamischen L&#228;nder als   Strafe f&#252;r die Verw&#228;sserung des Islam und hoffte, bei einer R&#252;ckkehr zur   &#8222;reinen Lehre&#8220; den Beistand Allahs zu erhalten. An diese Tradition   kn&#252;pft der Islamismus an. Durch diese Ablehnung der Ideologie der   Herrschenden im Westen wirkt der Islamismus auf viele anziehend, die die   Verlogenheit dieser Ideologie t&#228;glich erleben.<\/p>\n<h4>  Islamistische Strategien<\/h4>\n<p>  Islamistische Organisationen praktizieren verschiedene Strategien zur   Schaffung eines islamischen Staats. Viele propagieren einen   &#8222;islamischen&#8220; Lebenswandel, zum Beispiel die Einhaltung von   Kleidungsvorschriften durch Frauen, keinen au&#223;erehelichen   Geschlechtsverkehr, Alkohol oder Gl&#252;cksspiel und bek&#228;mpften linke   Organisationen. Manchmal wandten sie Gewalt an bis hin zu   S&#228;ureanschl&#228;gen auf unverschleierte Frauen.<\/p>\n<p>  Diese &#8222;kulturelle&#8220; Arbeit wurde von vielen Regierungen unterst&#252;tzt, weil   sie vom politischen Kampf ablenkte und linke Organisationen schw&#228;chte.   Aber solche Bewegungen stie&#223;en selbst immer wieder auf die Frage des   Staats: Wenn der Staat die Scharia einf&#252;hrte und eine &#8222;Religionspolizei&#8220;   deren Vorschriften &#252;berwacht, w&#252;rde das viel wirksamer &#8222;islamischen   Lebenswandel&#8220; bef&#246;rdern (und die Absolventen islamischer   Bildungseinrichtungen w&#252;rden mit ihrer Qualifikation leichter Jobs   bekommen).<\/p>\n<p>  Da seit den siebziger Jahren f&#252;r eine ganze Geschichtsphase die   Islamisten in vielen L&#228;ndern gro&#223;en Einfluss unter der st&#228;dtischen   Jugend und den Studierenden hatten, versuchten islamistische   Hochschulabg&#228;nger teils, Einfluss in Staatsapparaten, in Milit&#228;r und   Polizei zu erlangen. Viele Regimes beg&#252;nstigten das, weil sie die   Islamisten als zuverl&#228;ssige Gegner der Linken sahen oder sie so zu   integrieren hofften. Die Folge war, dass es in L&#228;ndern wie Pakistan   (1977) oder dem Sudan (1990) islamistische Milit&#228;rputsche gab.<\/p>\n<p>  Einige versuchen, sich durch karitative T&#228;tigkeit eine Massenbasis zu   verschaffen. Die Massenunterst&#252;tzung, die islamistische Organisationen   teils gewannen, zum Beispiel der Wahlsieg der Hamas 2006 in der   Pal&#228;stinensischen Autonomiebeh&#246;rde, hatte viel mit solchen   Hilfsleistungen und der Ablehnung der staatlichen Korruption unter der   Fatah zu tun und hie&#223; keineswegs, dass die Mehrheit der Bev&#246;lkerung die   reaktion&#228;ren Ziele der Islamisten teilte.<\/p>\n<p>  Nicht nur die Hamas in den Pal&#228;stinensergebieten, auch die Hisbollah   unter den libanesischen Schiiten oder, &#252;ber ein Jahrzehnt zuvor, die   Islamische Heilsfront (FIS) in Algerien 1991, gewannen deutliche   Mehrheiten bei Wahlen.<\/p>\n<p>  Am meisten Schlagzeilen in den westlichen Medien machen nat&#252;rlich die   islamistischen Organisationen, die individuellen Terror praktizieren,   wie zum Beispiel in Marrakesch am 28. April dieses Jahres. In den   neunziger Jahren gab es in Algerien und &#196;gypten Attentatswellen. Solche   Methoden f&#252;hrten zur Schw&#228;chung der betreffenden Organisationen, weil   die meisten Opfer zur normalen einheimischen Bev&#246;lkerung geh&#246;rten und   die negativen Wirkungen auf den Tourismus die b&#252;rgerlichen Islamisten   sch&#228;digten.<\/p>\n<p>  Selbstmordattentate als Mittel verbreiteten sich erst seit der zweiten   Intifada (&#8222;Al-Aksa-Intifada&#8220;) 2000. Da der Koran den Selbstmord   verbietet, sprechen die Islamisten selber von &#8222;M&#228;rtyreroperationen&#8220;. Ihr   trauriger H&#246;hepunkt war sicher der 11. September 2001. Westliche   Regierungen nutzen die Angst vor Anschl&#228;gen zum Abbau demokratischer   Rechte. Zugleich verteufelten sie auch islamistische Organisationen mit   Massenanhang pauschal als Terrororganisationen.<\/p>\n<h4>  Moslembr&#252;der<\/h4>\n<p>  Die &#228;gyptischen Moslembr&#252;der wurden 1928 gegr&#252;ndet und versuchten eine   Massenorganisation aufzubauen. Sie bek&#228;mpften die britische Herrschaft   &#252;ber &#196;gypten. Es entstanden Ableger in anderen arabischen L&#228;ndern. Nach   dem Sturz des K&#246;nigs Faruk von Londons Gnaden 1952 &#252;berwarfen sie sich   bald mit dem nationalistischen Regime von Gamal Abdel Nasser. Nach   Nassers Tod versuchten seine Nachfolger Anwar as-Sadat und Mubarak eine   Einbindung des gem&#228;&#223;igten Teils der Moslembr&#252;der und eine Verfolgung   radikalerer Islamisten.<\/p>\n<p>  Die Moslembr&#252;der durften als Partei nicht offen auftreten, konnten aber   bei Wahlen erfolgreich Einzelkandidaten aufstellen. Unter ihnen   dominieren mittlerweile rechte b&#252;rgerliche Kr&#228;fte. Bei den zahlreichen   Streiks der letzten Jahre waren in vielen F&#228;llen Moslembr&#252;der Eigent&#252;mer   der bestreikten Betriebe, was Ans&#228;tze zu einer Klassenpolarisierung   innerhalb der Moslembruderschaft schuf und ihre Anziehungskraft im   Vorfeld der Massenbewegung gegen Mubarak untergrub.<\/p>\n<h4>  Hamas<\/h4>\n<p>  Die Hamas entstand aus dem Ableger der Moslembr&#252;der im Gaza-Streifen,   der sich auf karitative T&#228;tigkeit und den Kampf gegen linke Kr&#228;fte unter   den Pal&#228;stinenserInnen konzentrierte. Beim Beginn der ersten Intifada   (des Massenkampfs der pal&#228;stinensischen Jugend gegen die israelische   Besatzung) 1987 wurde die Hamas gegr&#252;ndet. Ihre Ablehnung von   Zugest&#228;ndnissen an Israel und die massive Korruption der   Pal&#228;stinenserbeh&#246;rde brachten ihr Zulauf.<\/p>\n<p>  Als sie 2006 zum ersten Mal bei Wahlen antrat, bekam sie die absolute   Mehrheit. Das bedeutete aber keineswegs, dass eine Mehrheit der   Pal&#228;stinenserInnen f&#252;r einen islamischen Staat oder die Zerst&#246;rung   Israels w&#228;re. Die Abriegelung Gazas und die milit&#228;rischen Angriffe   Israels waren Wasser auf die M&#252;hlen der Hamas in der Ablehnung des   israelischen Staates. Trotzdem entwickelte sich Opposition, im Dezember   wurde in einem Manifest von Jugendlichen die G&#228;ngelung durch die Hamas   in scharfen Worten angeprangert.<\/p>\n<h4>  Hisbollah<\/h4>\n<p>  Die Hisbollah (&#8222;Partei Gottes&#8220;) entstand 1982, nach dem israelischen   Einmarsch im Libanon, unter der schiitischen Bev&#246;lkerung, die unter dem   Einmarsch unmittelbar litt. Sie wurde von Anfang an vom iranischen   islamistischen Regime und von Syrien unterst&#252;tzt, ist aber nicht einfach   eine Marionette dieser L&#228;nder. Sie wurde im Kampf gegen die israelische   Besatzung zu einer Massenkraft und gewann durch den israelischen Abzug   im Jahr 2000 und das Fiasko des israelischen Krieges gegen den Libanon   2006 massiv an Prestige. Auch viele Nicht-Schiiten sahen in der   Hisbollah die einzige Kraft, die den Libanon real gegen israelische   Angriffe verteidigen kann.<\/p>\n<p>  Die Hisbollah hat manchmal in Worten soziale Fragen aufgegriffen, sich   aber zugleich an neoliberalen Regierungen beteiligt. Am 25. Januar wurde   ihr Kandidat Nadschib Miqati Ministerpr&#228;sident. Dass er Sunnit ist,   schreibt die Verfassung des Libanon vor, aber dass ihr Ministerpr&#228;sident   Milliard&#228;r ist, war die Entscheidung der Hisbollah-F&#252;hrung.<\/p>\n<h4>  Konflikte im Islamismus<\/h4>\n<p>  Die verschiedenen Strategien f&#252;hrten mehrfach zu Konflikten zwischen den   islamistischen Organisationen. Hinter ihnen steckten auch   widerspr&#252;chliche Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Kr&#228;fte.   W&#228;hrend &#252;ber die Korruption frustrierte Kapitalisten h&#228;ufig konservative   Ideen vertreten und hoffen, bei einer neoliberalen Politik (zum Beispiel   durch weitere Privatisierungsma&#223;nahmen) bessere Gesch&#228;fte machen zu   k&#246;nnen, versuchen Studierende und Stadtarmut unter Umst&#228;nden,   revolution&#228;re und islamische Ideen zu verbinden.<\/p>\n<p>  Das war besonders deutlich in der Iranischen Revolution 1978\/79, wo die   Massen unter einer &#8222;islamischen Republik&#8220; eine &#8222;Republik der Armen&#8220;   verstanden. Die Vertreter des Islamismus, des rechten politischen Islam,   um Ayatollah Khomeini mussten viel Kreide fressen sowie   Verstaatlichungen von Banken und anderen Betrieben durchf&#252;hren, um die   Massen unter ihrer Kontrolle zu halten, den staatlichen   Unterdr&#252;ckungsapparat wieder aufzubauen und schlie&#223;lich an linken   Kr&#228;ften Massenmord zu begehen.<\/p>\n<h4>  Antiimperialistisch?<\/h4>\n<p>  Der Islamismus erscheint vielen als antiimperialistisch. Die Iranische   Revolution st&#252;rzte einen engen Verb&#252;ndeten des Westens. Das danach   errichtete islamistische Regime nannte die USA oft den &#8222;gro&#223;en Satan&#8220;,   Islamisten bek&#228;mpfen im Westen herrschende Ideologien, seit dem   Zusammenbruch der Sowjetunion hat der Islamismus sie im Westen als   Feindbild abgel&#246;st, Islamisten stehen im Konflikt mit dem US-Verb&#252;ndeten   Israel.<\/p>\n<p>  Das erkl&#228;rt, warum manche Gegner des Imperialismus Sympathien f&#252;r den   Islamismus entwickelt haben. Aber es ist ein einseitiges Bild, das zum   Teil die Schw&#228;che linker Kr&#228;fte in den letzten Jahrzehnten   widerspiegelt. Das &#228;lteste islamistische Regime, Saudi-Arabien, ist seit   1945 ein enger Verb&#252;ndeter der USA. In den sechziger Jahren wurde es zum   Asyl f&#252;r Islamisten aus &#196;gypten, mit seinen Petrodollars verbreitet es   seine Spielart des Islamismus (&#8222;Wahhabismus&#8220;) international. In den   achtziger Jahren unterst&#252;tzten die USA und Saudi-Arabien die   Dschihad-K&#228;mpfer (Mudschaheddin) in Afghanistan gemeinsam. Osama bin   Laden und al-Qaida waren ein Produkt dieser Kampagne.<\/p>\n<p>  Das B&#252;ndnis mit dem saudischen Islamismus ist auch den westlichen Medien   unangenehm, darum unterschlagen sie meist den islamistischen Charakter   des Regimes. Aber wie soll man ein Land nennen, in dem Frauen vor   Gericht kommen, wenn sie Auto fahren oder die sogenannte   Religionspolizei aus einem brennenden Schlafsaal fliehende Sch&#252;lerinnen   zur&#252;ck in Flammen treibt, weil sie nicht &#8222;islamisch&#8220; gekleidet sind (so   geschehen in Mekka am 11. M&#228;rz 2002)?<\/p>\n<p>  Manche Linke unterst&#252;tzen unkritisch Kr&#228;fte wie Hamas oder Hisbollah,   weil sie sich im Konflikt mit dem vom US-Imperialismus gest&#252;tzten Israel   befinden. Es ist aber eine Sache, zu verstehen, warum relevante Teile   der unterdr&#252;ckten Massen auf solche Organisationen orientieren und als   SozialistInnen zu versuchen, Zugang bei einfachen Anh&#228;ngerInnen dieser   Bewegungen zu finden. Eine andere Sache &#8211; und falsch &#8211; ist es, die   politischen Defizite zu ignorieren. Schlie&#223;lich stellen Hamas und   Hisbollah den Kapitalismus nicht grundlegend in Frage und setzen nicht   auf den multiethnischen Kampf der Arbeiterbewegung (&#252;ber alle religi&#246;sen   Vorstellungen hinweg); um wirksam gegen die Herrschenden Israels   vorgehen zu k&#246;nnen, ist es zum Beispiel n&#246;tig, auch die israelische   Arbeiterklasse anzusprechen.<\/p>\n<h4>  Die &#8222;&#220;berraschung&#8220; von 2011<\/h4>\n<p>  In den revolution&#228;ren Massenbewegungen, die sich seit Dezember von   Tunesien auf viele arabische und auch andere islamische L&#228;nder   ausgebreitet haben, hat die st&#228;dtische Jugend eine zentrale Rolle   gespielt &#8211; also genau die Bev&#246;lkerungsgruppe, die in vielen L&#228;ndern ab   den siebziger Jahren zu einer Bastion der Islamisten wurde. (Der   Generalstreik der ArbeiterInnen in Tunesien und die riesige Streikwelle   in &#196;gypten versetzten den Regimes in beiden L&#228;ndern den Todessto&#223;, aber   die Arbeiterklasse betrat erst nach der Jugend die B&#252;hne.) Deshalb ist   es bemerkenswert, dass der Einfluss der Islamisten fast &#252;berall gering   bis vernachl&#228;ssigbar war. Das gleiche Ph&#228;nomen gab es schon 2009 bei den   revolution&#228;ren Massenprotesten im Iran. Dort war es erkl&#228;rlich, dass   eine neue Generation, die in der Stickluft der Islamistenherrschaft   aufwachsen musste, damit nichts mehr zu tun haben wollte. Die Bewegungen   der letzten Monate legen den Schluss nahe, dass nicht nur die   Erfahrungen mit islamistischer Herrschaft, sondern auch die Erfahrungen   mit islamistischen Bewegungen und Organisationen in den letzten   Jahrzehnten manche Illusionen zerst&#246;rt haben.<\/p>\n<h4>  Ann&#228;herung von Islamismus und Imperialismus?<\/h4>\n<p>  Islamisten waren in der Bewegung nicht nur schwach, sie n&#228;hern sich   vielfach auch wieder mehr dem Imperialismus an. In &#196;gypten versucht die   Muslimbr&#252;derschaft gemeinsam mit den Resten des Mubarak-Regimes und den   b&#252;rgerlichen Liberalen, den revolution&#228;ren Prozess zum Stehen zu   bringen. Der Libanon, wo die Hisbollah seit Januar eine f&#252;hrende   Regierungspartei ist, ist eines der drei L&#228;nder, die im   UN-Sicherheitsrat die den imperialistischen Angriff auf Libyen   rechtfertigende Resolution einbrachte. In Libyen selbst unterst&#252;tzt der   Westen Oppositionskr&#228;fte gegen Muammar al-Gaddafi, ohne sich an der   Beteiligung von Islamisten an ihnen erkennbar zu st&#246;ren.<\/p>\n<p>  Bei einer St&#228;rkung der Arbeiterbewegung (die &#8211; wie gerade die   betrieblichen K&#228;mpfe in &#196;gypten seit 2004 zeigen &#8211; dabei ist, sich auf   der B&#252;hne der Geschichte zur&#252;ck zu melden) und der Linken ist in der   Tendenz ein Zusammenr&#252;cken von Islamisten und Imperialisten zu erwarten.   Aber da linke Kr&#228;fte noch schwach sind und Ereignisse wie die   Liquidierung Osama bin Ladens und islamistische Racheakte einer   Zusammenarbeit entgegenwirken, wird das keine geradlinige Entwicklung   sein, sondern widerspr&#252;chlich, voller Zickzacks.<\/p>\n<h4>  Aussichten f&#252;r den Islamismus<\/h4>\n<p>  In &#196;gypten und Tunesien spielten islamische Kr&#228;fte zwar in der   Revolution kaum eine Rolle. Aber das bedeutet nicht, dass die Gefahr   durch den Islamismus gebannt w&#228;re. Es kann sein, dass sie bei k&#252;nftigen   Wahlen deutlich besser abschneiden, weil sie besser ausgebaute   Strukturen haben als die neuen Kr&#228;fte, die in den Revolutionen   entstanden (und weil die Massen oft erst bereits bestehende   Organisationen testen, bevor sie neue aufbauen).<\/p>\n<p>  Vor allem aber sind die Probleme, vor denen die Massen in Nordafrika und   anderen &#252;berwiegend islamischen L&#228;ndern stehen, auf kapitalistischer   Grundlage nicht l&#246;sbar. Das galt schon in den f&#252;nfziger oder sechziger   Jahren, als der Kapitalismus weltweit den gr&#246;&#223;ten Aufschwung seiner   Geschichte hatte. Damals f&#252;hrte die Entt&#228;uschung &#252;ber den b&#252;rgerlichen   Nationalismus dazu, dass sich Stadtarmut, Intellektuelle und b&#252;rgerliche   Schichten von ihm ab und dem Islamismus zuwandten. Heute befindet sich   der Kapitalismus weltweit in einer tiefen Krise. Probleme wie   menschenw&#252;rdige Wohnungen, ordentlich bezahlte Arbeit, ein Ende der   imperialistischen Einmischung, die L&#246;sung der nationalen Frage in   Israel\/Pal&#228;stina oder in Kurdistan lassen sich heute im Rahmen des   Kapitalismus erst recht nicht l&#246;sen. Das Scheitern des Nationalismus in   den sechziger Jahren (das mit dem Fiasko von Nassers &#228;gyptischem Regime   im Krieg gegen Israel 1967 am deutlichsten wurde) bereitete den Boden   f&#252;r den Aufstieg des Islamismus. Das war aber kein Automatismus. Ein   entscheidender Grund war, dass die sich sozialistisch nennenden,   tats&#228;chlich stalinistischen, Organisationen, den Nationalismus hofiert   hatten. Nach ihrer &#8222;Etappentheorie&#8220; mussten erst stabile b&#252;rgerliche   Staaten kommen, dann irgendwann sp&#228;ter der Sozialismus.<\/p>\n<p>  Trotzdem hatten vor dem internationalen Hintergrund der 1968er-Revolte   sozialistische Ideen Zulauf. Deshalb gab es in den siebziger Jahren in   vielen L&#228;ndern einen brutalen Kampf von pro-westlichen Regimen und   Islamisten gemeinsam gegen sozialistische Str&#246;mungen.<\/p>\n<p>  Auch in der kommenden Phase wird es vom Kampf zwischen lebendigen   Kr&#228;ften abh&#228;ngen, ob in den n&#228;chsten Jahren linke oder rechte Str&#246;mungen   Zulauf haben werden.<\/p>\n<p>  Das Kleinb&#252;rgertum (samt kleinb&#252;rgerlichen Intellektuellen), das   zwischen den Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft &#8211;   Bourgeoisie und Proletariat &#8211; h&#228;ngt, meint leicht, es w&#252;rde &#252;ber ihnen   schweben und die Einheit vertreten, im b&#252;rgerlichen Nationalismus die   Einheit der Nation, im Islamismus die Einheit der &#8222;umma&#8220;, der   Gemeinschaft der Gl&#228;ubigen. Das n&#252;tzt dem B&#252;rgertum, dessen   Klassenherrschaft dadurch vertuscht wird. Eine gerade aus b&#228;uerlichen   Verh&#228;ltnissen herausgerissene, desorientierte Stadtarmut kann dazu keine   Alternative entwickeln.<\/p>\n<p>  Die Arbeiterklasse k&#246;nnte das. Sie erlebt den Klassengegensatz zu (auch   muslimischen) Kapitalisten t&#228;glich. Sie ist daher f&#252;r den Islamismus, in   dessen Weltbild Klassengegens&#228;tze nicht passen, weniger empf&#228;nglich.   Aufgrund ihrer Stellung in der Produktion ist sie in der Lage, ein   kollektives Bewusstsein zu entwickeln und die zentrale Kraft in   Wirtschaft und Gesellschaft darzustellen, die andere unterdr&#252;ckte Teile   der Bev&#246;lkerung hinter sich versammeln kann und f&#228;hig ist, eine neue,   nichtkapitalistische, sozialistische Gesellschaft zu schaffen. Dabei   kann sie auch dem Islamismus den Boden entziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein halbes Jahr nach Beginn der arabischen Revolution\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[238],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14276"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14276"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14276\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}