{"id":14273,"date":"2011-06-14T00:00:00","date_gmt":"2011-06-14T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14273"},"modified":"2011-06-14T00:00:00","modified_gmt":"2011-06-14T00:00:00","slug":"14273","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/06\/14273\/","title":{"rendered":"Rezepte f&#252;r Katastrophen"},"content":{"rendered":"<p>  Kommt es zur Insolvenz Griechenlands? Verl&#228;sst Hellas die Euro-Zone?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Anfang Mai hielten die europ&#228;ischen Finanzminister ein Geheimtreffen   ab, um &#252;ber die Griechenland-Krise zu beraten. Dort wurden auch   Szenarien f&#252;r eine Staatspleite und die Wiedereinf&#252;hrung der Drachme   durchgespielt. Als diese nicht f&#252;r die &#214;ffentlichkeit bestimmten   Nachrichten doch durchsickerten, wurde die Zusammenkunft vom Gastgeber,   dem Luxemburgischen Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker, zun&#228;chst   barsch dementiert. Dann stritten alle Beteiligten den wahren Inhalt der   Gespr&#228;che ab. Schlie&#223;lich wurde es auf den Kapitalm&#228;rkten turbulent. Und   die b&#252;rgerlichen Kommentatoren &#228;u&#223;erten sich d&#252;ster. So urteilte   Wolfgang M&#252;nchau am 9. Mai in der Financial Times: &#8222;Die k&#246;nnen nicht mal   ein privates Treffen organisieren. Wie wollen sie da eine Schuldenkrise   l&#246;sen?&#8220;<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  In seinem &#8222;Kapital&#8220; erkl&#228;rte Karl Marx die Kapitalisten f&#252;r unf&#228;hig, die   Widerspr&#252;che ihres eigenen Wirtschaftssystems zu erkennen und zu   &#252;berwinden. In aller Regelm&#228;&#223;igkeit purzelt ihnen &#8222;das Haus &#252;ber dem   Kopf zusammen&#8220;. So auch vor drei Jahren. Um diese j&#252;ngste globale   Rezession einzud&#228;mmen, mobilisierten die Herrschenden weltweit 15   Billionen US-Dollar. Da vor allem &#246;ffentliche Gelder in den Bankensektor   und in die Industrien gepumpt wurden, mutierten die staatlichen   Schuldenberge zu Schuldengebirgen.<\/p>\n<p>  Beliefen sich die Staatsschulden am Ende des kapitalistischen   Nachkriegsaufschwungs Mitte der siebziger Jahre bei den f&#252;hrenden   Industriel&#228;ndern noch auf etwa 40 Prozent des Sozialprodukts, so   verdoppelten sich diese seitdem im Schnitt auf &#252;ber 80 Prozent. In den   USA liegt die Gesamtverschuldung schon bei fast 100 Prozent des   Bruttoinlandsprodukts (BIP), in Japan gar bei &#252;ber 200 Prozent. Gemessen   an diesen &#246;konomischen Riesen nehmen sich die Defizite in L&#228;ndern wie   Griechenland (wo die Schulden 2011 zum Beispiel von 143 auf gesch&#228;tzte   160 Prozent des BIP klettern werden) in absoluten Zahlen vergleichsweise   gering aus. Dennoch spitzt sich die Schuldenkrise in diesen Tagen gerade   im Euro-Raum besonders zu.<\/p>\n<h4>  Geburtsfehler des Euro<\/h4>\n<p>  Seit die Gemeinschaftsw&#228;hrung 1999 aus der Taufe gehoben wurde, krankt   sie an einem Grundproblem. Die Aufgabe der nationalen W&#228;hrungen zwang   die heute 17 Mitgliedsl&#228;nder zu einer einheitlichen W&#228;hrungs- und   Zinspolitik. Auf Dauer ist ein solcher gemeinsamer finanzpolitischer   Kurs von miteinander in Konkurrenz stehenden L&#228;ndern jedoch   ausgeschlossen. Also m&#252;ssten die verschiedenen Nationalstaaten   eigentlich aufgel&#246;st werden &#8211; allerdings k&#246;nnen die jeweiligen   Kapitalistenklassen auf ihre nationalstaatliche Souver&#228;nit&#228;t unm&#246;glich   verzichten. Selbst Konzerne wie Siemens, deren Belegschaft   beispielsweise mehrheitlich im Ausland besch&#228;ftigt ist, m&#252;ssen sich &#8211; da   sie mit anderen privaten Unternehmen im Wettstreit stehen &#8211; auf ein   nationales Territorium zur&#252;ckziehen k&#246;nnen und ben&#246;tigen staatlichen   Schutz.<\/p>\n<p>  Im Aufschwung der Nullerjahre konnten diese Probleme noch im Zaum   gehalten werden. In Krisenzeiten erweist sich der Euro f&#252;r die   Mitgliedsstaaten jedoch mehr und mehr als Zwangsjacke. Zumal sich in den   Vorjahren divergierende Prozesse verst&#228;rkten: W&#228;hrend der industrielle   Sektor in den kleineren L&#228;ndern weiter ausgeh&#246;hlt wurde, erh&#246;hte sich   der industrielle Anteil am deutschen BIP sogar noch einmal leicht auf 24   Prozent.<\/p>\n<h4>  Sparpolitik bedeutet Brandbeschleunigung<\/h4>\n<p>  Der russische Revolution&#228;r Lenin sprach einmal davon, dass die   Herrschenden nicht gro&#223; anfangen nachzudenken, wenn sie am Rande des   Abgrunds stehen. Diese Beobachtung trifft exakt auf die Regierungen der   Euro-Zone zu.<\/p>\n<p>  Vor genau einem Jahr wurde f&#252;r das hochverschuldete Griechenland das   erste Rettungspaket geschn&#252;rt. Zugestanden wurden bis 2013 Darlehen und   Kreditgarantien in H&#246;he von 110 Milliarden Euro. In der Zwischenzeit   wurden &#228;hnliche Rettungspakete f&#252;r Irland und Portugal bereitgestellt.   All diese &#8222;Hilfen&#8220; sind an harte Auflagen gekn&#252;pft. Damit diese L&#228;nder   Kredite und Zinsen an die Gl&#228;ubiger zur&#252;ckzahlen k&#246;nnen, soll die   Arbeiterklasse geschr&#246;pft werden. Dieser Kamikaze-Kurs bedeutete f&#252;r die   arbeitende Bev&#246;lkerung Griechenlands letztes Jahr Einkommensverluste von   zwanzig Prozent. 200.000 Lohnabh&#228;ngige wurden entlassen. Der Konsum   brach ein. Jeder f&#252;nfte Laden in Athen musste schlie&#223;en. Die Wirtschaft   schrumpfte um 4,5 Prozent. Der Aktienmarkt fiel auf das Niveau von 1997   zur&#252;ck. Der Geldstrom in die Staatskassen versiegte. Die Folge: Statt   sich zu berappeln und sukzessive &#252;ber Staatsanleihen selber wieder   Mittel am Kapitalmarkt besorgen zu k&#246;nnen, wurde schon die H&#228;lfte des   Rettungsfonds aufgebraucht, die restlichen 55 Milliarden reichen   wahrscheinlich nur noch bis Fr&#252;hjahr 2012 (und nicht, wie geplant, bis   2013). Dann w&#228;re Griechenland bankrott.<\/p>\n<p>  Vor diesem Hintergrund wurde in dem Mittelmeerstaat nun auf Dr&#228;ngen der   Euro-L&#228;nder ein gewaltiges Privatisierungsprogramm gestartet. 50   Milliarden Euro sollen so kurzfristig in die Kassen gesp&#252;lt werden. Da   diese Forcierung neoliberaler Ma&#223;nahmen zu noch mehr Entlassungen und   Armut f&#252;hren wird, wirken solche Spar-auflagen nur wie   &#8222;Brandbeschleuniger&#8220; (so Frank Sch&#228;ffler, Finanz-&#8222;Experte&#8220; der   FDP-Bundestagsfraktion).<\/p>\n<p>  Bereits vor diesem neuen sogenannten Austerit&#228;tsprogramm kam es in   Griechenland zum neunten Generalstreik seit Beginn der Rezession. Auch   die Jugend S&#252;deuropas sendete Signale, dass sie das kapitalistische   Krisenmanagement nicht l&#228;nger hinzunehmen gedenkt. Allen voran &#8222;die   Emp&#246;rten&#8220; (Los Indignados) Spaniens: In 130 St&#228;dten besetzten   Zehntausende die &#246;ffentlichen Pl&#228;tze; der Plaza Puerta del Sol wurde   schon als Madrider &#8222;Tahrir-Platz&#8220; bezeichnet.<\/p>\n<h4>  Das U-Wort<\/h4>\n<p>  Es ist ein offenes Geheimnis, dass Griechenland niemals seine Schulden   begleichen kann. Die Debatte &#252;ber eine partielle Streichung der   Schulden, euphemistisch &#8222;Umschuldung&#8220; genannt, ist voll entbrannt. Eine   &#8222;sanfte Umschuldung&#8220;, eine Verl&#228;ngerung der Laufzeit der Kredite,   scheint bereits beschlossene Sache. Offensichtlich wird das nicht   reichen. Eine partielle oder komplette Schuldenstreichung h&#228;tte aber   viele Verlierer.<\/p>\n<p>  Gerade die Europ&#228;ische Zentralbank (EZB) ist in Alarmbereitschaft.   Schlie&#223;lich haben die deutschen und andere private Geldh&#228;user j&#252;ngst ein   Drittel der griechischen Schulden auf die EZB abgew&#228;lzt; bis 2013 soll   der &#246;ffentliche Anteil an den griechischen Schulden sogar 50 Prozent   betragen. Mit der Konsequenz, dass eine Schuldenstreichung f&#252;r die EZB   Verluste von &#252;ber hundert Milliarden Euro mit sich bringen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Da die franz&#246;sischen Banken in Griechenland am st&#228;rksten involviert sind   und ein &#8222;hair cut&#8220;, ein partieller Verzicht auf die R&#252;ckzahlung der   Kredite, Milliardenverluste f&#252;r Frankreichs Kapital bedeuten w&#252;rde,   wehrt sich die Regierung von Nicolas Sarkozy besonders vehement gegen   einen solchen Schritt.<\/p>\n<p>  Zudem haben die griechischen Banken und Pensionskassen dem griechischen   Staat 75 Milliarden Euro geliehen. Sie w&#228;ren wahrscheinlich schon bei   einer Halbierung der griechischen Staatsschulden pleite (&#252;brigens haben   die Bankkunden bereits 46 Milliarden Euro von den Konten abgehoben).   Griechenland w&#228;re eine Volkswirtschaft ohne einen eigenen   funktionierenden Bankensektor.<\/p>\n<p>  Vor allem f&#252;r die griechischen und franz&#246;sischen Geldh&#228;user und f&#252;r die   EZB und damit f&#252;r die ganze Euro-Zone gilt die Warnung vom   EZB-Chefvolkswirt J&#252;rgen Stark: &#8222;Eine Umschuldung ist das Rezept f&#252;r   eine Katastrophe.&#8220; Darum soll ein Schuldenschnitt weiter hinausgeschoben   werden. Wenn er sich dann nicht l&#228;nger vermeiden l&#228;sst, k&#246;nnte das zu   einer schwer kalkulierbaren Eskalation von Bankenzusammenbr&#252;chen und   politischen Turbulenzen f&#252;hren.<\/p>\n<h4>  Zur&#252;ck zur Drachme?<\/h4>\n<p>  Nicht nur das U-Wort macht die Runde. Auch &#252;ber einen Austritt   Griechenlands aus dem Euro-Raum wird spekuliert. Aber das w&#228;re f&#252;r   Griechenland ebenfalls keine L&#246;sung. Abgesehen von einem zu erwartenden   Run auf die Banken und einer panikartigen Kapitalflucht k&#246;nnten die   Schulden m&#246;glicherweise weiterhin in Euro gerechnet werden. Bei einer   sicherlich extrem schwachen Drachme w&#228;re das Land dann fast sofort   zahlungsunf&#228;hig.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich beg&#252;nstigt eine abgewertete W&#228;hrung den Absatz auf dem   Weltmarkt. Da der griechische Exportsektor aber nur sieben Prozent zum   BIP beisteuert, l&#228;sst sich darauf auch nicht bauen.<\/p>\n<p>  Was die europ&#228;ischen Kapitalisten am meisten umtreibt, ist die Angst vor   einer Kettenreaktion. Schon ein Austritt Griechenlands w&#252;rde verheerende   Risiken f&#252;r die weitere Existenz der Gemeinschaftsw&#228;hrung bergen. Aber   was w&#228;re, wenn Irland, Portugal oder sogar L&#228;nder wie Italien und   Spanien folgen sollten? &#8222;Wir wollen nicht, dass der Euro-Raum ohne Grund   explodiert&#8220;, &#228;u&#223;erte Juncker.<\/p>\n<p>  Mitte Mai beschrieb die Ratingagentur Standard and Poor&#8217;s die   Zukunftsaussichten Italiens erstmals mit &#8222;negativ&#8220;. Solche Wertungen   gehen oft Herabstufungen der Kreditw&#252;rdigkeit voraus. Das verteuerte die   Pr&#228;mie der Kreditausfallversicherungen auf einen Schlag um acht Prozent.   Im Gegensatz zu Griechenland ist Italien alles andere als ein kleiner   Fisch. Dieser &#8222;Fisch&#8220; &#8211; die drittgr&#246;&#223;te Euro-&#214;konomie mit einer   Staatsschuld von 118 Prozent, 1.760 Milliarden Euro &#8211; w&#252;rde   wahrscheinlich jedes europ&#228;ische Rettungsnetz rei&#223;en.<\/p>\n<h4>  Innereurop&#228;ische Rivalit&#228;ten<\/h4>\n<p>  Die B&#252;rgerlichen beklagen selber, dass der Gemeinschaftsw&#228;hrung eine   &#8222;politische Union&#8220; fehlt. Aufgrund des Fortbestehens der Nationalstaaten   im Kapitalismus l&#228;sst sich dieses Problem allerdings nicht l&#246;sen. Im   Zuge der heutigen &#246;konomischen und politischen Krise nehmen die   Spannungen noch zu. So sieht Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt in der   Euro-Krise &#8222;vielmehr eine Krise der Handlungsf&#228;higkeit der EU   insgesamt&#8220;. Und weiter: &#8222;Weder gibt es eine gemeinsame Wirtschafts- und   Finanzpolitik, noch eine gemeinsame Au&#223;en- und Sicherheitspolitik.&#8220; Ob   die Euro-Rettungsma&#223;nahmen, ob eine &#8222;Umschuldung&#8220; Griechenlands oder   Libyen &#8211; in einer Frage nach der anderen kommt es zu Konflikten,   zuvorderst zwischen den beiden beherrschenden M&#228;chten der Euro-Zone:   Frankreich und Deutschland.<\/p>\n<p>  Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&#228;uble h&#228;lt die Folgen einer   &#8222;Umschuldung&#8220; Griechenlands f&#252;r katastrophaler als die   Lehman-Brothers-Pleite. Eine Staatsinsolvenz Hellas&#8217; k&#246;nnte bereits die   Euro-Zone sprengen. Dies h&#228;tte nicht nur unabsehbare &#246;konomische   Verwerfungen zur Folge, sondern w&#252;rde (m&#246;glicherweise im Zuge der   Herausbildung mehrerer W&#228;hrungsgebiete) die Konflikte zwischen den   Gro&#223;m&#228;chten Europas weiter zuspitzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Kommt es zur Insolvenz Griechenlands? 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