{"id":14245,"date":"2011-05-23T12:00:00","date_gmt":"2011-05-23T12:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14245"},"modified":"2012-06-08T13:42:42","modified_gmt":"2012-06-08T11:42:42","slug":"14245","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/05\/14245\/","title":{"rendered":"Der Fall Dominique Strauss-Kahn und die Medien"},"content":{"rendered":"<p>Wie aus einer Anklage wegen Vergewaltigung ein Sex-Skandal wird<\/p>\n<p>Am 14. Mai wurde Dominique Strauss-Kahn in New York festgenommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen versuchter Vergewaltigung, sexueller Bel\u00e4stigung und Freiheitsberaubung einer Angestellten des New Yorker Hotels Sofitel.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Medien berichtet seitdem in einer Art und Weise \u00fcber den, mittlerweile zur\u00fcckgetretenen, IWF-Chef und Spitzenpolitiker der franz\u00f6sischen Sozialistischen Partei, die aus einem Verbrechen einen Promi-Skandal macht.<\/p>\n<h4><em>von Alexandra Arnsburg und Anne Engelhardt<\/em><\/h4>\n<p>\u201eSein Schwachpunkt war schon immer der Genitalbereich\u201c (S\u00fcddeutsche Zeitung), \u201em\u00e4chtige M\u00e4nner und Sex-Aff\u00e4ren\u201c(stern), \u201eSexskandal\u201c (taz) \u2013 das sind nur einige der Schlagworte, die uns, diplomatisch ausgedr\u00fcckt, auf den Magen schlagen. Denn liest man nur die \u00dcberschriften, k\u00f6nnte man meinen, Strauss-Kahn sei mit seiner Geliebten erwischt worden.<\/p>\n<p>Doch Vergewaltigung ist kein Kavaliersdelikt oder gar eine Sex-Aff\u00e4re, sondern ein Verbrechen, bei dem es weniger um Sex, als um die r\u00fccksichtslose Aus\u00fcbung von Macht und Gewalt geht. Immer wieder wird in den Massenmedien Vergewaltigung mit Sex gleichgesetzt. Das f\u00fchrt letztlich zu einer Bagatellisierung solcher frauenfeindlichen Verbrechen.<\/p>\n<p>Doch die Berichterstattung zum Fall Strauss-Kahn wirft auch ein Licht auf den generellen Umgang mit Frauen in den Massenmedien. Auch wenn es in rechtlicher Hinsicht einige Verbesserungen f\u00fcr die Lage von Frauen gab, ist gerade in den Medien eine Zunahme von frauenfeindlichen Inhalten zu beobachten. Frauenk\u00f6rper preisen Waren an, Mainstream-Fernsehserien bedienen klassische Rollenbilder, in der im Internet leicht verf\u00fcgbaren Pornografie wird eine Sexualit\u00e4t dargestellt, die mit den wahren Bed\u00fcrfnissen von Frauen (und M\u00e4nnern) nichts zu tun hat, Werbekampagnen wie die von Dolce &amp; Gabbana erinnern an Vergewaltigungsszenen. Frauen werden verst\u00e4rkt auf ihren K\u00f6rper reduziert.<\/p>\n<h4>\u201eDas erste Opfer ist Frankreich\u201c<\/h4>\n<p>In dem Fall Strauss-Kahn wird mit der Gleichsetzung von Sex und Vergewaltigung versucht, das Verbrechen zu bagatellisieren. Mit Verschw\u00f6rungstheorien und Kommentaren von Strauss-Kahns ParteifreundInnen, denen er und seine Familie leid tun, wird von der eigentlichen Tat abgelenkt, dem Opfer Vorw\u00fcrfe gemacht, absichtlich gehandelt zu haben, ganz Frankreich und ihm bzw. den \u201eSozialisten\u201c zu schaden.<\/p>\n<p>St\u00e4ndig werden Berichte und Bilder ver\u00f6ffentlicht, die einen geknickten und leidenden Strauss-Kahn darstellen: \u201eStrauss-Kahn ist gefangen im Hotel\u201c(derwesten), \u201eDer letzte Halt f\u00fcr Dominique Strauss-Kahn\u201c (derStandard), \u201eStrauss-Kahn vermisst vor allem seine Uhr\u201c (S\u00fcddeutsche). Dazu kommen einseitige, taktischen Erw\u00e4gungen wie \u201eDrei Optionen &#8211; So k\u00f6nnte sich Strauss-Kahn vor Gericht verteidigen\u201c (Focus, Financial Times Deutschland).\u201c<\/p>\n<p>Viele Medien stehen mit der Form ihrer Berichterstattung hinter Strauss-Kahn, dabei ist nicht klar ob er schuldig ist oder nicht. Die Beweisf\u00fchrung verdichtet sich gegen ihn.<\/p>\n<p>In der Presse wird jedoch kaum ein Wort dar\u00fcber verloren, was so eine Tat mit dem Leben der betroffenen Frau macht. Wie geht es der Hotelangestellten, welche Prozedere von Befragungen muss sie \u00fcber sich ergehen lassen, wird sie noch in ihrem Beruf arbeiten k\u00f6nnen \u2013 immer mit der Angst allein mit Hotelg\u00e4sten sein zu m\u00fcssen? Das sind Fragen, die zur Zeit kaum \u00f6ffentlich gestellt werden. Zudem wird die betroffene Hotelfachfrau in den Medien gr\u00f6\u00dftenteils als \u201eZimmerm\u00e4dchen\u201c betitelt. Bewusst spielen Teile der Presse mit dem vielfach sexuell gef\u00e4rbten Image des \u201eZimmerm\u00e4dchens\u201c und suggerieren somit schon im Vorfeld die Zweifelhaftigkeit ihrer Anschuldigung. Strauss-Kahn behauptet mittlerweile die Tat sei im gegenseitigen Einvernehmen geschehen, nachdem sein Alibi geplatzt ist.<\/p>\n<p>Anderen Opfern von derartigen Verbrechen wird bei dieser Berichterstattung der Mut genommen, so etwas zur Anzeige zu bringen.<\/p>\n<h4>Der IWF-Patriarch<\/h4>\n<p>Der Chef des Internationalen W\u00e4hrungsfonds repr\u00e4sentiert die Konzentration von Macht in den H\u00e4nden von Einzelpersonen, die im Kapitalismus in der Regel M\u00e4nner sind. Geboren in einer b\u00fcrgerlichen Familie durchschritt er eine akademische Karriere, wurde Professor f\u00fcr Wirtschaft an der Sciences Po in Paris, eine der bedeutendsten Eliteuniversit\u00e4ten Frankreichs.<\/p>\n<p>2007 wurde Strauss-Kahn zum Chef des Internationalen W\u00e4hrungsfonds gew\u00e4hlt, der weltweit Kredite an L\u00e4nder vergibt und im Gegenzug f\u00fcr die betroffene Bev\u00f6lkerung katastrophale Bedingungen stellt, wie Privatisierungen, horrende Zinsen und, wie aktuell hinsichtlich Portugal und Irland, Vorgaben f\u00fcr weitere K\u00fcrzungen macht.<\/p>\n<p>Aber trotz aller Macht, zeigt der Fall auch die Ersetzbarkeit m\u00e4chtiger M\u00e4nner im Kapitalismus. Das System funktioniert weiter \u2013 und angesichts der tiefen Krisenprozesse wurde Strauss-Kahn schnell zum R\u00fccktritt gedr\u00e4ngt und wird durch Christine Lagarde ersetzt, die seine Politik einfach fortsetzen wird.<\/p>\n<h4>Neoliberale Politik, Macht und Frauenfeindlichkeit<\/h4>\n<p>Frauendiskriminierung und sexuelle Gewalt sind auch in den herrschenden Kreisen kein Einzelfall. .<\/p>\n<p>2006 rutsche Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin gegen\u00fcber dem damaligen israelischen Premierminister Ehud Olmert heraus, dass er den israelischen Pr\u00e4sidenten Katzav bewundere: \u201eZehn Frauen hat er vergewaltigt. Das h\u00e4tte ich ihm nicht zugetraut. Er hat uns alle \u00fcberrascht. Wir alle beneiden ihn.&#8220; (Financial Times Deutschland). Silvio Berlusconis regelm\u00e4\u00dfige frauenfeindlichen \u00c4u\u00dferungen und die Vorw\u00fcrfe hinsichtlich seiner Verstrickungen in Prostitution und Sex mit Minderj\u00e4hrigen sind ein anderes Beispiel. Der Sexismus der Herrschenden ist Ausdruck des Sexismus des von ihnen repr\u00e4sentierten Systems.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Massenmedien nutzt das Thema \u201ePolitik, Macht und Sex\u201c zur Steigerung der Verkaufszahlen. Ruchlose Politiker oder andere m\u00e4chtige M\u00e4nner werden als Superhengste gefeiert, w\u00e4hrend die betroffenen Frauen dem Anschein nach noch froh dar\u00fcber sein sollen, dass sich so ein Mann f\u00fcr sie \u201einteressiert\u201c hat. Dabei stellen sexuelle Bel\u00e4stigung und Vergewaltigung die h\u00f6chste Form der Erniedrigung und Machtdemonstration dar.<\/p>\n<p>Dahinter steckt System: Die Aufrechterhaltung der Macht einer Minderheit \u00fcber die Mehrheit in einer Klassengesellschaft basiert auch auf der Spaltung der Mehrheit. Die Herrschenden haben kein Interesse daran, dass M\u00e4nner Frauen auf gleicher Augenh\u00f6he begegnen. Die mehrheitlich von Frauen geleistete unentgeltliche Hausarbeit dient ebenso zur Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems, wie die Spaltung durch Lohndiskriminierung und Sexismus. Dieses Interesse spiegeln auch kapitalistische Medien wider, wenn sie in der oben beschriebenen Art und Weise \u00fcber einen Vergewaltigungsvorwurf berichtet, bei dem ein m\u00e4chtiger Repr\u00e4sentant des Kapitalismus angezeigt ist.<\/p>\n<h4>Sexualit\u00e4t und Sexismus ist nicht das gleiche<\/h4>\n<p>Im Kapitalismus sorgt die Spaltung zwischen M\u00e4nnern und Frauen nicht nur daf\u00fcr, dass die einen mehr Geld f\u00fcr die gleiche Arbeit bekommen, als die anderen, sondern auch daf\u00fcr, dass Frauenk\u00f6rper als Waren angeboten werden oder zum Verkauf von Waren benutzt werden. Dahinter steht ein milliardenschwerer Markt. Die Darstellung von Frauenk\u00f6rpern in der Werbung und Pornoindustrie, die unkritische Akzeptanz von Prostitution zementieren das Bild einer (f\u00fcr M\u00e4nner) freien Verf\u00fcgbarkeit weiblicher Sexualit\u00e4t. Frauen wird suggeriert, dass sie nur gl\u00fccklich werden k\u00f6nnen, indem sie die herrschenden Frauenbilder und -rollen kopieren. Frauen, die sich dagegen auflehnen und sich zum Beispiel nicht den vorgegebenen Modetrends anpassen, haben mit Diskriminierung zu rechnen.<\/p>\n<p>Das passiert in einer Gesellschaft in der der Kampf um Existenzsicherung, aber auch um Anerkennung durch immer mehr Arbeits- und Leistungsdruck dazu f\u00fchrt, dass Menschen sich entfremden, entsolidarisieren und vereinsamen. Diese katastrophale Entwicklung der menschlichen Psyche wird zur Profitmacherei ausgenutzt \u2013 ob durch Prostitution, den Verkauf von Pornografie oder den Einsatz von Frauenk\u00f6rpern in der Werbung. M\u00e4nnern werden Frauenk\u00f6rper angeboten, die ihnen scheinbar jederzeit zur Verf\u00fcgung stehen, um diesem Zustand der Vereinsamung oder um dem Gef\u00fchl der eigenen Machtlosigkeit durch die Aus\u00fcbung von Macht gegen\u00fcber Frauen kurzzeitig zu entkommen. Dabei wird auch ein Gef\u00fchl verkauft: Sei erfolgreich mit diesem Deo, sei sch\u00f6n mit dieser Di\u00e4t, sei ges\u00fcnder mit diesem Medikament \u2013 damit du einen guten Preis auf dem Markt erzielst (Erfolg hast) oder kaufe Sex, um der Einsamkeit oder dem Gef\u00fchl der Machtlosigkeit einen Moment lang zu entkommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Frauen oftmals als unselbst\u00e4ndige, von einem Mann abh\u00e4ngige oder \u201ezu rettende\u201c Menschen dargestellt werden, die (im Falle des Durchschnittspornos) immer oder zumindest dann, wenn sie an \u201eden Richtigen geraten\u201c, sexuell willig sind, konstruieren die Massenmedien auch zunehmend M\u00e4nnerbilder, die diese unter steigenden psychischen Druck setzen. Hier sind es im Zweifelsfall die Muskeln, im Porno die permanente F\u00e4higkeit \u201ezu k\u00f6nnen\u201c oder andere typisch m\u00e4nnliche Attribute, die dargestellt werden. Und selbst in der homosexuellen Pornografie werden Rollenbilder von Herrschern und Beherrschten reproduziert.<\/p>\n<p>Die oftmals sexistische Darstellung von Sexualit\u00e4t in den Massenmedien, der Werbe- und Pornoindustrie wird dazu genutzt, dass alles was mit Nacktheit und intimen Ber\u00fchrungen zu tun hat, als Sexualit\u00e4t ausgelegt wird, damit Schlagzeilen und Umsatz gemacht werden k\u00f6nnen. Dabei basiert Sexualit\u00e4t auf gegenseitigem Einverst\u00e4ndnis, Lust und Respekt voreinander. Alles andere sind Ergebnisse einer Gesellschaft, die nur mit dem Teile-und Herrsche-Prinzip und auf der Basis von Profitlogik funktioniert. Der Kampf gegen Frauendiskriminierung und Sexismus ist deshalb ein notwendiger Bestandteil eines Kampfes f\u00fcr eine Gesellschaft, die sich an den Bed\u00fcrfnissen der Menschen statt an Profitmaximierung orientiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie aus einer Anklage wegen Vergewaltigung ein Sex-Skandal wird<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[32],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14245"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14245"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14245\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14245"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}