{"id":14232,"date":"2011-05-11T10:00:00","date_gmt":"2011-05-11T08:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14232"},"modified":"2012-07-02T18:44:57","modified_gmt":"2012-07-02T16:44:57","slug":"14232","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/05\/14232\/","title":{"rendered":"Neue ungarische Verfassung &#8211; neue Proteste gegen die Angriffe?"},"content":{"rendered":"<p>  Die Debatte um die neue ungarische Verfassung &#8211; auch &#8222;nationales   Bekenntnis&#8220; genannt &#8211; erhitzt die Gem&#252;ter, nicht nur in Ungarn, sondern   auch in vielen Teilen der Welt.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die am 18.04.11 beschlossene und zu Beginn des n&#228;chsten Jahres in   Kraft tretende Verfassung spiegelt den Nationalismus und Chauvinismus   der rechtsgerichteten FIDESZ wieder. So ist die autorit&#228;re   Einparteien-Verfassung nicht nur ein Abbild des nationalistischen   FIDESZ-Parteiprogramms, sondern auch ein Ausfluss des offen in der   Verfassung genannten Staatszieles &#8222;Ungarn von Neuem gro&#223; (zu) machen&#8220;.   Die neue Verfassung ist auch ein Ausdruck einer Ver&#228;nderung der   Machtverh&#228;ltnisse in Ungarn.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von unserem Korrespondenten in Budapest<\/i><\/h4>\n<p>  Die seit dem letzten Jahr immer st&#228;rker ausgebaute autorit&#228;re Diktatur   Orbans wird besonders deutlich an den Stra&#223;enumbenennungen in Budapest.   Es wird versucht unter Missachtung der Budapester Selbstverwaltung den   Moskau Platz in Szel Kalman Platz umzuwidmen. Szel Kalman war ein   rechter Politiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts der sich f&#252;r die   Magyarisierung Ungarns einsetzte. Auch Stra&#223;en und Pl&#228;tze die nach den   K&#228;mpferInnen der Ungarischen R&#228;terepublik von 1918\/19 benannt sind,   werden umbenannt und durch Vertreter des nationalen Lagers ersetzt. Wenn   sich Orban schon nicht um die Budapester Selbstverwaltung schert, dann   wird er sich auch nicht um kritische Stimmen k&#252;mmern. Orban wird   politischen Widerspruch &#8211; unabh&#228;ngig ob dieser nun b&#252;rgerlich oder links   ist &#8211; nicht auf Dauer dulden. So wird schon jetzt das ungarische   Verfassungsgericht demontiert. Mi&#223;liebige MSzP-BeamtInnen werden   abges&#228;gt und durch FIDESZ-B&#252;rokratInnen ersetzt. Die restlichen   kritischen Stimmen sollen durch das neue Mediengesetz &#8222;erstickt&#8220; werden.<\/p>\n<h4>  Kann sich Widerstand gegen die nationalistische Verfassung aufbauen?<\/h4>\n<p>  Einige b&#252;rgerlichen Kommentatoren behaupten, dass die UngarInnen einen   melancholischen und passiven Charakter haben und sie daher die kommenden   Verh&#228;ltnisse schon irgendwie ertragen werden. Doch was sollen die   UngarInnen noch alles ertragen? Im Januar wurden die Gaspreise   exorbitant erh&#246;ht. Dann wurde ab Februar die neue Flattax, die einen   einheitlichen Steuersatz von 16 Prozent vorsieht, eingef&#252;hrt. Schon vor   M&#228;rz wurde begonnen alle InvalidInnen auf ihre Bed&#252;rftigkeit und   Rentenanspr&#252;che hin zu &#252;berpr&#252;fen. Die seit April beginnenden Proteste   zeigen, dass die neue Verfassung das Fass zum &#252;berlaufen brachte. Die   Wut treibt die Leute auf die Stra&#223;e. Auch am Wochenende 16.\/17. April   mehrere tausend Menschen an verschiedenen Demonstrationen beteiligt.   Schon von Freitag an gab es mindestens jeden Tag eine Demonstration, auf   der die Ablehnung und Widerstand gegen die neue FIDESZ-Verfassung zum   Ausdruck kam.<\/p>\n<p>  Und auch historisch stimmt das Bild der gem&#252;tlichen und duldsamen   UngarInnen nicht &#8211; 1918\/19 und 1956 sollten daf&#252;r Beweis genug sein!<\/p>\n<h4>  Wie wird der bisherige Protest von den Liberalen organisiert?<\/h4>\n<p>  Am Freitagabend (15. April) fand in der Verfassungsstra&#223;e (alkotmany   utca), unweit vom ungarischen Parlament, eine Demonstration statt, die   von der liberalen Organisation &#8222;eine Million Menschen f&#252;r die ungarische   Pressefreiheit&#8220; (egymilli&#243;an a magyar sajt&#243;szabads&#225;g&#233;rt) haupts&#228;chlich   &#252;ber Facebook organisiert wurde. Wenn auch pr&#228;sent in Facebook, so war   diese Veranstaltung wenig k&#228;mpferisch. Dem Aufruf, der sich gegen das   neue Mediengesetz richtet und f&#252;r Redefreiheit ist, folgten etwa zwei   bis drei tausend Menschen. Unter den DemonstrantInnen befanden besonders   viele Liberale und Schwulenbewegte mittleren Alters, so wie auch Roma.<\/p>\n<h4>  Wie r&#252;ckschrittlich ist die neue ungarische Verfassung?<\/h4>\n<p>  Die Teilnahme von AktivistInenn der Schwulenbewegung ist kein Zufall.   Denn das&#160;&#8222;nationale Bekenntnis&#8220; (neue Verfassung) ist ein R&#252;ckschritt   der ohnehin nicht so positiven Gesetzeslage. Einige Schwulenbewegte   verteilten rosafarbene Dreiecke mit der Aufschrift &#8222;Verfassung Artikel   K1&#8220; (alkotmany cikk K 1), die an die Symbole schwuler KZ-Insassen   erinnern. Der Artikel K1 schreibt fest, dass es nur die &#8222;Ehe als eine   Lebensgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau&#8220; g&#228;be, deren Zweck   die Zeugung von Kindern zum &#8222;Fortbestand der Nation&#8220; ist. Andere Formen   des Zusammenlebens wie schwule oder lesbische Lebenspartnerschaften   werden dadurch ausgeschlossen und werden wohl auch in Zukunft st&#228;rker   als bisher repressiv verfolgt. Die letzten Budapest Prides und   LGBT-Demonstrationen zeigten dies schon zu gen&#252;ge. Eine andere Gruppe   &#8222;Patent&#8220; kritisierte in ihrem Flugblatt die patriachalen   Lebensverh&#228;ltnisse in Ungarn die ebenfalls mit der neuen Verfassung   gest&#228;rkt werden sollen.<\/p>\n<h4>  Welche Bef&#252;rchtungen gibt es von der sozialdemokratischen MSzP?<\/h4>\n<p>  Neben dieser liberalen Demo, die von einer relativ jungen Bewegung   organisiert wurde und viele verschiedene Menschen ansprach, gab es auch   noch zwei weitere Demonstrationen. Die eine war vom fr&#252;heren   sozialdemokratischen MSzP-Ministerpr&#228;sident Ferenc Gyurcsany   organisiert, die andere von der seit 2009 existierenden gr&#252;nen LMP   (&#8222;Lehet M&#225;s a Politika&#8220;, auf deutsch &#8222;die Politik kann anders sein&#8220;).   Auf der Demo am Samstag, zu der Gyurcsany &#252;ber die von ihn gegr&#252;ndete   Bewegung &#8222;Ungarische Demokratische Charta&#8220; aufrief, kritisierte er   Orban, dass er nach Alleinherrschaft strebe und Orban die Pressefreiheit   mit F&#252;&#223;en treten w&#252;rde. Auch bef&#252;rchtet Gyurcsany, dass die Staatsanwalt   f&#252;r Orbans politische Ziele missbraucht werden k&#246;nnte. Als ehemaliger   MSzP-Ministerpr&#228;sident, der im Jahre 2006 die bekannte &quot;L&#252;genrede&quot;   hielt, k&#246;nnte er auch politischer Verfolgung &#8211; wie sie bei anderen   MszP-nahen Leuten wie der Philosophin Agnes Heller schon passiert &#8211;   ausgesetzt sein. An dieser Demo beteiligten sich etwa f&#252;nf tausend   Menschen. Die meisten TeilnehmerInnen waren mittleren Alters.<\/p>\n<h4>  Die gr&#252;ne LMP bef&#252;rchtet das Ende jeder Opposition<\/h4>\n<p>  Auf der sehr aufwendig gestalteten Demo der gr&#252;nen LMP fanden sich trotz   starker Mobilisierung mit Infost&#228;nden im Stadtgebiet nur etwa 800   Menschen ein. Die LMP hob auf ihrer Demonstration besonders hervor, dass   die neue Verfassung die Rechtssicherheit nicht garantiere k&#246;nne und   Orban versucht, jede Opposition aus der Regierung zu dr&#228;ngen. So sagt   Andrass Schiffer (LMP) mit Bezug auf die Verfassung, dass sie die Arbeit   aller jetzigen und kommenden Regierungen wegen der vielen   Zweidrittelgesetze l&#228;hmen wird und diese dann nur noch nach Orbans   &#8222;Pfeife tanzen&#8220;.<\/p>\n<h4>  Wo steht die Bewegung in Ungarn?<\/h4>\n<p>  Die Bewegung gegen die neue FIDESZ-Verfassung st&#252;tzt sich besonders auf   etablierte politische Kr&#228;fte. So k&#228;mpfen die meisten Gruppen f&#252;r   liberale Forderungen, wie Rechtsgarantien durch das Verfassungsgericht,   Rede- und Meinungsfreiheit, gegen eine politische Polizei und gegen   Diskriminierung. Diese Forderungen sind richtig, aber noch nicht   weitgehend genug um die bestehenden Verh&#228;ltnis ma&#223;geblich zu ver&#228;ndern.   Es ist richtig f&#252;r den Erhalt und die Ausweitung demokratischer Rechte   zu k&#228;mpfen. Es ist aber nicht verwunderlich, dass diese etablierten   Parteien die soziale Frage bestenfalls streifen. Die MSzP ist   verantwortlich f&#252;r brutale K&#252;rzungspolitik, die Liberalen setzen auf   Wirtschaftsliberalismus und auch die Gr&#252;nen betonen den Schutz des   Privateigentums (Timea Szabo). Doch die letzten Wochen haben gezeigt,   dass gerade die sozialen Probleme zehntausende Menschen auf die Stra&#223;e   treiben. Die gegenw&#228;rtigen Streiks der Polizei, Feuerwehr und anderer   Staatsbesch&#228;ftigten machen dies deutlich.<\/p>\n<h4>  Was k&#246;nnte die Bewegung erreichen?<\/h4>\n<p>  Zwanzig Jahre Kapitalismus haben die erhofften Verbesserungen nicht   gebracht. Daf&#252;r aber wachsende Arbeitslosigkeit und Armut. Orban &amp; Co.   versuchen mit ihrer national-chauvinistischen Politik davon abzulenken.   Die repressive neue Verfassung hat auch das Ziel, den Druck auf   Gewerkschaften und ArbeiterInnen, die sich wehren, zu erh&#246;hen.<\/p>\n<p>  Die Opposition wird zur Zeit von verschiedenen b&#252;rgerlich-liberalen   Kr&#228;fte dominiert. Linke Organisationen sind schwach. Und faschistische   Kr&#228;fte versuchen ganz bewusst auch in die Arbeitsk&#228;mpfe einzugreifen, um   ihre Basis zu verbreitern. Die Aufgabe, die in Ungarn vor SozialistInnen   liegt ist gro&#223;. Zentral ist die Verbindung der Bewegung f&#252;r   demokratische Recht mit der sozialen Frage. Die Sparlogik von IWF, Orban   und ungarischem Kapital muss zur&#252;ck gewiesen werden und die Unf&#228;higkeit   des Kapitalismus, den UngarInnen eine Zukunft zu geben erkl&#228;rt werden.   Gerade in den aktuellen K&#228;mpfen von ArbeiterInnen sind Forderungen nach   demokratischer Kontrolle und Verwaltung der Wirtschaft von zentraler   Bedeutung. Sozialistische Ideen k&#246;nnen eine breite Basis gewinnen, wenn   sie sich klar von den undemokratischen Strukturen des Stalinismus   ungarischer Pr&#228;gung distanzieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die Debatte um die neue ungarische Verfassung &#8211; auch &#8222;nationales<br \/>\n      Bekenntnis&#8220; genannt &#8211; erhitzt die Gem&#252;ter, nicht nur in Ungarn, sondern<br \/>\n      auch in vielen Teilen der Welt.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[43],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14232"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14232"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14232\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14232"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}