{"id":14214,"date":"2011-05-21T00:00:00","date_gmt":"2011-05-21T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14214"},"modified":"2011-05-21T00:00:00","modified_gmt":"2011-05-21T00:00:00","slug":"14214","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/05\/14214\/","title":{"rendered":"Ein generelles Ende des Wachstums fordern?"},"content":{"rendered":"<p>  Attac debattiert &#252;ber &#8222;Postwachstumsgesellschaft&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Vom 20. bis zum 22. Mai organisiert Attac gemeinsam mit anderen Gruppen   in der TU Berlin einen Kongress unter dem Motto &#8222;Jenseits des   Wachstums?!&#8220;. In der Einladung hei&#223;t es: &#8222;Wirtschaftswachstum wird   weltweit als universales Rezept gegen &#246;konomische Probleme jeglicher Art   angepriesen. Angesichts des Klimawandels, der Prekarisierung von Arbeit,   der Zerst&#246;rung der Umwelt, der Umverteilung von den Armen zu den Reichen   wird deutlich, dass dieses alte Rezept nicht funktioniert. Attac will   gemeinsam mit B&#252;ndnispartnerInnen nach neuen Antworten f&#252;r die   dr&#228;ngenden Krisen unserer Zeit suchen &#8211; Antworten, die jenseits des   Wachstumswahns liegen.&#8220;<\/p>\n<p>  Im M&#228;rz 2010 trafen sich &#8211; nach einer ersten Zusammenkunft 2008 &#8211; in   Spanien mehr als 400 Personen aus 40 L&#228;ndern zur zweiten   &#8222;Internationalen Postwachstumskonferenz&#8220;. Dort wurde die   &#8222;Barcelona-Erkl&#228;rung&#8220; abgegeben.<\/p>\n<p>  Gemeinsam mit Matthias Schmelzer hat Alexis Passadakis zu dieser Frage   gerade auch ein Buch ver&#246;ffentlicht: &#8222;Postwachstum &#8211; Krise, &#246;kologische   Grenzen &amp; soziale Rechte&#8220;, im VSA-Verlag erschienen.<\/p>\n<h4>  Alexis Passadakis, Mitglied im KoKreis von Attac<\/h4>\n<p>  &#8222;Die Biosph&#228;re ist bereits derart gepl&#252;ndert und fragil, dass   Naturausbeutung zur privaten Anh&#228;ufung von Reichtum gestoppt werden   muss. Dies aber setzt ein Ende des Wachstums im Norden voraus&#8220;, sagte   Nicola Bullard von der NGO &#8222;Focus on the Global South&#8220; beim   Weltsozialforum in Dakar im vergangenen Februar. Die st&#228;rksten Impulse   einer neuen Bewegung f&#252;r Umweltgerechtigkeit, die explizit die   &#246;kologische und die soziale Frage miteinander verbindet, kommen   inzwischen aus dem S&#252;den, insbesondere von den indigenen Bewegungen   Lateinamerikas.<\/p>\n<p>  Eine Illustration f&#252;r die anhaltende Pl&#252;nderung des S&#252;dens durch den   Norden liefert der &#8222;&#246;kologische Fu&#223;abdruck&#8220;: Er berechnet die   Biokapazit&#228;t der Bundesrepublik mit 1,9 &#8222;globalen Hektar&#8220; pro Kopf,   w&#228;hrend der tats&#228;chliche Pro-Kopf-Verbrauch bei 4,8 liegt. Auch wenn   dieser Indikator eher metaphorisch zu verstehen ist, weist er auf die   Grundlage der &#8222;imperialen Lebensweise&#8220; (Uli Brand\/Markus Wissen) des   Nordens hin. Denn diese basiert auf dem Zugriff auf die W&#228;lder,   Fischbest&#228;nde und landwirtschaftliche und mineralische Rohstoffe des   S&#252;dens und benutzt diesen zus&#228;tzlich noch als M&#252;llkippe. Auch auf der   Wertebene finanziert der S&#252;den den Norden kr&#228;ftig mit: Allein 2006   betrug der Nettokapitaltransfer von S&#252;d nach Nord circa 650 Milliarden   US-Dollar. An dieser globalen stofflichen und finanziellen   Ausbeutungsdynamik kommt keine internationalistische Position, die nicht   nur deklaratorisch ist, sondern programmatisch ernst gemeint ist,   vorbei. Wer von Wachstum im Norden spricht, sollte nicht davon schweigen   d&#252;rfen, dass ein erheblicher Teil der Ressourcen aus wesentlich &#228;rmeren   L&#228;ndern stammt.<\/p>\n<p>  Die Perspektive in den Metropolen ist jedoch eine ganz andere: Der etwa   dreij&#228;hrige Zyklus der UN-Klimaverhandlungen ab 2006\/07 endete mit dem   spektakul&#228;ren Desaster des Klima-Gipfels in Kopenhagen. Parallel zu der   ergebnislosen internationalen Diplomatie entfalteten sich neue   Diskussionen &#252;ber Schritte zu einem &#8222;gr&#252;nen&#8220;, &#8222;nachhaltigen&#8220;   Kapitalismus. Und nach dem Kollaps der Lehman Bank im September 2008   fand ein Revival von wirtschaftspolitischen Konzepten statt, die sich an   John M. Keynes&#8216; Ideen anlehnen. Diese beiden Diskussionsstr&#228;nge wurden   als Vorschlag zur Bew&#228;ltigung der Umwelt- und Weltwirtschaftskrise von   Think Tanks, liberalen und gr&#252;nen Parteien zu dem Konzept eines &#8222;Green   New Deal&#8220; verwoben, der den kriselnden finanzmarktgetriebenen   Kapitalismus durch einen &#8222;gr&#252;nen Kapitalismus&#8220; ersetzen soll &#8211; inklusive   eines neuen Wirtschaftsbooms mittels massiver Investitionen in neue   energieeffiziente Technologien. Das erhoffte Resultat: Umweltschutz,   Konzerngewinne und neue Jobs auf einen Streich. Auch viele   Gewerkschaften sehen diese Strategie als Option.<\/p>\n<p>  Jeder Schritt in Richtung einer Wirtschaftsweise, die auf erneuerbaren   Energien beruht, ist w&#252;nschenswert. Dennoch stellt sich die Frage, ob   eine Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum in dem   hohen notwendigen Ma&#223;e, wie sie n&#246;tig ist, um die &#246;kologischen Grenzen   zu respektieren, plausibel ist. Simple Arithmetik f&#252;hrt zu verbl&#252;ffenden   Ergebnissen: Die globale &#214;konomie ist heute fast f&#252;nf Mal gr&#246;&#223;er als vor   50 Jahren. Wenn das Welt-Bruttoinlandsprodukt mit der selben Rate weiter   w&#228;chst, dann wird im Jahr 2100 das Welt-BIP 80 Mal so gro&#223; sein. Selbst   bei erheblicher Energieeffizienzsteigerung und ambitionierter   Substitution fossiler durch erneuerbare Energien versagt angesichts   solcher Zahlen jeder technologische Optimismus. Es gilt, Sand in das   Getriebe der Kapitalakkumulation zu streuen, um die Zerst&#246;rung der   nat&#252;rlichen Lebensgrundlagen einzud&#228;mmen.<\/p>\n<p>  Hinzu kommt, dass zumindest in der deutschen &#214;ffentlichkeit &#8211; geschweige   denn von &#214;konomen &#8211; das Ph&#228;nomen der physischen Endlichkeit von   Schl&#252;ssel-Ressourcen kaum wahrgenommen wird. Selbst die Internationale   Energie-Agentur (IEA), f&#252;r die dieses Ph&#228;nomen bisher ein Tabu war, hat   inzwischen eingestanden, dass es ein F&#246;rdermaximum von Erd&#246;l (Peak Oil)   geben wird. Es ist ein riskantes Experiment &#8222;zu testen&#8220;, wie eine   wachstumsbasierte Weltwirtschaft nicht bei Knappheit, sondern bei einem   tats&#228;chlichen Mangel ihres wichtigsten Energierohstoffes funktionieren   wird.<\/p>\n<p>  Nicht zuletzt ist eine attraktive kooperative Lebensweise, die nicht   allein auf Lohnarbeit und das Erwirtschaften von &#220;bersch&#252;ssen fixiert   ist, sondern auch Reproduktionsarbeit und politische Bet&#228;tigung   ber&#252;cksichtigt, kaum mit einer Wachstums&#246;konomie vereinbar. Eine   Kernforderung vieler Wachstumskritiker ist eine radikalen Absenkung von   individueller Lohnarbeit auf 20 Stunden. Verkn&#252;pft mit einer   Verschiebung der &#214;konomie in Richtung soziale Dienstleistungen und   Umverteilung &#8211; national und international &#8211; geht es bei der Idee einer   solidarischen Postwachstums&#246;konomie um ein egalit&#228;res,   post-kapitalistisches Projekt.<\/p>\n<h4>  Eduard Jahn, Stuttgart, SAV-Mitglied<\/h4>\n<p>  Mit dem Bruttosozialprodukt ist das so eine Sache. Wenn es in Form eines   Porsche Cayenne vor mir &#252;ber den Zebrastreifen rauscht, dann &#228;rgert&#8216;s   mich. Wenn es mir als Feierabendbier aus dem Glas entgegenleuchtet, dann   bin ich ihm gegen&#252;ber schon freundlicher gestimmt. Der   Hartz-IV-Empf&#228;nger, dem die Waschmaschine verreckt ist und dem das Geld   f&#252;r einen schnellen Internet-Zugang fehlt, redet anders &#252;ber das   Wirtschaftswachstum als der, der neben einem Gel&#228;ndewagen eine   15.000-Euro-K&#252;cheneinrichtung abgezahlt und 17 Kaschmirpullover im   Schrank hat.<\/p>\n<p>  Zur Messung der Wirtschaftsleistung wird heute gerne das   Bruttoinlandsprodukt (BIP) herangezogen; das ist die Summe der im Inland   erzeugten Waren und Dienstleistungen, so wie sie beim Endverbraucher   ankommen. Bevor ich auf die Ver&#228;nderung der Wirtschaftsleistung eingehe,   m&#246;chte ich etwas &#252;ber ihre Zusammensetzung sagen.<\/p>\n<p>  Vom BIP der NATO-Staaten entfallen 1,65 Prozent auf R&#252;stungsproduktion,   die f&#252;r Angriffskriege und den laufenden Bedarf der Armeen verwendet   oder exportiert wird. Aus Deutschland werden j&#228;hrlich Waffen im Wert von   2,5 Milliarden Euro exportiert. Vieles geht davon in die T&#252;rkei, nach   Griechenland und S&#252;dafrika. Mit freundlicher Unterst&#252;tzung der   Bundesregierung wird aber auch in den Iran und nach Libyen exportiert.   Vom BIP der EU-Staaten entf&#228;llt ein gro&#223;er Teil auf die   d&#252;ngemittelintensive &#220;berproduktion von landwirtschaftlichen G&#252;tern, die   vom Staat hoch subventioniert wird und dazu dient, in L&#228;ndern au&#223;erhalb   der EU deren einheimische Landwirtschaft zu ruinieren und Marktanteile   zu gewinnen. Diese Anteile am BIP sollten zur&#252;ckgef&#252;hrt werden.<\/p>\n<p>  Die Gr&#246;&#223;e des BIP wird von der Art und Weise der Produktion beeinflusst.   Die meisten Firmen- und Konzernzentralen befinden sich hinter   durchg&#228;ngigen Glasfassaden und m&#252;ssen f&#252;r&#8216;s m&#228;nnliche Personal im Sommer   auf 18 Grad heruntergek&#252;hlt werden, damit Krawatte und Weste nicht   nassgeschwitzt werden. Im Winter wird auf mindestens 24 Grad geheizt,   damit es dem weiblichen Personal nicht einf&#228;llt, sich warm anzuziehen.   Die Kosten der Produktion werden durch Werbungs-, Marketing- und   Sponsoringma&#223;nahmen verteuert, die wiederum &#220;berproduktion anheizen. Die   Produktionskosten werden gewaltig durch die rasche Folge von   &#220;berproduktion und Kurzarbeit, von Fabrikschlie&#223;ungen und   Standortverlegung, von Zentralisierung der Produktion, Eroberung von   M&#228;rkten und steigenden Transportkosten erh&#246;ht.<\/p>\n<p>  Was hilft es nun, ein Ende des Wirtschaftswachstums zu fordern? Was   hilft es, den R&#252;ckgang der Wirtschaftsleistung f&#252;r die Industriestaaten   zu fordern, wie Attac das in der Erkl&#228;rung 2010 gefordert wird? Es hilft   nichts.<\/p>\n<p>  In Deutschland und Europa und in anderen Industrieregionen gibt es eine   gut ausgebildete und halbwegs gut organisierte Arbeiterklasse. Es gibt   eine ausbauf&#228;hige Infrastruktur, die den vorhandenen Arbeitern und den   Leuten, die aus wirtschaftlichen oder sonstigen politischen Gr&#252;nden   einwandern wollen, sinnvolle Arbeit erm&#246;glicht.<\/p>\n<p>  Was vor drei&#223;ig oder vierzig Jahren technisch nicht m&#246;glich war, ist   heute &#246;kologisch zwingend: die Abkehr von der Energieversorgung mit   Gro&#223;kraftwerken und der Umstieg auf eine dezentrale und kommunale   Energieversorgung. Dazu m&#252;ssen Blockheizkraftwerke, Biogasanlagen,   Windkraft- und Solaranlagen in gro&#223;en St&#252;ckzahlen produziert und   installiert werden. Damit das funktioniert, ist der Umbau von   Energie-Verteilnetzen und der Neubau von Speichereinrichtungen n&#246;tig.<\/p>\n<p>  In den Industriestaaten von Nordasien, -europa und -amerika muss der   gesamte Bestand an Wohnungen besser gegen K&#228;lte isoliert werden. &#220;ber   den Bestand hinaus gibt es eine massenhafte Nachfrage nach neuem   bezahlbarem Wohnraum. Der &#246;ffentliche Regional- und Nahverkehr k&#246;nnte   ausgeweitet werden, so dass Berufspendler g&#252;nstig und bequem zur Arbeit   kommen und SchichtarbeiterInnen nicht aufs Auto angewiesen sind. Das   wird nicht nur durch Fahrpreissenkungen und durch einen d&#252;nnen   politischen Beschluss verwirklicht, sondern durch Investitionen in   Schienenwege und -fahrzeuge, in Omnibusse und in die Entlohnung von   Fahr-, Verwaltungs- und Wartungspersonal.<\/p>\n<p>  Auch im sozialen Bereich w&#252;nsche ich mir keinen R&#252;ckgang der   Wirtschaftsleistung. In Baden-W&#252;rttemberg hat die scheidende   schwarz-gelbe Landesregierung nach ihrer Wahlniederlage noch schnell das   Landesb&#252;ro &#8222;Ehrenamt&#8220; geschaffen, um eine parteinahe Mitarbeiterin zu   versorgen. Die Unterh&#228;ndler der Landtagsfraktionen von den Gr&#252;nen und   der SPD haben sich w&#228;hrenddessen darauf geeinigt, Lehrerstellen   abzubauen. Beide Ma&#223;nahmen halte ich f&#252;r falsch.<\/p>\n<p>  Alte, Schwache, Kinder und Kranke sollten von gut ausgebildeten,   ausgeruhten und gut bezahlten Fachkr&#228;ften betreut werden, nicht von   Ehrenamtlichen, aber auch nicht von Zwangsverpflichteten wie   Zivildienstleistenden und Ein-Euro-Jobbern. In den Schulen m&#252;ssen die   Klassen verkleinert werden. Wir brauchen mehr Lehrkr&#228;fte, damit   zumindest ansatzweise individuelles Lernen m&#246;glich ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Attac debattiert &#252;ber &#8222;Postwachstumsgesellschaft&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[263,237],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14214"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14214"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14214\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14214"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14214"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14214"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}