{"id":14210,"date":"2011-05-29T00:00:00","date_gmt":"2011-05-29T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14210"},"modified":"2011-05-29T00:00:00","modified_gmt":"2011-05-29T00:00:00","slug":"14210","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/05\/14210\/","title":{"rendered":"Stromversorgung rekommunalisieren?"},"content":{"rendered":"<p>  Konflikte mit den M&#228;chtigen d&#252;rfen nicht gescheut werden<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Wir wollen nicht zwischen jederzeit m&#246;glichen Atomkatastrophen und   einer mittelfristig sicheren Klimakatastrophe w&#228;hlen. Wir k&#246;nnen auch   nicht auf grundlegend andere gesellschaftliche Machtverh&#228;ltnisse warten   und bis dahin die H&#228;nde in den Scho&#223; legen. Ist dann die   Rekommunalisierung der Stromversorgung ein Schritt in die richtige   Richtung, ein Schritt, den wir schon heute gehen k&#246;nnen?<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Kurz gesagt: Wie sehr die Rekommunalisierung der Stromversorgung einen   Beitrag zu einer tats&#228;chlichen Energiewende leistet, h&#228;ngt von ihrer   konkreten Ausgestaltung ab. Und: Je gr&#246;&#223;er der Beitrag zu einer   Energiewende ist, desto mehr erfordert er es, sich mit den M&#228;chtigen in   Wirtschaft und Gesellschaft anzulegen.<\/p>\n<p>  In Deutschland laufen in den n&#228;chsten Jahren etwa 2.000   Konzessionsvertr&#228;ge f&#252;r Strom und Gas aus. In einer ganzen Reihe von   St&#228;dten betreiben B&#252;rgermeister und Gemeinder&#228;te ihre Rekommunalisierung,   also den R&#252;ckkauf der Leitungsnetze durch die Kommunen.<\/p>\n<p>  Das ist positiv. Es zeigt, dass die neoliberale Ideologie, nach der   Privatisierung ein Wundermittel ist, das alle wirtschaftlichen und   sonstigen Probleme l&#246;st, durch die konkrete Erfahrung der letzten Jahre   einen tiefen Knacks bekommen hat.<\/p>\n<h4>  R&#252;ckkauf &#8211; zu welchem Preis?<\/h4>\n<p>  H&#228;ufig steckt aber nicht viel mehr als die Einsicht dahinter, dass   Gemeinder&#228;te mit der Konzessionsvergabe an die vier Stromgiganten RWE,   Vattenfall, EnBW und E.ON ihren kommunalen Finanzen einen B&#228;rendienst   erwiesen haben. Bei der Rekommunalisierung sollten sich Kommunen nicht   &#252;ber den Tisch ziehen lassen und Stromkonzernen, die Netze gekauft, dann   kaum investiert und blo&#223; Profite rausgezogen haben, nur den   sprichw&#246;rtlichen &#8222;Appel und &#8217;n Ei&#8220; zahlen.<\/p>\n<p>  Kommunales Eigentum ist positiv, denn Kommunen stehen unter einem viel   gr&#246;&#223;eren Druck als Stromkonzerne, wenigstens einen Teil des Geldes im   Interesse der Masse der Bev&#246;lkerung einzusetzen. Aber angesichts der   riesigen Bedrohung durch Atomkraft und Klimakatastrophe und angesichts   der M&#246;glichkeiten, die eine Rekommunalisierung der Stromversorgung   bieten w&#252;rde, ist das bei Weitem nicht ausreichend.<\/p>\n<h4>  Stromnetze in kommunalem Eigentum reichen nicht<\/h4>\n<p>  Wenn die Stromkonzerne die Rekommunalisierung nicht verhindern k&#246;nnen,   dann versuchen sie oft, den Kommunen einzureden, dass sie zwar die Netze   wieder in &#246;ffentliches Eigentum &#252;berf&#252;hren k&#246;nnten, aber doch bitte   sch&#246;n weiterhin die Stromkonzerne mit deren Betrieb betrauen sollten.   Schlie&#223;lich h&#228;tten die das Know-how. Aber dieses Know-how haben nicht   die Aktion&#228;re, sondern die Besch&#228;ftigten. Was spricht dagegen, wenn die   Kommunen Stadtwerke gr&#252;nden, die die Netze selbst betreiben &#8211; mit den   qualifizierten Besch&#228;ftigten, die das bisher gemacht haben?   Gegebenenfalls k&#246;nnen kleinere Kommunen sich zu Verb&#228;nden zusammen   schlie&#223;en.<\/p>\n<p>  Stromkonzerne versuchen, ihre Besch&#228;ftigten gegen eine solche L&#246;sung   aufzuhetzen. Als Ankn&#252;pfungspunkt dient ihnen gern, dass ver.di f&#252;r den   &#214;ffentlichen Dienst mit Tarifvertr&#228;gen wie dem TV&#214;D so schlechte L&#246;hne   und Bedingungen akzeptiert hat, dass es f&#252;r Besch&#228;ftigte der   Energiekonzerne massive Einbu&#223;en bedeuten w&#252;rde, in den &#214;ffentlichen   Dienst zu wechseln. Aber auch das l&#228;sst sich verhindern, indem man den   Besch&#228;ftigten Bestandsschutz f&#252;r ihre L&#246;hne und Arbeitsbedingungen   garantiert. Solche Regelungen sind auch tats&#228;chlich schon getroffen   worden, zum Beispiel bei Pfalzenergie 2008.<\/p>\n<h4>  F&#252;r &#214;kostrom, lineare Tarife und Demokratie<\/h4>\n<p>  Wenn ein Unternehmen mehrheitlich oder vollst&#228;ndig &#246;ffentlich ist, sich   aber in einer privaten Rechtsform (zum Beispiel einer Aktiengesellschaft   oder GmbH) befindet, dann ist es gesetzlich dazu verpflichtet,   sogenannten betriebswirtschaftlichen Kriterien nachzukommen. Ein   st&#228;dtischer Eigenbetrieb untersteht allerdings direkt der Kontrolle des   Gemeinderats. Damit bestimmen nicht betriebswirtschaftliche, sondern   politische Kriterien. Ob &#214;kostrom eingesetzt wird oder wie hoch die   Tarife sind, wird politisch entschieden und ist Gegenstand politischer   Auseinandersetzungen, in Wahlk&#228;mpfen, im Gemeinderat, bei   au&#223;erparlamentarischen Mobilisierungen, die Druck auf den Gemeinderat   aus&#252;ben sollen.<\/p>\n<p>  Zum Beispiel bedeuten die heute &#252;blichen Tarife mit Grundtarif und   Arbeitspreis, dass der Strompreis pro Kilowattstunde f&#252;r Haushalte mit   hohem Stromverbrauch niedriger ist; also profitieren erstens   wohlhabendere Haushalte und zweitens Stromverschwender. Stadtwerke   k&#246;nnten statt dessen lineare Tarife einf&#252;hren.<\/p>\n<p>  SozialistInnen w&#252;rden daf&#252;r eintreten, dass die Leitung der Stadtwerke   von einem Gremium aus demokratisch gew&#228;hlten VertreterInnen von   Belegschaft, Gewerkschaften, Verbraucher- und Umweltschutzverb&#228;nden   sowie der arbeitenden Bev&#246;lkerung &#252;bernommen wird.<\/p>\n<h4>  Strom, Gas, Fernw&#228;rme und Wasser<\/h4>\n<p>  Die demokratischen, sozialen und &#246;kologischen M&#246;glichkeiten der   Rekommunalisierung werden noch gr&#246;&#223;er, wenn alle vier wichtigen   Versorgungsnetze in &#246;ffentlichem Eigentum sind und gemeinsam in   Stadtwerken betrieben werden: Strom, Gas, Fernw&#228;rme und Wasser.<\/p>\n<p>  Zwischen Strom und Fernw&#228;rme besteht ein enger Zusammenhang. Bei den   g&#228;ngigen Methoden der Stromerzeugung wird in erster Linie Strom und nur   in zweiter Linie W&#228;rme erzeugt. Der Wirkungsgrad der deutschen   Kraftwerke betrug 2008 gerade mal 38,4 Prozent. Die verschwendete W&#228;rme   ist doppelt so gro&#223; wie der W&#228;rmebedarf aller deutschen Haushalte. Durch   Kraft-W&#228;rme-Koppelung k&#246;nnte der Wirkungsgrad auf 85 Prozent bis &#252;ber 90   Prozent gesteigert werden. Dabei wird die W&#228;rme, die die Strom   produzierenden Kraftwerke &#8222;nebenbei&#8220; produzieren, unter anderem zum   Heizen verwendet. Bei der Verwendung von Erdgas sind die CO2-Emissionen   pro Kilowattstunde nicht mal halb so hoch wie bei Stein- oder gar   Braunkohle (350 statt 750-990 Gramm).<\/p>\n<h4>  Dezentralisierung<\/h4>\n<p>  Da sich W&#228;rme nicht &#252;ber weite Strecken transportieren l&#228;sst, ist eine   dezentrale Stromproduktion sinnvoll. Aber wie dezentral? Manche   Bef&#252;rworter der Rekommunalisierung propagieren das &#8222;Kleinkraftwerk&#8220; im   Keller, das mit Erdgas betrieben wird und W&#228;rme f&#252;r den Eigenbedarf   erzeugt, etwa ein Drittel des so erzeugten Stroms verbraucht und den   Rest ins Netz einspeist. Da Ende 2010 18,7 Millionen Wohnungen eine   Erdgasheizung hatten (49 Prozent aller Wohnungen), gibt es in der Tat   die M&#246;glichkeit, relativ schnell Boiler, die mit Erdgas warmes Wasser   produzieren, durch solche &#8222;Kleinkraftwerke&#8220; zu ersetzen, die dabei auch   noch Strom produzieren. Inwieweit das sinnvoll ist, ist eine technische   Frage, bei der auch der Ressourcen- und Energieverbrauch bei der   Herstellung dieser &#8222;Kleinkraftwerke&#8220; ber&#252;cksichtigt werden m&#252;sste.<\/p>\n<h4>  Und nach dem Erdgas?<\/h4>\n<p>  Da Erdgas die CO2-Belastung nur verringert, nicht beseitigt, und nur   begrenzt vorhanden ist, ist dies keine Dauerl&#246;sung. Windenergie,   Sonnenkraft oder Erdw&#228;rme, dezentrale Erzeugung von Gas aus organischen   Abf&#228;llen oder Restm&#252;ll k&#246;nnten es nach und nach ersetzen. Mit   &#252;bersch&#252;ssigem Strom (wenn Wind- und Sonnenenergie mehr liefern als   gerade ben&#246;tigt wird) kann Methangas erzeugt werden. Die   Kraft-W&#228;rme-Kopplung k&#246;nnte so auf Gas aus erneuerbaren Quellen   umgestellt werden.<\/p>\n<h4>  Grenzen der Rekommunalisierung<\/h4>\n<p>  Mit der Schaffung von Stadtwerken k&#246;nnen Kommunen selbst auf   umweltfreundliche Weise Strom und Fernw&#228;rme erzeugen und Haushalte durch   F&#246;rderprogramme und intelligente Strom- und Gasz&#228;hler (smart metering)   zur Strom- und W&#228;rmeerzeugung motivieren.<\/p>\n<p>  Aber 44,2 Prozent der Energie ( unterschieden muss man zwischen Energie-   und Stromverbauch, Letzterer ist ein Teilaspekt beim gesamten   Energieverbrauch) wurden 2009 in der Industrie beziehungsweise von   Handel, Dienstleistungen und Gewerbe verbraucht, weitere 29,2 Prozent im   Verkehr. Es ist daher eine entscheidende Frage, ob diese Energie auf   umweltfreundliche Weise produziert wird. Aber kommunale Stadtwerke   beeinflussen fast nur die Strom- und W&#228;rmeversorgung der Haushalte.<\/p>\n<h4>  Die Macht der Stromkonzerne<\/h4>\n<p>  Die Stromwirtschaft in Deutschland wird von vier Konzernen beherrscht.   Wegen der niedrigen Strompreise f&#252;r &#8222;Sonderkunden&#8220; haben die   Industriekonzerne ein Interesse an ihrem Fortbestand. Mit Anzeigen   beeinflussen sie die Berichterstattung der Medien. Durch Sponsoring sind   sie in der &#214;ffentlichkeit pr&#228;sent. In ihren Beir&#228;ten sitzen Politiker   bis hin zu den Gr&#252;nen.<\/p>\n<p>  Eine Umstellung auf dezentrale erneuerbare Energien bedeutet einen   Frontalangriff auf ihre Profite und ihre Macht. Sie werden beides in die   Waagschale werfen, um den Angriff zu parieren. Dass die Stromkonzerne   2010 den von ihnen zehn Jahre fr&#252;her akzeptierten faulen &#8222;Atomkonsens&#8220;   mit Hilfe von Schwarz-Gelb wieder kippten, zeigt am Besten, dass keine   Vereinbarung mit ihnen vor ihrer Profitgier sicher ist.<\/p>\n<p>  In vielen Orten gibt es Kampagnen von unten f&#252;r Rekommunalisierung. In   Stuttgart werden seit Februar Unterschriften f&#252;r ein B&#252;rgerbegehren   gesammelt, in Hamburg soll im Juni ein B&#252;rgerentscheid stattfinden.   Solche Kampagnen k&#246;nnen Teilerfolge erzielen. Ein weiteres wichtiges   Ergebnis ist ihre Aufkl&#228;rungsarbeit und die Organisierung von   AktivistInnen.<\/p>\n<p>  N&#246;tig ist es aber, den Kampf f&#252;r eine Rekommunalisierung der   Stromversorgung mit einem Kampf zu verbinden, generell die Macht der   Energieriesen zu brechen und diese unter demokratische Kontrolle und   Verwaltung zu stellen.<\/p>\n<p>  Es w&#228;re grundfalsch, wenn DIE LINKE Rekommunalisierung f&#252;r ein &#8222;gr&#252;nes   Thema&#8220; halten w&#252;rde, das sie nichts angeht. Was kann f&#252;r DIE LINKE   wichtiger sein als sich auf allen Feldern &#8211; in Energie- und Umweltfragen   ebenso wie in sozialen Fragen &#8211; mit den Konzernen anzulegen, die f&#252;r   ihre Profite unsere Zukunft zerst&#246;ren? DIE LINKE sollte &#252;berall   entsprechende Antr&#228;ge in Gemeinder&#228;te einbringen und vor allem   au&#223;erparlamentarische Kampagnen unterst&#252;tzen und nach M&#246;glichkeit mit   initiieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Konflikte mit den M&#228;chtigen d&#252;rfen nicht gescheut werden\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[114],"tags":[237],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14210"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14210"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14210\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14210"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14210"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14210"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}