{"id":14199,"date":"2011-04-27T00:00:00","date_gmt":"2011-04-27T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14199"},"modified":"2014-08-06T17:55:28","modified_gmt":"2014-08-06T15:55:28","slug":"14199","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/04\/14199\/","title":{"rendered":"Die Pariser Kommune von 1871 und ihre Lehren f\u00fcr heute"},"content":{"rendered":"<p>Rede von Sascha Stanicic bei den Sozialismustagen 2011<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nEine marxistische Organisation, wie wir es sind, versteht sich auch als Ged\u00e4chtnis der Arbeiterbewegung. In unserem weltweiten Kollektiv bewahren wir die Erinnerung an die Ereignisse und Erfahrungen des Klassenkampfs. Das tun wir nicht aus akademisch-historischem Interesse, sondern weil jeder auch noch so kleine Kampf, jede auch noch so kleine Auseinandersetzung wichtige Lehren f\u00fcr die K\u00e4mpfe von heute und von morgen enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die Kommune von Paris war kein kleiner Kampf. Sie war kein kleines Kapitel im gro\u00dfen Buch der Arbeiterbewegung. Die Kommune von Paris war sozusagen das erste Hauptkapitel dieses Buchs, ein gro\u00dfer und tragischer Kampf, der viele Lehren beinhaltet. Um diese Lehren zu ziehen, darum haben wir diese Veranstaltung organisiert und das neue Buch zur Kommune ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Die SAV und das Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale haben nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2007\/2008 gesagt, dass eine neue Periode der Revolution und Konterrevolution begonnen hat. Das haben damals viele angezweifelt, aber die Massenstreiks in S\u00fcdeuropa und vor allem die Revolution in den arabischen L\u00e4ndern haben diese Einsch\u00e4tzung best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Die Arbeiterinnen und Arbeiter der Mahalla-Textilfabrik in \u00c4gypten, die Streikenden, die in Tunesien Betriebe besetzen, die Massen vom Tahrir-Platz \u2013 das sind die Kommunardinnen und Kommunarden von heute!<\/p>\n<h4>Parallen zur arabischen Revolution<\/h4>\n<p>Wenn man sich mit der Kommune besch\u00e4ftigt, so stellt man fest, dass sich heute viele Fragen \u00e4hnlich stellen, wie damals.<\/p>\n<p>Die Kommune war eine spontane Erhebung der Pariser Arbeiterschaft. Sie folgte keinem Plan und hatte kein Konzept. Sie folgte der inneren Logik der sozialen Verh\u00e4ltnisse. Dieser Logik folgend konnten die Pariserinnen und Pariser nicht anders, als die politische Macht zu ergreifen. Konfrontiert mit der Besatzung durch die deutschen Truppen als Ergebnis des Deutsch-Franz\u00f6sischen Kriegs und mit einer b\u00fcrgerlichen Regierung, die im Krieg kapitulieren wollte und die Kriegslast den Massen auferlegen wollte, entschieden sich die Pariser Arbeiterinnen und Arbeiter zum Kampf und zum Aufstand. Sie konnten nicht anders, weil die Lebensverh\u00e4ltnisse unertr\u00e4glich geworden waren. Und weil sie davon ausgingen, dass unter der Knute Deutschlands sich diese weiter verschlechtern w\u00fcrden und die Republik, die erst w\u00e4hrend des Kriegs gebildet wurde, wieder gef\u00e4hrdet war.<\/p>\n<p>Revolutionen entstehen, wenn die Unterdr\u00fcckten nicht mehr so leben k\u00f6nnen, wie bisher und wenn die Herrschenden nicht weiter in der alten Form herrschen k\u00f6nnen. Das war der Fall 1871 in Paris und ist heute der Fall in Kairo, Tunis, Damaskus.<\/p>\n<p>Damals wie heute in den arabischen L\u00e4ndern k\u00e4mpfen die Massen f\u00fcr demokratische Rechte und f\u00fcr Freiheit \u2013 Aufgaben, welche historisch der b\u00fcrgerlichen Revolution zugefallen waren. Aber gleichzeitig stellen die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre eigenen sozialen Forderungen auf, die im Gegensatz zu den Interessen des B\u00fcrgertums stehen. Und aus Angst vor dem Kampf der Arbeiterklasse f\u00fcr ihre eigenen sozialen Forderungen, schreckt das B\u00fcrgertum davor zur\u00fcck, wirkliche Demokratie zuzulassen und wendet sich gegen die Revolution. 1871 hat die franz\u00f6sische Bourgeoisie sich gegen die franz\u00f6sische Arbeiterklasse mit Bismarck verb\u00fcndet. 2011 hat die \u00e4gyptische Milit\u00e4rregierung nach dem Sturz Mubaraks Streiks verboten, h\u00e4lt am Ausnahmezustand fest, verhaftet und foltert weiter protestierende Jugendliche.<\/p>\n<p>Das ist eine wesentliche Lehre der Kommune: es gibt keine gemeinsamen Interessen und keine M\u00f6glichkeit der \u00dcbereinkunft zwischen Arbeiterklasse und Kapitalistenklasse. Das galt damals und das gilt heute.<\/p>\n<p>Die Kommune hat Dinge bewiesen, die vor ihr umstritten waren und auch heute leider wieder umstritten sind. Dazu z\u00e4hlt vor allem die F\u00e4higkeit der Arbeiterklasse eine Gesellschaft selber zu verwalten. Einer der wichtigsten Chronisten der Kommune, der russische Sozialist Lavrov, schrieb dazu folgendes:<\/p>\n<p><i>\u201e Das erste Jahr des Friedens \u2013 es lag nicht nur im Unbekannten, es geh\u00f6rte unbekannten Leuten. Im Rathaus tagte eine namenlose Regierung, die beinahe ausschlie\u00dflich aus einfachen Arbeitern oder mittleren Beamten bestand; drei Viertel ihrer Namen waren nicht weiter bekannt als in ihrer Stra\u00dfe oder in ihrer Werkstatt. Von welchem Standpunkt auch immer \u2013 das war etwas Unerh\u00f6rtes und Schreckliches. (\u2026) Die Tradition war zerst\u00f6rt. Etwas Unerwartetes vollzog sich in der Welt. In der Regierung war nicht ein Mitglied der herrschenden Klassen. Eine Revolution war emporgeflammt, die nicht repr\u00e4sentiert war von einem Advokaten, von einem Deputierten, von einem Journalisten, von einem General. An ihre Stelle waren getreten: ein einfacher Arbeiter (\u2026), ein Koch &#8230;\u201c<\/i><\/p>\n<p>Und an anderer Stelle sagt Lavrov:<\/p>\n<p><i>\u201e Als Administratoren und Organisatoren in der Verwaltung einer riesig ausgedehnten Stadt erwiesen sich die Vertreter des Proletariats von Paris als nicht nur nicht schlechter, sondern eher als besser im Vergleich mit den Vertretern der gewohnten Beamtenroutine. Praktische Auffassungsgabe, Energie und das tats\u00e4chliche Bestreben, der Gesellschaft Nutzen zu bringen, \u00fcberwanden hier leicht alle Widerst\u00e4nde. (\u2026) <\/i><\/p>\n<p><i>Ordnung und Sicherheit nahmen auf den Stra\u00dfen von Paris nicht nur nicht ab, sondern verst\u00e4rkten sich von dem Augenblick an, als Paris selbst auf Ruhe und Ordnung zu achten begann.\u201c<\/i><\/p>\n<p>\u00c4hnliches, wenn auch auf niedrigerem Niveau, l\u00e4sst sich \u00fcber die Kommunardinnen und Kommunarden von Tunesien und \u00c4gypten sagen, die in den Tagen der Revolution in Nachbarschaftskomitees und so genannten B\u00fcrgerwehren die \u00f6ffentliche Sicherheit in die eigenen H\u00e4nde nahmen.<\/p>\n<h4>Die Rolle der Frauen<\/h4>\n<p>Es gibt ein weiteres Ph\u00e4nomen, bei dem eine gewisse Parallele, die man zwischen dem Paris von 1871 und Kairo von 2011 ziehen kann: das Erwachen der Frauen der Arbeiterklasse zu politischen und revolution\u00e4ren Akteurinnen.<\/p>\n<p>Die Frauen von Paris spielten eine wichtige Rolle in der Kommune, sogar die Entscheidende am Tag des Aufstands, dem 18. M\u00e4rz 1871. An diesem Tag wollte die b\u00fcrgerliche Regierung die zur Nationalgarde bewaffnete Arbeiterklasse entwaffnen. Um dies zu erreichen schlichen Soldaten im Morgengrauen zu den Gesch\u00fctzen der Nationalgarde, um diese zu konfiszieren. Die Frauen von Paris waren fr\u00fcher auf den Beinen als die M\u00e4nner, um Nahrung f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck zu besorgen. Sie erfassten die Situation, stellten sich zwischen die Gesch\u00fctze und die Soldaten, alarmierten die M\u00e4nner der Nationalgarde \u2013 und vor allem diskutierten sie mit den Soldaten, als ihren Klassenbr\u00fcdern, und \u00fcberzeugten sie davon, den Schie\u00dfbefehl zu verweigern.<\/p>\n<p>Das brachte einen Korrespondenten der britischen b\u00fcrgerlichen Zeitung \u201eTimes\u201c zu dem Kommentar: <i>\u201eWenn die franz\u00f6sische Nation nur aus Frauen best\u00fcnde, was w\u00e4re das f\u00fcr eine schreckliche Nation.\u201c<\/i> Wir w\u00fcrden sagen: Wenn die franz\u00f6sische Nation nur aus Frauen bestanden h\u00e4tte, w\u00e4re die Kommune noch st\u00e4rker und widerstandsf\u00e4higer gewesen. Denn es war zweifellos ein Fehler, den Frauen nicht fr\u00fcher zu gestatten, mit der Waffe in der Hand zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Gleichwohl hat die Kommune zur Gleichstellung von Mann und Frau mehr getan, als jemals zuvor getan wurde.<\/p>\n<p>Die Frauen der Kommune bildeten ein R\u00fcckgrat und spielten eine wichtige Rolle bei der Versorgung, in Kooperativen und Widerstandskomitees und letztlich auch bei der bewaffneten Verteidigung der Kommune gegen die konterrevolution\u00e4re Armee. Vom 24. Mai 1981 sind Worte eines Kommunarden \u00fcberliefert, die dieser an die gegnerischen, b\u00fcrgerlichen Soldaten gerichtet haben soll: <i>\u201eGlaubt mir, ihr k\u00f6nnt Euch nicht halten; eure Frauen zerflie\u00dfen in Tr\u00e4nen, und unsere weinen nicht einmal.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Die Konterrevolution nahm blutige Rache an den Frauen der Kommune. Generell wurden gegen sie h\u00f6here Strafen \u2013 Todesurteile, schwerer Kerker \u2013 verh\u00e4ngt, als gegen M\u00e4nner. Und das gilt f\u00fcr diejenigen Kommunardinnen, die nicht zu den zehntausenden Ermordeten geh\u00f6rten, die als Frauen oftmals alleine deswegen standrechtlich erschossen wurden, weil sie \u2013 um besser am Kampf teilnehmen zu k\u00f6nnen \u2013 Hosen trugen.<\/p>\n<h4>Das Scheitern der Kommune<\/h4>\n<p>Warum ist die Kommune gescheitert? Sie ist brutal niedergeschlagen worden. Sie blieb isoliert auf Paris. Und vielleicht war sie auch ihrer Zeit voraus.<\/p>\n<p>Aber vom Blickwinkel der Arbeiterbewegung muss man auf die Schw\u00e4chen und Fehler der Kommunarden hinweisen. Das schm\u00e4lert ihren Heldenmut und historischen Verdienst nicht im Geringsten, aber es hilft, den verlauf der Ereignisse zu verstehen und Lehren daraus zu ziehen.<\/p>\n<p>Was der Kommune fehlte war Vorbereitung, ein Programm, eine revolution\u00e4re Organisation zur Durchsetzung dieses Programms und die in einer Revolution n\u00f6tige Entschlossenheit. Es fehlte all das, was 1917 in Russland in Gestalt der bolschewistischen Partei und ihres Programms vorhanden war und zum Sieg der Oktoberrevolution f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Kommunarden kamen an die Macht, wie die Jungfrau zum Kind. Sie waren nicht darauf vorbereitet und schreckten auch vor der Verantwortung und der letzten Konsequenz ihres Handelns zur\u00fcck. Arthur Arnould beschreibt das offenherzig: <i>\u201e Eines machte mir Angst \u2013 das war die Last der Verantwortung f\u00fcr Erfolg oder Misserfolg, f\u00fcr Leben und Tod der Pariser Bev\u00f6lkerung. (\u2026) Bis zu jener Zeit war ich (\u2026) nur ein Mann der Opposition, der Theorie. (\u2026) Jetzt hie\u00df es, die Theorie beiseite zu lassen und sich auf den Boden praktischer Tatsachen zu stellen, aus der Opposition zur direkten Aktion \u00fcberzugehen, die Prinzipien anzuwenden, die wir so lange verk\u00fcndet hatten. Dies war f\u00fcr uns alle eine neue Welt. (\u2026) F\u00fcr Stunden war ich von tiefer Angst erf\u00fcllt. Wie w\u00fcrde ich es bereuen, wenn ich meinen eigenen Anspruch nicht w\u00fcrde erf\u00fcllen k\u00f6nnen! (\u2026) Dann entschloss ich mich dennoch, die Wahl anzunehmen. (\u2026) Niemand hat das Recht, die Revolution zu predigen, dem Volk ein Ziel vor Augen zu f\u00fchren, um sich dann, wenn der Tag der Schlacht angebrochen ist, zur\u00fcckzuziehen und sich unter dem Vorwand, die Zeit sei schlecht gew\u00e4hlt, die Umst\u00e4nde seien ung\u00fcnstig, eine Niederlage sei wahrscheinlich, jeder Aktivit\u00e4t zu enthalten.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Und Arnould geh\u00f6rte als Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation zur Minderheit der bewussteren Aktivisten unter den Kommunarden. Die Mehrheit war sich der Dimension und des tieferen Charakters ihres Handelns nicht bewusst. Das dr\u00fcckte sich an entscheidenden Fragen in Z\u00f6gerlichkeit und der Suche nach Kompromissen aus.<\/p>\n<p>Als am 18. M\u00e4rz die b\u00fcrgerliche Regierung und ihre Armee in Paris besiegt wurden, fl\u00fcchteten diese mit dem gesamten Beamtenapparat nach Versailles. Die F\u00fchrung der Kommune begriff in diesem Moment nicht, dass dieser Tag den Beginn des B\u00fcrgerkriegs um die Macht bedeutete. Statt den fliehenden Truppen und der Regierung zu folgen und ihr den Todessto\u00df zu versetzen, lie\u00df man sie abziehen und gab ihnen die Gelegenheit zur Reorganisierung \u2013 was wiederum die Zahl der Todesopfer bei der Niederschlagung der Kommune massiv steigen lie\u00df. Hier fehlte es an politischer Klarheit und auch an milit\u00e4rischer Organisation. Letzteres wurde durch eine fehlerhafte Auswahl der milit\u00e4rischen F\u00fchrung der Kommune verst\u00e4rkt, an der Spitze zeitweise sogar Trunkenbolde standen und die mehrmals ausgewechselt werden musste.<\/p>\n<p>Zweitens gab es kein Programm zur vollst\u00e4ndigen \u00f6konomischen Umw\u00e4lzung im sozialistischen Sinne. Es gab sogar unter Vielen die Illusion, ein demokratisches und freies Paris und eine F\u00f6deration freier Kommunen sei gemeinsam mit den Kapitalisten m\u00f6glich. Aber ohne \u00f6konomische Gleichheit kann es keine individuelle Freiheit und soziale Gleichheit geben. In den 72 Tagen der Kommune wurden viele Sozialreformen im Interesse der Arbeiterschaft beschlossen: Geldverteilung an die \u00c4rmsten, Verbot von Lohnabz\u00fcgen, Verbot der Nachtarbeit f\u00fcr B\u00e4cker, Erlass von Miet- und Pfandschulden, Verteilung leer stehenden Wohnraums und vieles mehr. Es gab auch Diskussionen und erste Schritte das heilige Privateigentum an den Fabriken anzutasten \u2013 zuerst durch die \u00dcbernahme geschlossener Fabriken durch Gruppen von Arbeitern. Diese Ans\u00e4tze konnten aufgrund des B\u00fcrgerkriegs nicht entwickelt werden. Es war aber ein schwerer Fehler, die franz\u00f6sische Nationalbank nicht zu \u00fcbernehmen und so den Geldfluss f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Regierung in Versailles nicht zum Erliegen zu bringen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es recht wenige Ma\u00dfnahmen der Kommune mit eindeutig sozialistischem Charakter. Manche Historiker sprechen der Kommune deshalb insgesamt ihren sozialistischen Charakter ab. Das jedoch ist ein oberfl\u00e4chlicher und schematischer Blick, wo Entwicklungsprozesses erfasst und der tiefere Charakter von Ereignissen verstanden werden muss. Im Wesentlichen war die Pariser Kommune eine Regierung der Arbeiterklasse. Das wird in nichts so deutlich, wie in dem kleinen Dekret, das die Beamtengeh\u00e4lter auf 6.000 Francs im Jahr beschr\u00e4nkt. Ein Staat, der eine solche Ma\u00dfnahme trifft, kann kein Staat der Kapitalisten sein. Eine Arbeiterbewegung, die solche Ma\u00dfnahmen ergreift, ist nicht zum Kompromiss mit dem Kapital gemacht. Tats\u00e4chlich w\u00e4re in der Kommune kein Platz gewesen f\u00fcr 10.000 Euro im Monat verdienende ver.di-Vorsitzende oder Porsche fahrende Parteivorsitzende. Die Internationale Arbeiterassoziation fasst den Charakter der Kommune zusammen: <i>\u201e Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die \u00f6konomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.\u201c <\/i>H\u00e4tte die Kommune die sich daraus zwangsl\u00e4ufig ergebenden \u00f6konomischen Ma\u00dfnahmen der Enteignung der Kapitalisten entschlossen angepackt, dann h\u00e4tte sie diese nicht nur geschw\u00e4cht, sondern das Pariser Proletariat auch noch wirkungsvoller mobilisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Revolution\u00e4re Organisation n\u00f6tig<\/h4>\n<p>Diese Schw\u00e4chen und Fehler der Kommune sind wesentlich auf einen Umstand zur\u00fcckzuf\u00fchren: die Pariser Arbeiterklasse besa\u00df keine starke und mit einem klaren sozialistischen Programm ausgestattete revolution\u00e4re Partei. Marx empfahl den Parisern kurze zeit vor dem Aufstand tats\u00e4chlich keinen Aufstand, sondern die Schaffung einer Organisation. Das ist zweifellos die wichtigste Lehre, die aus der Kommune gezogen werden kann \u2013 und auch hier sehen wir eine Parallele zur arabischen Revolution. Auch diese ist im Kern eine soziale Revolution. Das gilt auch, wenn sich die arabischen Revolution\u00e4rinnen und Revolution\u00e4re dessen nicht bewusst sein m\u00f6gen. Aber es dr\u00fcckt sich aus in den sozialen Forderungen der Massen, wie zum Beispiel in den Forderungen der \u00e4gyptischen Stahlarbeiter nach Arbeiterkontrolle \u00fcber die Produktion und der Verstaatlichung geschlossener und privatisierter Betriebe. Aber auch hier gibt es keine starken sozialistischen Arbeiterorganisationen, die das Unbewusste bewusst machen k\u00f6nnen und ein Programm zur v\u00f6lligen sozialen Revolution verbreiten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Kommune wurde niedergeschlagen, aber sie hat der Arbeiterklasse nicht nur ein Denkmal gesetzt, sondern die F\u00e4higkeit zur Selbstregierung bewiesen. Lavrov fasst die Erfahrung der Kommune so zusammen: <i>\u201eIch wiederhole: Unter den entsetzlichen Umst\u00e4nden, in deren Aura die Revolution ausbrach und sich in den zweieinhalb Monaten ihrer Existenz entwickelte, beim Fehlen einer die Revolution vorbereitenden Organisation und der Vorbereitungsarbeit einer Partei, die dieser Revolution ihren Weg h\u00e4tte vorzeichnen k\u00f6nnen, bei der mangelnden Vereinheitlichung der politischen Vorstellungen, bei dem Mangel an milit\u00e4rischen Talenten, bei den nicht zu vermeidenden pers\u00f6nlichen Auseinandersetzungen, einer Reihe absolut unvermeidlicher Fehler wegen, kann man sich nicht dar\u00fcber wundern, dass die Kommune sich nicht erfolgreich verteidigen konnte und dass sie insgesamt wenig zustande gebracht hat; aber man kann sich dar\u00fcber wundern , dass sie sich so lange halten konnte und dass sie so viel erreicht hat.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Die Lehren der Kommune ziehen, hei\u00dft den Kampf f\u00fcr Sozialismus fortsetzen und eine revolution\u00e4r-sozialistische Organisation aufbauen. Denn Revolutionen kommen auch ohne Revolution\u00e4rinnen und Revolution\u00e4re, aber ob sie siegreich sind, h\u00e4ngt von Vorbereitung, Programm und Organisation ab.<\/p>\n<p>Einige Jahre nach der Kommune sa\u00dfen franz\u00f6sische B\u00fcrgerliche zusammen und diskutierten \u00fcber eine Amnestie f\u00fcr die in Haft befindlichen Kommunardinnen und Kommunarden. Einer nach dem anderen sprach sich f\u00fcr die Amnestie aus. Da sagte einer, der in diesem Kreis gro\u00dfen Einfluss besa\u00df: <i>\u201eIch lehne die Amnestie ab. Nicht wir m\u00fcssen ihnen Amnestie gew\u00e4hren, sondern wir m\u00fcssen sie um Amnestie f\u00fcr uns selbst bitten.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Mein Vorschlag ist: lasst uns gemeinsam daf\u00fcr sorgen, dass sich die Kapitalisten, Bonzen und Diktatoren der Welt wieder diesen Gedanken machen m\u00fcssen.<\/p>\n<h5><i>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Rede von Sascha Stanicic bei den Sozialismustagen 2011\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,106],"tags":[285],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14199"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14199"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14199\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14199"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14199"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14199"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}